Dossierbild Kriminalität und Strafrecht
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Ursachen von Kriminalität


27.4.2010
Das Kriminalitätsbild ist sehr vielschichtig, denn es reicht vom Fahren ohne Fahrerlaubnis bis hin zum Mord. Auch daher lässt sich Kriminalität nicht mit einer einzigen Theorie erklären.

Werden Fingerabdrücke am Tatort gefunden, kann ein Straftäter leichter identifiziert werden.Werden Fingerabdrücke am Tatort gefunden, kann ein Straftäter leichter identifiziert werden. (© picture-alliance/AP)

Einleitung



Kriminalität lässt sich nicht mit einer einzigen Theorie erklären. Dafür ist das Kriminalitätsbild zu vielschichtig. Unter Kriminalität fallen sowohl das Fahren ohne Fahrerlaubnis, die Trunkenheit im Straßenverkehr, die Verkehrsunfallflucht, die Sachbeschädigung, der Diebstahl in unterschiedlichsten Formen und die Steuerhinterziehung als auch der Raub, die Vergewaltigung oder der Mord bis hin zum millionenfachen Massenmord im "Dritten Reich". Straftaten werden sowohl von 14-Jährigen als auch von 80-Jährigen begangen - es bedarf also verschiedener Zugänge zum Thema. Wir folgen heute einem Mehrfaktorenansatz, um Kriminalität zu erklären. Häufig sind mehrere Ursachen/Begründungen für die einzelne Straftat heranzuziehen. Im Folgenden werden verschiedene Theorien zu den Ursachen von Kriminalität auf vereinfachte Weise dargestellt.

Lehre vom "geborenen Verbrecher"



Der Anfang der Kriminologie, die Lehre von den Ursachen der Kriminalität, ist mit dem italienischen Arzt Cesare Lombroso (1835-1909) verbunden, der die Theorie vom "geborenen Verbrecher" aufstellte. Grundlegend hierfür waren die Vererbungsgesetze des österreichischen Naturforschers und Augustinerpaters Gregor Johann Mendel (1822-1884). Lombroso glaubte, den typischen Verbrecher von Geburt an aufgrund von Äußerlichkeiten feststellen zu können. So wurden die Länge der Nase, der Abstand der Augenbrauen und die Größe der Ohren gemessen. In den 1930er Jahren wurde dieser biologisch-anthropologische Ansatz für die Erklärung von Kriminalität auf Zwillings- und Sippenforschung gestützt.

Quellentext

Das Böse im Menschen

Die Zeit: Herr Kröber, Sie sind seit 25 Jahren Gerichtspsychiater, haben rund tausend Straftätern gegenübergestanden. Was ist für Sie das "Böse"?
Hans-Ludwig Kröber: Für mich ist das Böse eine Wahrnehmungskategorie, eine Form des unmittelbaren Erlebens. So wie wir spontan etwas als schön oder eklig empfinden, so erleben wir auch ein bestimmtes Handeln - ob wir es wollen oder nicht - als böse. Im Angesicht des Bösen sind wir fassungslos, empört, die Welt ist aus den Fugen - weil jemand sie bewusst zerstört. [...] Wir reden vor allem dann vom Bösen, wenn wir das Gefühl haben, der Täter hätte die Freiheit gehabt, sich auch anders zu entscheiden, er spiele seine Möglichkeiten aus, er brauchte jetzt nicht noch einmal zuzustechen oder zuzutreten. [...]
Zeit: Wie verarbeitet man eine solche Erfahrung?
Kröber: Für den, der Böses erlebt - also Demütigung, Qual und Zerstörung -, für den ist dieses Erleben unauslöschbar; und es ist auch nicht relativierbar. Keine Deutungskunst kann so ein Verbrechen am Menschen mindern, verkleinern, als zwangsläufig legitimieren. [...]
Zeit: Aber Sie schieben auch nicht alles nur auf die Umstände?
Kröber: Nein. Es gibt tatsächlich auch böse Menschen. Die sind zwar erstaunlich selten, aber es gibt doch Einzelne, die so viel Hass und Vernichtungswillen aufgebaut haben, dass sie sich immer wieder Situationen suchen, in denen sie dies ausleben können. [...] Solche Menschen können auch in der persönlichen Begegnung unmittelbar Beklemmungen oder Ängste auslösen. [...]
Zeit: Für viele hat das Böse auch eine Attraktivität. [...] Könnte also prinzipiell jeder jedes Verbrechen begehen? Auch ich oder Sie?
Kröber: Nein, das glaube ich nicht. [...] Es gibt zwar Studien, in denen Menschen befragt wurden, ob sie schon einmal ernsthaft daran gedacht hätten, jemanden umzubringen. Und etwa die Hälfte sagte Ja! [...] Doch aus solchen Gedanken und Absichten wird eben dann doch meist keine Realität, die meisten Menschen werden gerade nicht zu Mördern. Nur wenn ein solches Verhalten in ein Konzept der Selbstrechtfertigung, in eine angenommene Opferrolle hineinpasst, sieht die Sache anders aus. Viele Opfer glauben, sie dürften nun ihrerseits die Regeln verletzen. Deshalb warne ich stets davor, sich in eine Opferrolle hinein zu fantasieren.
Zeit: Was halten Sie von der These von Hirnforschern, jegliche Tat sei biologisch determiniert, so etwas wie Schuld gebe es gar nicht?
Kröber: Ich glaube, dass dahinter ein Denkfehler steckt: der Fehler, das für nicht existent zu halten, was man mit einer bestimmten wissenschaftlichen Methodik nicht entdecken kann. Natürlich, solange ich mich nur mit naturwissenschaftlichen Beschreibungen und deterministischen Handlungsabläufen befasse, werde ich eine Kategorie wie Schuld nicht einfangen können. [...]
Zeit: Wäre denn eine Gesellschaft überhaupt vorstellbar, die ausschließlich friedlich ist? Oder geht es nicht ohne ein gewisses Maß an Aggression?
Kröber: Das ist die Frage, ob ein Klavier ohne schwarze Tasten wünschenswert wäre ... Ich finde schon, dass in den vergangenen 50 Jahren ein wohltuender Zivilisierungsprozess in Deutschland zu beobachten ist. Die Zahl der Tötungs- und Vergewaltigungsdelikte geht zurück, es gibt eine zunehmende Ächtung von Gewalt, etwa an Schulen, in den Familien. Ich selbst bin auf dem Gymnasium noch geohrfeigt worden, das gibt es heute nicht mehr. Aber einen Grundbestand an Aggressivität wird es immer geben.
Zeit: Dennoch hat man, wenn man Fernsehen und Zeitungen verfolgt, den Eindruck, die Gewalt nähme nicht ab, sondern eher zu. Erschreckt uns das Böse vielleicht gerade deshalb so sehr, weil wir es im Alltag immer weniger erleben?
Kröber: Ich glaube schon. Die mögliche Nähe von Gewalt wird in einem gewissen Umfang verleugnet und verdrängt, und die Ansprüche und Erwartungen, in einer rundum abgesicherten Gesellschaft leben zu können, sind größer geworden. Diese Sicherheitserwartung wird von der Politik noch geschürt, so entsteht die Illusion, man könnte eine gewaltfreie Gesellschaft erreichen. Kein Politiker wagt es, zu sagen, dass in einem Volk von 80 Millionen immer eine gewisse Gewaltbereitschaft und damit ein Lebensrisiko besteht. [...]

Ulrich Schnabel im Gespräch mit dem Gerichtspsychiater Hans-Ludwig Kröber: "Das Böse lebt in der Tat", in: Die Zeit Nr. 44 vom 22. Oktober 2009


Auch heute gibt es vereinzelte Stimmen, die Chromosomenabweichungen in der genetischen Ausstattung als Ursache von Verbrechen heranziehen; ganz überwiegend werden aber diese Lehren in der Wissenschaft verworfen. In der Bevölkerung sind derartige Ansichten jedoch nach wie vor weit verbreitet: Den Glauben, dass der Sohn des Totschlägers wieder gewalttätig wird, gibt es noch immer. Das Sprichwort "Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm" drückt diese Ansicht aus. Verbrecher werden vielfach in Comics und einigen Kinderbüchern mit fliehender Stirn, Hakennase und zusammengekniffenen Augenbrauen dargestellt, um so ihre angebliche böse Natur zu verdeutlichen. Wenn heute der erbbiologische Ansatz in der Kriminologie ganz einhellig abgelehnt wird, so werden damit keineswegs unterschiedliche erbliche Anlagen beim Kind geleugnet. Nur entwickeln sich diese Anlagen nach überwiegender Auffassung verschieden, je nach individuellem Werdegang und sozialem Kontext. Forschungen über die zum Teil ganz unterschiedlichen Lebensläufe bei eineiigen Zwillingen und damit bei gleichen Erbanlagen haben dies bestätigt.

Auch geistige und psychische Erkrankungen führen nicht automatisch zu Kriminalität. Sicherlich gibt es auch - gerade bei Tötungsdelikten - geistig behinderte und psychisch kranke Straftäter, deshalb muss mit Hilfe eines psychiatrisch oder psychologisch ausgebildeten Sachverständigen deren Schuldfähigkeit besonders geprüft werden. Die meisten Straftaten werden aber von so genannten Normalen begangen. Gerade Tötungsdelikte in der Familie, im sozialen Nahraum "erwachsen" häufig aus Alltagskonflikten, die im Laufe der Zeit eskalieren.




 

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