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Dossierbild Kriminalität und Strafrecht
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Ursachen von Kriminalität


27.4.2010
Das Kriminalitätsbild ist sehr vielschichtig, denn es reicht vom Fahren ohne Fahrerlaubnis bis hin zum Mord. Auch daher lässt sich Kriminalität nicht mit einer einzigen Theorie erklären.

Werden Fingerabdrücke am Tatort gefunden, kann ein Straftäter leichter identifiziert werden.Werden Fingerabdrücke am Tatort gefunden, kann ein Straftäter leichter identifiziert werden. (© picture-alliance/AP)

Einleitung



Kriminalität lässt sich nicht mit einer einzigen Theorie erklären. Dafür ist das Kriminalitätsbild zu vielschichtig. Unter Kriminalität fallen sowohl das Fahren ohne Fahrerlaubnis, die Trunkenheit im Straßenverkehr, die Verkehrsunfallflucht, die Sachbeschädigung, der Diebstahl in unterschiedlichsten Formen und die Steuerhinterziehung als auch der Raub, die Vergewaltigung oder der Mord bis hin zum millionenfachen Massenmord im "Dritten Reich". Straftaten werden sowohl von 14-Jährigen als auch von 80-Jährigen begangen - es bedarf also verschiedener Zugänge zum Thema. Wir folgen heute einem Mehrfaktorenansatz, um Kriminalität zu erklären. Häufig sind mehrere Ursachen/Begründungen für die einzelne Straftat heranzuziehen. Im Folgenden werden verschiedene Theorien zu den Ursachen von Kriminalität auf vereinfachte Weise dargestellt.

Lehre vom "geborenen Verbrecher"



Der Anfang der Kriminologie, die Lehre von den Ursachen der Kriminalität, ist mit dem italienischen Arzt Cesare Lombroso (1835-1909) verbunden, der die Theorie vom "geborenen Verbrecher" aufstellte. Grundlegend hierfür waren die Vererbungsgesetze des österreichischen Naturforschers und Augustinerpaters Gregor Johann Mendel (1822-1884). Lombroso glaubte, den typischen Verbrecher von Geburt an aufgrund von Äußerlichkeiten feststellen zu können. So wurden die Länge der Nase, der Abstand der Augenbrauen und die Größe der Ohren gemessen. In den 1930er Jahren wurde dieser biologisch-anthropologische Ansatz für die Erklärung von Kriminalität auf Zwillings- und Sippenforschung gestützt.

Quellentext

Das Böse im Menschen

Die Zeit: Herr Kröber, Sie sind seit 25 Jahren Gerichtspsychiater, haben rund tausend Straftätern gegenübergestanden. Was ist für Sie das "Böse"?
Hans-Ludwig Kröber: Für mich ist das Böse eine Wahrnehmungskategorie, eine Form des unmittelbaren Erlebens. So wie wir spontan etwas als schön oder eklig empfinden, so erleben wir auch ein bestimmtes Handeln - ob wir es wollen oder nicht - als böse. Im Angesicht des Bösen sind wir fassungslos, empört, die Welt ist aus den Fugen - weil jemand sie bewusst zerstört. [...] Wir reden vor allem dann vom Bösen, wenn wir das Gefühl haben, der Täter hätte die Freiheit gehabt, sich auch anders zu entscheiden, er spiele seine Möglichkeiten aus, er brauchte jetzt nicht noch einmal zuzustechen oder zuzutreten. [...]
Zeit: Wie verarbeitet man eine solche Erfahrung?
Kröber: Für den, der Böses erlebt - also Demütigung, Qual und Zerstörung -, für den ist dieses Erleben unauslöschbar; und es ist auch nicht relativierbar. Keine Deutungskunst kann so ein Verbrechen am Menschen mindern, verkleinern, als zwangsläufig legitimieren. [...]
Zeit: Aber Sie schieben auch nicht alles nur auf die Umstände?
Kröber: Nein. Es gibt tatsächlich auch böse Menschen. Die sind zwar erstaunlich selten, aber es gibt doch Einzelne, die so viel Hass und Vernichtungswillen aufgebaut haben, dass sie sich immer wieder Situationen suchen, in denen sie dies ausleben können. [...] Solche Menschen können auch in der persönlichen Begegnung unmittelbar Beklemmungen oder Ängste auslösen. [...]
Zeit: Für viele hat das Böse auch eine Attraktivität. [...] Könnte also prinzipiell jeder jedes Verbrechen begehen? Auch ich oder Sie?
Kröber: Nein, das glaube ich nicht. [...] Es gibt zwar Studien, in denen Menschen befragt wurden, ob sie schon einmal ernsthaft daran gedacht hätten, jemanden umzubringen. Und etwa die Hälfte sagte Ja! [...] Doch aus solchen Gedanken und Absichten wird eben dann doch meist keine Realität, die meisten Menschen werden gerade nicht zu Mördern. Nur wenn ein solches Verhalten in ein Konzept der Selbstrechtfertigung, in eine angenommene Opferrolle hineinpasst, sieht die Sache anders aus. Viele Opfer glauben, sie dürften nun ihrerseits die Regeln verletzen. Deshalb warne ich stets davor, sich in eine Opferrolle hinein zu fantasieren.
Zeit: Was halten Sie von der These von Hirnforschern, jegliche Tat sei biologisch determiniert, so etwas wie Schuld gebe es gar nicht?
Kröber: Ich glaube, dass dahinter ein Denkfehler steckt: der Fehler, das für nicht existent zu halten, was man mit einer bestimmten wissenschaftlichen Methodik nicht entdecken kann. Natürlich, solange ich mich nur mit naturwissenschaftlichen Beschreibungen und deterministischen Handlungsabläufen befasse, werde ich eine Kategorie wie Schuld nicht einfangen können. [...]
Zeit: Wäre denn eine Gesellschaft überhaupt vorstellbar, die ausschließlich friedlich ist? Oder geht es nicht ohne ein gewisses Maß an Aggression?
Kröber: Das ist die Frage, ob ein Klavier ohne schwarze Tasten wünschenswert wäre ... Ich finde schon, dass in den vergangenen 50 Jahren ein wohltuender Zivilisierungsprozess in Deutschland zu beobachten ist. Die Zahl der Tötungs- und Vergewaltigungsdelikte geht zurück, es gibt eine zunehmende Ächtung von Gewalt, etwa an Schulen, in den Familien. Ich selbst bin auf dem Gymnasium noch geohrfeigt worden, das gibt es heute nicht mehr. Aber einen Grundbestand an Aggressivität wird es immer geben.
Zeit: Dennoch hat man, wenn man Fernsehen und Zeitungen verfolgt, den Eindruck, die Gewalt nähme nicht ab, sondern eher zu. Erschreckt uns das Böse vielleicht gerade deshalb so sehr, weil wir es im Alltag immer weniger erleben?
Kröber: Ich glaube schon. Die mögliche Nähe von Gewalt wird in einem gewissen Umfang verleugnet und verdrängt, und die Ansprüche und Erwartungen, in einer rundum abgesicherten Gesellschaft leben zu können, sind größer geworden. Diese Sicherheitserwartung wird von der Politik noch geschürt, so entsteht die Illusion, man könnte eine gewaltfreie Gesellschaft erreichen. Kein Politiker wagt es, zu sagen, dass in einem Volk von 80 Millionen immer eine gewisse Gewaltbereitschaft und damit ein Lebensrisiko besteht. [...]

Ulrich Schnabel im Gespräch mit dem Gerichtspsychiater Hans-Ludwig Kröber: "Das Böse lebt in der Tat", in: Die Zeit Nr. 44 vom 22. Oktober 2009


Auch heute gibt es vereinzelte Stimmen, die Chromosomenabweichungen in der genetischen Ausstattung als Ursache von Verbrechen heranziehen; ganz überwiegend werden aber diese Lehren in der Wissenschaft verworfen. In der Bevölkerung sind derartige Ansichten jedoch nach wie vor weit verbreitet: Den Glauben, dass der Sohn des Totschlägers wieder gewalttätig wird, gibt es noch immer. Das Sprichwort "Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm" drückt diese Ansicht aus. Verbrecher werden vielfach in Comics und einigen Kinderbüchern mit fliehender Stirn, Hakennase und zusammengekniffenen Augenbrauen dargestellt, um so ihre angebliche böse Natur zu verdeutlichen. Wenn heute der erbbiologische Ansatz in der Kriminologie ganz einhellig abgelehnt wird, so werden damit keineswegs unterschiedliche erbliche Anlagen beim Kind geleugnet. Nur entwickeln sich diese Anlagen nach überwiegender Auffassung verschieden, je nach individuellem Werdegang und sozialem Kontext. Forschungen über die zum Teil ganz unterschiedlichen Lebensläufe bei eineiigen Zwillingen und damit bei gleichen Erbanlagen haben dies bestätigt.

Auch geistige und psychische Erkrankungen führen nicht automatisch zu Kriminalität. Sicherlich gibt es auch - gerade bei Tötungsdelikten - geistig behinderte und psychisch kranke Straftäter, deshalb muss mit Hilfe eines psychiatrisch oder psychologisch ausgebildeten Sachverständigen deren Schuldfähigkeit besonders geprüft werden. Die meisten Straftaten werden aber von so genannten Normalen begangen. Gerade Tötungsdelikte in der Familie, im sozialen Nahraum "erwachsen" häufig aus Alltagskonflikten, die im Laufe der Zeit eskalieren.


Entwicklungstheorie



Regelverletzungen sind insbesondere bei Jugendlichen weit verbreitet. Es ist häufig so, dass im kindlichen und jugendlichen Alter Straftaten leichter bis mittlerer Art begangen werden, da Normen/Regeln, wie vieles andere auch, erst erlernt werden müssen. Diese Häufung jugendlicher Straftaten kann nicht primär mit Besonderheiten erklärt werden, sie ist vielmehr gerade durch die Entwicklungsphase des Menschen bedingt. Strafrechtliche wie sonstige Verhaltensnormen werden nicht in einem intellektuellen Vorgang, sondern in einem Erfahrungsprozess, vor allem durch Reaktionen der sozialen Umwelt in der Form von Lob und Tadel, übernommen. "Learning by doing" gilt auch hier.

Vormalige biographische Untersuchungen bei Strafgefangenen, in denen regelmäßig auch frühere Straftaten und eine kriminelle Karriere festgestellt wurden, haben das große Feld derjenigen, die nicht ertappt bzw. deren Taten nicht geahndet wurden, außer Acht gelassen. Heute ist in kriminologischen Untersuchungen vielfach nachgewiesen, dass Kinder- und Jugendkriminalität nicht automatisch zum "Gewohnheitsverbrecher" führt. Diese Auffassung hat sich auch in der offiziellen Begründung zum Ersten Änderungsgesetz zum Jugendgerichtsgesetz von 1989 niedergeschlagen: "Für einen nicht unerheblichen Teil der leichteren Jugendkriminalität stellt das abweichende Verhalten junger Menschen eine eher normale Erscheinung dar, die nicht als Symptom einer beginnenden oder möglichen kriminellen Verwahrlosung beurteilt wird und die keinerlei über die Entdeckung der Tat und über den Kontakt mit Polizei, Jugendgerichtshilfe und Staatsanwaltschaft hinausgehende Folgen nach sich ziehen muss. Der Interventionsbedarf erscheint in solchen Fällen wesentlich geringer als bisher (üblicherweise) noch angenommen wird."

Sozialisationstheorien



Sich wiederholende Kriminalität ist häufig eine Folge misslungener Sozialisation von den ersten Kindheitsjahren an. In dieser Zeit wird die Entwicklung des Menschen maßgeblich bestimmt. Fehlentwicklungen, die auch in Kriminalität einmünden können, sind häufig hier bereits angelegt. Kriminalität ist nach der Sozialisationstheorie die Folge von Sozialisationsdefiziten, die insbesondere dann auftreten, wenn in der Kindheit eine dauerhafte Bezugsperson fehlte und kein Urvertrauen hergestellt worden ist. Die Gewissensbildung, also die Verinnerlichung von Recht und Unrecht, kann aber auch bei Inkonsequenz, bei falschen Erziehungsmethoden, bei Hartherzigkeit der Erziehungspersonen oder auch bei überzogener Verwöhnung ver- beziehungsweise behindert werden. Eine Sozialisation wird insbesondere auch durch äußeren sozialen Druck gefährdet, durch beengte Wohnverhältnisse und/oder Dauerarbeitslosigkeit der Eltern, durch Armut. Positive emotionale Beziehungen, die für die Entwicklung des Kindes notwendig sind, können in solchen sozialen Notsituationen häufig nur erschwert aufgebaut werden. Es ist in schwierigen sozialen Verhältnissen nur schwer möglich, notwendige Verhaltensbeschränkungen so zu vermitteln, dass sie auch verstanden werden.

Lerntheorien



Dass Kriminalität auch gelernt wird, erscheint plausibel, da wir nicht nur unser Wissen, sondern auch unsere Handlungskompetenzen wie beispielsweise Fahrradfahren, Fußballspielen oder Ballett erlernen müssen. Gelernt wird Kriminalität zunächst am schlechten Vorbild: Wenn Vater oder Mutter stehlen, "färbt" dies sicherlich ab, ebenso wenn der Vater die Mutter regelmäßig körperlich misshandelt. Gerade Kindheitserfahrungen mit selbst erlittener und miterlebter Gewalt sind nach empirischen Untersuchungen ein bedeutsamer Faktor für spätere Gewalttätigkeiten. Gelernt wird aber auch aus dem Verhalten der Gesellschaft. Positive ethische Werte wie Nächstenliebe und Solidarität werden bei dem heutigen Konkurrenzdenken, zum Beispiel im Bildungssystem und auf dem Arbeitsmarkt, vielfach der Lächerlichkeit preisgegeben. Wenn Kriminalität selbst von gesellschaftlich herausgehobenen Persönlichkeiten vorexerziert wird, beeinflusst auch dies das Rechtsbewusstsein nachteilig.

Einige Vertreter dieser Lerntheorien sprechen angesichts einer zum Teil aggressiven Werbung ("Greifen Sie zu"), welche die angepriesenen Gegenstände wegnahmebereit ausbreitet, schon von Verführung zur Kriminalität. Die weitverbreitete Diebstahlskriminalität in Kaufhäusern und Selbstbedienungsläden wird nach ihrer Auffassung durch diese Verkaufspolitik faktisch begünstigt. Gleichwohl wäre es keine Lösung, deshalb diese Verkaufsform an sich in Frage zu stellen, zumal die meisten Menschen diesen Verlockungen widerstehen. Bei vielen jungen Menschen muss eine entsprechende Widerstandskraft jedoch erst wachsen.

Eine verführerische Wirkung muss auch von Gewaltdarstellungen in den Medien, in Videos, im Film, im Fernsehen und im Internet befürchtet werden. Wenn sie auch selten zu unmittelbarer Nachahmung führen, so bewirken sie doch eine Gewöhnung an Brutalität sowie den Verlust von Mitleid. Wird Gewalt als normale Konfliktlösungsstrategie dargestellt, bei der zum Teil der Gewalttätige auch noch der Sieger, der Erfolgreiche bleibt, wird Sexualgewalt als Lustgewinn vermittelt, können solche Verhaltensweisen - bewusst oder unbewusst - übernommen werden. Moralische Hemmschwellen werden gesenkt.

Kinder und Jugendliche lernen vor allem auch in ihren Spiel- und Jugendgruppen. Gruppenbildungen sind für Jugendliche in ihrer Ablösung vom Elternhaus, in ihrem Prozess des Selbstständigwerdens und bei ihren Konflikten mit der Erwachsenenwelt normal. Der Schritt von der Legalität zur Kriminalität fällt Jugendlichen in der Gruppe leichter, da Verantwortung an die Gesamtgruppe, zum Teil an den Anführer abgegeben werden kann. Es gibt Gruppenzwänge, die bis hin zu kriminellen Mutproben führen können. Gerade in Großstädten haben sich kriminalitätsbereite Jugendbanden gebildet: Streetgangs, fanatische Fußballfans, rechtsradikale Banden und linksautonome Gruppierungen, in denen zum Teil Sozialprotest geäußert wird, in denen aber auch Gewalt als "action", als "fun", als "kick" ausgeübt wird. Da mit strafrechtlichen Reaktionen (Verfahren und Sanktionierung) allein keine sozialen Probleme gelöst werden können, ist hier vorgreifende Sozialarbeit wie zum Beispiel der Einsatz von Streetworkern gefordert.

Frustrations-Aggressions-Theorie



Für Gewaltkriminalität wird neben der Lerntheorie auch die Frustrations-Aggressions-Theorie herangezogen: Gewaltkriminalität ist hiernach eine Folge von Ohnmacht und Frustrationen.

Quellentext

Tätertypen

[...] So schwer es fällt, sich einem rücksichtslosen Gewalttäter gedanklich zu nähern, so notwendig ist es, sich mit ihm und seiner Innenwelt zu beschäftigen. Nur wenn verständlich wird, was einen Jugendlichen antreibt, [...] brutal andere Menschen anzugreifen, und was ihn daran hindert, Mitgefühl zu empfinden, werden pädagogische Antworten möglich - für den Umgang mit straffällig Gewordenen und für die Entwicklung präventiver Konzepte.[...]
Jüngere Untersuchungen über unterschiedliche aggressive Tätertypen zeigen, wie verschieden gewaltbereite Jugendliche sind und wie gezielte pädagogische Programme gestaltet werden müssten. Schon länger bekannt ist der Typ des "reaktiven" Gewalttäters, der sich sehr schnell provoziert, beleidigt fühlt, der seinen aufflammenden Wutaffekt dann nicht steuern kann und den (vermeintlichen) Aggressor brutal zusammenschlägt. [...] Nach der Tat empfindet er oft Schuldgefühle, denkt selbst, er habe überreagiert. Er ist in pädagogischen Programmen oft sehr erfolgreich.
Im Kontrast zu diesem Affekttäter lässt sich der "instrumentelle" Gewalttäter identifizieren, der nur dann aggressiv wird und auch bedenkenlos zuschlägt, wenn er seine - oft dissozialen - Ziele nicht erreicht. Das ist der Jugendliche, der von anderen die Lederjacke oder das neue Handy "abzieht" und bedenkenlos eine Waffe einsetzt, falls der das Geforderte nicht herausrückt. Dieser Täter hat kaum ein moralisches Bewusstsein entwickelt, er bereut seine Taten in der Regel nicht und hat auch keine Schuldgefühle. Mit ihm pädagogisch zu arbeiten ist schwierig, weil er nicht einsieht, warum er sich ändern sollte.
In unseren eigenen Forschungsbemühungen haben wir eine dritte, besonders schwierige Gruppe von jugendlichen Gewalttätern identifiziert. Diese Jugendlichen handeln scheinbar ganz grundlos; weder sind sie provoziert worden, wie im Beispiel des Affekttäters, noch setzen sie ihre Aggressivität instrumentell ein. Es handelt sich um junge Menschen, die mit einer dumpfen Wut durch die Straßen ziehen und sich ein Opfer suchen, an dem sie ihren Hass ausleben könnten. Die Wahl des Opfers ist fast beliebig: Jeder, der hinguckt, wegguckt, lacht oder ängstlich schaut, und erst recht derjenige, der auf das Rauchverbot in der S-Bahn aufmerksam macht, kann als Opfer herhalten. [...]
Psychoanalytiker bezeichnen diese Interaktionsschleife als "projektive Identifizierung", die dann gefährlich werden kann, wenn ein "Projektor" sich von einem [...] vernichtenden Selbstbild befreien muss. Regelmäßig berichten diese Jugendlichen, dass sie sich nach der Tat erleichtert, wie gehoben fühlen, aber ihr schlechtes Selbstgefühl kehrt nach kurzer Zeit wieder zurück. [...]
Es liegt auf der Hand, dass solche typologischen Unterscheidungen für die Frage nach geeigneten pädagogischen Strategien von großer Bedeutung sind. Denn der Affekttäter muss lernen, seine Wut zu kontrollieren, das ist eine relativ leichte Übungsaufgabe. Der instrumentelle Täter soll ein moralisches Bewusstsein entwickeln, das ist schon sehr viel schwieriger, und vermutlich wird er das nur tun, wenn er im Pädagogen ein Vorbild findet, mit dem er sich identifiziert. Der "intrinsische" oder "Frust-Täter" hingegen bedarf einer pädagogischen Strategie, die eine tiefverwurzelte Störung seiner Persönlichkeit berücksichtigt. [...]
So offenkundig es ist, dass die soeben skizzierten Typen aggressiven Handelns ganz unterschiedliche pädagogische Programme erforderlich machen, so wenig ist dies in der pädagogischen Praxis schon möglich. Es fehlt an diagnostischen Verfahren, welche eine sichere Zuordnung der Straftäter zum einen oder anderen Typ ermöglichen würden, und es fehlt auch an Programmen, die individuell auf die jeweilige Problemstellung des Jugendlichen zugeschnitten wären.
[...] Fehlende differentielle Diagnostik und der Mangel an spezifischen pädagogischen Programmen machen es aber dem Jugendrichter fast unmöglich, für einen jugendlichen Straftäter die pädagogische Maßnahme auszuwählen, die für diesen jungen Menschen erfolgreich zu sein verspricht. Der Richter kann nicht wissen, welches pädagogische Programm bei welcher Problemlage das erfolgreichste ist, weil derlei wissenschaftlich begründete Erkenntnisse nicht vorliegen. In vielen Fällen mag er intuitiv die richtige Weisung erteilen, in vielen anderen verurteilt er zu Maßnahmen, deren Wirksamkeit nicht erwiesen ist (wie Freizeitpädagogik oder Erlebnispädagogik) oder die sogar im Verdacht stehen, sich schädlich auszuwirken (wie Gruppengespräche ohne konkrete Zielsetzungen).
[...] Es muss bald gelingen, die in jüngster Zeit gefundenen Unterscheidungen in drei Typen aggressiv-delinquenter Jugendlicher auch für die Entwicklung "maßgeschneiderter" Programme zu nutzen.

Jürgen Körner, "Jeder Gewalttäter braucht das ihm gemäße Programm", in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 29. Oktober 2009




Wir alle wissen von uns selbst, wie schwer Ärger und Enttäuschungen zu verarbeiten sind. Ein unbedachtes, falsches Wort führt dann häufig zu Fehlreaktionen, die sonst nicht passieren würden. Ärger wird nicht selten an Schwächeren, zum Beispiel an Kindern und Frauen, ausgelassen; es werden Sündenböcke gesucht. Zugewanderte, insbesondere mit niedrigem sozialen Status, haben ebenfalls solche Aggressionen anderer auszuhalten, wie sie auch selbst vermehrt Frustrationen in ihrer Arbeits- und Lebenswelt erfahren. Die statistisch hohe Gewaltkriminalität jugendlicher und heranwachsender Migranten findet hier eine Ursache. Begünstigt wird die Gewaltreaktion aufgrund von Frustrationen, wenn die Fähigkeit fehlt, Konflikte mit Worten zu bereinigen. Die Sprachlosigkeit in solchen Situationen, die auch mit dem Bildungsgrad zusammenhängt, kann dazu führen, in der Gewalt die einzige Konfliktlösungsmöglichkeit zu sehen.

Quellentext

Amok: die 10-Minuten-Schizophrenie

[...] Neben den psychisch defekten Gewalttätern hat [der Stuttgarter Jugendpsychiater Reinhart] Lempp in den letzten zehn, fünfzehn Jahren die Bildung einer Gruppe von psychisch und sozial weitgehend unauffälligen Jugendlichen beobachtet, die als maßlose Antwort auf eine Kränkung scheinbar aus dem Nichts Blutbäder anrichten. Gerade mithilfe von aggressiven Filmen oder Videospielen, die sie pausenlos und suchtartig konsumieren, steigern sich diese männlichen Halbwüchsigen in die Rolle eines Rächers hinein, der zu Taten imstande ist, die ihnen selbst "subjektiv fremd" sind und die ihnen keiner zutraut.
Die Identifikation mit solch einer Rolle dauert oft Jahre: Sie geschieht zunächst durch spielerische Was-wäre-wenn-Vorstellungen, dann greift die virtuelle Welt nach und nach in die Wirklichkeit über und formt sie nach ihrem Bilde - so entsteht ganz allmählich durch Zeichnungen und Tagebucheinträge eine Art Rohentwurf der Tat. Die entsprechenden Funde interpretiert die Polizei dann später - nach Durchsuchung des Kinderzimmers - als jahrelangen Tatvorsatz. Zu Unrecht, wie Reinhart Lempp glaubt. Der Entschluss zur Tat sei zum Zeitpunkt der Aufzeichnungen noch lange nicht gefasst. Die gedanklichen Vernichtungsspiele dienten immer noch der psychischen Entlastung des Kindes von der als feindselig und ablehnend erlebten Umwelt. Erst unmittelbar vor der Tat kommt es, so Lempp, zu einem akuten Realitätsverlust, einer Art Zwang, durch den der Minderjährige wie im Rausch die innerlich tausendfach durchlebte Tat auch ausführt.
Nach dem Verbrechen, wenn die Obsession gewichen und der klare Blick zurückgekehrt sei, stünden viele der jugendlichen Mörder entsetzt vor ihren Taten, mit denen sie sich nicht mehr identifizieren könnten, so Lempp. Das sei der Grund, warum die meisten Täter dann spontan den Notausgang in den Selbstmord wählten. Der Ausnahmezustand, in dem die Tat begangen wird, kann einige Stunden, aber auch nur Minuten anhalten. Er ähnelt einer kurzen Psychose, deshalb hat Lempp ihn "10-Minuten-Schizophrenie" getauft. Wenn die Täter sich nach ihrer durch Bildmedien begünstigten Entladung nicht selbst das Leben nähmen, seien sie anschließend psychisch ebenso unauffällig wie zuvor. [...] Die Täter können zwar ihre Bluttat nicht erklären, aber sie begreifen, dass sie an keiner Geisteskrankheit leiden - ein Freispruch ist für sie selbst deshalb inakzeptabel. Auch der Bevölkerung sowie den Angehörigen der Opfer könnte das straflose Davonkommen solcher Mörder nicht zugemutet werden. Eine Einweisung in die Psychiatrie komme jedoch ebenso wenig infrage, denn die Täter seien - manchmal von kleinen Neurosen und depressiven Verstimmungen abgesehen - psychisch gesund.
Die Probleme der Täter liegen nicht in der Psyche, sondern anderswo: Sie sind zunächst nur unglückliche Kinder. Sie sind furchtsam, schwach, ohne Freunde und Perspektive. Ihre Eltern interessieren sich nicht genug für sie, und in der Schule dienen sie oft als Zielscheibe von Schikanen und Demütigungen. Deshalb wird dieser Ort für sie zum bevorzugten Schauplatz der Rache. [...]
Auch die beiden jugendlichen Mörder, [der 17-jährige Eric Harris und der 18-jährige Dylan Klebold], die am 20. April 1999 das Massaker an der Columbine High School im amerikanischen Littleton anrichteten, zwölf Schüler und einen Lehrer töteten und 23 weitere Kinder verletzten, hatten ihre Tat bis ins Kleinste geplant. [...] Es sollte der ganz große Abgang aus der Verzweiflung werden. [...] Monatelang weideten sie sich in ihrer Erregung und Vorfreude auf den schwarzen Ruhm, der ihnen in der Nachwelt der Ausgestoßenen beschieden sein würde. Bis heute orientieren sich die Amokläufer an Schulen und die unbemerkten Schläfer am Vorbild von Harris und Klebold. [...]
Woran liegt das? Warum fühlen Menschen einen inneren Drang, nicht nur irgendwelche Moden, sondern selbst die blutrünstigsten Dinge nachzuahmen? Die Soziologen erklären das Phänomen mit dem Schlagwort der sozialen Bewährtheit. Das besagt, dass uns das Verhalten anderer Menschen immer als Orientierungshilfe dient - umso stärker, je ähnlicher wir uns diesen Menschen fühlen. Die soziale Bewährtheit gilt für Erwachsene und besonders für Kinder und Jugendliche, die in einer Lebensphase stecken, in der sich durch Nachahmen Zugehörigkeit entwickelt. [...]
Hier spielen die Medien [...] eine Schlüsselrolle: Der eine Mörder liest die Tagebücher des anderen im Internet, sieht ihn im Fernsehen, findet sein Foto in Zeitungen, weiß, wie er bei der Tat verkleidet war, welche Killerspiele er bevorzugte, mit welchen Waffen er tötete. Und hält sich dran. Nicht nur Computerspiele stehen im Dienst des Amoks, auch die Berichterstattung tut es. Die globale Informationsmaschinerie dürfte der Grund sein, warum der Amoklauf an Schulen erst 1974 aufkam und seit Littleton 1999 grassiert. [...]

Sabine Rückert, Stefan Willeke, "Wir sind so verdammt göttlich" in: Die Zeit Nr. 13 vom 19. März 2009




Anomie-Theorie



Auch Mittellosigkeit kann ein Grund für Eigentumskriminalität sein, das heißt nicht die Armut als solche, sondern der Gegensatz von Arm und Reich. Nach der so genannten Anomie-Theorie klafft gerade bei Arbeitslosen, aber auch bei Auszubildenden und finanziell Schlechtgestellten zwischen den gesellschaftlichen Leitbildern und den zur Verfügung stehenden eigenen finanziellen Mitteln eine Lücke, die von einigen mit ungesetzlichen Mitteln, mit Schwarzarbeit oder mit Diebstählen ausgefüllt wird. Dabei bejahen sie Zielsetzungen in der Gesellschaft, verneinen jedoch die Begrenzung ihrer Mittel. Die Diebstahlkriminalität Jugendlicher und Heranwachsender, die noch nicht über die aus ihrer Sicht nötigen finanziellen Mittel verfügen, aber mit ungesetzlichen Mitteln gesellschaftliche Ziele wie Reichtum und Wohlstand erreichen wollen, wird mit dieser Theorie aus der amerikanischen Soziologie erklärt. Der Name ist aus dem Griechischen entlehnt: "a nomos" bedeutet "ohne Gesetz".

Falsch wäre es aber, einen unmittelbaren ursächlichen Zusammenhang (Kausalität) zwischen Arbeitslosigkeit und Kriminalität herzustellen. Zwar steigen die Gesamtarbeitslosigkeit und die Quote arbeitsloser Straftäter im Bereich der Eigentums- und Vermögenskriminalität in der Regel gleichmäßig an, aber schon vorübergehende Rückgänge in der Arbeitslosigkeit wirken sich nicht auf die Kriminalitätsrate aus. Vor allem kommt es auf die individuelle Situation von Arbeitslosen an: Entscheidend ist, wie sie mit ihrer Situation umgehen, wie sie in ihrem sozialen Umfeld, von der Familie "aufgefangen" werden, und welche Perspektiven und Hilfen ihnen von außen angeboten werden.

Etikettierungsansatz



Der Etikettierungsansatz zur Erklärung von Kriminalität geht nicht von der Täterpersönlichkeit und ihrem Umfeld aus, sondern versucht, Kriminalität aus der Definitionsmacht des Staates und seiner strafverfolgenden Kontrollorgane zu erklären: Kriminalität wird zugeschrieben (Labeling approach = Definitions- oder Etikettierungsansatz). Gesetze, Strafgesetze fallen nicht aus einem "Gerechtigkeitshimmel", sie werden von Menschen gemacht und sind das jeweilige Produkt von Staaten. Wenn neue Straftatbestände geschaffen werden, werden neue Straftäter verfolgt; werden Straftatbestände gestrichen, so nimmt zwangsläufig auch die offizielle Kriminalität ab.

Als Beispiel soll hier der unterschiedliche staatliche Umgang mit dem Drogenkonsum genannt werden. Der Erwerb und der Besitz von so genannten kulturfremden Drogen wie Heroin, Kokain oder Cannabis wird in der Bundesrepublik Deutschland nach dem Betäubungsmittelgesetz bestraft. Dadurch werden, bedingt durch den vorhandenen Schwarzmarkt und das strafrechtliche Risiko, die Preise in die Höhe getrieben. Wegen der hohen Preise kommt es häufig zu einer sekundären Beschaffungskriminalität in Form von Einbrüchen, etwa in Apotheken (direkte Beschaffungskriminalität) sowie in Form von Raubüberfällen (indirekte Beschaffungskriminalität). Selbst Tötungsdelikte werden aus der Sucht nach Drogen heraus begangen. Die Rolle des Strafrechts zur Lösung - besser zur Eindämmung - dieser Problematik ist umstritten. Nicht umstritten ist, dass bei Konsumenten, insbesondere Abhängigen, das Strafrecht zugunsten von Therapiemaßnahmen zurückzutreten hat.

Obwohl der Genuss von Alkohol, einer in vielen Kulturen geläufigen Droge, in unserer Gesellschaft nicht bestraft, sondern gesellschaftlich anerkannt wird, ist auch er in vielfältiger Weise Kriminalitätsursache. Dies gilt unmittelbar für die Trunkenheitsdelikte im Straßenverkehr, häufig verbunden mit fahrlässiger Körperverletzung oder fahrlässiger Tötung. Alkoholgenuss ist auch oft der Grund für die strafbare Unfallflucht. Darüber hinaus ist Alkohol wie auch andere Drogen oftmals Ursache für eine soziale Verelendung, aus der heraus Eigentumsdelikte begangen werden. Schließlich ist die enthemmende Wirkung von Alkohol Tatauslöser oder Motivationsverstärker bei vielen anderen Delikten. Die polizeilichen Angaben hierzu schwanken; bei der Gewaltkriminalität insbesondere bei den Tötungsdelikten liegt der Anteil der alkoholisierten Täterinnen und Täter bei über einem Drittel bis zu 50 Prozent.

Die beschriebene Theorie will ebenfalls deutlich machen, dass neben primären Ursachen wie sozialen, kulturellen, psychologischen und psychopathologischen Faktoren auch sekundäre Ursachen für Kriminalität bestehen, je nachdem wie von staatlicher Seite und gesellschaftlich reagiert wird. Wegen einer Straftat Verurteilte werden nicht nur einmal im Gerichtssaal bestraft, sie werden vielfach auch auf Dauer als Kriminelle abgestempelt und entsprechend gesellschaftlich ausgegrenzt. Es wird ihnen eine Rolle zugeschrieben, die der oder die Verurteilte oft nur schwer wieder ablegen kann, und es besteht die Gefahr, dass die Rolle am Ende sogar in das eigene Selbstbild übernommen wird. Das beispielsweise immer so bezeichnete "schwarze Schaf" in der Familie entwickelt sich häufig auch tatsächlich zum Außenseiter. Stigmatisierungswirkungen haben insbesondere Freiheitsstrafen. Wer einmal im Gefängnis war, dem wird es hinterher - trotz vielfacher Bemühungen von zahlreichen Gefangenenhilfsorganisationen, die sich um Arbeit, Wohnung und Entschuldung von entlassenen Strafgefangenen kümmern - schwer gemacht, wieder Fuß zu fassen, Arbeit und Wohnung zu finden. Diese Menschen werden vielfach an den sozialen Rand gedrängt, von dem sie nicht oder nur sehr schwer wegkommen. Erneute Straftaten gerade aufgrund dieser Stigmatisierung sind zu erwarten. Man spricht insoweit von einer sekundären Straffälligkeit als Folge justiziellen Handelns.

Hierbei entwickelt sich häufig ein Teufelskreis, beginnend mit den ersten Taten und der ersten Sanktionierung, die nicht die gewünschten Wirkungen zeigt. Bei erneuter Straffälligkeit wird dann härter reagiert. In der Praxis der Strafgerichte hat sich vielfach ein Strafverschärfungsautomatismus herausgebildet. Bei der Beurteilung von Kriminalität ist nach dieser Theorie die delinquente Entwicklung eines Menschen als prozesshaftes Geschehen zu verstehen, an dem auch die Strafjustiz maßgeblichen Anteil haben kann ("Teufelskreismodell").

Zusammenfassung



Die Ausführungen haben gezeigt, dass eine Vielzahl von Erklärungsansätzen von der gesellschaftlichen Abhängigkeit der Kriminalität ausgeht. Die Theorien wollen Kriminalität aber lediglich erklären, nicht rechtfertigen. Lern- und Aggressionstheorie können Gewaltkriminalität verdeutlichen, Lern- und Anomietheorie vermögen den Anstieg bei der Eigentums- und Vermögenskriminalität verständlich machen, Sozialisationstheorie und Etikettierungsansatz können Begründungen für Wiederholungstaten abgeben. Die hiermit sichtbar gemachte gesellschaftliche/staatliche Verantwortung schließt aber die Eigenverantwortlichkeit nicht aus. Diese Eigenverantwortlichkeit muss von der Justiz eingefordert werden, die gesellschaftliche/staatliche Verantwortlichkeit von den Bürgerinnen und Bürgern.

Die Neigung zu strafbaren Regelverletzungen ist potenziell in allen Menschen angelegt, auch wenn schwere Delikte nur von einer Minderheit verübt werden. Die Menschen einschließlich der Jugendlichen sind heutzutage nicht schlechter, als sie es früher waren. Es gibt allerdings mehr Gefährdungen, mehr Gelegenheiten zur Kriminalität und weniger Hilfen und Schutz durch die Einbindung in ein festes Sozialgefüge, insbesondere die Familie. Hinzu kommt, dass die Freiräume für Jugendliche vor allem in den Städten immer enger geworden sind.

Auch die "Ausländerkriminalität" beweist, wie Kriminalität durch gesellschaftliche Umstände gefördert werden kann. Zugewanderte Menschen sind nicht als solche krimineller. Sie sind aber zusätzlich zu dem Kulturkonflikt, in den zumindest die erste und zweite Generation geraten ist, oft erheblich gesellschaftlich benachteiligt. Aus kriminalpolitischer Sicht kann ihre Integration Kriminalität verringern. Wer sich mit der Gesellschaft identifiziert, wird mit geringerer Wahrscheinlichkeit Straftaten gegen sie begehen. Gesellschaftliche Veränderungen sind nicht im Gerichtssaal durch ein Strafurteil herbeizuführen. Die Strafjustiz kann aber ihren Teil dazu beitragen, indem Kriminalitätsursachen ernst genommen und Kriminalitätsgefährdungen mit Sanktionen nicht noch vergrößert werden. Dazu ist Verständnis erforderlich sowie die Vermeidung von unnötigen Stigmatisierungen. Kriminalität kann auch ein Seismograph für gesellschaftliche Missstände sein, die es zu beseitigen gilt. Bereits der Strafrechtsreformer Franz von Liszt (1851-1919, siehe auch S. 21) war der Ansicht, die beste Kriminalpolitik sei immer noch eine gute Sozialpolitik.

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