Dossierbild Kriminalität und Strafrecht
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Beispiele schwerer Formen der Kriminalität


27.4.2010
Wirtschaftskriminalität, Organisierte Kriminalität und Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung sind schwere Formen der Kriminalität. Prävention und Bekämpfung dieser Kriminalität sind auch eine gesellschaftliche Aufgabe.

In der Organisierten Kriminalität ist der Rauschgifthandel eine der häufigsten Straftaten.In der Organisierten Kriminalität ist der Rauschgifthandel eine der häufigsten Straftaten. (© picture-alliance/AP)

Wirtschaftskriminalität



Wirtschaftskriminalität umfasst die Palette der Delikte, mit denen das geltende Wirtschaftssystem für kriminelle Zwecke ausgenutzt wird. Hierzu gehören Wettbewerbskriminalität, wie beispielsweise Preisabsprachen, Straftaten im Bereich der Kreditwirtschaft und des Bankenwesens, Konkurs- und Bilanzstraftaten, Versicherungsmissbrauch sowie Steuer- und Subventionsdelikte, vor allem Betrug und Untreue im Wirtschaftsleben. Die vielfältigen Erscheinungsformen reichen von Computerkriminalität über Scheckbetrug und Kreditkartenmissbrauch bis hin zu Kartelldelikten. Im Weiteren gehört hierzu auch die Korruption.

Quellentext

Online-Kriminalität

Der Angriff kommt aus dem Netz und über größere Entfernung: Argentinien, Brasilien, China und Russland sind die Staaten, von denen aus die globale Internet-Mafia am häufigsten operiert. Zum Beispiel hat eine von Sankt Petersburg aus agierende Bande vor gut einem Jahr nahezu 25 Millionen Euro online erbeutet. Dazu "scannten" die russischen Datendiebe zirka 430 Internet-Knotenrechner in Deutschland, sie verfolgten zum Zweck der Ausspähung die über diese Relaisstationen des Internets laufenden Datenströme. Von Knotenrechner zu Knotenrechner werden nicht nur E-Mails weitergereicht, sondern über diese Rechner laufen auch sämtliche Verbindungen von Kontoinhabern zu den Rechnern ihres Geldinstituts.
Wenn ein Bankkunde auf sein Online-Konto zugreifen will, schickt der Webbrowser vom heimischen PC aus Daten an das Rechenzentrum des Geldinstituts. Dabei wird allerdings keine durchgehende Direktleitung zwischen dem Kunden-PC und dem Bank-Rechenzentrum aufgebaut. Vielmehr werden einzelne Datenpäckchen vom Kunden-PC an den Bank-Rechner geschickt. Und die landen zunächst auf dem für den Absender nächstgelegenen Internet-Knotenrechner. Der berechnet den schnellsten Weg durchs Netz zum Bankenrechner und schickt die Datenpäckchen weiter. Das geht blitzschnell und dauert zwischen wenigen Millisekunden und einigen Sekunden [...].
Der Bankenrechner führt dann die in den Datenpäckchen beschriebenen Anweisungen aus, veranlasst also beispielsweise die Umbuchung von 100 Euro als Überweisung auf ein anderes Konto. Und er schickt eine Antwort, etwa eine Zahlungsbestätigung, an den Kunden-PC zurück. Auf solche Datenpäckchen war die Diebesbande aus Sankt Petersburg aus. Da die Inhalte der Datenpäckchen beim Online-Banking verschlüsselt sind, konnten die Online-Gauner sie nicht direkt auslesen. Aber sie konnten ermitteln, von welchen PC aus Datenpäckchen an einen bestimmten Bankrechner geschickt wurden.
Mit diesem Wissen ausgestattet, bauten sie anschließend auf einem eigenen Rechner die Internetseiten des betreffenden Geldinstituts nach. Dann leiteten sie die Datenpäckchen der Bankkunden auf den von ihnen gefälschten Bankrechner um und ließen diese vertrauenserweckend aussehenden Seiten von den Bankkunden Zugangsberechtigungen, Passwörter und Transaktionsnummern (TANs) anfordern. Mit den so erbeuteten Daten meldeten sich die St. Petersburger dann unter der Identität der getäuschten Kunden bei dem echten Bankrechner an und überwiesen von den Kundenkonten Geld auf ein eigenes Konto in Südamerika.
"Man in the Middle" oder "Der dritte Mann" wird diese Methode des Datendiebstahls genannt. Inzwischen ist sie so verfeinert worden, dass sie auch bei indizierten TANs funktioniert und sogar dann, wenn ein eigener Zugangsrechner den Austausch von in Echtzeit ermittelten Zahlenkolonnen zur Authentifizierung verlangt. [...]
Etwa 30 000 sogenannte Schwachstellenanalytiker, auch Exploit-Forscher (von to exploit wie ausnutzen, nämlich die Schwachstelle eines Computersystems) genannt, untersuchen in aller Welt Betriebssysteme, Kommunikationsprotokolle oder Anwendungsprogramme nach Sicherheitslücken. Ihre Erkenntnisse verkaufen sie an Computerhersteller, Softwarehäuser, Geheimdienste und Regierungen. Und nicht alle Exploit-Forscher stehen auf der richtigen Seite des Gesetzes. Oftmals zahlt ein Softwarehaus für eine gefundene Schwachstelle 10 000 Dollar, ein Geheimdienst aber 15 000 und legt noch einmal 20 000 Dollar drauf, wenn gleich ein Angriffsprogramm mitgeliefert wird, das diese Schwachstelle ausnutzt. Die organisierte Kriminalität greift für gute Angriffsprogramme gern noch tiefer in die Tasche. Das lässt Programmierer schon mal schwach werden.
Betriebssysteme und Anwendungsprogramme weisen immer größere oder kleinere Fehler in der Programmierung auf. "Das ist bei komplexer Software unvermeidlich," meint der Bonner Informatik-Professor Hartmut Pohl, der sich seit Jahren intensiv mit der Exploit-Szene beschäftigt. Nur ein Teil dieser Fehler führt zu Sicherheitslücken. Die nutzt das (oder der) Exploit aus - eine Schadsoftware jeweils für eine ganz bestimmte Lücke. "Inzwischen gibt es regelrechte Auktions-Websites, auf denen Schwachstellenbeschreibungen samt Angriffsprogrammen an den Meistbietenden versteigert werden," hat Pohl recherchiert. [...]
Sicherheitslücken, die dokumentiert und veröffentlicht werden, können meist binnen weniger Stunden mit entsprechender Reparatursoftware geschlossen werden. [...] Deshalb tauschen sogar die ansonsten sehr geheimnistuerischen Hersteller von Schutzsoftware derartige Informationen aus und publizieren sie.
Aber es bedarf auch der Wachsamkeit des Computernutzers. Hätten die Empfänger der Ghost-Mails ihre Schutzprogramme so konfiguriert, dass Daten mit vertrauenswürdig klingender Absenderangabe nicht ungeprüft (und damit schneller) verarbeitet werden, hätten sie stets auch die Nutzdaten untersuchen lassen - Schaden wäre vermieden worden.
Umfassender Schutz aber kostet sehr viel Rechenzeit und bremst Personal Computer. Deshalb sind die Programme - die wie der Bewegungsmelder obendrein oft genug Fehlalarm geben - so unbeliebt. Zudem versprechen Hersteller von ziemlich simpel aufgebauter Schutzsoftware häufig einen viel höheren Absicherungsgrad, als ihn die eingesetzte Software erreichen kann. Beides lässt Computernutzer nachlässiger agieren, als ihnen gut tut. Genau damit wird den Angreifern aus dem Internet die Sache allzu leicht gemacht.

Peter Welchering, "Zwischen Bank und Kunde lauert der dritte Mann", in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 25. August 2009


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Bereiche der Organisierten KriminalitätBereiche der Organisierten Kriminalität
Kennzeichnend für Wirtschaftskriminalität ist ihre hohe Sozialschädlichkeit, insbesondere die durch sie verursachten materiellen und immateriellen Schäden. Die von den Staatsanwaltschaften ermittelte Schadenssumme lag im Zeitraum von 1974 bis 1985 im jährlichen Durchschnitt bei 4,5 Milliarden DM. Hierbei bleibt - wie allerdings auch bei anderen Straftaten - das große Dunkelfeld der nicht entdeckten Wirtschaftskriminalität noch ausgeblendet. Unter Berücksichtigung dieser nicht entdeckten Wirtschaftsdelikte wurde der jährliche Schaden auf über 50 Milliarden DM geschätzt, so das damals für die statistische Erfassung von der Bundesregierung beauftragte Freiburger Max-Planck-Institut. Andere gehen von weit größeren Schadenssummen aus, insbesondere auch infolge der steigenden Computerkriminalität. Allein im Steuerbereich werden Gesamtschäden bis 50 Milliarden Euro genannt. Augenfällig ist, dass zwar weitaus mehr Eigentumsdelikte begangen werden, die Wirtschaftskriminalität insgesamt aber weit höhere Schäden verursacht, wie der folgende Vergleich zeigt: Im Jahre 2008 wurden bundesweit 2 443 280 Diebstahlshandlungen (40,0 Prozent der Gesamtkriminalität) gezählt. Als Gesamtschadenssumme dieser Eigentumsdelikte wurde seitens der Polizei ein Betrag von 2,18 Milliarden Euro angegeben. Diese Schadenssumme (aller Diebstahlshandlungen) verblasst gegenüber den Schäden, die durch Wirtschaftskriminalität verursacht werden. Nicht zu vernachlässigen sind daneben die immateriellen Schäden, die in Nachahmungseffekten, Sog- und Fernwirkungen bestehen können sowie in einem Vertrauensverlust in die Funktionsfähigkeit der geltenden Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung.

Strafverfolgung und gesellschaftliche Prävention

Die Praxis der Strafverfolgung zeigt, dass für Wirtschaftsstraftäter nur ein relativ geringes Risiko besteht, strafrechtlich zur Verantwortung gezogen zu werden. Wenige werden gefasst, von denen noch weniger - ein Viertel der ermittelten Täter - verurteilt werden. Die Verfahrenseinstellungen überwiegen. Die Strafandrohung geht deshalb bei vielen ins Leere. Zudem entsteht ein Gerechtigkeitsgefälle zu der so genannten klassischen Kriminalität.

Die Gründe für die unzulängliche Strafverfolgung liegen in den Beweisschwierigkeiten: Komplizierte Normen bieten Schlupflöcher für "gewiefte" Straftäter; und viele Delikte laufen nach außen im Rahmen eines erlaubten Geschäftsverkehrs ab. Die Auswertung der Geschäftsunterlagen erfordert außerordentlich viel Zeit und Sachverstand. Hinzu kommen die Zuhilfenahme versierter Strafverteidiger - was das gute Recht jedes Beschuldigten ist - sowie eine Überlastung der Strafjustiz.

Allein oder auch nur primär kann die Strafjustiz Wirtschaftskriminalität nicht vereiteln - die Abwehr muss vorher ansetzen. Anstatt nur zu reagieren, müssen Aufklärung und Vorsorge betrieben werden. Hier sind alle gesellschaftlichen Kräfte gefordert einschließlich Verwaltung, Legislative, Wissenschaft und Medien. Bessere verwaltungsrechtliche Kontrollen, wie zum Beispiel bei der Ausfuhr von Industriematerial, das zum Kriegswaffeneinsatz nutzbar ist, könnten vorgreifend Verstöße gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz und das Außenwirtschaftsgesetz vermindern. Nicht nur immer kompliziertere Steuer- und Subventionsgesetze, die Schlupflöcher für Wirtschaftsstraftäter schaffen, sondern auch ein Subventionsabbau könnte zu einer Reduzierung von Subventionsbetrügereien führen.

Aufgabe der Wissenschaft ist es, kriminologische Ursachenanalysen zu erstellen und ein realistisches Bild von der Wirtschaftskriminalität sowie den Reaktionen der Justiz zu zeichnen. Wenn die Medien über diese wissenschaftlichen Erkenntnisse berichten und über Wirtschaftskriminalität und die durch sie verursachten Schäden sowie über Strafverfolgungsmaßnahmen informieren, können dadurch Straftäter in ihrer Selbstrechtfertigung verunsichert und kriminelle Gruppenauffassungen aufgebrochen werden. Auf diese Weise besteht die Möglichkeit, allgemeines Unrechtsbewusstsein für diese Art von Kriminalität zu stärken.

Schließlich ist die Gesamtgesellschaft gefordert. Wirtschaftsstraftäter sind sehr häufig in so genannten geordneten Verhältnissen aufgewachsen. Sie haben herkömmliche Erziehungsmethoden erlebt und entsprechen den gesellschaftlichen Leitbildern. Es gilt deshalb, nicht nur eine Wirtschaftsethik von anderen einzufordern, sondern diese im eigenen Lebensbereich zu praktizieren. Wer als Eltern und Erzieher pharisäerhaft Gemeinsinn predigt, im Alltag aber ohne Scheu das Gemeinwesen schädigt, zum Beispiel durch Steuerhinterziehung, darf sich nicht wundern, wenn Kinder und Jugendliche kein gefestigtes Rechtsbewusstsein entwickeln.




 

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