Dossierbild Afrika – Länder und Regionen

27.5.2009 | Von:
Heinrich Bergstresser
Gero Erdmann
Sven Grimm
Daniel Lambach
Dunja Speiser

Westafrika: Ressourcenreichtum und Verteilungskonflikte

Côte d'Ivoire (Elfenbeinküste)

Von Daniel Lambach

Die Elfenbeinküste liegt am Golf von Guinea und grenzt an Liberia, Guinea, Mali, Burkina Faso und Ghana. Das Land ist in zwei geographische Zonen unterteilt: eine trockene Savanne im Norden und einen tropischen Regenwald im Süden. 19,27 Millionen Menschen bewohnten 2007 dieses Land, das mit 322 500 Quadratkilometern etwa ähnlich groß wie die Bundesrepublik Deutschland ist. Der Süden ist wesentlich dichter besiedelt als der Norden; dort konzentrieren sich auch die Anbaugebiete für Kaffee und Kakao, die beiden wichtigsten Exportgüter der Elfenbeinküste. Zwar ist Yamoussoukro seit 1983 die offizielle Hauptstadt der Elfenbeinküste, der wahre politische Mittelpunkt des Landes befindet sich aber weiterhin in der vorigen Hauptstadt Abidjan, die mit ihren etwa vier Millionen Einwohnern das größte Bevölkerungszentrum der Elfenbeinküste ist.

Die geographische Spaltung des Landes spiegelt sich in der Sozialstruktur: Während die Bewohner des Nordens zumeist Muslime sind und mit etwa 40 bis 50 Prozent der Gesamtbevölkerung die größte religiöse Gruppe darstellen, leben im Süden vorwiegend Christen und Anhänger traditioneller Religionen. Jenseits der religiösen Zugehörigkeiten ist die ivorische Gesellschaft in eine Vielzahl von ethnischen Gruppen unterteilt. Nach sprachlichen Kriterien lassen sich grob Akan, Kru, Mande und Senufo unterscheiden, wobei die Senufo und Mande den Norden, die Kru den Südwesten und die Akan den Südosten bewohnen. Die Akan machen etwa 27 Prozent der einheimischen Bevölkerung aus, die Kru rund 18 Prozent. Weitere 24 Prozent gehören zu mandesprachigen Ethnien, hinzu kommen die Senufo mit zwölf Prozent und sonstige Ethnien mit 13 Prozent.

In vorkolonialer Zeit gab es bei manchen Akan-Völkern, zum Beispiel den Baoulé und den Agni, lokale Königreiche mit differenzierter politischer Organisation. Die Kru und Senufo lebten vorwiegend in kleinen Gemeinschaften, während die Mande von den verschiedenen Großreichen Westafrikas (Mali, Songhay, Kong) regiert wurden. Die Kolonisierung der Elfenbeinküste vollzog sich nach dem für Westafrika üblichen Muster: Ab dem 16. Jahrhundert errichteten Handelsreisende erste Posten an der Küste. Ab 1840 schlossen die Franzosen Verträge mit einzelnen Königen der Akan und etablierten über die nächsten Jahrzehnte schrittweise ein Protektorat. Die meisten einheimischen Völker wehrten sich zwar gegen das französische Vordringen, wurden jedoch gewaltsam unterworfen und ihre Anführer durch kooperative chefs ersetzt. 1893 wurde Côte d'Ivoire offiziell als Kolonie in Afrique Occidentale Française (Französisch-Westafrika, 1895 bis 1958) aufgenommen. Die französische Kolonialherrschaft war hart: Einheimische Institutionen wurden zerschlagen, wenn sie nicht mit der Struktur des neuen Kolonialstaates harmonierten. Die christianisierten Eliten des Südens wurden von den Franzosen als Mittelspersonen in den Herrschaftsapparat einbezogen.

Nach der Auflösung des französischen Kolonialreiches wurde die Elfenbeinküste 1960 unabhängig. In Abidjan etablierte sich der Arzt Félix Houphouët-Boigny mit seiner Parti Démocratique de la Côte d'Ivoire (PDCI) schnell als dominante Kraft. Nach seinem unangefochtenen Sieg in der ersten Präsidentenwahl des Landes errichtete er schrittweise ein Einparteiensystem, in dem seine PDCI die Macht monopolisierte. Konkurrenten ließ Houphouët-Boigny aus dem Verkehr ziehen oder band sie in ein Patronagesystem ein, das für Ruhe und Stabilität im Land sorgte. Um dieses System mit den nötigen Ressourcen zu versorgen, förderte der Präsident die wirtschaftliche Entwicklung der Elfenbeinküste. Dazu ging er eine enge Partnerschaft mit Frankreich ein, das seine politische Treue mit konstant hohen Entwicklungshilfezahlungen und umfangreichen Investitionen in die Plantagenwirtschaft und den für westafrikanische Verhältnisse starken Industriesektor belohnte. In den 1960er und 1970er Jahren wuchs die Wirtschaft um durchschnittlich sechs bis acht Prozent pro Jahr. Die PDCI verteilte die Gewinne, was Bürgern und Politikern half, über die ethnischen, regionalen und religiösen Spaltungen des Landes hinwegzusehen. Der Boom dieser zwei Jahrzehnte machte Côte d'Ivoire zu einem gefragten Arbeitsmarkt: Millionen von Westafrikanern kamen als Migranten ins Land, um auf den Plantagen zu arbeiten und beim Aufbau der Industrie und des Dienstleistungssektors zu helfen.

Als jedoch 1978 die Weltmarktpreise für Kaffee und Kakao zu fallen begannen, geriet die ivorische Wirtschaft in eine Krise, die das Land erstmals mit einer verbreiteten Arbeitslosigkeit konfrontierte. Die Regierung, die die sozialen Folgen der Krise zunächst abzufedern versuchte, geriet in eine Spirale der Verschuldung, die Ende der 1980er Jahre praktisch zur Insolvenz des Staates führte. Aus der Unzufriedenheit der Bürger entstand ein Klima der Fremdenfeindlichkeit, da die Einwanderer nun als Konkurrenz um knapper werdende Arbeitsplätze galten.

Unter dem Druck öffentlicher Proteste stimmte Houphouët-Boigny 1990 schließlich der Einführung eines Mehrparteiensystems zu, nahm jedoch der Opposition durch die sehr kurzfristige Ansetzung des Wahltermins jegliche Siegchancen, weshalb die PDCI ihre Machtposition erhalten konnte. Um der zunehmenden ethnischen Spaltung der Gesellschaft entgegenzuwirken, ernannte der Präsident Alassane Ouattara, einen Moslem aus dem Norden, zum Premierminister. Dies konnte die zunehmend unzufriedener werdende Bevölkerung nicht besänftigen, so dass es auch in den Folgejahren zu weiteren Unruhen kam.

Nach dem Tod des greisen Houphouët-Boigny im Jahr 1993 konnte sich Henri Bédié, der den Akan-Flügel der PDCI anführte, im Machtkampf um dessen Nachfolge durchsetzen. Anhänger Ouattaras verließen daraufhin die PDCI und gründeten mit dem Rassemblement des Républicains (RDR) eine neue Partei, die insbesondere im Norden Unterstützung fand. Das Parteiensystem wurde komplettiert durch die Front Populaire Ivorien (FPI) unter Laurent Gbagbo, die ihre Hochburg unter den Kru hatte. Um Ouattara auszuschalten, erließ Bédié ein neues Wahlgesetz, das nur denjenigen Personen das aktive und passive Wahlrecht zusprach, die nie eine andere Staatsbürgerschaft besessen und die letzten fünf Jahre ununterbrochen in der Elfenbeinküste gelebt hatten und deren beide Elternteile Ivorer waren. Es wurde behauptet, der Vater Ouattaras stamme aus Burkina Faso, der populäre Oppositionelle sei burkinischer Staatsbürger und habe aufgrund seiner früheren Tätigkeit für den IWF ohnehin zu lange im Ausland gelebt. Damit wurde jedoch nicht nur Ouattara von den Wahlen 1995 ausgeschlossen, sondern auch mehrere Millionen Nachkommen von Migranten. Diese waren lange Zeit Anhänger der PDCI gewesen, unterstützten aber inzwischen den RDR. Dieses Dekret hatte außerdem eine Signalwirkung: Bald kam es zu fremdenfeindlichen Übergriffen und zu Vertreibungen von burkinischen und malischen Einwanderern.

Bédié gewann zwar die von der Opposition boykottierte Präsidentenwahl, seine nächsten Regierungsjahre waren aber durch eine weitere Verschlechterung der Wirtschaftslage, anhaltende Proteste der Opposition und einen Anstieg der Kriminalität gekennzeichnet. An Heiligabend 1999 wurde Bédié von der Armee aus dem Amt geputscht und der ehemalige Generalstabschef Robert Gueï an seiner Stelle zum Interimspräsidenten ernannt.

Gueï formierte zunächst eine Allparteienregierung, setzte jedoch mit der Zustimmung der PDCI und der FPI Bédiés Politik der Ivoirité (Bestreben, nur "wahre Ivorer" politisch zu beteiligen, s.o.) fort, um Ouattara und den RDR weiterhin aus der nationalen Politik auszuschließen. Bei den Wahlen im Oktober 2000 stellte sich die Armee hinter Laurent Gbagbo, der die Parlamentswahlen mit seiner Partei FPI knapp vor der PDCI gewann. Da die gesellschaftliche Spaltung sich unter Gbagbos Regierung weiter fortsetzte, kam es im September 2002 zum Aufstand einer Rebellenbewegung aus dem Umfeld der RDR und mit ihr sympathisierender Teile der Armee. Nachdem die Regierung die Aufständischen aus Abidjan vertreiben konnte, zogen sich diese in den Norden zurück, wo sie auf breite Unterstützung von RDR-Sympathisanten trafen. Nach kurzen Kämpfen war das Land effektiv in eine Nord- und eine Südhälfte geteilt, es kam zu Massenvertreibungen von Muslimen aus dem Süden ebenso wie von Christen aus dem Norden.

Auf der Grundlage eines Waffenstillstandsabkommens wurden französische Truppen zur Überwachung einer neutralen Zone zwischen der Regierung und den sich als Forces Nouvelles (FN) bezeichnenden Rebellen stationiert, die beide Seiten jedoch regelmäßig verletzten. 2003 wurde das Friedensabkommen von Linas-Marcoussis (Frankreich) vereinbart, das die Bildung einer Regierung der nationalen Einheit, eine Abschaffung des diskriminierenden Wahlgesetzes und eine Demobilisierung der Konfliktparteien vorsah. Auch die Umsetzung dieses Abkommens wurde von Regierung und Rebellen ständig hintertrieben. Als bei einem Luftangriff der ivorischen Luftwaffe auf Rebellenstellungen neun französische Soldaten umkamen, die die Einhaltung des Friedensabkommens sicherstellen sollten, zerstörte die französische Interventionstruppe umgehend alle Flugzeuge der ivorischen Armee durch ein gezieltes Bombardement. Gewaltsame, von der Regierung angestachelte anti-französische Proteste waren die Folge, sodass ein Großteil der noch in Abidjan verbliebenen Europäer das Land verlassen musste.

Seither haben zwar die gewalttätigen Auseinandersetzungen ein vorläufiges Ende gefunden, die politische Krise ist jedoch noch nicht überwunden. Auf Linas-Marcoussis folgten weitere unter internationaler Vermittlung ausgehandelte Friedensverträge, die jedoch weitgehend wirkungslos blieben. Erst 2007 konnte mit dem Abkommen von Ouagadougou, Burkina Faso, eine neue Basis für den Friedensprozess gefunden werden. Der FN-Anführer Guillaume Soro wurde dadurch zum Premierminister unter Präsident Gbagbo ernannt. Diese Machtteilung zwischen FN und FPI bedeutete auch eine gleichzeitige Marginalisierung der PDCI und der RPR. Sollte es zu Präsidentenwahlen kommen, wären jedoch deren Anführer Bédié und Ouattara die wichtigsten Konkurrenten Gbagbos, da der frühere Studentenführer Soro das Mindestalter für die Präsidentschaft (40 Jahre) noch nicht erreicht.

So verwundert es nicht, dass die im Ouagadougou-Abkommen vereinbarten Wahlen mehrfach verschoben wurden. Auch zeigt die Regierung wenig Elan bei der Umsetzung verschiedener anderer Maßnahmen wie zum Beispiel der Integration der Rebellen in die Armee, der Entwaffnung von Milizen, der Wiederherstellung der staatlichen Autorität im Norden des Landes, der Ausgabe von Ausweisen und dem Aufbau eines neuen Wählerregisters. Sowohl der Zeitpunkt als auch der Ausgang der Wahl sind zur Zeit nicht vorherzusagen.


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