Dossierbild Afrika – Länder und Regionen

27.5.2009 | Von:
Heinrich Bergstresser
Gero Erdmann
Sven Grimm
Daniel Lambach
Dunja Speiser

Westafrika: Ressourcenreichtum und Verteilungskonflikte

Senegal

Von Sven Grimm

Senegal ist eine afrikanische Demokratie mit schwieriger wirtschaftlicher Ausgangsbasis. Das Land ist als Least Developed Country (am wenigsten entwickeltes Land) klassifiziert und hat ein sehr hohes Armutsniveau. Die Regierung will die Armut senken; sie muss die Bevölkerung in Wahlen von ihrem Programm immer wieder überzeugen und tendiert daher oftmals zu schnellen Versprechungen.

Senegal gilt seit seiner Unabhängigkeit 1960 als Stabilitätsanker in der Region. Als ununterbrochen zivil regiertes Land ist es in Afrika eine positive Ausnahme. Die politische Macht liegt, hoch zentralisiert, beim Präsidenten. Er "bestimmt die Politik der Nation", sitzt der Regierung vor, ernennt den Premierminister und ist Oberbefehlshaber der Streitkräfte, die bisher politisch neutral blieben. Trotz der präsidialen Machtfülle ist die politische Gewaltenteilung weitgehend garantiert. Seit den späten 1990er Jahren sind die Wahlen internatonal anerkannt frei und fair, wenngleich teilweise logistisch schlecht vorbereitet.

Die Menschenrechte werden generell geachtet. Senegal hat eine freie und kritische Presse, auch wenn deren journalistische Qualität variiert. Eine Reihe von Medien - darunter auch unabhängige Radiostationen mit großem Verbreitungsgrad - pflegen eine regierungskritische Berichterstattung. Allerdings funktioniert die Justiz nur mangelhaft, und es bestehen Einschränkungen aufgrund von Stigmata für bestimmte soziale Gruppen wie beispielsweise Homosexuelle oder der Hexerei verdächtigte Personen.

Die Wolof stellen in Senegal die größte Volksgruppe mit einem Anteil von rund 40 Prozent. Andere Ethnien sind die Peul (rund 20 Prozent) sowie die Serer, Toucouleur, Diola, Malinke und Soninke. Es gibt auch Libanesen, Mauren und Europäer. Die Mehrheit der Senegalesen bekennt sich zum Islam, eine Minderheit (geschätzt auf ca. vier Prozent) zum Christentum, wobei die katholische Konfession überwiegt. Die Trennung von Religion und Staat wird in Senegal - in französischer Tradition - strikt beachtet. Religiöse und ethnische Konflikte spielen keine Rolle.

Muslimische Bruderschaften üben Einfluss aus, wirken aber - wie die katholische Kirche - ausgleichend. Die Bruderschaften werden von spirituellen Religionsführern (marabouts) geleitet und stellen aufgrund ihres Rückhalts in der Bevölkerung einen wichtigen politischen Faktor dar. Die größten und einflussreichsten Bruderschaften sind die Tidijane und die Mouriden. Zur Letzteren gehört auch Senegals gegenwärtiger Präsident Abdoulaye Wade, der jedoch streng auf die Laizität der Republik achtet.

Die senegalesische Gesellschaft folgt in der Regel patriarchalischen Mustern. Frauenrechte sind verfassungsrechtlich verankert, doch das Diskriminierungsverbot wird nicht konsequent umgesetzt. Traditionen wie die Polygamie, die Vielehe, werden allerdings kritisch diskutiert; die weibliche Genitalverstümmelung ist gesetzlich verboten. Auch wenn zu Beginn der Amtszeit Präsident Wades eine Frau als Premierministerin fungierte, sind Frauen in Führungspositionen stark unterrepräsentiert.

Soziale Sprengkraft liegt in der Arbeitslosigkeit. Das Wirtschaftswachstum schafft zwar langsam Arbeitsplätze, erfüllt aber bei weitem nicht die Erwartungen der Jugend. Enttäuschte Hoffnungen und Perspektivlosigkeit motivieren Migranten, von Senegal auf die Kanarischen Inseln zu gelangen.

In Senegals Politik sind persönliche Netzwerke entscheidend. Sie wiegen in der Regel schwerer als die Parteizugehörigkeit. Die Regierungspartei PDS (Parti Democratique Sénégalais) gründete der gegenwärtige Präsident Wade, als Mitte der 1970er Jahre neben der damals einzig zugelassenen Regierungspartei PS (Parti Socialiste) vier weitere Parteien zugelassen wurden. Wade, der sich damals in der Opposition befand, ließ die PDS als liberale Partei registrieren, steht aber keineswegs für einen wirtschaftsliberalen Kurs. Privatisierungen wurden zudem bereits unter seinem Amtsvorgänger, dem Sozialisten Abdou Diouf, durchgeführt.

Die Opposition besteht aus mehr als 20 Parteien, von denen die meisten sich als ideologisch "links" verstehen. Führende Kraft ist die ehemalige Regierungspartei PS. Sie unterlag am Ende ihrer Regierungszeit in den späten 1990er Jahren starken Spaltungstendenzen, welche unter anderem den Regierungswechsel 2000 zu Präsident Wade ermöglichten. Die Regierungs- und Oppositionskonstellationen haben sich seither mehrfach gewandelt.

Internationale Entwicklungshilfegeber ermahnen Afrikas Politiker häufig zu ownership (Verantwortungsübernahme). Ihre Vorstellungen lassen sich vor Ort jedoch keineswegs immer einfach umsetzen. Den Forderungen nach Senkung der Subventionen für Lebensmittel oder Öl werden die senegalesischen Politiker wahrscheinlich kaum nachgeben, weil sie von der Wahlbevölkerung abgelehnt werden.

Senegal verfügt über wenig eigene Ressourcen; nennenswert vorhanden sind nur Fischgründe und Phosphat. Mehr als die Hälfte der senegalesischen Bevölkerung lebt von weniger als zwei US-Dollar am Tag, ein knappes Fünftel von weniger als einem US-Dollar täglich. Die größten Armutsanteile finden sich unter der ländlichen Bevölkerung, vor allem im trockenen Norden und Osten des Landes. Landflucht erhöht aber auch den Anteil der Armen in den küstennahen Städten. Senegals Urbanisierungsgrad zählt zu den höchsten Subsahara-Afrikas: Etwa die Hälfte der Bevölkerung lebt in Städten.

Die personellen und finanziellen Kapazitäten des Landes sind chronisch knapp, sie reichen nicht, um eine auch nur annähernd flächendeckende Versorgung der Bevölkerung im Bildungs- und Gesundheitsbereich zu gewährleisten. Rund drei Viertel des medizinischen Personals finden sich in den beiden größten Städten, Dakar und Thiès, die ländlichen Gebiete sind dagegen sehr schlecht versorgt. Positiv hervorzuheben ist demgegenüber, dass Senegal mit offiziell 0,9 Prozent die niedrigste erfasste HIV/Aids-Infektionsrate aller Länder Subsahara-Afrikas aufweist; eine frühe Aufklärungspolitik hat hier segensreich gewirkt.

Senegals Wirtschaftspolitik setzt auf private Dienstleistungen und Investitionen, während staatliche Maßnahmen vorwiegend die Rahmenbedingungen dafür gewährleisten sollen. Ein Großteil der Wirtschaft ist informell, wird also nicht in offiziellen Statistiken erfasst und beschränkt sich auf die Produktion für den Verkauf auf lokalen Märkten. Dies erschwert eine Besteuerung und wirtschaftspolitische Steuerung. Einer der dynamischsten formellen Wirtschaftssektoren Senegals ist die Telekommunikation. Mangelhaft ist die (unsichere) Energieversorgung. Die Stromkosten decken nicht die Erzeugerpreise; Senegal ist in großem Maß auf teurer werdende Erdölimporte angewiesen.

Der Staat betreibt eine im afrikanischen Vergleich sehr gute Umweltpolitik, bei allerdings geringen Managementkapazitäten, mageren finanziellen und knappen natürlichen Ressourcen, die zudem einem hohen Bevölkerungsdruck ausgesetzt sind. Dürren und starke Regenfälle mit Überschwemmungen haben in den letzten Jahren zugenommen. Der Klimawandel wird das Sahel-Land nach internationalen Prognosen zu starken Anpassungsleistungen zwingen.

Die Südprovinz Casamance wurde lange Jahre politisch vernachlässigt - auch, weil sie durch Gambia geografisch weitgehend vom Rest des Landes abgeschnitten war. Als Folge entstand eine separatistische Gruppierung, der MFDC (Mouvement des Forces Democratiques Casamançais). Die Gruppe ist intern stark fragmentiert: Teile fordern Autonomie, eine kleine, radikale Minderheit die Unabhängigkeit. Der MFDC finanziert sich hauptsächlich durch bewaffnete Überfälle und Drogenanbau, genießt aber kaum noch Rückhalt bei der deutlich konfliktmüden Bevölkerung. Um den Konflikt zu entschärfen wird es künftig vor allem darum gehen, mehr in die Region zu investieren und deren wirtschaftliches Potenzial zu nutzen.

Senegal spielt traditionell eine konstruktive Rolle in Afrika, auch wenn die Beziehungen zu den unmittelbaren Nachbarn oftmals politisch kompliziert sind. Auf kontinentaler Ebene zählt Senegals Präsident Abdoulaye Wade zu den Initiatoren der Neuen Partnerschaft für Afrikas Entwicklung (NEPAD). Senegal ist zudem ein aktives Mitglied der Afrikanischen Union (AU) und arbeitet beispielsweise am Aufbau einer Brigade der AU-Stand-by forces zur Friedenssicherung in Afrika. Das Land gehört zudem zu den traditionellen Partnern der UN und stellt zahlreiche Blauhelmsoldaten. Es übernimmt damit als relativ kleiner Staat eine wichtige Rolle auch in den europäisch-afrikanischen Beziehungen.

Das gute Verhältnis zur ehemaligen Kolonialmacht Frankreich und zur EU ist nicht frei von politischen Interessengegensätzen. Ein wichtiges Thema in den Beziehungen zur EU (insbesondere zu Spanien) bleibt die illegale Migration nach Europa, für die Senegal aufgrund seiner Nähe zu den Kanarischen Inseln eine wichtige Durchgangsstation darstellt. Die Regierung Wade akzeptierte die "Repatriierung" von illegalen Migranten - und wurde dafür intern heftig kritisiert. Senegal setzt auch auf die Partnerschaft mit aufstrebenden Mächten, vor allem Indien und China.

Quellentext

Aufbruch in ein neues Leben?

[...] Thiaroye-sur-Mer - kein anderer Ort im Senegal hat so viele Menschen auf dem Weg nach Europa verloren [...].

Einer der Verschollenen ist der Sohn von Aram Laye. Wenn sie an die Kanaren denkt, muss sie weinen. Die In-seln im Atlantik waren das Traumziel ihres Kindes. An diesen Stränden wollte er ankommen und aufbrechen in ein neues Leben. [...] Im Morgengrauen stieg er in eine der bunt bemalten Pirogen und fuhr los. Seitdem gilt das Holzboot mit rund achtzig jungen Männern an Bord als verschollen.
Anfangs ging Aram Laye jeden Morgen ans Meer. Starrte dorthin, wo das Wasser ihren Sohn genommen hatte. [...] Jetzt widersteht sie diesem inneren Zwang und trifft sich mit anderen Frauen im "Collectif des Femmes contre l'immigration clandestine", einem Verband gegen die heimliche Migration. Dort haben alle die gleichen Nöte. Sie alle haben einen Sohn oder den Ehemann verloren.
Der Verlust bedeutet für die Familien auch ökonomisch eine Katastrophe. Um die Reise zu finanzieren, hatten sie ihr Land, ihr Werkzeug und ihren Schmuck verkauft. Plötzlich stehen sie vor dem Nichts. Doch das Leben muss weiter gehen, und deshalb gibt es das Kollektiv. Die Kehrtwende verdanken die Frauen der Gründerin des Verbands, Yaye Bayam Diouf. Die energische Frau hat beinahe jede von ihnen persönlich aus dem Zustand ohnmächtiger Trauer herausgeholt.
Alle vertrauen Diouf, denn auch sie hat einen Sohn, ihren einzigen, bei einer der Überfahrten verloren. Zunächst ging die 48-Jährige ganz pragmatisch an die Sache heran. Die Frauen brauchten Geld für ihren Lebensunterhalt. [...] Deshalb verkaufen sie jetzt Couscous und Saft aus Hibiskusblüten in den Straßen. Die Zutaten wie Hirse und Früchte kaufen sie gemeinsam, jede von ihnen legt monatlich 1250 cFA, das sind knapp zwei Euro, in den gemeinsamen Topf. Abends wird der Lohn ausgezahlt: 1000 cFA bar auf die Hand. Der Rest des Gewinns wird angespart für Notfälle und Kleinkredite. [...]
Wenn die Frauen ihre Körbe voller Essen auf dem Kopf durch die Straßen tragen, nutzen sie viele kleine Gelegenheiten, über ihr politisches Anliegen zu sprechen. Sie wollen andere Männer von der Reise mit den kleinen Pirogen abhalten. "Wir haben ja selbst unseren Söhnen die Tickets nach Europa gekauft", sagt Aby Samb traurig: "Einige sind ja auch dort angekommen, aber die meisten sind auf der Reise gestorben. Als wir das begriffen, haben wir versucht, den anderen Frauen zu sagen, wir müssen diese Situation ändern, wir können unsere Söhne nicht weiter auf dem Meer sterben lassen."
Innerhalb eines Jahres hat sich die Mitgliederzahl des Frauenkollektivs auf 550 verdreifacht. [...]
Was aber tun, um ihre Söhne zu behalten? Aby Samb, Generalsekretärin des Verbands, lacht: "Es ist bei uns ja wie überall auf der Welt, Kinder gehen ihre eigenen Wege und hören irgendwann nicht mehr auf die Alten. Also versuchen wir, die Menschen auf unsere Seite zu ziehen, auf die sie hören." Während des Ramadan organisierte das Kollektiv ein Treffen zwischen Imamen und Jugendlichen, denn fast alle haben einen Marabout, einen islamischen Heiler, dem sie Vertrauen schenken. Bevor sich einer auf die Reise macht, fragt er ihn um Rat. Nach Ansicht der Frauen, kann der Rat nur lauten: Steig nicht in das Boot. [...]
Aber die meisten jungen Männer, die am Strand für einen Job anstehen, warten weiter auf einen Platz in einem der Boote. Die Mütter können zwar moralischen Druck aufbauen, aber die finanzielle Situation ihrer erwachsenen Söhne und Töchter können sie kaum verändern. Denn die bekommen keine regelmäßige Arbeit, und sie wollen ihren Familien nicht auf der Tasche liegen. Die Arbeitslosenquote liegt bei 48 Prozent. In Thiaroye-sur-Mer haben viele Fabriken geschlossen, der Küstenboden gibt für Landwirte kaum etwas her, und das Meer, jahrhundertealte Haupteinnahmequelle, ist von europäischen und japanischen Fangflotten leer gefischt.
Um Arbeit zu finden, wollen die jungen Männer bis nach Europa. Wie Mamadou Tall. Der 22-jährige Fischer hatte die Chance ergriffen, als ihm ein freier Platz als Fahrer auf einem Boot angeboten wurde. Noch vor Marokko entdeckte sie ein Hubschrauber des Grenzschutzes. Kurz darauf wurden sie von der bewaffneten Küstenwache aufgegriffen und zurückgeschickt. Mit einem Boot würde er nicht noch mal fahren, auch weil seine Mutter ihm ins Gewissen geredet hat. Jetzt hofft Mamadou Tall auf ein Flugticket nach Europa. "Warum dürfen unsere Jungs nicht legal einreisen? Warum können sie nicht dort Geld verdienen, wo sie wollen? Ihr kommt doch auch hierher und fischt unsere Meere leer", ruft eine Händlerin, die am Strand Fische verkauft.
Es ist der Strand, den Aram Laye meidet. Könnte ihr zweiter Sohn sicher nach Europa fliegen, wie die Urlauber zu den Kanaren, wäre sie beruhigt. Stattdessen versucht sie ihn von seiner geplanten Reise abzuhalten: "Geh nicht", habe ich ihm gesagt. "Ich überlebe das nicht, wenn du auch stirbst."

Haidy Damm, "Wo das Meer die Söhne verschlingt", in: Frankfurter Rundschau vom 22. September 2007

Unwägbarkeiten für Senegals Zukunft liegen in der Weltwirtschaft, von der Senegal stark abhängt, insbesondere im Ölpreis und bei weltweiten Nahrungsmittelpreisen. Ein zentraler Faktor ist auch die interne Stabilität der Regierungspartei PDS, in der sich der über 80jährige Präsident Wade bisher erfolgreich gegen aufkommende Rivalen durchsetzen konnte. Auch ökologische, soziale oder internationale Krisen könnten drastische Folgen haben. Senegal hat es jedoch bisher geschickt verstanden, die inneren sozialen Konflikte nicht eskalieren zu lassen.


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