Dossierbild Afrika – Länder und Regionen

27.5.2009 | Von:
Heinrich Bergstresser
Gero Erdmann
Sven Grimm
Daniel Lambach
Dunja Speiser

Westafrika: Ressourcenreichtum und Verteilungskonflikte

Nigeria

Von Heinrich Bergstresser

Der westafrikanische Staat Nigeria hebt sich strukturell in vielerlei Hinsicht von allen anderen afrikanischen Staaten ab. Denn in dem nur mittelgroßen Land (923 800 Quadratkilometer) lebten nach dem letzten Zensus von 2006 mehr als 140 Millionen Menschen, das heißt, jeder fünfte oder sechste Afrikaner ist Nigerianer, und Nigerianer bilden mit Abstand die größte afrikanische Diaspora in Übersee. Doch es ist nicht nur das bevölkerungsreichste Land des Kontinents, sondern bietet auf geographisch überschaubarem Raum mit annähernd 400 Sprachen und Ethnien gleichzeitig die größte kulturelle Heterogenität, wobei allein die drei Mehrheitsvölker, die Hausa-Fulani, Igbo und Yoruba, etwa die Hälfte der Gesamtbevölkerung stellen. Drei der vier Sprachstämme und ein Viertel aller Sprachen Afrikas sind in Nigeria vertreten, hier leben zugleich weltweit die größte Anzahl von Christen und Muslimen in einem Staatsgebiet zusammen, und praktizierte Religiosität ist bei mindestens 90 Prozent der Gesellschaft fester Bestandteil des Alltags.

Ein seit Jahrzehnten rasant anhaltendes Bevölkerungswachstum von bis zu drei Prozent ließ die Bevölkerungszahl allein seit 1991 um mehr als 50 Millionen ansteigen, und trotz einer leichten Abflachung der demographischen Wachstumskurve wird bereits in wenigen Jahren die Zahl von 170 Millionen Menschen überschritten sein. Diese enormen Steigerungsraten spiegeln sich im aktuellen Urbanisierungsgrad von 50 Prozent - Tendenz steigend - und einem 44-prozentigen Anteil Jugendlicher unter 15 Jahren an der Gesamtbevölkerung wider. Allein in den beiden bevölkerungsreichsten Bundesstaaten Lagos im Süden und Kano im hohen Norden leben jeweils neun Millionen Menschen und in jedem weiteren Bundesstaat, einschließlich des Bundesterritoriums Abuja, zwischen 1,4 und sechs Millionen. Und in allen 36 Bundesstaaten gibt es eine Vielzahl von Klein- und Mittelstädten, wobei die Hauptstädte in der Regel Populationen von hunderttausend Einwohnern und mehr aufweisen.

Quellentext

Filmland Nigeria

In dem kleinen Krankenhaus außerhalb der Stadt Asaba im Niger Delta wälzen vier Frauen dicke Bücher. "Finanzabgleich", sagt eine korpulente Dame in giftgrünem Kleid. "Wir machen unsere Monatsabrechung und wie immer fehlt Geld." Und man wäre wenig überrascht, würde nicht gerade in einer anderen Ecke eine Szene mit der nigerianischen Variante von Julia Roberts gedreht. Kate Henshaw, eine schöne, grazile Frau mit starker dunkler Stimme und schallendem Lachen. "Und? Haben Sie gute oder schlechte Nachrichten?", fragt sie mit großen Augen eine schneeweiß gekleidete Krankenschwester. Eine kleine Digitalkamera läuft. Der Kameramann dreht ohne Stativ. [...] Tchidi Chikere, der Regisseur, redet nun auf die Krankenschwester ein. "Will er ihr Grammatik beibringen?", brummelt die Krankenhauschefin im giftgrünen Kleid. "Hoffentlich sind die bald fertig." Spricht's und widmet sich wieder ihren Finanzen, ganz nach dem Motto: Sollen die doch hier Hollywood proben, ich habe wirklich Wichtigeres zu tun.

Es ist diese gesunde Koexistenz zwischen Stars und normalem Leben, die Nigerias Filmindustrie auszeichnet. 2000 Filme werden hier jedes Jahr gedreht, 200 Millionen Euro umgesetzt, mit Geschichten ganz nah am Menschen. So hat sich die drittgrößte Filmindustrie der Welt nach Hollywood und Bollywood in Indien den Namen Nollywood verdient. Kino allerdings ist in Nigeria kein Thema. DVDs für den Heimgebrauch gelten als Kult. Die Budgets sind winzig, im Schnitt 10 000 Euro pro Film. Digitale Technik macht es möglich. 500 000 Kopien eines Films landen auf dem Markt. Jede Woche gibt es etwa zehn Neuerscheinungen. Die moderne Technik ist einfach und kostengünstig. "Drei bis vier Monate brauchen wir, um einen Film abzudrehen. Vom Drehbuch bis zum Verkaufsstart", erklärt Regisseur Tchidi. Er wisse selbst nicht, wie viele Filme er in den vergangenen zehn Jahren produziert hat. "Zwischen 150 und 200 vielleicht?"
Star Kate Henshaw hat aufgehört, zu zählen. Die Schauspielerin ist mit einem Engländer verheiratet und verbringt viel Zeit in London. Doch ihre Einsätze in Nollywood will sie nicht aufgeben. "Wir haben viel Spaß am Set. Nigeria hat so viele talentierte Schauspieler." Die Schauspielerin ist in Nigeria ein Star, der nicht ohne Sonnenbrille durch die Straßen von Lagos, Abuja oder Kano laufen kann. [...] "Afrikaner sind wunderbare Geschichtenerzähler", sagt Henshaw. "Wir fühlen uns in den Geschichten zu Hause. Deshalb können wir sie so schnell abdrehen, bis zu 20 Szenen am Tag."
Keiner der Schauspieler hat ein Double. Die Maske macht man zwischendurch. Dem Hollywood-verwöhnten Auge kommen die Filme seltsam vor.
"Man kann ein Kunstwerk nicht kritisieren, indem man es am Maßstab anderer Kulturen misst. Das wäre beinahe Kolonialismus", sagt Tchidi. Zurzeit versucht er, afrikanische Schauspieler für neue Projekte zu engagieren. Bisher sind Nollywood-Filme nur in Nigeria erfolgreich. Nun will Tchidi mit "frischem Fleisch" ganz Afrika erobern.
Dabei lässt sich jetzt schon viel Geld in Nollywood verdienen. Ein bis zwei Euro kostet eine DVD im Supermarkt, beim Friseur oder auch in eigens dafür gebauten Bretterverschlägen. "Filme sind unsere Lebensbegleiter", sagt Sandra Banjano, die Videos verkauft. "Nachmittags, wenn die Kinder nach Hause kommen, dann können wir uns bei einem Film entspannen. Und abends, wenn wir mit der Hausarbeit fertig sind, schauen wir noch einen Film." In Sandras Bretterladen steht ein kleiner Fernseher, aus dem Nollywood den ganzen Tag dröhnt. Oft ist Kate Henshaw zu sehen. "Die ist eine von uns", sagt Sandra. "Die kennt das Leben in den Dörfern." Kate Henshaw lacht über solche Sätze. "Ich identifiziere mich nicht mehr mit den Leuten in den Dörfern. Ich bin weitergezogen. Mein Geist hat sich verändert. Meine Augen sind weit offen." Die Krankenhausleiterin hört zu. Und dann spricht sie die Schauspielerin an. "Unsere Augen sind auch offen, das solltest du nie unterschätzen. Denn wie sollten wir deine Filme mit geschlossenen Augen anschauen?", sagt sie und lacht, laut und von Herzen.

Nicole Macheroux-Denault, Traumfabrik Nollywood, in: Welt am Sonntag vom 8. März 2009

Nigeria gehört als OPEC-Mitglied zu den weltweit wichtigsten Erdöl- und Erdgasproduzenten, ohne jedoch den Reichtum an natürlichen Ressourcen bisher zur wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung genutzt zu haben. Vielmehr erzeugten jahrzehntelange politische Auseinandersetzungen um den lukrativen Zugang zu diesen Ressourcen eine lange Kette blutiger und kostspieliger Konflikte.

Der britische Imperialismus begann Mitte des 19. Jahrhunderts von der Küste des Golfs von Guinea aus das Territorium des heutigen Nigeria in sein Kolonialreich einzugliedern. Lagos wurde 1861 Kolonie, doch dauerte es mehr als 40 Jahre bis auch im islamischen Nordosten der Widerstand gebrochen war. Nach der erfolgreichen "Befriedung" der Protektorate Nord- und Südnigeria fasste Frederick Lugard, britischer Offizier und Kolonialverwalter, 1914 die beiden Gebiete unter der Bezeichnung "The Colony and Protectorate of Nigeria" zusammen. Er begründete die Politik der "indirekten Herrschaft", um die bestehenden Herrschaftsstrukturen konsolidieren und die Kolonie kostengünstig verwalten und ausbeuten zu können. Indirekte Herrschaft bedeutete, dass die einheimischen Eliten ihre traditionellen Funktionen behielten, aber als Sachwalter britischer Interessen dem Kolonialverwalter unterstanden. Diese Rolle übernahmen im Südwesten die Yoruba-Könige, im Südosten stützten die Missionsschulen die Fremdherrschaft über die segmentäre Igbo-Gesellschaft, und den Emiraten im Norden des Landes blieben die innere Selbstverwaltung und die Kontrolle über die Minoritätenvölker des Middle Belt. Darüber hinaus verboten die Briten jegliche Missionierung im islamischen Hausa-Fulani-Kernland des hohen Nordens und schrieben damit für mehrere Jahrzehnte die politische und soziale Stagnation in diesem Gebiet fest.

Der unter diesen Bedingungen erzwungene Zusammenschluss zweier Kolonialgebiete mit völlig unterschiedlichen Wertesystemen, Normen sowie politischen und soziokulturellen Vorstellungen zu Macht und Fremdherrschaft begründete den noch heute erheblichen Entwicklungsunterschied zwischen Nord und Süd. Zwischen den beiden Weltkriegen entstanden die ersten antikolonialen Bewegungen in Lagos, getragen von gebildeten Yoruba und Igbo. Nach dem Zweiten Weltkrieg versuchten sie, ihre nationalen, antiimperialistischen Ideen auch in den Norden zu tragen, stießen jedoch auf massiven Widerstand der feudalen Herrschaftselite der Hausa-Fulani, die schließlich eine eigene Partei gründete, um sich gegen die expandierende Intelligenz des Südens zu behaupten. Somit zerschlug sich schon Jahre vor der Unabhängigkeit die Hoffnung auf eine nationale Bewegung, was den drei Mehrheitsvölkern aber Macht und Reproduktionsbasis in ihrer jeweiligen Region sicherte. Zugleich verweigerte die britische Kolonialmacht den benachteiligten Minoritätenvölkern eigene politische Einflusszonen. Am Tag der Unabhängigkeit des dreigliedrigen föderativen Systems mit dem Bundesterritorium Lagos 1960 begann der Kampf zwischen den Eliten der drei Mehrheitsvölker um die politische Vorherrschaft.

Der von den Igbo inspirierte erste Militärputsch 1966 und der blutige Gegenputsch von Hausa-Fulani und Minoritäten der Nordregion wenige Monate später mündete schon bald in einem opferreichen Bürgerkrieg (1967 bis 1970) um die abtrünnige Igbo-dominierte Ostregion, der als Biafra-Krieg in die Geschichte einging. Als am Vorabend dieses gewaltsamen Konfliktes die territoriale Einheit des Landes zu zerbrechen drohte, entpuppten sich letztlich die Minoritätenvölker aus dem Norden und Süden, personifiziert durch den jungen General und Juntachef Yakubu Gowon aus dem Middle Belt, als Zünglein an der Waage. Er schmiedete neue Allianzen zwischen den Minoritätenvölkern, Yoruba und Hausa-Fulani, erweiterte die Föderation auf zwölf Bundesstaaten, beendete gewaltsam die Sezession und etablierte zugleich das Militär als zentralen politischen Akteur im komplizierten Kräftespiel des Vielvölkerstaates.

Die großen internationalen Ölkonzerne und die staatliche Ölgesellschaft läuteten nun im Niger-Delta das Zeitalter des leicht verdienten Geldes ein, und der Ölboom veränderte binnen weniger Jahre Denk- und Verhaltensmuster der noch sehr jungen Nation. Doch schufen die Petrodollar zunächst einmal die materielle Grundlage, die Wunden des Bürgerkrieges zu heilen und die tiefen Gräben zwischen den Igbo und den übrigen Volksgruppen zumindest teilweise zu überbrücken. Zugleich entwickelte sich ein fragiler Konsens der Eliten über die Verteilung der wertvollen Ressource Öl, der aber die zahlreichen Staatsstreiche und Putschversuche und die beiden gescheiterten Demokratisierungsprojekte (II. Republik 1979 bis 1983 unter Staatspräsident Shehu Shagari und der von Juntachef General Ibrahim Babangida 1993 abrupt beendete mehrjährige Übergangsprozess zur III. Republik) nicht unterbinden konnte. Erst der plötzliche Tod von General Sani Abacha 1998 und die Wahl des ehemaligen Juntachefs General a. D. Olusegun Obasanjo zum demokratisch legitimierten Staatspräsidenten 1999 beendeten die lange Phase militärischer, repressiver Herrschaft.

Zugleich ermöglichte der erneute Demokratisierungsversuch die Einführung des islamischen Rechts, der Scharia, als bindendes Recht in zwölf islamisch geprägten Bundesstaaten Nordnigerias, womit ein alter Traum von Teilen des islamischen Klerus und des Establishments Wirklichkeit wurde. Trotz erheblicher verfassungs- und strafrechtlicher Probleme hat sich die große Mehrheit der Eliten und politischen Entscheidungsträger schließlich mit der Existenz zweier Rechtssysteme arrangiert und den Status quo eines gelebten Rechtspluralismus akzeptiert. Eine Verfassungskrise blieb aus, und nach zwei Legislaturperioden, ein Novum in der nigerianischen Geschichte, ging mit der Wahl von Umaru Musa Yar'Adua 2007 sogar erstmals die Macht von einer direkt gewählten Staatsführung auf eine andere über.

Die Ölkrise Anfang der 1970er Jahre und die sukzessive steigenden Erdölpreise hatten binnen weniger Jahre das agrarisch strukturierte Land in einen anerkannten politischen Akteur des Kontinents verwandelt. Nigeria glaubte nun, auf Grund seines Ölreichtums, seines demographischen Gewichts und seiner damals 250 000 Mann starken Armee prädestiniert zu sein, eine Führungsrolle in Afrika zu spielen und Afrikas Stimme in der Welt zu sein. Darüber hinaus hatte der Glaube, allein mit Devisen Unter- und Nichtentwicklung überwinden zu können, die gesamten Eliten des Landes erfasst und sie zu Großkonsumenten umfunktioniert, die der Weltmarkt mit Konsum- und Investitionsgütern, Fernstraßen, Industrieanlagen, Luxusgütern, Autos, Bildungseinrichtungen und hoch qualifizierten Fachkräften belieferte. Als der Ölpreis in den 1980er Jahren einbrach, brach auch der Traum einer schnellen Industrialisierung und Modernisierung in sich zusammen. Was blieb, ist eine bis heute weithin gültige Grundstruktur des politischen und sozioökonomischen Systems, das sich im Wesentlichen auf die Erdöl- und Erdgaseinnahmen stützt: Korruption in allen Institutionen und auf allen Gesellschaftsebenen, organisierte Schwerkriminalität in allen Landesteilen, Gewaltkonflikte um Grund und Boden sowie um Macht und Einfluss auf kommunaler und bundesstaatlicher Ebene, weit verbreitete absolute Armut, marode Infrastruktur, eklatanter Mangel an Elektrizität, Trinkwasser und Benzin. Positive Entwicklungen gab es lediglich im Bereich der Kommunikationstechnologie, denn dank der Digitalisierung gehört Nigeria quantitativ mittlerweile zu den führenden Handy-Nationen der Welt.

So dient die am US-amerikanischen Föderalismus orientierte föderative Struktur Nigerias mit seinen mittlerweile 36 Bundesstaaten, dem Bundesterritorium Abuja mit seinen sechs Stadtbezirken (Area Councils) und den 786 Bezirken (Local Governments) den Eliten und Mandatsträgern als wichtigste Plattform, den Ressourcenreichtum nach einem festgelegten Schlüssel zu ihren Gunsten umzuverteilen. Die starke Stellung der Gouverneure, untermauert durch die Rechtsprechung des obersten Gerichtshofes, hat zahlreiche Machtzentren geschaffen, die, alimentiert durch die verfassungsrechtlich abgesicherten üppigen Anteile aus den Erdöl- und Erdgaseinnahmen, weitgehend ein politisches Eigenleben führen. Die Versuche der beiden gewählten Staatspräsidenten Obasanjo und Umaru Musa Yar'Adua, die ausufernde Korruption mit rechtstaatlichen Mitteln zu bekämpfen, sind bislang weitgehend gescheitert.

Nach vorsichtigen Schätzungen haben sich die nigerianischen Eliten im Laufe der letzten drei bis vier Jahrzehnte mindestens 400 Milliarden Dollar aus dem Ölsektor problemlos widerrechtlich angeeignet und auf in- und ausländische Konten transferiert. Die große nigerianische Diaspora in Afrika und in Übersee war und ist Teil dieses Netzwerkes, um Transaktionen dieser Größenordnung überhaupt durchführen zu können. Die internationale Gemeinschaft hat diesem Treiben, bislang jedenfalls, nichts Substanzielles entgegengesetzt, sondern es aus Opportunitätsgründen in der Regel sogar geduldet. Denn die USA als wichtigster Importeur nigerianischen Erdöls und Erdgases und die EU haben ein grundsätzliches Interesse an einem zumindest halbwegs stabilisierten Nigeria. Jenseits der riesigen Energiereserven betrachten die westlichen Staaten Nigeria auch als Ordnungsfaktor in der westafrikanischen Region, der einen wichtigen Beitrag zu UN-Blauhelmmissionen innerhalb und außerhalb Afrikas liefert.


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Rund 885 Millionen Menschen leben in 54 afrikanischen Staaten. Auf dem Kontinent gibt es über 3.000 Bevölkerungsgruppen und mehr als 2.000 Sprachen. Das Dossier präsentiert Afrika gestern und heute und beleuchtet die Perspektiven zukünftiger Entwicklungen.

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