Dossierbild Afrika – Länder und Regionen
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Westafrika: Ressourcenreichtum und Verteilungskonflikte


27.5.2009
Die Spaltungen in Nord und Süd sowie in englisch- und französischsprachige Länder sind Charakteristika Westafrikas. Bis ins 19. Jahrhundert war es Zentrum des Sklavenhandels, heute sorgt sein Ressourcenreichtum für innerstaatliche Verteilungskonflikte.

Hunderte von Autos stehen im Stau.In Lagos, der größten Stadt Nigerias, herrscht ein Verkehrschaos. (© AP)

Einleitung



Von Daniel Lambach

Westafrika besteht aus 16 Staaten: Benin, Burkina Faso, Côte d'Ivoire (Elfenbeinküste), Gambia, Ghana, Guinea, Guinea-Bissau, Kapverdische Inseln, Liberia, Mali, Mauretanien (siehe 17 f.), Niger, Nigeria, Senegal, Sierra Leone und Togo. Die Region wird im Norden durch die islamisch geprägten Maghreb-Staaten begrenzt, im Westen und Süden durch den Atlantischen Ozean und im Osten durch die zentralafrikanischen Staaten Tschad und Kamerun. In Westafrika leben über 260 Millionen Menschen auf einer Fläche von rund 6,1 Millionen Quadratkilometern. (Zum Vergleich: In der EU leben über 490 Millionen Menschen auf rund 4,3 Millionen Quadratkilometern.) Westafrika weist eine bemerkenswerte ethnische und kulturelle Vielfalt auf: Nach manchen Schätzungen beherbergt es über 500 ethnische Gruppen, die eine große Zahl von Sprachen sprechen und die verschiedensten Religionen praktizieren.

WestafrikaWestafrika
Diese Diversität ist das Produkt des einzigartigen Zusammenspiels von Geographie und Geschichte in Westafrika. Die Geographie der Region ist durch einen Nord-Süd-Gegensatz gekennzeichnet: Im Norden liegt die Sahara, die sich im Westen fast bis zur Atlantikküste erstreckt. Daran grenzt zunächst die trockene Halbwüste der Sahelzone an, danach folgt das Grasland der Savanne. Schließlich wachsen entlang der Küste des Golfs von Guinea zunehmend feuchter werdende Tropenwälder. In der Savannenregion entspringen viele Flüsse, die alle relativ direkt in Richtung des Meeres fließen. Die einzige Ausnahme bildet der Niger, der drittlängste Fluss Afrikas, der in Guinea entspringt und zunächst lange ostwärts fließt, ehe er in Nigeria in den Atlantik mündet.

Die geographischen Zonen bestimmten lange Zeit die Lebensweise der dortigen Völker. Die dünn besiedelte Sahara wurde lediglich von kleinen Nomadenstämmen der Berber und der Tuareg bewohnt, während sich in der Sahelzone verschiedene, oft halbnomadische Völker entwickelten, die ihr Überleben durch Viehwirtschaft sicherten. In der fruchtbareren Savanne siedelten sich Ackerbauern an, während sich in den Wäldern zumeist segmentäre Gesellschaften herausbildeten, das heißt Dorfgemeinschaften, die weitgehend autonom über ihr eigenes Schicksal bestimmten.

Quellentext

Landwirtschaft in Burkina Faso

Achtzig Prozent der Bevölkerung des westafrikanischen Staates lebt auf dem Land. Die meisten dieser Menschen betreiben Subsistenz-Landwirtschaft. Sie bauen Hirse, Mais und etwas Gemüse an, halten einige Hühner oder Ziegen. Fast alles ihrer Produktion verbrauchen sie selbst - in trockenen Jahren reicht die eigene Ernte aber häufig nicht aus. Mehr als drei Hektar kann eine Familie in Burkina Faso nicht bebauen, und so viel auch nur, wenn die Kinder mithelfen. Hauptwerkzeug auf dem Feld ist die traditionelle Hacke "Daba". Immer wieder werden so genannte Cash Crops als Heilsbringer angepriesen. Die Feldfrüchte für den Export sollen den Bauern Geld bringen. Damit können sie Nahrungsmittel zukaufen, das Schulgeld für die Kinder bezahlen oder ihre Landwirtschaft modernisieren. So weit die Theorie. Burkina Faso hat in den vergangenen Jahren intensiv den Anbau von Baumwolle für den Export gefördert. Zwei Drittel der Exporterlöse erzielt das Land mit Baumwolle. Doch die Konkurrenz der subventionierten Baumwolle aus den USA, aber auch der von riesigen Feldern in Zentralasien und China ist übermächtig. [...]
Die Schwierigkeiten sind vielfältig. Nur ein Viertel der Bevölkerung kann lesen und schreiben. Die Infrastruktur auf dem Land ist völlig unzureichend. Burkina Faso verfügt als Binnenland über keinen Meerhafen. Exportgüter müssen über die einzige vorhandene Bahnlinie oder per LKW über schlechte und unsichere Straßen nach Ghana oder an die Elfenbeinküste transportiert werden.
Neben Baumwolle bieten auch Cashewnüsse, Sesam und Karitébutter den Bauern in Burkina Faso Einkommensmöglichkeiten. [...] Die Produktion von Karitébutter in den Dörfern von Burkina Faso geht über Stunden und Tage. Schon immer war das Sache der Frauen. Im Juni und Juli gehen sie mit Kalebassen und Plastikschüsseln zwischen den wild wachsenden Karité-Bäumen umher und sammeln die grünen, weichen Früchte vom Boden. Zunächst befreien sie die Früchte von ihrem weißen Fleisch. [...] Dann erhitzen die Frauen die ölhaltigen Kerne, um sie anschließend zu stampfen und zu mahlen. Mit Wasser rühren sie dieses Pulver zu einer braunen Paste, die aufgekocht wird. Nach dem Erkalten kneten die Frauen die Paste so lange, bis sie flockig und weiß ist. Farbpigmente und Bitterstoffe werden so heraus gewaschen. Über dem Holzfeuer kochen die Frauen dann daraus gelbes Öl. Nach dem Filtern erkaltet das Öl zu Butter.
Diese leicht körnige, weiße Butter, auch Sheabutter genannt, nutzen sie als Creme. Auch Seife lässt sich aus der Karitébutter herstellen. In den letzten Jahren wird Karité deshalb zunehmend auch von der internationalen Kosmetikindustrie nachgefragt. Eine Chance für die Frauen in Burkina Faso. So können sie ihre Produkte aus der ölhaltigen Nuss nicht nur auf den lokalen Märkten verkaufen und zum Teil den doppelten Preis erzielen.
Ein Zusatzeinkommen können die Frauen und ihre Familien dringend brauchen. Burkina Faso ist eines der ärmsten Länder der Welt. [...] Der Norden des Landes liegt im Bereich der Sahelzone. Immer wieder leidet es unter Trocken- und Dürreperioden. Die sich ausbreitende Sahara treibt die Bevölkerung dieser Region in die Städte und in den Süden von Burkina Faso. Dort wächst der Druck auf die Ressourcen. Im relativ fruchtbaren Süden fällt zwar mit 1000 Millimetern pro Jahr fast genauso viel Regen wie in Mitteleuropa. Doch der kommt innerhalb von nur zwei bis drei Monaten an wenigen Tagen übers Land, prasselt aus bedrohlichen Wolkentürmen nieder und wäscht nicht selten die dünne Humussicht von den kargen Böden. Wenn er denn kommt.
"Bleibt der Regen aus, klopft schnell der Hunger an die Tür." Mariam Idogo [...] baut gemeinsam mit ihrem Mann in ihrem Heimatdorf Guiaro Mais, Hirse und etwas Gemüse an. Das Meiste davon verbrauchen die beiden und ihre vier Kinder selbst. Doch in den Sommermonaten leert sich der Vorratsspeicher. Die neue Ernte ist noch nicht eingebracht, und Mariam Idogo muss Lebensmittel auf dem Markt in Po kaufen. Das Geld dafür verdient sie durch die Herstellung von etwa einhundert Kilogramm Karitébutter. Auf dem Markt bekommt sie dafür umgerechnet knapp achtzig Euro. Das ist der Gegenwert von gerade einmal zwei 20-Kilogramm-Säcken Reis. "Im letzten Jahr haben sich die Preise für Lebensmittel auf dem Markt verdoppelt." Mariam Idogo hat fast alles für Lebensmittel ausgeben müssen. Wenn sie und die anderen Frauen für ihre Karitébutter auf dem internationalen Markt bessere Preise erzielen, bleibt der Hunger dauerhaft vor der Tür. Und vielleicht reicht der Verdienst dann auch für die Schulbildung der Kinder.
Doch Abnehmer in Kanada, den USA und Europa kaufen am liebsten die ganzen Nüsse. So können sie die Preise unter Kontrolle halten und ihre Qualitätsstandards bei der Herstellung der Butter realisieren. In Burkina Faso versuchen deshalb Hilfsorganisationen, die Frauen bei der Herstellung und Vermarktung ihrer Karitébutter zu unterstützen. So soll ein möglichst großer Teil der Wertschöpfung aus der Karitébutter bei den Frauen gehalten werden. [...]

Klaus Sieg, agenda


Im 8. Jahrhundert kam Westafrika erstmals durch die von Berbern betriebenen transsaharischen Handelsverbindungen in Kontakt mit dem Islam, der unter den Hausa und Mande bald erste lokale Anhänger fand. Bis zum 14. Jahrhundert waren auch viele der weiter südlich gelegenen Reiche von zum Islam konvertierten Königen beherrscht; unter den Waldvölkern konnte sich diese Religion jedoch nicht etablieren. Daher weisen viele westafrikanische Gesellschaften bis heute eine charakteristische Nord-Süd-Spaltung auf: Während im trockenen Norden die Nachkommen islamischer Viehhirten leben, stammen die Bewohner des feuchteren Südens von animistischen (Animismus = Glaube an seelische Mächte, an Geister in menschlicher Gestalt) und christianisierten Ackerbauern und Waldbewohnern ab.

Die unterschiedlichen klimatischen Bedingungen und die daraus resultierenden Sozialstrukturen bestimmten auch die Möglichkeiten zur Herausbildung politischer Herrschaftsformen. Daher ist es kein Zufall, dass unter den sesshaften Bauern der Savanne eine Reihe von lokalen Königreichen entstanden. Immer wieder gelang es einzelnen Herrschern, ihre Nachbarn unter ihre Kontrolle zu bringen. Das erste große Reich dieser Art war Ghana, das vom 8. bis 12. Jahrhundert im heutigen Mali bestand und das nach Auskunft arabischer Geschichtsschreiber über einen gewaltigen Goldreichtum verfügt haben soll. Seine Macht schwand, als es nach einem Konflikt mit den islamischen Almoraviden (einem berberischen Fürstengeschlecht, das im 11. und 12. Jahrhundert Nordwestafrika und Teile von Spanien beherrschte) seinen Zugang zu den Handelsrouten nach Nordafrika verlor.

Auf Ghana folgte das Imperium von Mali, das vom 13. bis 14. Jahrhundert die Vormachtstellung in Westafrika innehatte. Mali war deutlich größer als Ghana und beherrschte den gesamten Oberlauf des Nigerflusses sowie die Küstenregion des heutigen Senegal. Mali wurde durch eine islamische Dynastie regiert, das Imperium zerbrach jedoch schließlich an internen Machtkämpfen. Sein Nachfolger wurde das Reich von Songhay, das um die Stadt Gao am Ostrand Malis entstand. Songhay erlebte eine Blütezeit in der Mitte des 15. Jahrhunderts, wurde aber 1591 durch marokkanische Armeen erobert.

Die Geschichte Westafrikas ist geprägt durch den Sklavenhandel, der jedoch nicht erst mit dem Eintreffen der Europäer begann. Vielmehr war bereits der Reichtum der Königtümer von Ghana, Mali und Songhay ebenso wie vieler kleinerer Reiche auf der Arbeit von Sklaven begründet, die in den Minen und auf den Feldern eingesetzt wurden. Gleichzeitig stellten Sklaven - neben Gold - das einzige Gut dar, dessen Wert groß genug war, um die aufwändigen Karawanen nach Nordafrika zu rechtfertigen. Mit dem Eintreffen der Europäer nahm der Umfang des Sklavenhandels massiv zu. Erwarben europäische Händler zwischen 1450 und 1500 rund 600 Menschen pro Jahr, war diese Zahl bis 1650 bereits auf jährlich rund 4000 Personen angestiegen. Der hohe Arbeitskräftebedarf in den amerikanischen Kolonien ließ die Nachfrage in der Folgezeit explodieren; um 1780 wurden jedes Jahr rund 50 000 Sklaven über den Atlantik verschifft. Ein Ende fand diese Entwicklung erst Anfang bis Mitte des 19. Jahrhunderts, nachdem zunächst Großbritannien und die USA, später auch Frankreich den Überseehandel mit Sklaven (nicht aber deren Besitz) verboten. In dieser Zeit entstanden auch erste Siedlungen befreiter Sklaven an den westafrikanischen Küsten wie zum Beispiel Freetown und Monrovia, die heutigen Hauptstädte von Sierra Leone und Liberia.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts veränderte sich auch die Natur der europäischen Präsenz in Afrika. Seit dem 15. Jahrhundert hatten sich die europäischen Seefahrernationen zumeist auf den Bau von Handelsposten an der Küste beschränkt, eine über diese Siedlungen hinausgehende Herrschaft erschien den Regierungen dagegen unwirtschaftlich. Technologische Fortschritte (die Erfindung der Telegraphie, der Eisenbahn, des Repetiergewehrs sowie die Entdeckung des Malariamittels Chinin) und eine Verschiebung der europäischen Mächtebalance in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts machten es für europäische Mächte sowohl möglich als auch attraktiv, ihre Territorialherrschaft in Afrika auszudehnen. Sie einigten sich auf der Berliner Konferenz (1884/1885) auf die Aufteilung des afrikanischen Kontinents.

Die Herrschaft in den dadurch begründeten Kolonialstaaten war gleichzeitig oberflächlich und brutal. Die Kolonien dienten den expandierenden Industrien Europas als Rohstofflieferanten, wobei die entsprechenden Primärgüter in Minen und Plantagen in einer an Sklaverei grenzenden Arbeitsweise gewonnen wurden. Die Kolonialherren errichteten nur ein Mindestmaß an staatlichen Institutionen und verließen sich stattdessen oft auf einheimische Mittelsmänner, wie es das britische Motto der indirect rule verdeutlicht.

In Westafrika gab es zwei größere Kolonialmächte: Frankreich und Großbritannien. Portugal verfügte mit Guinea-Bissau und den Kapverdischen Inseln lediglich über sehr kleine Besitzungen, und die deutsche Kolonie Togo war nach dem Ersten Weltkrieg vom Völkerbund unter französische Kontrolle gegeben worden. Als in London und Paris Ende der 1950er Jahre die Erkenntnis reifte, dass man sich die Kolonialimperien weder wirtschaftlich noch politisch länger würde leisten können, wurde dies von den nach Unabhängigkeit strebenden afrikanischen Eliten begrüßt. Zu diesen gehörten Ärzte, Lehrer und Intellektuelle, die oft zuvor in Frankreich und England studiert hatten und nun an der Spitze afrikanischer Bewegungen wie zum Beispiel dem in vielen französischen Kolonien aktiven, panafrikanistisch orientierten Rassemblement Démocratique Africain (RDA) standen.

Jenseits der Forderungen nach Unabhängigkeit gingen die politischen Programme dieser Eliten jedoch weit auseinander. Auf der einen Seite gab es charismatische Revolutionäre wie Kwame Nkrumah in Ghana und Sékou Touré in Guinea, die den radikalen Bruch mit der kolonialen Vergangenheit anstrebten, die Einheit der Afrikaner betonten und eine konsequente Blockfreiheit forderten. Ihnen gegenüber standen konservative Staatschefs wie Félix Houphouët-Boigny (Elfenbeinküste), die angesichts der hohen wirtschaftlichen Abhängigkeit der postkolonialen Staaten von ihren früheren Kolonialmächten für eine kooperative und vorsichtige Politik eintraten. Viele der Revolutionäre entwickelten an den Sozialismus angelehnte Herrschaftsmodelle, der radikale Panafrikanismus war jedoch nach Nkrumahs Sturz durch einen Militärputsch des prowestlichen National Liberation Council 1966 weitgehend passé.

Quellentext

Schwieriges Erbe

[...] Rückblickend ist die Dekolonisation Afrikas geradezu rasant verlaufen. Nach 1945 resignierten die Kolonialmächte in Asien angesichts der massiven nationalen Bewegungen zwar recht schnell. Doch in London und Paris dachte zunächst niemand an eine Aufgabe der afrikanischen Kolonien - im Gegenteil! Dort fand so etwas wie eine "zweite koloniale Besetzung" statt. Frankreich wie Großbritannien favorisierten südlich der Sahara einen mit größeren Investitionen verbundenen "Entwicklungskolonialismus", der den Metropolen direkten Nutzen und den Afrikanern die für die Unabhängigkeit vermeintlich nötige "Reife" bescheren sollte. Wellen von Experten wurden nach Afrika entsandt, um den Bauern neue Wege des Anbaus zu weisen und den Arbeitern neue Formen der Arbeit nahezulegen. Ein bisschen Demokratie einzuüben war Teil des Programms.
Die neuen afrikanischen Politiker, die sich in der Regel aus der kleinen Schar gut ausgebildeter Stadtbewohner zusammensetzten, verstanden sich indes als Bürger und wollten nicht länger Eingeborene sein. Nkrumah, Julius Nyerere, Sekou Toure und andere nationalistische Politiker verlangten nun politische Mitsprache. [...]
Die neue Generation afrikanischer Politiker hatte [...] rasch gelernt, das Spiel der parlamentarischen Demokratie zu spielen und die neuen Strukturen zu einer stetigen Ausdehnung der eigenen Machtbasis zu nutzen. Es gelang ihnen, die politische Initiative zu ergreifen und den Gang der Ereignisse zu bestimmen. Beschleunigt wurde der Prozess dadurch, dass sich die USA und die Sowjetunion auf internationalem Parkett als antikoloniale Kräfte gerierten.
Parallel verlor die koloniale Entwicklungsinitiative rasch ihren Reformeifer. Die Verwaltungs- und Wirtschaftskreise in Paris und London waren Mitte der fünfziger Jahre überzeugt: Afrika würde für die Ökonomien in Europa und der Welt nur mehr eine marginale Rolle spielen. Die hohen Kosten, die etwa mit der Schaffung von Wohlfahrtsstaaten nach europäischem Muster verbunden waren und noch sein würden, erschienen den Europäern immer mehr als Fehlinvestition. [...] Infrastrukturmaßnahmen und Sozialprogramme in Afrika wurden zurückgenommen oder verschleppt. Am Ende übernahmen die Afrikaner das Projekt "Entwicklung" zusammen mit dem von den Kolonialherren aufgebauten Staatsapparat. [...]
Zum Zeitpunkt der Unabhängigkeit glaubten die Führer dieser Jahre in der Position zu sein, das jeweils beste von Europa und Afrika auswählen zu können. Doch sie wurden Opfer ihres schnellen Erfolges. Sie konzipierten, Gefangene des zeittypischen Machbarkeitswahns, ihre jungen Staaten als Sozialstaat mit Interventionskompetenz, sahen sich aber zugleich mit dem Erbe eines schwachen und autoritären Staates konfrontiert. Angesichts der großen Lücke zwischen Wollen und Können und aus Schwäche heraus suchten sie ihr Heil in autoritären Lösungen. [...]
Die jungen Staaten mussten neben der Regierungsverantwortung das Scheitern kolonialer Entwicklungsprogramme mit übernehmen. Sie erbten eine enge, exportorientierte Infrastruktur und begrenzte Märkte für Produzenten von Rohstoffen. Aber sie mussten nun den Preis für eine immer schwerfälligere Verwaltungsstruktur zahlen, die im Zuge des spätkolonialen Entwicklungsenthusiasmus etabliert worden war. Vor allem mussten die Regierenden mit den wachsenden Erwartungen der Bevölkerung umgehen, die nun hoffte, dass der Staat endlich ihnen gehöre.
[...] Die afrikanischen Eliten hatten aufgrund ihrer Erfahrungen mit der Mobilisierung gegen den kolonialen Staat meist ein untrügliches Gespür dafür bekommen, wie prekär die Macht war, die sie geerbt hatten. Der bestenfalls gemischte Erfolg kolonialer und nachkolonialer Entwicklungsanstrengungen erweckte in ihnen wenig Hoffnungen, dass die wirtschaftliche Entwicklung ausreichend Wohlstand generieren würde, um ihnen politischen Kredit zu verschaffen, und auch zu wenig einheimisches Wachstum, um genügend Steuern abzuwerfen. So besannen sie sich auf die Strategie, die bereits die Regierenden der Kolonialstaaten praktiziert hatten: Begrenzte, von den Herrschenden kontrollierte Aufstiegsmöglichkeiten und die Einengung von Spielräumen schienen das beste Mittel gegen eine potentielle Opposition. [...]

Andreas Eckert, "Der Dominoeffekt", in: Süddeutsche Zeitung vom 6. März 2007


Außerdem trat eine zweite Konfliktlinie hervor: die Spaltung Westafrikas in anglophone und frankophone Länder. Insbesondere Frankreich unterhielt auch nach der Dekolonisierung weiterhin sehr enge politische und wirtschaftliche Verbindungen zu seinen ehemaligen Kolonien. In den 1960er Jahren intervenierten französische Truppen achtmal in West- und Zentralafrika, um freundlich gesonnene Regierungen zu stützen. Doch auch Großbritannien spielte seine Verbindungen aus, um sich in der bipolaren Weltordnung des Kalten Krieges eine eigene Einflusssphäre zu erhalten.

In Westafrika entbrannte aus diesen gegenläufigen Interessen ein Konflikt um die regionale Vormachtstellung, wobei Nigeria und die Elfenbeinküste die wichtigsten Protagonisten waren. Während des Sezessionskonflikts um die nigerianische Provinz Biafra (1967 bis 1970) sah Frankreich eine Chance, die dominante Macht Nigeria zu schwächen und unterstützte die Separatisten über die Elfenbeinküste und Gabun mit Waffen, Söldnern und Geld. Nachdem jedoch die anderen Staaten Biafra die Anerkennung verweigerten, konnte sich die nigerianische Regierung erst intern und später, getragen von der weltweiten Nachfrage nach Öl, auch in der Region durchsetzen.

Um seine dominante Position abzusichern, betrieb Nigeria ein Projekt regionaler Wirtschaftsintegration, das 1975 in der Gründung der Economic Community of West African States (ECOWAS) mündete. Da sich schnell herausstellte, dass die auf den Rohstoff-Export ausgerichteten Mitgliedsländer wirtschaftlich nur wenig von einer Integration profitierten, verwandelte sich ECOWAS bald von einer wirtschaftlichen Organisation in ein politisches Forum, in dem aktuelle diplomatische Fragen besprochen werden konnten. In den 1980er Jahren erhielt ECOWAS überdies durch ein Sicherheitsabkommen eine weitere Dimension, die durch den ersten liberianischen Bürgerkrieg (1989 bis 1996) eine besondere Relevanz erlangte.

Im Umfeld dieses Bürgerkrieges traten die beiden regionalen Konfliktlinien wieder deutlicher hervor. In den 1980er Jahren wurde Liberia durch eine Militärjunta unter der Führung von Samuel Doe regiert, der gute Beziehungen zu den USA und zu Nigeria unterhielt; deshalb wurde er sowohl von Revolutionären wie Blaise Compaoré (Burkina Faso) und Muammar al Gaddafi (Libyen) als auch von dem selbst ernannten Anführer der westafrikanischen Frankophonie, Félix Houphouët-Boigny (Elfenbeinküste), abgelehnt. Diese drei Staatschefs unterstützten stattdessen die Rebellen der National Patriotic Front of Liberia (NPFL) unter der Führung von Charles Taylor, die ab 1989 für den Sturz Does kämpften. Bereits Mitte 1990 schien die Machtübernahme der NPFL unmittelbar bevorzustehen, ehe die ECOWAS unter dem Druck Nigerias eine Interventionstruppe nach Liberia entsandte, die Taylors Vormarsch auf die Hauptstadt in letzter Minute stoppen konnte. Daraus entwickelte sich ein Stellungskrieg, der einige Jahre andauerte und auf mehrere angrenzende Länder übergriff.

Mit der Zeit wurde jedoch deutlich, dass die internationalen Allianzen weniger durch strukturelle Faktoren als vielmehr durch die darin verbundenen Personen bestimmt wurden. Beispielsweise beendete der heutige Präsident der Elfenbeinküste, Laurent Gbagbo - ein langjähriger Konkurrent des Houphouët-Boigny-Lagers - die Unterstützung für Taylor, der 1997 das Präsidentenamt Liberias übernommen hatte. In der Folge breitete sich der im Jahr 2000 neu entbrannte liberianische Bürgerkrieg auch in die Elfenbeinküste aus, wo es ab 2002 zu unter anderem von Compaoré und Taylor unterstützten Rebellionen kam.

Die Vertreibung Taylors aus seinem Amt im Jahr 2003 beendete vorerst die Bürgerkriege in der Region - mit Ausnahme des Konflikts in der Elfenbeinküste, der bis heute nicht vollständig gelöst ist, sowie verschiedener lokaler Konflikte in Nigeria. Seither haben viele Regierungen angesichts eines guten weltwirtschaftlichen Klimas eine deutliche Friedensdividende einfahren können. Dennoch bleibt die gesamte Region latent instabil: Nigeria und die Elfenbeinküste, die beiden größten Staaten der Region, leiden unter internen Spaltungen und schlechter Regierungsführung. In Guinea herrscht nach dem Tod des langjährigen, autokratisch regierenden Präsidenten Lansana Conté und einem Putsch seit dem 25. Dezember 2008 eine Militärjunta, die für 2010 reguläre Wahlen ankündigte. Obwohl Militärputsche heute wesentlich seltener sind als noch während ihrer Hochphase in den 1970er und 1980er Jahren, stellen sie weiterhin eine ständige Bedrohung dar, wie auch der Putsch in Mauretanien im Sommer 2008 gezeigt hat. Nicht zuletzt leidet die gesamte Region unter massiven Entwicklungsproblemen, die noch für Jahrzehnte eine nachhaltige Stabilisierung der politischen Lage erschweren werden.




 

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