Dossierbild Afrika - Schwerpunktthemen
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Herausforderungen und Chancen für die Politik


18.9.2009
Afrika hat erst spät zu staatlicher Identität gefunden und ist nach wie vor stark von seiner kolonialen Vergangenheit beeinflusst. Schwache staatliche und zivilgesellschaftliche Institutionen und Verteilungskonflikte um wertvolle Ressourcen fördern gewaltsame Auseinandersetzungen sowie Flucht- und Auswanderungsbewegungen.

Kann Afrika sich eigenständig entwickeln - ohne Hilfe westlicher Ideologien?Kann Afrika sich eigenständig entwickeln - ohne Hilfe westlicher Ideologien? (© FAO/18296/P. Cenini)

Folgen kolonialer Grenzziehung



Ende des 19. Jahrhunderts legten die Europäer im Wettstreit um Kolonien in Afrika internationale Grenzen fest, die heute noch weitgehend Geltung haben. Innerhalb dieser Grenzen begannen sie, die von ihnen eroberten Gebiete in kolonialen Verwaltungsstaaten zu organisieren. Wo früher eine Vielzahl unterschiedlichster politischer Systeme nebeneinander existiert hatte, wurde der territoriale Verwaltungsstaat zum alleingültigen staatlichen Organisationsmodell. Die von den Kolonialherren vorgenommenen Grenzziehungen nahmen vielerorts keine Rücksicht auf historisch gewachsene Gegebenheiten. So gerieten große Teile des zum Kalifat Sokoto gehörenden Emirats Adamaua im heutigen Kamerun unter deutsche Herrschaft; dessen politisches Zentrum Yola hingegen wurde von den Engländern zu Nordnigeria geschlagen. Diese willkürlich gezogenen Grenzen werden nicht selten als eines der Grundübel in Afrika angesehen. Sie brachten Probleme mit sich, indem sie Freunde trennten und Feinde zwangsweise vereinigten. Die neuen Grenzen verteilten Großfamilien auf unterschiedliche europäische Verwaltungs- und Sprachgebiete, unterbrachen aber auch Handelsrouten, die Bevölkerungszentren verbunden und den Austausch etwa von Nahrungsmitteln ermöglicht hatten. Dennoch sollte die Bedeutung der Grenzen nicht überbewertet werden. Zumindest bis zum Zweiten Weltkrieg verfügten die kolonialen Staaten nicht über die Durchsetzungskraft, die Mobilität der Menschen zu begrenzen.

Erst in der Periode der Dekolonisierung wuchs der Stellenwert der Grenzen beträchtlich. Die Auseinandersetzungen um wertvolle Ressourcen und die Ausbildung politischer Klientelsysteme im Kampf um die Unabhängigkeit fanden innerhalb der politischen Staatsgrenzen statt - und diese wurden von den neuen nationalen Eliten nun verteidigt und zementiert. Den zumeist in Europa ausgebildeten Führungskräften der jungen afrikanischen Staaten war bewusst, welche Gefahren eine Revision der kolonialen Grenzen barg. Sie rechneten damit, dass es in einem solchen Fall - ähnlich wie im Europa des 19. Jahrhunderts - zu zahlreichen Kriegen kommen würde. Die neuen Staaten Afrikas versprachen sich daher, die Grenzen gegenseitig zu respektieren; dass diese Grenzen von Fremden willkürlich gezogen worden waren, oft vor der faktischen Eroberung und ohne Kenntnis der Gesellschaften, die beiderseits lebten, nahm man in Kauf. Diese Entscheidung wurde in den ersten Jahrzehnten der Unabhängigkeit in bemerkenswerter Weise durchgehalten. Der Ost-West-Konflikt, in dem die Groß- und Supermächte USA und Sowjetunion um Einflusszonen rivalisierten, trug wesentlich dazu bei, den territorialen Status Quo und damit die Grenzen in Afrika zu bewahren. In der Regel sind dort Grenzfragen bis heute eher Auslöser oder Vorwand zwischenstaatlicher Auseinandersetzungen, nie die eigentlichen Kriegsgründe. Nach dem Ende des Kalten Krieges nahmen gewaltsame Grenzkonflikte in Afrika zwar auffallend zu, Nigeria und Kamerun etwa stritten über mehrere Jahre zum Teil mit Waffen um die öl- und fischreiche Bakassi-Halbinsel, und auch der Grenzkrieg zwischen Eritrea und Äthiopien Ende der 1990er Jahre sorgte für Schlagzeilen. Allerdings sind viele afrikanische Staaten bereit, bei Grenzstreitigkeiten den Internationalen Gerichtshof in Den Haag anzurufen und sich dessen Rechtsprechung zu unterwerfen. Die in der Regel willkürlichen kolonialen Grenzen haben sicherlich politische und wirtschaftliche Probleme geschaffen und neue regionale Identitäten produziert. Doch weniger diese Grenzen, als vielmehr die Schwäche der postkolonialen Staaten ist die Hauptursache vieler der gegenwärtigen Konflikte südlich der Sahara.

Quellentext

Nation-Building

Auf den einst im Gefolge von Imperialismus und Kolonialismus aufgestiegenen "Exportschlager Nationalstaat" (so der Historiker Wolfgang Reinhard) wirken Kräfte von innen ("Tribalismus" = "Stammesbewusstsein" - siehe S. 35 f.) wie von außen (Globalisierung), die offenbar für eine Erosion staatlicher Strukturen sorgen. Eine Reihe afrikanischer Länder wie Somalia oder die Demokratische Republik Kongo firmieren inzwischen als klassische Beispiele für "Staatszerfall". Der englische Publizist und Historiker Basil Davidson, der einst den Freiheitskampf der Afrikaner mit Engagement und Sympathie begleitet hatte, bezeichnete den Nationalstaat gar in ironischer Abwandlung einer zentralen Metapher des imperialistischen Diskurses als "Bürde des schwarzen Mannes".
Die Zerbrechlichkeit afrikanischer Staaten wird häufig darauf zurückgeführt, dass sie "künstlich geschaffen" worden seien; denn die nationale Unabhängigkeit in Afrika war in der Regel ja nicht das Resultat oder die Folge eines Bewusstseins nationaler Identität und Einheit, sondern ging diesem voraus. In Ermangelung von Gemeinsamkeiten wie Sprache oder Religion beauftragten die jungen Nationen zunächst die Historiker, eine nationale Identität zu definieren sowie ein nationales Bewusstsein zu schaffen.
Zum Zeitpunkt der Unabhängigkeit war der unitarische, die Zentralgewalt stärkende Nationalstaat das Bezugsmodell nicht nur der Modernisierungstheoretiker, sondern auch der Sozialisten. Frantz Fanon, der radikale Theoretiker einer antikolonialen Revolution, sprach gar davon, es sei notwendig, alle Regionalismen und Tribalismen zu "liquidieren", sonst müsse die Einheit des Volkes eine Schimäre, ein Trugbild, bleiben. Skepsis, Kritik oder gar Widerstand gegen die Politik der Regierung galten den Herrschenden als Gefährdung der ohnehin noch fragilen nationalen Einheit und des gesellschaftlichen Fortschritts. So wurden Gewerkschaften und Oppositionsparteien bald eingehegt oder gar verboten. Die Existenz von Ethnizität bedrohte in dieser Perspektive den gesamten Entwicklungsprozess. "Damit die Nation leben kann, muss der Stamm sterben", fasste Samora Machel, der langjährige Führer der antikolonialen Befreiungsbewegung Frelimo und spätere Staatspräsident Mosambiks (1975 bis 1986), diese Haltung prägnant zusammen. Doch während die afrikanischen Politiker einerseits das Stammesdenken ablehnten und rituell die Überwindung des Tribalismus forderten, zögerten sie andererseits nicht, an "Stammesgefühle" zu appellieren bzw. ethnische Solidarität zu fordern, wenn es ihren eigenen Zielen dienlich war. Schon die Kolonialherren hatten es während der Dekolonisationsperiode geduldet oder sogar gefördert, dass ethnische Gegensätze im Kampf um Ämter und politische Macht aktiviert (und neu interpretiert) wurden.
Den afrikanischen Eliten des nachkolonialen Afrika gelang es in der Regel nicht, den Nationalstaat durch Leistung, Entwicklung und politische Teilhabe zu legitimieren. Doch selbst wenn mangelnde Legitimität und das Ausbleiben von staatlichen Wohlfahrtsleistungen partikulare Identitäten und Loyalitäten immer wieder bestärken, hat sich der Staat als politischer Bezugsrahmen behaupten können. Es ist nicht unzureichendes Nationalgefühl, das die Anfälligkeit afrikanischer Staaten verursacht. Vielmehr erschweren deren defizitäre Steuerungs- und Regelungskapazitäten die Entfaltung nationaler Identitäten. Ganz verhindert haben sie sie jedoch nicht. In zahlreichen Staaten Afrikas haben sich in den letzten Dekaden deutlich nationale (Alltags-)Kulturen herausgebildet, die sich nicht nur bei Sportereignissen und im kulinarischen Bereich offenbaren.

Andreas Eckert



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