Dossierbild Afrika – Länder und Regionen

27.5.2009 | Von:
Heinrich Bergstresser
Gero Erdmann
Sven Grimm
Daniel Lambach
Dunja Speiser

Westafrika: Ressourcenreichtum und Verteilungskonflikte

Die Mano River Staaten - Sierra Leone, Liberia, Guinea

Von Dunja Speiser

Der gemeinsame Grenzfluss Mano ist Namensgeber der zwischenstaatlichen Wirtschaftsgemeinschaft, die die Länder Sierra Leone, Liberia und Guinea seit 1973 verbindet. Sie werden zusammenfassend auch als Mano-River-Staaten bezeichnet.

Seit 1990 sind die drei Länder von Krieg überzogen. Die Region gehört zu den instabilsten der Welt. Für die Konflikte charakteristisch war ein sehr hohes Maß an Gewalt, unter dem vor allem die Zivilbevölkerung zu leiden hatte. Hunderttausende von Menschen fanden den Tod, ebenso viele mussten flüchten. Während der Kriege gab es eine unüberschaubare Anzahl von Rebellengruppen, die von den jeweiligen Nachbarstaaten unterstützt wurden. Trotz Entwaffnungsprogrammen, die im Laufe der letzten Jahre von der internationalen Gemeinschaft durchgeführt wurden, ist die Region von Kleinwaffen überschwemmt. Geschätzte 20 000 Kinder haben als Soldaten gekämpft und zum Teil grausame Verbrechen begangen. Diese Menschen in ein normales Leben zu integrieren, gehört heute zu den schwierigsten Aufgaben, um die seit Anfang des Jahrtausends laufenden Friedensprozesse zu stabilisieren.

Die Ursachen der Konflikte sind vielschichtig und tief in der Geschichte der betroffenen Länder verankert. Hauptverantwortlich sind schlechte Regierungsführung, Korruption, wirtschaftliches Missmanagement und Missachtung der Menschenrechte auf Seiten sämtlicher Parteien. So haben die jeweiligen Machthaber über Jahrzehnte die staatlichen Institutionen, soziale Dienstleistungen wie Gesundheit, Bildung und Infrastruktur sowie die Wirtschaft zugrunde gerichtet, bis Liberia und Sierra Leone schließlich zu den ersten so genannten Zerfallenen Staaten gehörten. Die in der Region lebenden Menschen zählen zu den ärmsten der Welt, obwohl ihre Länder sehr reich an natürlichen Ressourcen wie Diamanten, Edelhölzern und Gold sind. Diese Bodenschätze, allen voran die durch Sierra Leone bekannt gewordenen "Blutdiamanten", haben die Konflikte zwar nicht verursacht, sie jedoch angeheizt und verlängert, indem die verschiedenen Gruppen mit der Ausbeutung der Rohstoffvorkommen ihre Kämpfe finanzierten.

Der Beginn des regionalen Konflikts liegt in Liberia, wo an Weihnachten 1989 von der Elfenbeinküste aus die Rebellengruppe National Patriotic Front of Liberia (NPFL) einfiel, um das diktatorische Regime von Samuel Doe (1980 bis 1990) zu bekämpfen. Die NPFL wurde von Charles Taylor angeführt, der von Libyen unterstützt und in dortigen Militärlagern ausgebildet worden war. Neben dem Kampf um die Macht in Liberia unterstützte Taylor die Rebellion des ebenfalls von Libyen protegierten Foday Sankoh und seiner Revolutionary United Front (RUF) in Sierra Leone, wo diese vor allem die an Diamanten reichen Regionen in ihre Gewalt brachten. Taylor wurde als erfolgreichster Kriegsherr der Region 1997 zum Präsidenten Liberias gewählt, aber 2003 gezwungen, ins Exil zu gehen. Für ihm vorgeworfene Kriegsverbrechen in Sierra Leone muss sich Taylor seit 2007 vor dem Internationalen Strafgerichtshof verantworten. Die bewaffneten Aufstände zogen auch die angrenzenden rohstoffreichen Gebiete in Guinea in Mitleidenschaft. Das Land hat über die Jahre zwar selbst direkt keinen Krieg erlebt, trug jedoch stark an den Lasten der großen Flüchtlingsströme und wurde wiederholt bezichtigt, Rebellen gegen Liberia zu unterstützen.

Auch die Elfenbeinküste, die erst seit 2008 offizielles Mitglied der MRU ist, war durch die Unterstützung bewaffneter Gruppen in den Konflikt involviert. Zahlreiche Friedensabkommen und nationale wie internationale Versuche während der ersten Kriegsjahre, die Gewalt zu beenden, scheiterten. Die Friedenstruppen der westafrikanischen Staaten (ECOMOG) wurden gar selbst Teil der Auseinandersetzungen, für deren massive Gewalt nicht nur die diversen Rebellen, sondern auch die Armeen und Milizen der jeweiligen Regierungen verantwortlich waren. In der zweiten Hälfte der 1990er Jahre konnten die Konflikte in Liberia wie Sierra Leone zwar für kurze Phasen beruhigt werden, zu keiner Zeit wurden sie jedoch wirklich gelöst und durch die regionalen Verstrickungen der beteiligten Akteure stets erneut zum Ausbruch gebracht. Erst der Entschluss der internationalen Gemeinschaft, mit einem "robusten Mandat" (Kapitel VII) der Vereinten Nationen militärisch einzugreifen und die Länder mit umfassendem Engagement zu befrieden und wieder aufzubauen, konnte die Kriege in Sierra Leone (2002) und Liberia (2003) beenden. Die Chance für dauerhaften Frieden in der Region besteht, die Risiken für einen erneuten Kriegsausbruch sind jedoch hoch. Die Ursachen der Konflikte sind bislang weder in Liberia noch in Sierra Leone gelöst worden, die politische Situation in Guinea ist fragil und der Friedensprozess in der Elfenbeinküste steht auf tönernen Füßen.

Quellentext

Suche nach Gerechtigkeit

[...] In einem silbergrauen Hochhaus am Haager Stadtrand arbeiten Menschen wie Gloria Atiba-Davies, denen über hundert Staaten vor gut zehn Jahren den Auftrag erteilten, Völkermord und andere schwere Verbrechen zu ahnden und die Ära der Straflosigkeit zu beenden. [...] Sie kommt aus Sierra Leone. [...]

Gloria Atiba-Davies leitet bei der Anklagebehörde die Gender and Children Unit: eine Abteilung, die sich mit Verbrechen gegen Frauen und Kinder befasst. Es geht zum Beispiel um Mütter, die vor den Augen ihrer Familien vergewaltigt wurden. Oder um 14-jährige Soldaten, die weder lesen noch schreiben, aber mit Macheten ein Dorf niedermetzeln können. Seit vier Jahren bearbeitet die Ermittlerin solche Fälle. [...]
Karrierejuristin, Asylbewerberin, Emigrantin, Ermittlerin. Das sind ihre Stationen der vergangenen zwölf Jahre. Gloria Atiba-Davies war die ranghöchste Staatsanwältin in Sierra Leone, 1997, als sie nach einem Militärputsch über Nacht zum Flüchtling wurde. Ihr Name stand auf der "Wanted"-Liste der Putschisten ganz oben, ihr Haus wurde niedergebrannt. Ihre beiden Söhne, damals zwölf und neun Jahre alt, wurden von Freunden in Sicherheit gebracht. Ein Jahr später, 1998, kam sie als Asylbewerberin in London an, zu einer Zeit, als in Rom über hundert Nationen auf einer Konferenz den Internationalen Strafgerichtshof gründeten. Vier Jahre später - in Den Haag stöpselten Juristen des Gerichtshofs gerade die ersten Computer ein - schlug sie sich in New York als Kanzleigehilfin bei amerikanischen Anwaltsfirmen durch, hungrig nach Informationen über den Bürgerkrieg in ihrem Heimatland Sierra Leone, hungrig nach Meldungen über Charles Taylor, damals noch Präsident des Nachbarstaates Liberia, Unterstützer der Rebellen in Sierra Leone, die mit "Blutdiamanten" handelten und den Präsidenten am Geschäft beteiligten.
Als Atiba-Davies ihren Posten in Den Haag antrat, lag ihre Heimat in Trümmern, vom Krieg geschwächt. Charles Taylor dirigierte aus einer Luxusvilla im nigerianischen Exil weiterhin Putschisten durch Westafrika. Dass sie diesen Mann eines Tages in Den Haag auf der Anklagebank sehen würde, hier im Gerichtssaal 2, ein paar Stockwerke unter ihrem Büro, hätte sich Gloria Atiba-Davies damals nicht träumen lassen. [...]
Charles Taylor [...] müsste eigentlich jetzt in Freetown, Sierra Leone, sein, wo der Sondergerichtshof für Sierra Leone, bewacht von mongolischen Blauhelmen, die Verbrechen des Bürgerkriegs in diesem westafrikanischen Land verhandelt.
Aber weil Taylor sogar nach seiner Verhaftung im März 2006 als zu einflussreich und gefährlich für die Region galt, bat das Sondergericht die niederländische Regierung, den Prozess gegen Taylor in Den Haag führen zu dürfen. Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit in elf Fällen, darunter sexuelle Gewalt, Verstümmelungen, Massenmorde und Plünderungen, so lautet die Anklage, begangen durch Rebellengruppen in Sierra Leone, die Taylor unterstützt und angestiftet haben soll. [...]
Gloria Atiba-Davies, die Ermittlerin aus Sierra Leone, wird sich Taylors Auftritt nicht entgehen lassen. Zweimal schon hat sie ihn aus dem Zuschauerraum heraus beobachtet, wie er akribisch seine Akten sortiert. Seltsam sei es, ihn hier zu sehen, sagt Gloria Atiba-Davies, "wenn man sich erinnert, wie viele Menschen er in Angst versetzen konnte". Aber auch "befriedigend, weil er jetzt wenigstens dieses Verfahren über sich ergehen lassen muss". Mit einem Urteil gegen Taylor ist nicht vor 2010 zu rechnen. [...]

Andrea Böhm, "Die Großwildjäger", in: DIE ZEIT Nr. 10 vom 26. Februar 2009



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