Dossierbild Kriminalität und Strafrecht
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Ursachen von Kriminalität

27.4.2010

Frustrations-Aggressions-Theorie



Für Gewaltkriminalität wird neben der Lerntheorie auch die Frustrations-Aggressions-Theorie herangezogen: Gewaltkriminalität ist hiernach eine Folge von Ohnmacht und Frustrationen.

Quellentext

Tätertypen

[...] So schwer es fällt, sich einem rücksichtslosen Gewalttäter gedanklich zu nähern, so notwendig ist es, sich mit ihm und seiner Innenwelt zu beschäftigen. Nur wenn verständlich wird, was einen Jugendlichen antreibt, [...] brutal andere Menschen anzugreifen, und was ihn daran hindert, Mitgefühl zu empfinden, werden pädagogische Antworten möglich - für den Umgang mit straffällig Gewordenen und für die Entwicklung präventiver Konzepte.[...]
Jüngere Untersuchungen über unterschiedliche aggressive Tätertypen zeigen, wie verschieden gewaltbereite Jugendliche sind und wie gezielte pädagogische Programme gestaltet werden müssten. Schon länger bekannt ist der Typ des "reaktiven" Gewalttäters, der sich sehr schnell provoziert, beleidigt fühlt, der seinen aufflammenden Wutaffekt dann nicht steuern kann und den (vermeintlichen) Aggressor brutal zusammenschlägt. [...] Nach der Tat empfindet er oft Schuldgefühle, denkt selbst, er habe überreagiert. Er ist in pädagogischen Programmen oft sehr erfolgreich.
Im Kontrast zu diesem Affekttäter lässt sich der "instrumentelle" Gewalttäter identifizieren, der nur dann aggressiv wird und auch bedenkenlos zuschlägt, wenn er seine - oft dissozialen - Ziele nicht erreicht. Das ist der Jugendliche, der von anderen die Lederjacke oder das neue Handy "abzieht" und bedenkenlos eine Waffe einsetzt, falls der das Geforderte nicht herausrückt. Dieser Täter hat kaum ein moralisches Bewusstsein entwickelt, er bereut seine Taten in der Regel nicht und hat auch keine Schuldgefühle. Mit ihm pädagogisch zu arbeiten ist schwierig, weil er nicht einsieht, warum er sich ändern sollte.
In unseren eigenen Forschungsbemühungen haben wir eine dritte, besonders schwierige Gruppe von jugendlichen Gewalttätern identifiziert. Diese Jugendlichen handeln scheinbar ganz grundlos; weder sind sie provoziert worden, wie im Beispiel des Affekttäters, noch setzen sie ihre Aggressivität instrumentell ein. Es handelt sich um junge Menschen, die mit einer dumpfen Wut durch die Straßen ziehen und sich ein Opfer suchen, an dem sie ihren Hass ausleben könnten. Die Wahl des Opfers ist fast beliebig: Jeder, der hinguckt, wegguckt, lacht oder ängstlich schaut, und erst recht derjenige, der auf das Rauchverbot in der S-Bahn aufmerksam macht, kann als Opfer herhalten. [...]
Psychoanalytiker bezeichnen diese Interaktionsschleife als "projektive Identifizierung", die dann gefährlich werden kann, wenn ein "Projektor" sich von einem [...] vernichtenden Selbstbild befreien muss. Regelmäßig berichten diese Jugendlichen, dass sie sich nach der Tat erleichtert, wie gehoben fühlen, aber ihr schlechtes Selbstgefühl kehrt nach kurzer Zeit wieder zurück. [...]
Es liegt auf der Hand, dass solche typologischen Unterscheidungen für die Frage nach geeigneten pädagogischen Strategien von großer Bedeutung sind. Denn der Affekttäter muss lernen, seine Wut zu kontrollieren, das ist eine relativ leichte Übungsaufgabe. Der instrumentelle Täter soll ein moralisches Bewusstsein entwickeln, das ist schon sehr viel schwieriger, und vermutlich wird er das nur tun, wenn er im Pädagogen ein Vorbild findet, mit dem er sich identifiziert. Der "intrinsische" oder "Frust-Täter" hingegen bedarf einer pädagogischen Strategie, die eine tiefverwurzelte Störung seiner Persönlichkeit berücksichtigt. [...]
So offenkundig es ist, dass die soeben skizzierten Typen aggressiven Handelns ganz unterschiedliche pädagogische Programme erforderlich machen, so wenig ist dies in der pädagogischen Praxis schon möglich. Es fehlt an diagnostischen Verfahren, welche eine sichere Zuordnung der Straftäter zum einen oder anderen Typ ermöglichen würden, und es fehlt auch an Programmen, die individuell auf die jeweilige Problemstellung des Jugendlichen zugeschnitten wären.
[...] Fehlende differentielle Diagnostik und der Mangel an spezifischen pädagogischen Programmen machen es aber dem Jugendrichter fast unmöglich, für einen jugendlichen Straftäter die pädagogische Maßnahme auszuwählen, die für diesen jungen Menschen erfolgreich zu sein verspricht. Der Richter kann nicht wissen, welches pädagogische Programm bei welcher Problemlage das erfolgreichste ist, weil derlei wissenschaftlich begründete Erkenntnisse nicht vorliegen. In vielen Fällen mag er intuitiv die richtige Weisung erteilen, in vielen anderen verurteilt er zu Maßnahmen, deren Wirksamkeit nicht erwiesen ist (wie Freizeitpädagogik oder Erlebnispädagogik) oder die sogar im Verdacht stehen, sich schädlich auszuwirken (wie Gruppengespräche ohne konkrete Zielsetzungen).
[...] Es muss bald gelingen, die in jüngster Zeit gefundenen Unterscheidungen in drei Typen aggressiv-delinquenter Jugendlicher auch für die Entwicklung "maßgeschneiderter" Programme zu nutzen.

Jürgen Körner, "Jeder Gewalttäter braucht das ihm gemäße Programm", in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 29. Oktober 2009




Wir alle wissen von uns selbst, wie schwer Ärger und Enttäuschungen zu verarbeiten sind. Ein unbedachtes, falsches Wort führt dann häufig zu Fehlreaktionen, die sonst nicht passieren würden. Ärger wird nicht selten an Schwächeren, zum Beispiel an Kindern und Frauen, ausgelassen; es werden Sündenböcke gesucht. Zugewanderte, insbesondere mit niedrigem sozialen Status, haben ebenfalls solche Aggressionen anderer auszuhalten, wie sie auch selbst vermehrt Frustrationen in ihrer Arbeits- und Lebenswelt erfahren. Die statistisch hohe Gewaltkriminalität jugendlicher und heranwachsender Migranten findet hier eine Ursache. Begünstigt wird die Gewaltreaktion aufgrund von Frustrationen, wenn die Fähigkeit fehlt, Konflikte mit Worten zu bereinigen. Die Sprachlosigkeit in solchen Situationen, die auch mit dem Bildungsgrad zusammenhängt, kann dazu führen, in der Gewalt die einzige Konfliktlösungsmöglichkeit zu sehen.

Quellentext

Amok: die 10-Minuten-Schizophrenie

[...] Neben den psychisch defekten Gewalttätern hat [der Stuttgarter Jugendpsychiater Reinhart] Lempp in den letzten zehn, fünfzehn Jahren die Bildung einer Gruppe von psychisch und sozial weitgehend unauffälligen Jugendlichen beobachtet, die als maßlose Antwort auf eine Kränkung scheinbar aus dem Nichts Blutbäder anrichten. Gerade mithilfe von aggressiven Filmen oder Videospielen, die sie pausenlos und suchtartig konsumieren, steigern sich diese männlichen Halbwüchsigen in die Rolle eines Rächers hinein, der zu Taten imstande ist, die ihnen selbst "subjektiv fremd" sind und die ihnen keiner zutraut.
Die Identifikation mit solch einer Rolle dauert oft Jahre: Sie geschieht zunächst durch spielerische Was-wäre-wenn-Vorstellungen, dann greift die virtuelle Welt nach und nach in die Wirklichkeit über und formt sie nach ihrem Bilde - so entsteht ganz allmählich durch Zeichnungen und Tagebucheinträge eine Art Rohentwurf der Tat. Die entsprechenden Funde interpretiert die Polizei dann später - nach Durchsuchung des Kinderzimmers - als jahrelangen Tatvorsatz. Zu Unrecht, wie Reinhart Lempp glaubt. Der Entschluss zur Tat sei zum Zeitpunkt der Aufzeichnungen noch lange nicht gefasst. Die gedanklichen Vernichtungsspiele dienten immer noch der psychischen Entlastung des Kindes von der als feindselig und ablehnend erlebten Umwelt. Erst unmittelbar vor der Tat kommt es, so Lempp, zu einem akuten Realitätsverlust, einer Art Zwang, durch den der Minderjährige wie im Rausch die innerlich tausendfach durchlebte Tat auch ausführt.
Nach dem Verbrechen, wenn die Obsession gewichen und der klare Blick zurückgekehrt sei, stünden viele der jugendlichen Mörder entsetzt vor ihren Taten, mit denen sie sich nicht mehr identifizieren könnten, so Lempp. Das sei der Grund, warum die meisten Täter dann spontan den Notausgang in den Selbstmord wählten. Der Ausnahmezustand, in dem die Tat begangen wird, kann einige Stunden, aber auch nur Minuten anhalten. Er ähnelt einer kurzen Psychose, deshalb hat Lempp ihn "10-Minuten-Schizophrenie" getauft. Wenn die Täter sich nach ihrer durch Bildmedien begünstigten Entladung nicht selbst das Leben nähmen, seien sie anschließend psychisch ebenso unauffällig wie zuvor. [...] Die Täter können zwar ihre Bluttat nicht erklären, aber sie begreifen, dass sie an keiner Geisteskrankheit leiden - ein Freispruch ist für sie selbst deshalb inakzeptabel. Auch der Bevölkerung sowie den Angehörigen der Opfer könnte das straflose Davonkommen solcher Mörder nicht zugemutet werden. Eine Einweisung in die Psychiatrie komme jedoch ebenso wenig infrage, denn die Täter seien - manchmal von kleinen Neurosen und depressiven Verstimmungen abgesehen - psychisch gesund.
Die Probleme der Täter liegen nicht in der Psyche, sondern anderswo: Sie sind zunächst nur unglückliche Kinder. Sie sind furchtsam, schwach, ohne Freunde und Perspektive. Ihre Eltern interessieren sich nicht genug für sie, und in der Schule dienen sie oft als Zielscheibe von Schikanen und Demütigungen. Deshalb wird dieser Ort für sie zum bevorzugten Schauplatz der Rache. [...]
Auch die beiden jugendlichen Mörder, [der 17-jährige Eric Harris und der 18-jährige Dylan Klebold], die am 20. April 1999 das Massaker an der Columbine High School im amerikanischen Littleton anrichteten, zwölf Schüler und einen Lehrer töteten und 23 weitere Kinder verletzten, hatten ihre Tat bis ins Kleinste geplant. [...] Es sollte der ganz große Abgang aus der Verzweiflung werden. [...] Monatelang weideten sie sich in ihrer Erregung und Vorfreude auf den schwarzen Ruhm, der ihnen in der Nachwelt der Ausgestoßenen beschieden sein würde. Bis heute orientieren sich die Amokläufer an Schulen und die unbemerkten Schläfer am Vorbild von Harris und Klebold. [...]
Woran liegt das? Warum fühlen Menschen einen inneren Drang, nicht nur irgendwelche Moden, sondern selbst die blutrünstigsten Dinge nachzuahmen? Die Soziologen erklären das Phänomen mit dem Schlagwort der sozialen Bewährtheit. Das besagt, dass uns das Verhalten anderer Menschen immer als Orientierungshilfe dient - umso stärker, je ähnlicher wir uns diesen Menschen fühlen. Die soziale Bewährtheit gilt für Erwachsene und besonders für Kinder und Jugendliche, die in einer Lebensphase stecken, in der sich durch Nachahmen Zugehörigkeit entwickelt. [...]
Hier spielen die Medien [...] eine Schlüsselrolle: Der eine Mörder liest die Tagebücher des anderen im Internet, sieht ihn im Fernsehen, findet sein Foto in Zeitungen, weiß, wie er bei der Tat verkleidet war, welche Killerspiele er bevorzugte, mit welchen Waffen er tötete. Und hält sich dran. Nicht nur Computerspiele stehen im Dienst des Amoks, auch die Berichterstattung tut es. Die globale Informationsmaschinerie dürfte der Grund sein, warum der Amoklauf an Schulen erst 1974 aufkam und seit Littleton 1999 grassiert. [...]

Sabine Rückert, Stefan Willeke, "Wir sind so verdammt göttlich" in: Die Zeit Nr. 13 vom 19. März 2009




Anomie-Theorie



Auch Mittellosigkeit kann ein Grund für Eigentumskriminalität sein, das heißt nicht die Armut als solche, sondern der Gegensatz von Arm und Reich. Nach der so genannten Anomie-Theorie klafft gerade bei Arbeitslosen, aber auch bei Auszubildenden und finanziell Schlechtgestellten zwischen den gesellschaftlichen Leitbildern und den zur Verfügung stehenden eigenen finanziellen Mitteln eine Lücke, die von einigen mit ungesetzlichen Mitteln, mit Schwarzarbeit oder mit Diebstählen ausgefüllt wird. Dabei bejahen sie Zielsetzungen in der Gesellschaft, verneinen jedoch die Begrenzung ihrer Mittel. Die Diebstahlkriminalität Jugendlicher und Heranwachsender, die noch nicht über die aus ihrer Sicht nötigen finanziellen Mittel verfügen, aber mit ungesetzlichen Mitteln gesellschaftliche Ziele wie Reichtum und Wohlstand erreichen wollen, wird mit dieser Theorie aus der amerikanischen Soziologie erklärt. Der Name ist aus dem Griechischen entlehnt: "a nomos" bedeutet "ohne Gesetz".

Falsch wäre es aber, einen unmittelbaren ursächlichen Zusammenhang (Kausalität) zwischen Arbeitslosigkeit und Kriminalität herzustellen. Zwar steigen die Gesamtarbeitslosigkeit und die Quote arbeitsloser Straftäter im Bereich der Eigentums- und Vermögenskriminalität in der Regel gleichmäßig an, aber schon vorübergehende Rückgänge in der Arbeitslosigkeit wirken sich nicht auf die Kriminalitätsrate aus. Vor allem kommt es auf die individuelle Situation von Arbeitslosen an: Entscheidend ist, wie sie mit ihrer Situation umgehen, wie sie in ihrem sozialen Umfeld, von der Familie "aufgefangen" werden, und welche Perspektiven und Hilfen ihnen von außen angeboten werden.



 

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