Dossierbild Afrika – Länder und Regionen
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27.5.2009 | Von:
Heinrich Bergstresser
Gero Erdmann
Sven Grimm
Daniel Lambach
Dunja Speiser

Westafrika: Ressourcenreichtum und Verteilungskonflikte

Die Spaltungen in Nord und Süd sowie in englisch- und französischsprachige Länder sind Charakteristika Westafrikas. Bis ins 19. Jahrhundert war es Zentrum des Sklavenhandels, heute sorgt sein Ressourcenreichtum für innerstaatliche Verteilungskonflikte.
Hunderte von Autos stehen im Stau.In Lagos, der größten Stadt Nigerias, herrscht ein Verkehrschaos. (© AP)

Einleitung

Von Daniel Lambach

Westafrika besteht aus 16 Staaten: Benin, Burkina Faso, Côte d'Ivoire (Elfenbeinküste), Gambia, Ghana, Guinea, Guinea-Bissau, Kapverdische Inseln, Liberia, Mali, Mauretanien (siehe 17 f.), Niger, Nigeria, Senegal, Sierra Leone und Togo. Die Region wird im Norden durch die islamisch geprägten Maghreb-Staaten begrenzt, im Westen und Süden durch den Atlantischen Ozean und im Osten durch die zentralafrikanischen Staaten Tschad und Kamerun. In Westafrika leben über 260 Millionen Menschen auf einer Fläche von rund 6,1 Millionen Quadratkilometern. (Zum Vergleich: In der EU leben über 490 Millionen Menschen auf rund 4,3 Millionen Quadratkilometern.) Westafrika weist eine bemerkenswerte ethnische und kulturelle Vielfalt auf: Nach manchen Schätzungen beherbergt es über 500 ethnische Gruppen, die eine große Zahl von Sprachen sprechen und die verschiedensten Religionen praktizieren.

WestafrikaWestafrika
Diese Diversität ist das Produkt des einzigartigen Zusammenspiels von Geographie und Geschichte in Westafrika. Die Geographie der Region ist durch einen Nord-Süd-Gegensatz gekennzeichnet: Im Norden liegt die Sahara, die sich im Westen fast bis zur Atlantikküste erstreckt. Daran grenzt zunächst die trockene Halbwüste der Sahelzone an, danach folgt das Grasland der Savanne. Schließlich wachsen entlang der Küste des Golfs von Guinea zunehmend feuchter werdende Tropenwälder. In der Savannenregion entspringen viele Flüsse, die alle relativ direkt in Richtung des Meeres fließen. Die einzige Ausnahme bildet der Niger, der drittlängste Fluss Afrikas, der in Guinea entspringt und zunächst lange ostwärts fließt, ehe er in Nigeria in den Atlantik mündet.

Die geographischen Zonen bestimmten lange Zeit die Lebensweise der dortigen Völker. Die dünn besiedelte Sahara wurde lediglich von kleinen Nomadenstämmen der Berber und der Tuareg bewohnt, während sich in der Sahelzone verschiedene, oft halbnomadische Völker entwickelten, die ihr Überleben durch Viehwirtschaft sicherten. In der fruchtbareren Savanne siedelten sich Ackerbauern an, während sich in den Wäldern zumeist segmentäre Gesellschaften herausbildeten, das heißt Dorfgemeinschaften, die weitgehend autonom über ihr eigenes Schicksal bestimmten.

Quellentext

Landwirtschaft in Burkina Faso

Achtzig Prozent der Bevölkerung des westafrikanischen Staates lebt auf dem Land. Die meisten dieser Menschen betreiben Subsistenz-Landwirtschaft. Sie bauen Hirse, Mais und etwas Gemüse an, halten einige Hühner oder Ziegen. Fast alles ihrer Produktion verbrauchen sie selbst - in trockenen Jahren reicht die eigene Ernte aber häufig nicht aus. Mehr als drei Hektar kann eine Familie in Burkina Faso nicht bebauen, und so viel auch nur, wenn die Kinder mithelfen. Hauptwerkzeug auf dem Feld ist die traditionelle Hacke "Daba". Immer wieder werden so genannte Cash Crops als Heilsbringer angepriesen. Die Feldfrüchte für den Export sollen den Bauern Geld bringen. Damit können sie Nahrungsmittel zukaufen, das Schulgeld für die Kinder bezahlen oder ihre Landwirtschaft modernisieren. So weit die Theorie. Burkina Faso hat in den vergangenen Jahren intensiv den Anbau von Baumwolle für den Export gefördert. Zwei Drittel der Exporterlöse erzielt das Land mit Baumwolle. Doch die Konkurrenz der subventionierten Baumwolle aus den USA, aber auch der von riesigen Feldern in Zentralasien und China ist übermächtig. [...]

Die Schwierigkeiten sind vielfältig. Nur ein Viertel der Bevölkerung kann lesen und schreiben. Die Infrastruktur auf dem Land ist völlig unzureichend. Burkina Faso verfügt als Binnenland über keinen Meerhafen. Exportgüter müssen über die einzige vorhandene Bahnlinie oder per LKW über schlechte und unsichere Straßen nach Ghana oder an die Elfenbeinküste transportiert werden.
Neben Baumwolle bieten auch Cashewnüsse, Sesam und Karitébutter den Bauern in Burkina Faso Einkommensmöglichkeiten. [...] Die Produktion von Karitébutter in den Dörfern von Burkina Faso geht über Stunden und Tage. Schon immer war das Sache der Frauen. Im Juni und Juli gehen sie mit Kalebassen und Plastikschüsseln zwischen den wild wachsenden Karité-Bäumen umher und sammeln die grünen, weichen Früchte vom Boden. Zunächst befreien sie die Früchte von ihrem weißen Fleisch. [...] Dann erhitzen die Frauen die ölhaltigen Kerne, um sie anschließend zu stampfen und zu mahlen. Mit Wasser rühren sie dieses Pulver zu einer braunen Paste, die aufgekocht wird. Nach dem Erkalten kneten die Frauen die Paste so lange, bis sie flockig und weiß ist. Farbpigmente und Bitterstoffe werden so heraus gewaschen. Über dem Holzfeuer kochen die Frauen dann daraus gelbes Öl. Nach dem Filtern erkaltet das Öl zu Butter.
Diese leicht körnige, weiße Butter, auch Sheabutter genannt, nutzen sie als Creme. Auch Seife lässt sich aus der Karitébutter herstellen. In den letzten Jahren wird Karité deshalb zunehmend auch von der internationalen Kosmetikindustrie nachgefragt. Eine Chance für die Frauen in Burkina Faso. So können sie ihre Produkte aus der ölhaltigen Nuss nicht nur auf den lokalen Märkten verkaufen und zum Teil den doppelten Preis erzielen.
Ein Zusatzeinkommen können die Frauen und ihre Familien dringend brauchen. Burkina Faso ist eines der ärmsten Länder der Welt. [...] Der Norden des Landes liegt im Bereich der Sahelzone. Immer wieder leidet es unter Trocken- und Dürreperioden. Die sich ausbreitende Sahara treibt die Bevölkerung dieser Region in die Städte und in den Süden von Burkina Faso. Dort wächst der Druck auf die Ressourcen. Im relativ fruchtbaren Süden fällt zwar mit 1000 Millimetern pro Jahr fast genauso viel Regen wie in Mitteleuropa. Doch der kommt innerhalb von nur zwei bis drei Monaten an wenigen Tagen übers Land, prasselt aus bedrohlichen Wolkentürmen nieder und wäscht nicht selten die dünne Humussicht von den kargen Böden. Wenn er denn kommt.
"Bleibt der Regen aus, klopft schnell der Hunger an die Tür." Mariam Idogo [...] baut gemeinsam mit ihrem Mann in ihrem Heimatdorf Guiaro Mais, Hirse und etwas Gemüse an. Das Meiste davon verbrauchen die beiden und ihre vier Kinder selbst. Doch in den Sommermonaten leert sich der Vorratsspeicher. Die neue Ernte ist noch nicht eingebracht, und Mariam Idogo muss Lebensmittel auf dem Markt in Po kaufen. Das Geld dafür verdient sie durch die Herstellung von etwa einhundert Kilogramm Karitébutter. Auf dem Markt bekommt sie dafür umgerechnet knapp achtzig Euro. Das ist der Gegenwert von gerade einmal zwei 20-Kilogramm-Säcken Reis. "Im letzten Jahr haben sich die Preise für Lebensmittel auf dem Markt verdoppelt." Mariam Idogo hat fast alles für Lebensmittel ausgeben müssen. Wenn sie und die anderen Frauen für ihre Karitébutter auf dem internationalen Markt bessere Preise erzielen, bleibt der Hunger dauerhaft vor der Tür. Und vielleicht reicht der Verdienst dann auch für die Schulbildung der Kinder.
Doch Abnehmer in Kanada, den USA und Europa kaufen am liebsten die ganzen Nüsse. So können sie die Preise unter Kontrolle halten und ihre Qualitätsstandards bei der Herstellung der Butter realisieren. In Burkina Faso versuchen deshalb Hilfsorganisationen, die Frauen bei der Herstellung und Vermarktung ihrer Karitébutter zu unterstützen. So soll ein möglichst großer Teil der Wertschöpfung aus der Karitébutter bei den Frauen gehalten werden. [...]

Klaus Sieg, agenda

Im 8. Jahrhundert kam Westafrika erstmals durch die von Berbern betriebenen transsaharischen Handelsverbindungen in Kontakt mit dem Islam, der unter den Hausa und Mande bald erste lokale Anhänger fand. Bis zum 14. Jahrhundert waren auch viele der weiter südlich gelegenen Reiche von zum Islam konvertierten Königen beherrscht; unter den Waldvölkern konnte sich diese Religion jedoch nicht etablieren. Daher weisen viele westafrikanische Gesellschaften bis heute eine charakteristische Nord-Süd-Spaltung auf: Während im trockenen Norden die Nachkommen islamischer Viehhirten leben, stammen die Bewohner des feuchteren Südens von animistischen (Animismus = Glaube an seelische Mächte, an Geister in menschlicher Gestalt) und christianisierten Ackerbauern und Waldbewohnern ab.

Die unterschiedlichen klimatischen Bedingungen und die daraus resultierenden Sozialstrukturen bestimmten auch die Möglichkeiten zur Herausbildung politischer Herrschaftsformen. Daher ist es kein Zufall, dass unter den sesshaften Bauern der Savanne eine Reihe von lokalen Königreichen entstanden. Immer wieder gelang es einzelnen Herrschern, ihre Nachbarn unter ihre Kontrolle zu bringen. Das erste große Reich dieser Art war Ghana, das vom 8. bis 12. Jahrhundert im heutigen Mali bestand und das nach Auskunft arabischer Geschichtsschreiber über einen gewaltigen Goldreichtum verfügt haben soll. Seine Macht schwand, als es nach einem Konflikt mit den islamischen Almoraviden (einem berberischen Fürstengeschlecht, das im 11. und 12. Jahrhundert Nordwestafrika und Teile von Spanien beherrschte) seinen Zugang zu den Handelsrouten nach Nordafrika verlor.

Auf Ghana folgte das Imperium von Mali, das vom 13. bis 14. Jahrhundert die Vormachtstellung in Westafrika innehatte. Mali war deutlich größer als Ghana und beherrschte den gesamten Oberlauf des Nigerflusses sowie die Küstenregion des heutigen Senegal. Mali wurde durch eine islamische Dynastie regiert, das Imperium zerbrach jedoch schließlich an internen Machtkämpfen. Sein Nachfolger wurde das Reich von Songhay, das um die Stadt Gao am Ostrand Malis entstand. Songhay erlebte eine Blütezeit in der Mitte des 15. Jahrhunderts, wurde aber 1591 durch marokkanische Armeen erobert.

Die Geschichte Westafrikas ist geprägt durch den Sklavenhandel, der jedoch nicht erst mit dem Eintreffen der Europäer begann. Vielmehr war bereits der Reichtum der Königtümer von Ghana, Mali und Songhay ebenso wie vieler kleinerer Reiche auf der Arbeit von Sklaven begründet, die in den Minen und auf den Feldern eingesetzt wurden. Gleichzeitig stellten Sklaven - neben Gold - das einzige Gut dar, dessen Wert groß genug war, um die aufwändigen Karawanen nach Nordafrika zu rechtfertigen. Mit dem Eintreffen der Europäer nahm der Umfang des Sklavenhandels massiv zu. Erwarben europäische Händler zwischen 1450 und 1500 rund 600 Menschen pro Jahr, war diese Zahl bis 1650 bereits auf jährlich rund 4000 Personen angestiegen. Der hohe Arbeitskräftebedarf in den amerikanischen Kolonien ließ die Nachfrage in der Folgezeit explodieren; um 1780 wurden jedes Jahr rund 50 000 Sklaven über den Atlantik verschifft. Ein Ende fand diese Entwicklung erst Anfang bis Mitte des 19. Jahrhunderts, nachdem zunächst Großbritannien und die USA, später auch Frankreich den Überseehandel mit Sklaven (nicht aber deren Besitz) verboten. In dieser Zeit entstanden auch erste Siedlungen befreiter Sklaven an den westafrikanischen Küsten wie zum Beispiel Freetown und Monrovia, die heutigen Hauptstädte von Sierra Leone und Liberia.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts veränderte sich auch die Natur der europäischen Präsenz in Afrika. Seit dem 15. Jahrhundert hatten sich die europäischen Seefahrernationen zumeist auf den Bau von Handelsposten an der Küste beschränkt, eine über diese Siedlungen hinausgehende Herrschaft erschien den Regierungen dagegen unwirtschaftlich. Technologische Fortschritte (die Erfindung der Telegraphie, der Eisenbahn, des Repetiergewehrs sowie die Entdeckung des Malariamittels Chinin) und eine Verschiebung der europäischen Mächtebalance in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts machten es für europäische Mächte sowohl möglich als auch attraktiv, ihre Territorialherrschaft in Afrika auszudehnen. Sie einigten sich auf der Berliner Konferenz (1884/1885) auf die Aufteilung des afrikanischen Kontinents.

Die Herrschaft in den dadurch begründeten Kolonialstaaten war gleichzeitig oberflächlich und brutal. Die Kolonien dienten den expandierenden Industrien Europas als Rohstofflieferanten, wobei die entsprechenden Primärgüter in Minen und Plantagen in einer an Sklaverei grenzenden Arbeitsweise gewonnen wurden. Die Kolonialherren errichteten nur ein Mindestmaß an staatlichen Institutionen und verließen sich stattdessen oft auf einheimische Mittelsmänner, wie es das britische Motto der indirect rule verdeutlicht.

In Westafrika gab es zwei größere Kolonialmächte: Frankreich und Großbritannien. Portugal verfügte mit Guinea-Bissau und den Kapverdischen Inseln lediglich über sehr kleine Besitzungen, und die deutsche Kolonie Togo war nach dem Ersten Weltkrieg vom Völkerbund unter französische Kontrolle gegeben worden. Als in London und Paris Ende der 1950er Jahre die Erkenntnis reifte, dass man sich die Kolonialimperien weder wirtschaftlich noch politisch länger würde leisten können, wurde dies von den nach Unabhängigkeit strebenden afrikanischen Eliten begrüßt. Zu diesen gehörten Ärzte, Lehrer und Intellektuelle, die oft zuvor in Frankreich und England studiert hatten und nun an der Spitze afrikanischer Bewegungen wie zum Beispiel dem in vielen französischen Kolonien aktiven, panafrikanistisch orientierten Rassemblement Démocratique Africain (RDA) standen.

Jenseits der Forderungen nach Unabhängigkeit gingen die politischen Programme dieser Eliten jedoch weit auseinander. Auf der einen Seite gab es charismatische Revolutionäre wie Kwame Nkrumah in Ghana und Sékou Touré in Guinea, die den radikalen Bruch mit der kolonialen Vergangenheit anstrebten, die Einheit der Afrikaner betonten und eine konsequente Blockfreiheit forderten. Ihnen gegenüber standen konservative Staatschefs wie Félix Houphouët-Boigny (Elfenbeinküste), die angesichts der hohen wirtschaftlichen Abhängigkeit der postkolonialen Staaten von ihren früheren Kolonialmächten für eine kooperative und vorsichtige Politik eintraten. Viele der Revolutionäre entwickelten an den Sozialismus angelehnte Herrschaftsmodelle, der radikale Panafrikanismus war jedoch nach Nkrumahs Sturz durch einen Militärputsch des prowestlichen National Liberation Council 1966 weitgehend passé.

Quellentext

Schwieriges Erbe

[...] Rückblickend ist die Dekolonisation Afrikas geradezu rasant verlaufen. Nach 1945 resignierten die Kolonialmächte in Asien angesichts der massiven nationalen Bewegungen zwar recht schnell. Doch in London und Paris dachte zunächst niemand an eine Aufgabe der afrikanischen Kolonien - im Gegenteil! Dort fand so etwas wie eine "zweite koloniale Besetzung" statt. Frankreich wie Großbritannien favorisierten südlich der Sahara einen mit größeren Investitionen verbundenen "Entwicklungskolonialismus", der den Metropolen direkten Nutzen und den Afrikanern die für die Unabhängigkeit vermeintlich nötige "Reife" bescheren sollte. Wellen von Experten wurden nach Afrika entsandt, um den Bauern neue Wege des Anbaus zu weisen und den Arbeitern neue Formen der Arbeit nahezulegen. Ein bisschen Demokratie einzuüben war Teil des Programms.

Die neuen afrikanischen Politiker, die sich in der Regel aus der kleinen Schar gut ausgebildeter Stadtbewohner zusammensetzten, verstanden sich indes als Bürger und wollten nicht länger Eingeborene sein. Nkrumah, Julius Nyerere, Sekou Toure und andere nationalistische Politiker verlangten nun politische Mitsprache. [...]
Die neue Generation afrikanischer Politiker hatte [...] rasch gelernt, das Spiel der parlamentarischen Demokratie zu spielen und die neuen Strukturen zu einer stetigen Ausdehnung der eigenen Machtbasis zu nutzen. Es gelang ihnen, die politische Initiative zu ergreifen und den Gang der Ereignisse zu bestimmen. Beschleunigt wurde der Prozess dadurch, dass sich die USA und die Sowjetunion auf internationalem Parkett als antikoloniale Kräfte gerierten.
Parallel verlor die koloniale Entwicklungsinitiative rasch ihren Reformeifer. Die Verwaltungs- und Wirtschaftskreise in Paris und London waren Mitte der fünfziger Jahre überzeugt: Afrika würde für die Ökonomien in Europa und der Welt nur mehr eine marginale Rolle spielen. Die hohen Kosten, die etwa mit der Schaffung von Wohlfahrtsstaaten nach europäischem Muster verbunden waren und noch sein würden, erschienen den Europäern immer mehr als Fehlinvestition. [...] Infrastrukturmaßnahmen und Sozialprogramme in Afrika wurden zurückgenommen oder verschleppt. Am Ende übernahmen die Afrikaner das Projekt "Entwicklung" zusammen mit dem von den Kolonialherren aufgebauten Staatsapparat. [...]
Zum Zeitpunkt der Unabhängigkeit glaubten die Führer dieser Jahre in der Position zu sein, das jeweils beste von Europa und Afrika auswählen zu können. Doch sie wurden Opfer ihres schnellen Erfolges. Sie konzipierten, Gefangene des zeittypischen Machbarkeitswahns, ihre jungen Staaten als Sozialstaat mit Interventionskompetenz, sahen sich aber zugleich mit dem Erbe eines schwachen und autoritären Staates konfrontiert. Angesichts der großen Lücke zwischen Wollen und Können und aus Schwäche heraus suchten sie ihr Heil in autoritären Lösungen. [...]
Die jungen Staaten mussten neben der Regierungsverantwortung das Scheitern kolonialer Entwicklungsprogramme mit übernehmen. Sie erbten eine enge, exportorientierte Infrastruktur und begrenzte Märkte für Produzenten von Rohstoffen. Aber sie mussten nun den Preis für eine immer schwerfälligere Verwaltungsstruktur zahlen, die im Zuge des spätkolonialen Entwicklungsenthusiasmus etabliert worden war. Vor allem mussten die Regierenden mit den wachsenden Erwartungen der Bevölkerung umgehen, die nun hoffte, dass der Staat endlich ihnen gehöre.
[...] Die afrikanischen Eliten hatten aufgrund ihrer Erfahrungen mit der Mobilisierung gegen den kolonialen Staat meist ein untrügliches Gespür dafür bekommen, wie prekär die Macht war, die sie geerbt hatten. Der bestenfalls gemischte Erfolg kolonialer und nachkolonialer Entwicklungsanstrengungen erweckte in ihnen wenig Hoffnungen, dass die wirtschaftliche Entwicklung ausreichend Wohlstand generieren würde, um ihnen politischen Kredit zu verschaffen, und auch zu wenig einheimisches Wachstum, um genügend Steuern abzuwerfen. So besannen sie sich auf die Strategie, die bereits die Regierenden der Kolonialstaaten praktiziert hatten: Begrenzte, von den Herrschenden kontrollierte Aufstiegsmöglichkeiten und die Einengung von Spielräumen schienen das beste Mittel gegen eine potentielle Opposition. [...]

Andreas Eckert, "Der Dominoeffekt", in: Süddeutsche Zeitung vom 6. März 2007

Außerdem trat eine zweite Konfliktlinie hervor: die Spaltung Westafrikas in anglophone und frankophone Länder. Insbesondere Frankreich unterhielt auch nach der Dekolonisierung weiterhin sehr enge politische und wirtschaftliche Verbindungen zu seinen ehemaligen Kolonien. In den 1960er Jahren intervenierten französische Truppen achtmal in West- und Zentralafrika, um freundlich gesonnene Regierungen zu stützen. Doch auch Großbritannien spielte seine Verbindungen aus, um sich in der bipolaren Weltordnung des Kalten Krieges eine eigene Einflusssphäre zu erhalten.

In Westafrika entbrannte aus diesen gegenläufigen Interessen ein Konflikt um die regionale Vormachtstellung, wobei Nigeria und die Elfenbeinküste die wichtigsten Protagonisten waren. Während des Sezessionskonflikts um die nigerianische Provinz Biafra (1967 bis 1970) sah Frankreich eine Chance, die dominante Macht Nigeria zu schwächen und unterstützte die Separatisten über die Elfenbeinküste und Gabun mit Waffen, Söldnern und Geld. Nachdem jedoch die anderen Staaten Biafra die Anerkennung verweigerten, konnte sich die nigerianische Regierung erst intern und später, getragen von der weltweiten Nachfrage nach Öl, auch in der Region durchsetzen.

Um seine dominante Position abzusichern, betrieb Nigeria ein Projekt regionaler Wirtschaftsintegration, das 1975 in der Gründung der Economic Community of West African States (ECOWAS) mündete. Da sich schnell herausstellte, dass die auf den Rohstoff-Export ausgerichteten Mitgliedsländer wirtschaftlich nur wenig von einer Integration profitierten, verwandelte sich ECOWAS bald von einer wirtschaftlichen Organisation in ein politisches Forum, in dem aktuelle diplomatische Fragen besprochen werden konnten. In den 1980er Jahren erhielt ECOWAS überdies durch ein Sicherheitsabkommen eine weitere Dimension, die durch den ersten liberianischen Bürgerkrieg (1989 bis 1996) eine besondere Relevanz erlangte.

Im Umfeld dieses Bürgerkrieges traten die beiden regionalen Konfliktlinien wieder deutlicher hervor. In den 1980er Jahren wurde Liberia durch eine Militärjunta unter der Führung von Samuel Doe regiert, der gute Beziehungen zu den USA und zu Nigeria unterhielt; deshalb wurde er sowohl von Revolutionären wie Blaise Compaoré (Burkina Faso) und Muammar al Gaddafi (Libyen) als auch von dem selbst ernannten Anführer der westafrikanischen Frankophonie, Félix Houphouët-Boigny (Elfenbeinküste), abgelehnt. Diese drei Staatschefs unterstützten stattdessen die Rebellen der National Patriotic Front of Liberia (NPFL) unter der Führung von Charles Taylor, die ab 1989 für den Sturz Does kämpften. Bereits Mitte 1990 schien die Machtübernahme der NPFL unmittelbar bevorzustehen, ehe die ECOWAS unter dem Druck Nigerias eine Interventionstruppe nach Liberia entsandte, die Taylors Vormarsch auf die Hauptstadt in letzter Minute stoppen konnte. Daraus entwickelte sich ein Stellungskrieg, der einige Jahre andauerte und auf mehrere angrenzende Länder übergriff.

Mit der Zeit wurde jedoch deutlich, dass die internationalen Allianzen weniger durch strukturelle Faktoren als vielmehr durch die darin verbundenen Personen bestimmt wurden. Beispielsweise beendete der heutige Präsident der Elfenbeinküste, Laurent Gbagbo - ein langjähriger Konkurrent des Houphouët-Boigny-Lagers - die Unterstützung für Taylor, der 1997 das Präsidentenamt Liberias übernommen hatte. In der Folge breitete sich der im Jahr 2000 neu entbrannte liberianische Bürgerkrieg auch in die Elfenbeinküste aus, wo es ab 2002 zu unter anderem von Compaoré und Taylor unterstützten Rebellionen kam.

Die Vertreibung Taylors aus seinem Amt im Jahr 2003 beendete vorerst die Bürgerkriege in der Region - mit Ausnahme des Konflikts in der Elfenbeinküste, der bis heute nicht vollständig gelöst ist, sowie verschiedener lokaler Konflikte in Nigeria. Seither haben viele Regierungen angesichts eines guten weltwirtschaftlichen Klimas eine deutliche Friedensdividende einfahren können. Dennoch bleibt die gesamte Region latent instabil: Nigeria und die Elfenbeinküste, die beiden größten Staaten der Region, leiden unter internen Spaltungen und schlechter Regierungsführung. In Guinea herrscht nach dem Tod des langjährigen, autokratisch regierenden Präsidenten Lansana Conté und einem Putsch seit dem 25. Dezember 2008 eine Militärjunta, die für 2010 reguläre Wahlen ankündigte. Obwohl Militärputsche heute wesentlich seltener sind als noch während ihrer Hochphase in den 1970er und 1980er Jahren, stellen sie weiterhin eine ständige Bedrohung dar, wie auch der Putsch in Mauretanien im Sommer 2008 gezeigt hat. Nicht zuletzt leidet die gesamte Region unter massiven Entwicklungsproblemen, die noch für Jahrzehnte eine nachhaltige Stabilisierung der politischen Lage erschweren werden.

Nigeria

Von Heinrich Bergstresser

Der westafrikanische Staat Nigeria hebt sich strukturell in vielerlei Hinsicht von allen anderen afrikanischen Staaten ab. Denn in dem nur mittelgroßen Land (923 800 Quadratkilometer) lebten nach dem letzten Zensus von 2006 mehr als 140 Millionen Menschen, das heißt, jeder fünfte oder sechste Afrikaner ist Nigerianer, und Nigerianer bilden mit Abstand die größte afrikanische Diaspora in Übersee. Doch es ist nicht nur das bevölkerungsreichste Land des Kontinents, sondern bietet auf geographisch überschaubarem Raum mit annähernd 400 Sprachen und Ethnien gleichzeitig die größte kulturelle Heterogenität, wobei allein die drei Mehrheitsvölker, die Hausa-Fulani, Igbo und Yoruba, etwa die Hälfte der Gesamtbevölkerung stellen. Drei der vier Sprachstämme und ein Viertel aller Sprachen Afrikas sind in Nigeria vertreten, hier leben zugleich weltweit die größte Anzahl von Christen und Muslimen in einem Staatsgebiet zusammen, und praktizierte Religiosität ist bei mindestens 90 Prozent der Gesellschaft fester Bestandteil des Alltags.

Ein seit Jahrzehnten rasant anhaltendes Bevölkerungswachstum von bis zu drei Prozent ließ die Bevölkerungszahl allein seit 1991 um mehr als 50 Millionen ansteigen, und trotz einer leichten Abflachung der demographischen Wachstumskurve wird bereits in wenigen Jahren die Zahl von 170 Millionen Menschen überschritten sein. Diese enormen Steigerungsraten spiegeln sich im aktuellen Urbanisierungsgrad von 50 Prozent - Tendenz steigend - und einem 44-prozentigen Anteil Jugendlicher unter 15 Jahren an der Gesamtbevölkerung wider. Allein in den beiden bevölkerungsreichsten Bundesstaaten Lagos im Süden und Kano im hohen Norden leben jeweils neun Millionen Menschen und in jedem weiteren Bundesstaat, einschließlich des Bundesterritoriums Abuja, zwischen 1,4 und sechs Millionen. Und in allen 36 Bundesstaaten gibt es eine Vielzahl von Klein- und Mittelstädten, wobei die Hauptstädte in der Regel Populationen von hunderttausend Einwohnern und mehr aufweisen.

Quellentext

Filmland Nigeria

In dem kleinen Krankenhaus außerhalb der Stadt Asaba im Niger Delta wälzen vier Frauen dicke Bücher. "Finanzabgleich", sagt eine korpulente Dame in giftgrünem Kleid. "Wir machen unsere Monatsabrechung und wie immer fehlt Geld." Und man wäre wenig überrascht, würde nicht gerade in einer anderen Ecke eine Szene mit der nigerianischen Variante von Julia Roberts gedreht. Kate Henshaw, eine schöne, grazile Frau mit starker dunkler Stimme und schallendem Lachen. "Und? Haben Sie gute oder schlechte Nachrichten?", fragt sie mit großen Augen eine schneeweiß gekleidete Krankenschwester. Eine kleine Digitalkamera läuft. Der Kameramann dreht ohne Stativ. [...] Tchidi Chikere, der Regisseur, redet nun auf die Krankenschwester ein. "Will er ihr Grammatik beibringen?", brummelt die Krankenhauschefin im giftgrünen Kleid. "Hoffentlich sind die bald fertig." Spricht's und widmet sich wieder ihren Finanzen, ganz nach dem Motto: Sollen die doch hier Hollywood proben, ich habe wirklich Wichtigeres zu tun.

Es ist diese gesunde Koexistenz zwischen Stars und normalem Leben, die Nigerias Filmindustrie auszeichnet. 2000 Filme werden hier jedes Jahr gedreht, 200 Millionen Euro umgesetzt, mit Geschichten ganz nah am Menschen. So hat sich die drittgrößte Filmindustrie der Welt nach Hollywood und Bollywood in Indien den Namen Nollywood verdient. Kino allerdings ist in Nigeria kein Thema. DVDs für den Heimgebrauch gelten als Kult. Die Budgets sind winzig, im Schnitt 10 000 Euro pro Film. Digitale Technik macht es möglich. 500 000 Kopien eines Films landen auf dem Markt. Jede Woche gibt es etwa zehn Neuerscheinungen. Die moderne Technik ist einfach und kostengünstig. "Drei bis vier Monate brauchen wir, um einen Film abzudrehen. Vom Drehbuch bis zum Verkaufsstart", erklärt Regisseur Tchidi. Er wisse selbst nicht, wie viele Filme er in den vergangenen zehn Jahren produziert hat. "Zwischen 150 und 200 vielleicht?"
Star Kate Henshaw hat aufgehört, zu zählen. Die Schauspielerin ist mit einem Engländer verheiratet und verbringt viel Zeit in London. Doch ihre Einsätze in Nollywood will sie nicht aufgeben. "Wir haben viel Spaß am Set. Nigeria hat so viele talentierte Schauspieler." Die Schauspielerin ist in Nigeria ein Star, der nicht ohne Sonnenbrille durch die Straßen von Lagos, Abuja oder Kano laufen kann. [...] "Afrikaner sind wunderbare Geschichtenerzähler", sagt Henshaw. "Wir fühlen uns in den Geschichten zu Hause. Deshalb können wir sie so schnell abdrehen, bis zu 20 Szenen am Tag."
Keiner der Schauspieler hat ein Double. Die Maske macht man zwischendurch. Dem Hollywood-verwöhnten Auge kommen die Filme seltsam vor.
"Man kann ein Kunstwerk nicht kritisieren, indem man es am Maßstab anderer Kulturen misst. Das wäre beinahe Kolonialismus", sagt Tchidi. Zurzeit versucht er, afrikanische Schauspieler für neue Projekte zu engagieren. Bisher sind Nollywood-Filme nur in Nigeria erfolgreich. Nun will Tchidi mit "frischem Fleisch" ganz Afrika erobern.
Dabei lässt sich jetzt schon viel Geld in Nollywood verdienen. Ein bis zwei Euro kostet eine DVD im Supermarkt, beim Friseur oder auch in eigens dafür gebauten Bretterverschlägen. "Filme sind unsere Lebensbegleiter", sagt Sandra Banjano, die Videos verkauft. "Nachmittags, wenn die Kinder nach Hause kommen, dann können wir uns bei einem Film entspannen. Und abends, wenn wir mit der Hausarbeit fertig sind, schauen wir noch einen Film." In Sandras Bretterladen steht ein kleiner Fernseher, aus dem Nollywood den ganzen Tag dröhnt. Oft ist Kate Henshaw zu sehen. "Die ist eine von uns", sagt Sandra. "Die kennt das Leben in den Dörfern." Kate Henshaw lacht über solche Sätze. "Ich identifiziere mich nicht mehr mit den Leuten in den Dörfern. Ich bin weitergezogen. Mein Geist hat sich verändert. Meine Augen sind weit offen." Die Krankenhausleiterin hört zu. Und dann spricht sie die Schauspielerin an. "Unsere Augen sind auch offen, das solltest du nie unterschätzen. Denn wie sollten wir deine Filme mit geschlossenen Augen anschauen?", sagt sie und lacht, laut und von Herzen.

Nicole Macheroux-Denault, Traumfabrik Nollywood, in: Welt am Sonntag vom 8. März 2009

Nigeria gehört als OPEC-Mitglied zu den weltweit wichtigsten Erdöl- und Erdgasproduzenten, ohne jedoch den Reichtum an natürlichen Ressourcen bisher zur wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung genutzt zu haben. Vielmehr erzeugten jahrzehntelange politische Auseinandersetzungen um den lukrativen Zugang zu diesen Ressourcen eine lange Kette blutiger und kostspieliger Konflikte.

Der britische Imperialismus begann Mitte des 19. Jahrhunderts von der Küste des Golfs von Guinea aus das Territorium des heutigen Nigeria in sein Kolonialreich einzugliedern. Lagos wurde 1861 Kolonie, doch dauerte es mehr als 40 Jahre bis auch im islamischen Nordosten der Widerstand gebrochen war. Nach der erfolgreichen "Befriedung" der Protektorate Nord- und Südnigeria fasste Frederick Lugard, britischer Offizier und Kolonialverwalter, 1914 die beiden Gebiete unter der Bezeichnung "The Colony and Protectorate of Nigeria" zusammen. Er begründete die Politik der "indirekten Herrschaft", um die bestehenden Herrschaftsstrukturen konsolidieren und die Kolonie kostengünstig verwalten und ausbeuten zu können. Indirekte Herrschaft bedeutete, dass die einheimischen Eliten ihre traditionellen Funktionen behielten, aber als Sachwalter britischer Interessen dem Kolonialverwalter unterstanden. Diese Rolle übernahmen im Südwesten die Yoruba-Könige, im Südosten stützten die Missionsschulen die Fremdherrschaft über die segmentäre Igbo-Gesellschaft, und den Emiraten im Norden des Landes blieben die innere Selbstverwaltung und die Kontrolle über die Minoritätenvölker des Middle Belt. Darüber hinaus verboten die Briten jegliche Missionierung im islamischen Hausa-Fulani-Kernland des hohen Nordens und schrieben damit für mehrere Jahrzehnte die politische und soziale Stagnation in diesem Gebiet fest.

Der unter diesen Bedingungen erzwungene Zusammenschluss zweier Kolonialgebiete mit völlig unterschiedlichen Wertesystemen, Normen sowie politischen und soziokulturellen Vorstellungen zu Macht und Fremdherrschaft begründete den noch heute erheblichen Entwicklungsunterschied zwischen Nord und Süd. Zwischen den beiden Weltkriegen entstanden die ersten antikolonialen Bewegungen in Lagos, getragen von gebildeten Yoruba und Igbo. Nach dem Zweiten Weltkrieg versuchten sie, ihre nationalen, antiimperialistischen Ideen auch in den Norden zu tragen, stießen jedoch auf massiven Widerstand der feudalen Herrschaftselite der Hausa-Fulani, die schließlich eine eigene Partei gründete, um sich gegen die expandierende Intelligenz des Südens zu behaupten. Somit zerschlug sich schon Jahre vor der Unabhängigkeit die Hoffnung auf eine nationale Bewegung, was den drei Mehrheitsvölkern aber Macht und Reproduktionsbasis in ihrer jeweiligen Region sicherte. Zugleich verweigerte die britische Kolonialmacht den benachteiligten Minoritätenvölkern eigene politische Einflusszonen. Am Tag der Unabhängigkeit des dreigliedrigen föderativen Systems mit dem Bundesterritorium Lagos 1960 begann der Kampf zwischen den Eliten der drei Mehrheitsvölker um die politische Vorherrschaft.

Der von den Igbo inspirierte erste Militärputsch 1966 und der blutige Gegenputsch von Hausa-Fulani und Minoritäten der Nordregion wenige Monate später mündete schon bald in einem opferreichen Bürgerkrieg (1967 bis 1970) um die abtrünnige Igbo-dominierte Ostregion, der als Biafra-Krieg in die Geschichte einging. Als am Vorabend dieses gewaltsamen Konfliktes die territoriale Einheit des Landes zu zerbrechen drohte, entpuppten sich letztlich die Minoritätenvölker aus dem Norden und Süden, personifiziert durch den jungen General und Juntachef Yakubu Gowon aus dem Middle Belt, als Zünglein an der Waage. Er schmiedete neue Allianzen zwischen den Minoritätenvölkern, Yoruba und Hausa-Fulani, erweiterte die Föderation auf zwölf Bundesstaaten, beendete gewaltsam die Sezession und etablierte zugleich das Militär als zentralen politischen Akteur im komplizierten Kräftespiel des Vielvölkerstaates.

Die großen internationalen Ölkonzerne und die staatliche Ölgesellschaft läuteten nun im Niger-Delta das Zeitalter des leicht verdienten Geldes ein, und der Ölboom veränderte binnen weniger Jahre Denk- und Verhaltensmuster der noch sehr jungen Nation. Doch schufen die Petrodollar zunächst einmal die materielle Grundlage, die Wunden des Bürgerkrieges zu heilen und die tiefen Gräben zwischen den Igbo und den übrigen Volksgruppen zumindest teilweise zu überbrücken. Zugleich entwickelte sich ein fragiler Konsens der Eliten über die Verteilung der wertvollen Ressource Öl, der aber die zahlreichen Staatsstreiche und Putschversuche und die beiden gescheiterten Demokratisierungsprojekte (II. Republik 1979 bis 1983 unter Staatspräsident Shehu Shagari und der von Juntachef General Ibrahim Babangida 1993 abrupt beendete mehrjährige Übergangsprozess zur III. Republik) nicht unterbinden konnte. Erst der plötzliche Tod von General Sani Abacha 1998 und die Wahl des ehemaligen Juntachefs General a. D. Olusegun Obasanjo zum demokratisch legitimierten Staatspräsidenten 1999 beendeten die lange Phase militärischer, repressiver Herrschaft.

Zugleich ermöglichte der erneute Demokratisierungsversuch die Einführung des islamischen Rechts, der Scharia, als bindendes Recht in zwölf islamisch geprägten Bundesstaaten Nordnigerias, womit ein alter Traum von Teilen des islamischen Klerus und des Establishments Wirklichkeit wurde. Trotz erheblicher verfassungs- und strafrechtlicher Probleme hat sich die große Mehrheit der Eliten und politischen Entscheidungsträger schließlich mit der Existenz zweier Rechtssysteme arrangiert und den Status quo eines gelebten Rechtspluralismus akzeptiert. Eine Verfassungskrise blieb aus, und nach zwei Legislaturperioden, ein Novum in der nigerianischen Geschichte, ging mit der Wahl von Umaru Musa Yar'Adua 2007 sogar erstmals die Macht von einer direkt gewählten Staatsführung auf eine andere über.

Die Ölkrise Anfang der 1970er Jahre und die sukzessive steigenden Erdölpreise hatten binnen weniger Jahre das agrarisch strukturierte Land in einen anerkannten politischen Akteur des Kontinents verwandelt. Nigeria glaubte nun, auf Grund seines Ölreichtums, seines demographischen Gewichts und seiner damals 250 000 Mann starken Armee prädestiniert zu sein, eine Führungsrolle in Afrika zu spielen und Afrikas Stimme in der Welt zu sein. Darüber hinaus hatte der Glaube, allein mit Devisen Unter- und Nichtentwicklung überwinden zu können, die gesamten Eliten des Landes erfasst und sie zu Großkonsumenten umfunktioniert, die der Weltmarkt mit Konsum- und Investitionsgütern, Fernstraßen, Industrieanlagen, Luxusgütern, Autos, Bildungseinrichtungen und hoch qualifizierten Fachkräften belieferte. Als der Ölpreis in den 1980er Jahren einbrach, brach auch der Traum einer schnellen Industrialisierung und Modernisierung in sich zusammen. Was blieb, ist eine bis heute weithin gültige Grundstruktur des politischen und sozioökonomischen Systems, das sich im Wesentlichen auf die Erdöl- und Erdgaseinnahmen stützt: Korruption in allen Institutionen und auf allen Gesellschaftsebenen, organisierte Schwerkriminalität in allen Landesteilen, Gewaltkonflikte um Grund und Boden sowie um Macht und Einfluss auf kommunaler und bundesstaatlicher Ebene, weit verbreitete absolute Armut, marode Infrastruktur, eklatanter Mangel an Elektrizität, Trinkwasser und Benzin. Positive Entwicklungen gab es lediglich im Bereich der Kommunikationstechnologie, denn dank der Digitalisierung gehört Nigeria quantitativ mittlerweile zu den führenden Handy-Nationen der Welt.

So dient die am US-amerikanischen Föderalismus orientierte föderative Struktur Nigerias mit seinen mittlerweile 36 Bundesstaaten, dem Bundesterritorium Abuja mit seinen sechs Stadtbezirken (Area Councils) und den 786 Bezirken (Local Governments) den Eliten und Mandatsträgern als wichtigste Plattform, den Ressourcenreichtum nach einem festgelegten Schlüssel zu ihren Gunsten umzuverteilen. Die starke Stellung der Gouverneure, untermauert durch die Rechtsprechung des obersten Gerichtshofes, hat zahlreiche Machtzentren geschaffen, die, alimentiert durch die verfassungsrechtlich abgesicherten üppigen Anteile aus den Erdöl- und Erdgaseinnahmen, weitgehend ein politisches Eigenleben führen. Die Versuche der beiden gewählten Staatspräsidenten Obasanjo und Umaru Musa Yar'Adua, die ausufernde Korruption mit rechtstaatlichen Mitteln zu bekämpfen, sind bislang weitgehend gescheitert.

Nach vorsichtigen Schätzungen haben sich die nigerianischen Eliten im Laufe der letzten drei bis vier Jahrzehnte mindestens 400 Milliarden Dollar aus dem Ölsektor problemlos widerrechtlich angeeignet und auf in- und ausländische Konten transferiert. Die große nigerianische Diaspora in Afrika und in Übersee war und ist Teil dieses Netzwerkes, um Transaktionen dieser Größenordnung überhaupt durchführen zu können. Die internationale Gemeinschaft hat diesem Treiben, bislang jedenfalls, nichts Substanzielles entgegengesetzt, sondern es aus Opportunitätsgründen in der Regel sogar geduldet. Denn die USA als wichtigster Importeur nigerianischen Erdöls und Erdgases und die EU haben ein grundsätzliches Interesse an einem zumindest halbwegs stabilisierten Nigeria. Jenseits der riesigen Energiereserven betrachten die westlichen Staaten Nigeria auch als Ordnungsfaktor in der westafrikanischen Region, der einen wichtigen Beitrag zu UN-Blauhelmmissionen innerhalb und außerhalb Afrikas liefert.

Côte d'Ivoire (Elfenbeinküste)

Von Daniel Lambach

Die Elfenbeinküste liegt am Golf von Guinea und grenzt an Liberia, Guinea, Mali, Burkina Faso und Ghana. Das Land ist in zwei geographische Zonen unterteilt: eine trockene Savanne im Norden und einen tropischen Regenwald im Süden. 19,27 Millionen Menschen bewohnten 2007 dieses Land, das mit 322 500 Quadratkilometern etwa ähnlich groß wie die Bundesrepublik Deutschland ist. Der Süden ist wesentlich dichter besiedelt als der Norden; dort konzentrieren sich auch die Anbaugebiete für Kaffee und Kakao, die beiden wichtigsten Exportgüter der Elfenbeinküste. Zwar ist Yamoussoukro seit 1983 die offizielle Hauptstadt der Elfenbeinküste, der wahre politische Mittelpunkt des Landes befindet sich aber weiterhin in der vorigen Hauptstadt Abidjan, die mit ihren etwa vier Millionen Einwohnern das größte Bevölkerungszentrum der Elfenbeinküste ist.

Die geographische Spaltung des Landes spiegelt sich in der Sozialstruktur: Während die Bewohner des Nordens zumeist Muslime sind und mit etwa 40 bis 50 Prozent der Gesamtbevölkerung die größte religiöse Gruppe darstellen, leben im Süden vorwiegend Christen und Anhänger traditioneller Religionen. Jenseits der religiösen Zugehörigkeiten ist die ivorische Gesellschaft in eine Vielzahl von ethnischen Gruppen unterteilt. Nach sprachlichen Kriterien lassen sich grob Akan, Kru, Mande und Senufo unterscheiden, wobei die Senufo und Mande den Norden, die Kru den Südwesten und die Akan den Südosten bewohnen. Die Akan machen etwa 27 Prozent der einheimischen Bevölkerung aus, die Kru rund 18 Prozent. Weitere 24 Prozent gehören zu mandesprachigen Ethnien, hinzu kommen die Senufo mit zwölf Prozent und sonstige Ethnien mit 13 Prozent.

In vorkolonialer Zeit gab es bei manchen Akan-Völkern, zum Beispiel den Baoulé und den Agni, lokale Königreiche mit differenzierter politischer Organisation. Die Kru und Senufo lebten vorwiegend in kleinen Gemeinschaften, während die Mande von den verschiedenen Großreichen Westafrikas (Mali, Songhay, Kong) regiert wurden. Die Kolonisierung der Elfenbeinküste vollzog sich nach dem für Westafrika üblichen Muster: Ab dem 16. Jahrhundert errichteten Handelsreisende erste Posten an der Küste. Ab 1840 schlossen die Franzosen Verträge mit einzelnen Königen der Akan und etablierten über die nächsten Jahrzehnte schrittweise ein Protektorat. Die meisten einheimischen Völker wehrten sich zwar gegen das französische Vordringen, wurden jedoch gewaltsam unterworfen und ihre Anführer durch kooperative chefs ersetzt. 1893 wurde Côte d'Ivoire offiziell als Kolonie in Afrique Occidentale Française (Französisch-Westafrika, 1895 bis 1958) aufgenommen. Die französische Kolonialherrschaft war hart: Einheimische Institutionen wurden zerschlagen, wenn sie nicht mit der Struktur des neuen Kolonialstaates harmonierten. Die christianisierten Eliten des Südens wurden von den Franzosen als Mittelspersonen in den Herrschaftsapparat einbezogen.

Nach der Auflösung des französischen Kolonialreiches wurde die Elfenbeinküste 1960 unabhängig. In Abidjan etablierte sich der Arzt Félix Houphouët-Boigny mit seiner Parti Démocratique de la Côte d'Ivoire (PDCI) schnell als dominante Kraft. Nach seinem unangefochtenen Sieg in der ersten Präsidentenwahl des Landes errichtete er schrittweise ein Einparteiensystem, in dem seine PDCI die Macht monopolisierte. Konkurrenten ließ Houphouët-Boigny aus dem Verkehr ziehen oder band sie in ein Patronagesystem ein, das für Ruhe und Stabilität im Land sorgte. Um dieses System mit den nötigen Ressourcen zu versorgen, förderte der Präsident die wirtschaftliche Entwicklung der Elfenbeinküste. Dazu ging er eine enge Partnerschaft mit Frankreich ein, das seine politische Treue mit konstant hohen Entwicklungshilfezahlungen und umfangreichen Investitionen in die Plantagenwirtschaft und den für westafrikanische Verhältnisse starken Industriesektor belohnte. In den 1960er und 1970er Jahren wuchs die Wirtschaft um durchschnittlich sechs bis acht Prozent pro Jahr. Die PDCI verteilte die Gewinne, was Bürgern und Politikern half, über die ethnischen, regionalen und religiösen Spaltungen des Landes hinwegzusehen. Der Boom dieser zwei Jahrzehnte machte Côte d'Ivoire zu einem gefragten Arbeitsmarkt: Millionen von Westafrikanern kamen als Migranten ins Land, um auf den Plantagen zu arbeiten und beim Aufbau der Industrie und des Dienstleistungssektors zu helfen.

Als jedoch 1978 die Weltmarktpreise für Kaffee und Kakao zu fallen begannen, geriet die ivorische Wirtschaft in eine Krise, die das Land erstmals mit einer verbreiteten Arbeitslosigkeit konfrontierte. Die Regierung, die die sozialen Folgen der Krise zunächst abzufedern versuchte, geriet in eine Spirale der Verschuldung, die Ende der 1980er Jahre praktisch zur Insolvenz des Staates führte. Aus der Unzufriedenheit der Bürger entstand ein Klima der Fremdenfeindlichkeit, da die Einwanderer nun als Konkurrenz um knapper werdende Arbeitsplätze galten.

Unter dem Druck öffentlicher Proteste stimmte Houphouët-Boigny 1990 schließlich der Einführung eines Mehrparteiensystems zu, nahm jedoch der Opposition durch die sehr kurzfristige Ansetzung des Wahltermins jegliche Siegchancen, weshalb die PDCI ihre Machtposition erhalten konnte. Um der zunehmenden ethnischen Spaltung der Gesellschaft entgegenzuwirken, ernannte der Präsident Alassane Ouattara, einen Moslem aus dem Norden, zum Premierminister. Dies konnte die zunehmend unzufriedener werdende Bevölkerung nicht besänftigen, so dass es auch in den Folgejahren zu weiteren Unruhen kam.

Nach dem Tod des greisen Houphouët-Boigny im Jahr 1993 konnte sich Henri Bédié, der den Akan-Flügel der PDCI anführte, im Machtkampf um dessen Nachfolge durchsetzen. Anhänger Ouattaras verließen daraufhin die PDCI und gründeten mit dem Rassemblement des Républicains (RDR) eine neue Partei, die insbesondere im Norden Unterstützung fand. Das Parteiensystem wurde komplettiert durch die Front Populaire Ivorien (FPI) unter Laurent Gbagbo, die ihre Hochburg unter den Kru hatte. Um Ouattara auszuschalten, erließ Bédié ein neues Wahlgesetz, das nur denjenigen Personen das aktive und passive Wahlrecht zusprach, die nie eine andere Staatsbürgerschaft besessen und die letzten fünf Jahre ununterbrochen in der Elfenbeinküste gelebt hatten und deren beide Elternteile Ivorer waren. Es wurde behauptet, der Vater Ouattaras stamme aus Burkina Faso, der populäre Oppositionelle sei burkinischer Staatsbürger und habe aufgrund seiner früheren Tätigkeit für den IWF ohnehin zu lange im Ausland gelebt. Damit wurde jedoch nicht nur Ouattara von den Wahlen 1995 ausgeschlossen, sondern auch mehrere Millionen Nachkommen von Migranten. Diese waren lange Zeit Anhänger der PDCI gewesen, unterstützten aber inzwischen den RDR. Dieses Dekret hatte außerdem eine Signalwirkung: Bald kam es zu fremdenfeindlichen Übergriffen und zu Vertreibungen von burkinischen und malischen Einwanderern.

Bédié gewann zwar die von der Opposition boykottierte Präsidentenwahl, seine nächsten Regierungsjahre waren aber durch eine weitere Verschlechterung der Wirtschaftslage, anhaltende Proteste der Opposition und einen Anstieg der Kriminalität gekennzeichnet. An Heiligabend 1999 wurde Bédié von der Armee aus dem Amt geputscht und der ehemalige Generalstabschef Robert Gueï an seiner Stelle zum Interimspräsidenten ernannt.

Gueï formierte zunächst eine Allparteienregierung, setzte jedoch mit der Zustimmung der PDCI und der FPI Bédiés Politik der Ivoirité (Bestreben, nur "wahre Ivorer" politisch zu beteiligen, s.o.) fort, um Ouattara und den RDR weiterhin aus der nationalen Politik auszuschließen. Bei den Wahlen im Oktober 2000 stellte sich die Armee hinter Laurent Gbagbo, der die Parlamentswahlen mit seiner Partei FPI knapp vor der PDCI gewann. Da die gesellschaftliche Spaltung sich unter Gbagbos Regierung weiter fortsetzte, kam es im September 2002 zum Aufstand einer Rebellenbewegung aus dem Umfeld der RDR und mit ihr sympathisierender Teile der Armee. Nachdem die Regierung die Aufständischen aus Abidjan vertreiben konnte, zogen sich diese in den Norden zurück, wo sie auf breite Unterstützung von RDR-Sympathisanten trafen. Nach kurzen Kämpfen war das Land effektiv in eine Nord- und eine Südhälfte geteilt, es kam zu Massenvertreibungen von Muslimen aus dem Süden ebenso wie von Christen aus dem Norden.

Auf der Grundlage eines Waffenstillstandsabkommens wurden französische Truppen zur Überwachung einer neutralen Zone zwischen der Regierung und den sich als Forces Nouvelles (FN) bezeichnenden Rebellen stationiert, die beide Seiten jedoch regelmäßig verletzten. 2003 wurde das Friedensabkommen von Linas-Marcoussis (Frankreich) vereinbart, das die Bildung einer Regierung der nationalen Einheit, eine Abschaffung des diskriminierenden Wahlgesetzes und eine Demobilisierung der Konfliktparteien vorsah. Auch die Umsetzung dieses Abkommens wurde von Regierung und Rebellen ständig hintertrieben. Als bei einem Luftangriff der ivorischen Luftwaffe auf Rebellenstellungen neun französische Soldaten umkamen, die die Einhaltung des Friedensabkommens sicherstellen sollten, zerstörte die französische Interventionstruppe umgehend alle Flugzeuge der ivorischen Armee durch ein gezieltes Bombardement. Gewaltsame, von der Regierung angestachelte anti-französische Proteste waren die Folge, sodass ein Großteil der noch in Abidjan verbliebenen Europäer das Land verlassen musste.

Seither haben zwar die gewalttätigen Auseinandersetzungen ein vorläufiges Ende gefunden, die politische Krise ist jedoch noch nicht überwunden. Auf Linas-Marcoussis folgten weitere unter internationaler Vermittlung ausgehandelte Friedensverträge, die jedoch weitgehend wirkungslos blieben. Erst 2007 konnte mit dem Abkommen von Ouagadougou, Burkina Faso, eine neue Basis für den Friedensprozess gefunden werden. Der FN-Anführer Guillaume Soro wurde dadurch zum Premierminister unter Präsident Gbagbo ernannt. Diese Machtteilung zwischen FN und FPI bedeutete auch eine gleichzeitige Marginalisierung der PDCI und der RPR. Sollte es zu Präsidentenwahlen kommen, wären jedoch deren Anführer Bédié und Ouattara die wichtigsten Konkurrenten Gbagbos, da der frühere Studentenführer Soro das Mindestalter für die Präsidentschaft (40 Jahre) noch nicht erreicht.

So verwundert es nicht, dass die im Ouagadougou-Abkommen vereinbarten Wahlen mehrfach verschoben wurden. Auch zeigt die Regierung wenig Elan bei der Umsetzung verschiedener anderer Maßnahmen wie zum Beispiel der Integration der Rebellen in die Armee, der Entwaffnung von Milizen, der Wiederherstellung der staatlichen Autorität im Norden des Landes, der Ausgabe von Ausweisen und dem Aufbau eines neuen Wählerregisters. Sowohl der Zeitpunkt als auch der Ausgang der Wahl sind zur Zeit nicht vorherzusagen.

Senegal

Von Sven Grimm

Senegal ist eine afrikanische Demokratie mit schwieriger wirtschaftlicher Ausgangsbasis. Das Land ist als Least Developed Country (am wenigsten entwickeltes Land) klassifiziert und hat ein sehr hohes Armutsniveau. Die Regierung will die Armut senken; sie muss die Bevölkerung in Wahlen von ihrem Programm immer wieder überzeugen und tendiert daher oftmals zu schnellen Versprechungen.

Senegal gilt seit seiner Unabhängigkeit 1960 als Stabilitätsanker in der Region. Als ununterbrochen zivil regiertes Land ist es in Afrika eine positive Ausnahme. Die politische Macht liegt, hoch zentralisiert, beim Präsidenten. Er "bestimmt die Politik der Nation", sitzt der Regierung vor, ernennt den Premierminister und ist Oberbefehlshaber der Streitkräfte, die bisher politisch neutral blieben. Trotz der präsidialen Machtfülle ist die politische Gewaltenteilung weitgehend garantiert. Seit den späten 1990er Jahren sind die Wahlen internatonal anerkannt frei und fair, wenngleich teilweise logistisch schlecht vorbereitet.

Die Menschenrechte werden generell geachtet. Senegal hat eine freie und kritische Presse, auch wenn deren journalistische Qualität variiert. Eine Reihe von Medien - darunter auch unabhängige Radiostationen mit großem Verbreitungsgrad - pflegen eine regierungskritische Berichterstattung. Allerdings funktioniert die Justiz nur mangelhaft, und es bestehen Einschränkungen aufgrund von Stigmata für bestimmte soziale Gruppen wie beispielsweise Homosexuelle oder der Hexerei verdächtigte Personen.

Die Wolof stellen in Senegal die größte Volksgruppe mit einem Anteil von rund 40 Prozent. Andere Ethnien sind die Peul (rund 20 Prozent) sowie die Serer, Toucouleur, Diola, Malinke und Soninke. Es gibt auch Libanesen, Mauren und Europäer. Die Mehrheit der Senegalesen bekennt sich zum Islam, eine Minderheit (geschätzt auf ca. vier Prozent) zum Christentum, wobei die katholische Konfession überwiegt. Die Trennung von Religion und Staat wird in Senegal - in französischer Tradition - strikt beachtet. Religiöse und ethnische Konflikte spielen keine Rolle.

Muslimische Bruderschaften üben Einfluss aus, wirken aber - wie die katholische Kirche - ausgleichend. Die Bruderschaften werden von spirituellen Religionsführern (marabouts) geleitet und stellen aufgrund ihres Rückhalts in der Bevölkerung einen wichtigen politischen Faktor dar. Die größten und einflussreichsten Bruderschaften sind die Tidijane und die Mouriden. Zur Letzteren gehört auch Senegals gegenwärtiger Präsident Abdoulaye Wade, der jedoch streng auf die Laizität der Republik achtet.

Die senegalesische Gesellschaft folgt in der Regel patriarchalischen Mustern. Frauenrechte sind verfassungsrechtlich verankert, doch das Diskriminierungsverbot wird nicht konsequent umgesetzt. Traditionen wie die Polygamie, die Vielehe, werden allerdings kritisch diskutiert; die weibliche Genitalverstümmelung ist gesetzlich verboten. Auch wenn zu Beginn der Amtszeit Präsident Wades eine Frau als Premierministerin fungierte, sind Frauen in Führungspositionen stark unterrepräsentiert.

Soziale Sprengkraft liegt in der Arbeitslosigkeit. Das Wirtschaftswachstum schafft zwar langsam Arbeitsplätze, erfüllt aber bei weitem nicht die Erwartungen der Jugend. Enttäuschte Hoffnungen und Perspektivlosigkeit motivieren Migranten, von Senegal auf die Kanarischen Inseln zu gelangen.

In Senegals Politik sind persönliche Netzwerke entscheidend. Sie wiegen in der Regel schwerer als die Parteizugehörigkeit. Die Regierungspartei PDS (Parti Democratique Sénégalais) gründete der gegenwärtige Präsident Wade, als Mitte der 1970er Jahre neben der damals einzig zugelassenen Regierungspartei PS (Parti Socialiste) vier weitere Parteien zugelassen wurden. Wade, der sich damals in der Opposition befand, ließ die PDS als liberale Partei registrieren, steht aber keineswegs für einen wirtschaftsliberalen Kurs. Privatisierungen wurden zudem bereits unter seinem Amtsvorgänger, dem Sozialisten Abdou Diouf, durchgeführt.

Die Opposition besteht aus mehr als 20 Parteien, von denen die meisten sich als ideologisch "links" verstehen. Führende Kraft ist die ehemalige Regierungspartei PS. Sie unterlag am Ende ihrer Regierungszeit in den späten 1990er Jahren starken Spaltungstendenzen, welche unter anderem den Regierungswechsel 2000 zu Präsident Wade ermöglichten. Die Regierungs- und Oppositionskonstellationen haben sich seither mehrfach gewandelt.

Internationale Entwicklungshilfegeber ermahnen Afrikas Politiker häufig zu ownership (Verantwortungsübernahme). Ihre Vorstellungen lassen sich vor Ort jedoch keineswegs immer einfach umsetzen. Den Forderungen nach Senkung der Subventionen für Lebensmittel oder Öl werden die senegalesischen Politiker wahrscheinlich kaum nachgeben, weil sie von der Wahlbevölkerung abgelehnt werden.

Senegal verfügt über wenig eigene Ressourcen; nennenswert vorhanden sind nur Fischgründe und Phosphat. Mehr als die Hälfte der senegalesischen Bevölkerung lebt von weniger als zwei US-Dollar am Tag, ein knappes Fünftel von weniger als einem US-Dollar täglich. Die größten Armutsanteile finden sich unter der ländlichen Bevölkerung, vor allem im trockenen Norden und Osten des Landes. Landflucht erhöht aber auch den Anteil der Armen in den küstennahen Städten. Senegals Urbanisierungsgrad zählt zu den höchsten Subsahara-Afrikas: Etwa die Hälfte der Bevölkerung lebt in Städten.

Die personellen und finanziellen Kapazitäten des Landes sind chronisch knapp, sie reichen nicht, um eine auch nur annähernd flächendeckende Versorgung der Bevölkerung im Bildungs- und Gesundheitsbereich zu gewährleisten. Rund drei Viertel des medizinischen Personals finden sich in den beiden größten Städten, Dakar und Thiès, die ländlichen Gebiete sind dagegen sehr schlecht versorgt. Positiv hervorzuheben ist demgegenüber, dass Senegal mit offiziell 0,9 Prozent die niedrigste erfasste HIV/Aids-Infektionsrate aller Länder Subsahara-Afrikas aufweist; eine frühe Aufklärungspolitik hat hier segensreich gewirkt.

Senegals Wirtschaftspolitik setzt auf private Dienstleistungen und Investitionen, während staatliche Maßnahmen vorwiegend die Rahmenbedingungen dafür gewährleisten sollen. Ein Großteil der Wirtschaft ist informell, wird also nicht in offiziellen Statistiken erfasst und beschränkt sich auf die Produktion für den Verkauf auf lokalen Märkten. Dies erschwert eine Besteuerung und wirtschaftspolitische Steuerung. Einer der dynamischsten formellen Wirtschaftssektoren Senegals ist die Telekommunikation. Mangelhaft ist die (unsichere) Energieversorgung. Die Stromkosten decken nicht die Erzeugerpreise; Senegal ist in großem Maß auf teurer werdende Erdölimporte angewiesen.

Der Staat betreibt eine im afrikanischen Vergleich sehr gute Umweltpolitik, bei allerdings geringen Managementkapazitäten, mageren finanziellen und knappen natürlichen Ressourcen, die zudem einem hohen Bevölkerungsdruck ausgesetzt sind. Dürren und starke Regenfälle mit Überschwemmungen haben in den letzten Jahren zugenommen. Der Klimawandel wird das Sahel-Land nach internationalen Prognosen zu starken Anpassungsleistungen zwingen.

Die Südprovinz Casamance wurde lange Jahre politisch vernachlässigt - auch, weil sie durch Gambia geografisch weitgehend vom Rest des Landes abgeschnitten war. Als Folge entstand eine separatistische Gruppierung, der MFDC (Mouvement des Forces Democratiques Casamançais). Die Gruppe ist intern stark fragmentiert: Teile fordern Autonomie, eine kleine, radikale Minderheit die Unabhängigkeit. Der MFDC finanziert sich hauptsächlich durch bewaffnete Überfälle und Drogenanbau, genießt aber kaum noch Rückhalt bei der deutlich konfliktmüden Bevölkerung. Um den Konflikt zu entschärfen wird es künftig vor allem darum gehen, mehr in die Region zu investieren und deren wirtschaftliches Potenzial zu nutzen.

Senegal spielt traditionell eine konstruktive Rolle in Afrika, auch wenn die Beziehungen zu den unmittelbaren Nachbarn oftmals politisch kompliziert sind. Auf kontinentaler Ebene zählt Senegals Präsident Abdoulaye Wade zu den Initiatoren der Neuen Partnerschaft für Afrikas Entwicklung (NEPAD). Senegal ist zudem ein aktives Mitglied der Afrikanischen Union (AU) und arbeitet beispielsweise am Aufbau einer Brigade der AU-Stand-by forces zur Friedenssicherung in Afrika. Das Land gehört zudem zu den traditionellen Partnern der UN und stellt zahlreiche Blauhelmsoldaten. Es übernimmt damit als relativ kleiner Staat eine wichtige Rolle auch in den europäisch-afrikanischen Beziehungen.

Das gute Verhältnis zur ehemaligen Kolonialmacht Frankreich und zur EU ist nicht frei von politischen Interessengegensätzen. Ein wichtiges Thema in den Beziehungen zur EU (insbesondere zu Spanien) bleibt die illegale Migration nach Europa, für die Senegal aufgrund seiner Nähe zu den Kanarischen Inseln eine wichtige Durchgangsstation darstellt. Die Regierung Wade akzeptierte die "Repatriierung" von illegalen Migranten - und wurde dafür intern heftig kritisiert. Senegal setzt auch auf die Partnerschaft mit aufstrebenden Mächten, vor allem Indien und China.

Quellentext

Aufbruch in ein neues Leben?

[...] Thiaroye-sur-Mer - kein anderer Ort im Senegal hat so viele Menschen auf dem Weg nach Europa verloren [...].

Einer der Verschollenen ist der Sohn von Aram Laye. Wenn sie an die Kanaren denkt, muss sie weinen. Die In-seln im Atlantik waren das Traumziel ihres Kindes. An diesen Stränden wollte er ankommen und aufbrechen in ein neues Leben. [...] Im Morgengrauen stieg er in eine der bunt bemalten Pirogen und fuhr los. Seitdem gilt das Holzboot mit rund achtzig jungen Männern an Bord als verschollen.
Anfangs ging Aram Laye jeden Morgen ans Meer. Starrte dorthin, wo das Wasser ihren Sohn genommen hatte. [...] Jetzt widersteht sie diesem inneren Zwang und trifft sich mit anderen Frauen im "Collectif des Femmes contre l'immigration clandestine", einem Verband gegen die heimliche Migration. Dort haben alle die gleichen Nöte. Sie alle haben einen Sohn oder den Ehemann verloren.
Der Verlust bedeutet für die Familien auch ökonomisch eine Katastrophe. Um die Reise zu finanzieren, hatten sie ihr Land, ihr Werkzeug und ihren Schmuck verkauft. Plötzlich stehen sie vor dem Nichts. Doch das Leben muss weiter gehen, und deshalb gibt es das Kollektiv. Die Kehrtwende verdanken die Frauen der Gründerin des Verbands, Yaye Bayam Diouf. Die energische Frau hat beinahe jede von ihnen persönlich aus dem Zustand ohnmächtiger Trauer herausgeholt.
Alle vertrauen Diouf, denn auch sie hat einen Sohn, ihren einzigen, bei einer der Überfahrten verloren. Zunächst ging die 48-Jährige ganz pragmatisch an die Sache heran. Die Frauen brauchten Geld für ihren Lebensunterhalt. [...] Deshalb verkaufen sie jetzt Couscous und Saft aus Hibiskusblüten in den Straßen. Die Zutaten wie Hirse und Früchte kaufen sie gemeinsam, jede von ihnen legt monatlich 1250 cFA, das sind knapp zwei Euro, in den gemeinsamen Topf. Abends wird der Lohn ausgezahlt: 1000 cFA bar auf die Hand. Der Rest des Gewinns wird angespart für Notfälle und Kleinkredite. [...]
Wenn die Frauen ihre Körbe voller Essen auf dem Kopf durch die Straßen tragen, nutzen sie viele kleine Gelegenheiten, über ihr politisches Anliegen zu sprechen. Sie wollen andere Männer von der Reise mit den kleinen Pirogen abhalten. "Wir haben ja selbst unseren Söhnen die Tickets nach Europa gekauft", sagt Aby Samb traurig: "Einige sind ja auch dort angekommen, aber die meisten sind auf der Reise gestorben. Als wir das begriffen, haben wir versucht, den anderen Frauen zu sagen, wir müssen diese Situation ändern, wir können unsere Söhne nicht weiter auf dem Meer sterben lassen."
Innerhalb eines Jahres hat sich die Mitgliederzahl des Frauenkollektivs auf 550 verdreifacht. [...]
Was aber tun, um ihre Söhne zu behalten? Aby Samb, Generalsekretärin des Verbands, lacht: "Es ist bei uns ja wie überall auf der Welt, Kinder gehen ihre eigenen Wege und hören irgendwann nicht mehr auf die Alten. Also versuchen wir, die Menschen auf unsere Seite zu ziehen, auf die sie hören." Während des Ramadan organisierte das Kollektiv ein Treffen zwischen Imamen und Jugendlichen, denn fast alle haben einen Marabout, einen islamischen Heiler, dem sie Vertrauen schenken. Bevor sich einer auf die Reise macht, fragt er ihn um Rat. Nach Ansicht der Frauen, kann der Rat nur lauten: Steig nicht in das Boot. [...]
Aber die meisten jungen Männer, die am Strand für einen Job anstehen, warten weiter auf einen Platz in einem der Boote. Die Mütter können zwar moralischen Druck aufbauen, aber die finanzielle Situation ihrer erwachsenen Söhne und Töchter können sie kaum verändern. Denn die bekommen keine regelmäßige Arbeit, und sie wollen ihren Familien nicht auf der Tasche liegen. Die Arbeitslosenquote liegt bei 48 Prozent. In Thiaroye-sur-Mer haben viele Fabriken geschlossen, der Küstenboden gibt für Landwirte kaum etwas her, und das Meer, jahrhundertealte Haupteinnahmequelle, ist von europäischen und japanischen Fangflotten leer gefischt.
Um Arbeit zu finden, wollen die jungen Männer bis nach Europa. Wie Mamadou Tall. Der 22-jährige Fischer hatte die Chance ergriffen, als ihm ein freier Platz als Fahrer auf einem Boot angeboten wurde. Noch vor Marokko entdeckte sie ein Hubschrauber des Grenzschutzes. Kurz darauf wurden sie von der bewaffneten Küstenwache aufgegriffen und zurückgeschickt. Mit einem Boot würde er nicht noch mal fahren, auch weil seine Mutter ihm ins Gewissen geredet hat. Jetzt hofft Mamadou Tall auf ein Flugticket nach Europa. "Warum dürfen unsere Jungs nicht legal einreisen? Warum können sie nicht dort Geld verdienen, wo sie wollen? Ihr kommt doch auch hierher und fischt unsere Meere leer", ruft eine Händlerin, die am Strand Fische verkauft.
Es ist der Strand, den Aram Laye meidet. Könnte ihr zweiter Sohn sicher nach Europa fliegen, wie die Urlauber zu den Kanaren, wäre sie beruhigt. Stattdessen versucht sie ihn von seiner geplanten Reise abzuhalten: "Geh nicht", habe ich ihm gesagt. "Ich überlebe das nicht, wenn du auch stirbst."

Haidy Damm, "Wo das Meer die Söhne verschlingt", in: Frankfurter Rundschau vom 22. September 2007

Unwägbarkeiten für Senegals Zukunft liegen in der Weltwirtschaft, von der Senegal stark abhängt, insbesondere im Ölpreis und bei weltweiten Nahrungsmittelpreisen. Ein zentraler Faktor ist auch die interne Stabilität der Regierungspartei PDS, in der sich der über 80jährige Präsident Wade bisher erfolgreich gegen aufkommende Rivalen durchsetzen konnte. Auch ökologische, soziale oder internationale Krisen könnten drastische Folgen haben. Senegal hat es jedoch bisher geschickt verstanden, die inneren sozialen Konflikte nicht eskalieren zu lassen.

Ghana und Mali

Von Gero Erdmann

Ghana und Mali gelten als zwei der wenigen Fälle erfolgreicher Demokratisierung in Afrika seit 1989. Repräsentativen Umfragen zufolge wird die Demokratie als Herrschaftsform von mehr als zwei Dritteln der Bevölkerung unterstützt und die Zustimmung zum Mehrparteiensystem wächst weiter.

Beide Länder waren vor der Demokratisierung von Militärs beherrscht. Mali wurde 23 Jahre lang (1968 bis 1991) von einem Präsidenten (Moussa Traore) regiert. Ghana war hingegen von einem Wechsel instabiler Regime gekennzeichnet; Zivilregierungen (1957-1966; 1970-1972; 1979-1981) wurden mehrfach von Militärs (1966-1969; 1972-1979; 1981-1992) gewaltsam abgelöst.

Ghana

Ghana wurde 1957 aus dem britischen Kolonialreich entlassen und zunächst von Kwame Nkrumah regiert, der sich als Befreiungskämpfer verdient gemacht hatte. Fehlgeschlagene Versuche, ein sozialistisches Staatssystem zu etablieren, führten zu einer finanziellen Krise und politischer Instabilität durch häufige Putschversuche. 1981 griff auf diese Weise der Fliegerhauptmann Jerry Rawlings ein zweites Mal zur Macht.

Anders als in Mali kontrollierten er und seine Militärregierung den politische Wandel in Ghana von oben. Mit dem im Zuge der Demokratisierung gegründeten National Democratic Congress (NDC) konnte er 1992 die ersten Mehrparteienwahlen gewinnen, die allerdings von der wichtigsten Oppositionspartei, der New Patriotic Party (NPP), nach Unregelmäßigkeiten bei der Präsidentschaftswahl boykottiert worden waren. Bei den zweiten Wahlen 1996 trat die NPP zwar an, konnte sich aber gegen Rawlings und seinen NDC nicht durchsetzen.

Im Gegensatz zu anderen Staatschefs trat Rawlings verfassungskonform nach zwei Amtszeiten 2000 von Präsidentenamt zurück. Der an seiner Stelle für den NDC angetretene Atta Mills musste sich diesmal dem NPP-Kandiaten John Agyekum Kufuor geschlagen geben. Erst mit dieser zweiten Wahl ist der erste demokratische Regierungswechsel in Ghana vollzogen worden. Kufuor wurde 2004 im Amt zusammen mit einer (erneuten) NPP-Mehrheit im Parlament bestätigt. Im Dezember 2008 wurde John Evans Atta Mills von der NPP mit knapper Mehrheit im zweiten Wahlgang zum Präsidenten gewählt; er trat sein Amt am 7. Januar 2009 an.

Mali

Im Süden Malis siedeln vorwiegend schwarzafrikanische Völker, während der Norden von Berbern bewohnt wird. Von 1898 bis 1960 stand das Land unter französischem Einfluss, und ab der Unabhängigkeit war es ein sozialistischer Einparteienstaat.

1991 führten Massenproteste zum Sturz des Einparteienregimes. Gestützt auf eine Nationalkonferenz gelang der Übergangsregierung, die aus Zivilisten und Vertretern des Militärs unter der Führung von General Amadou Toumani Touré bestand, ein geordneter Übergang zur Demokratie. Aus den ersten demokratischen Präsidentschaftswahlen 1992 gingen Alpha Oumar Konaré und die Alliance pour La Démocratie Malienne (ADEMA) als Sieger hervor. Der Wechsel zur Demokratie war damit zugleich mit einem Regierungswechsel verbunden.

Nach seiner Wiederwahl 1997 trat Konaré verfassungskonform nicht erneut zur Wahl 2002 an. Die dritten demokratischen Präsidentschafts- und Parlamentswahlen brachten dann Amadou Toumani Touré an die Macht und bedeuteten einen neuen Regierungswechsel. 2007 wurde Touré, gestützt auf ein breites Parteienbündnis, erneut gewählt.

Quellentext

Basisdemokratie in Mali

[...] Die Gemeinde Dioro ist ungefähr fünf Autostunden von der Hauptstadt Bamako entfernt, [...] eine von 703 ländlichen Kommunen, die in Mali Mitte der 1990er-Jahre geschaffen wurden. Die Macht soll zurückkehren aufs Land - das war eine Vision derer, die in Mali gegen die Diktatur gekämpft hatten.

In Dioro erlebt Mali eine Premiere: Der Bürgermeister legt vor den Fernsehkameras Rechenschaft ab, er rechtfertigt öffentlich, was er mit dem Geld der Bürger gemacht hat. Issa Doumbia sitzt leicht gekrümmt vor dem Mikrofon, ein baumlanger Mensch, der Schweiß läuft in Strömen von seinem glatt rasierten Schädel, als er sich durch den Haushalt der Gemeinde kämpft. Vor ihm auf dem Marktplatz ein paar hundert Bürger auf Stühlen und Matten, manche greifen ihn an, mit dem wachen Misstrauen der Malier gegenüber allem, was Staat ist.
[...] "Zu viele hohe Funktionäre in Mali sind Diebe", sagt der Bürgermeister."Deshalb glauben die Leute nur, was sie mit eigenen Augen sehen." Dezentralisierung, sagt er, sei die einzige Chance für Mali, sich zu entwickeln. "Auf nationaler Ebene ist der Staat einfach verdorben." [...]
Die Erfahrungen von Dioro gelten inzwischen als Modell: Bürger, die Vertrauen haben, zahlen mehr kommunale Steuern - und sie betrachten die Privatisierung des Staates durch gierige Politiker nicht mehr als Naturgewalt. Mali und Burkina Faso, zwei arme Baumwollstaaten, sind Afrikas Vorreiter bei der Dezentralisierung. "Halte dich aufrecht aus eigener Kraft!", so wird der Begriff im lokalen Bambara umschrieben. Aber woher die Kraft nehmen? Malis Regierung hat großzügig Aufgaben nach unten delegiert; um Schulen, Straßen, Wasser, Abfall dürfen sich nun die Kommunen kümmern; nur das Geld, das soll noch möglichst lange in der Hauptstadt bleiben.
Dioros wichtigste Ressource ist der Markt; 4 000 Händler nutzen ihn, viele kommen von weit her. Früher war der Markt schmutzig und brachte der Kommune nichts ein. Beides hat sich nun geändert, dank einer demokratischen Struktur. Einfach war das nicht: Die Debatte mit den einzelnen Branchengruppen der Händler dauerte ein Jahr, nun wählt die Vollversammlung jeder Branche einen Delegierten, und die Delegierten wählen für ein Jahr ein Komitee, das den Markt leitet.
Am Markttag drängeln sich Gebühreneintreiber mit winzigen Quittungen durch das Gewühl: Umgerechnet 8 Cent sind für einen Eselskarren zu entrichten, 17 Cent für einen regulären Stand. Die Quittungen bloß nicht wegwerfen!, hat es im Radio geheißen - damit es keinen Missbrauch gibt. Die 8 Cent könnten ja sonst zweimal kassiert werden!
Drei Viertel der Einnahmen wandern in den Gemeindehaushalt, mit dem Rest wird der Markt instand gehalten. Der Sekretär des Marktkomitees notiert akribisch in einem Schulheft, was der Gebührenchef des Komitees ihm seinerseits aus einem Schulheft vorliest. Das Schulheft ist in Mali das Erkennungszeichen der Basisdemokratie: In seinen Zeilen werden die kleinen Münzen der Partizipation verzeichnet, mit Akkuratesse und Hingabe.
In einem makellos gebügelten Hemd, der "Seriösität des Amtes wegen", fährt Dioros Buchhalter auf einem Moped durch Matsch und Staub, um in den 30 Dörfern der Gemeinde die jährlichen Steuern einzutreiben. Winzige Summen aus unserer Sicht, aber niemand kann sie auf einen Schlag bezahlen. 8 Cent pro Schaf, 16 Cent pro Esel, 40 für eine Kuh, 3 Euro pro Mensch. Hinten auf dem Moped des Buchhalters sitzt ein Polizist, um den Geldtransport zu bewachen.
Neuerdings verleiht die Gemeinde Preise an die Dörfer mit der besten Steuermoral: Radiogeräte und Säcke mit Reis. Der letztjährige Sieger ist ein Fischerdorf des Bozo-Volks, 1 600 Menschen, drei Familiennamen, 100 Prozent Steuerzahler. [...]

Charlotte Wiedemann, "Die kleinen Münzen der Partizipation", in: Le Monde diplomatique vom 13. Februar 2009

Anders als das ghanaische Parteiensystem ist das Regierungs- und Oppositionslager in Mali stark fragmentiert. Aus den ersten beiden Wahlen war die ADEMA noch dominant mit einer absoluten Mehrheit der Parlamentssitze hervorgegangen und sah sich einer Opposition von neun Parteien gegenüber. Doch schon die folgenden beiden Wahlen ergaben keine eindeutigen Mehrheiten mehr. 2002 verlor die ADEMA ihre Mehrheit an ein neu geschaffenes Parteienbündnis. Bei den Wahlen 2007 siegte ein neu formiertes Bündnis von zwölf Parteien unter Einschluss der ADEMA, das Präsident Touré unterstützte. Die Zersplitterung des Parteiensystems hatte jedoch bislang keine Polarisierung und Unregierbarkeit zur Folge.

Der Vergleich der beiden Länder macht deutlich, dass unterschiedliche historische Regimeentwicklungen, verschiedene Wege des Übergangs von der Diktatur zur Demokratie und unterschiedliche Parteiensysteme gleichermaßen eine erfolgreiche Demokratisierung möglich machen.

Die Mano River Staaten - Sierra Leone, Liberia, Guinea

Von Dunja Speiser

Der gemeinsame Grenzfluss Mano ist Namensgeber der zwischenstaatlichen Wirtschaftsgemeinschaft, die die Länder Sierra Leone, Liberia und Guinea seit 1973 verbindet. Sie werden zusammenfassend auch als Mano-River-Staaten bezeichnet.

Seit 1990 sind die drei Länder von Krieg überzogen. Die Region gehört zu den instabilsten der Welt. Für die Konflikte charakteristisch war ein sehr hohes Maß an Gewalt, unter dem vor allem die Zivilbevölkerung zu leiden hatte. Hunderttausende von Menschen fanden den Tod, ebenso viele mussten flüchten. Während der Kriege gab es eine unüberschaubare Anzahl von Rebellengruppen, die von den jeweiligen Nachbarstaaten unterstützt wurden. Trotz Entwaffnungsprogrammen, die im Laufe der letzten Jahre von der internationalen Gemeinschaft durchgeführt wurden, ist die Region von Kleinwaffen überschwemmt. Geschätzte 20 000 Kinder haben als Soldaten gekämpft und zum Teil grausame Verbrechen begangen. Diese Menschen in ein normales Leben zu integrieren, gehört heute zu den schwierigsten Aufgaben, um die seit Anfang des Jahrtausends laufenden Friedensprozesse zu stabilisieren.

Die Ursachen der Konflikte sind vielschichtig und tief in der Geschichte der betroffenen Länder verankert. Hauptverantwortlich sind schlechte Regierungsführung, Korruption, wirtschaftliches Missmanagement und Missachtung der Menschenrechte auf Seiten sämtlicher Parteien. So haben die jeweiligen Machthaber über Jahrzehnte die staatlichen Institutionen, soziale Dienstleistungen wie Gesundheit, Bildung und Infrastruktur sowie die Wirtschaft zugrunde gerichtet, bis Liberia und Sierra Leone schließlich zu den ersten so genannten Zerfallenen Staaten gehörten. Die in der Region lebenden Menschen zählen zu den ärmsten der Welt, obwohl ihre Länder sehr reich an natürlichen Ressourcen wie Diamanten, Edelhölzern und Gold sind. Diese Bodenschätze, allen voran die durch Sierra Leone bekannt gewordenen "Blutdiamanten", haben die Konflikte zwar nicht verursacht, sie jedoch angeheizt und verlängert, indem die verschiedenen Gruppen mit der Ausbeutung der Rohstoffvorkommen ihre Kämpfe finanzierten.

Der Beginn des regionalen Konflikts liegt in Liberia, wo an Weihnachten 1989 von der Elfenbeinküste aus die Rebellengruppe National Patriotic Front of Liberia (NPFL) einfiel, um das diktatorische Regime von Samuel Doe (1980 bis 1990) zu bekämpfen. Die NPFL wurde von Charles Taylor angeführt, der von Libyen unterstützt und in dortigen Militärlagern ausgebildet worden war. Neben dem Kampf um die Macht in Liberia unterstützte Taylor die Rebellion des ebenfalls von Libyen protegierten Foday Sankoh und seiner Revolutionary United Front (RUF) in Sierra Leone, wo diese vor allem die an Diamanten reichen Regionen in ihre Gewalt brachten. Taylor wurde als erfolgreichster Kriegsherr der Region 1997 zum Präsidenten Liberias gewählt, aber 2003 gezwungen, ins Exil zu gehen. Für ihm vorgeworfene Kriegsverbrechen in Sierra Leone muss sich Taylor seit 2007 vor dem Internationalen Strafgerichtshof verantworten. Die bewaffneten Aufstände zogen auch die angrenzenden rohstoffreichen Gebiete in Guinea in Mitleidenschaft. Das Land hat über die Jahre zwar selbst direkt keinen Krieg erlebt, trug jedoch stark an den Lasten der großen Flüchtlingsströme und wurde wiederholt bezichtigt, Rebellen gegen Liberia zu unterstützen.

Auch die Elfenbeinküste, die erst seit 2008 offizielles Mitglied der MRU ist, war durch die Unterstützung bewaffneter Gruppen in den Konflikt involviert. Zahlreiche Friedensabkommen und nationale wie internationale Versuche während der ersten Kriegsjahre, die Gewalt zu beenden, scheiterten. Die Friedenstruppen der westafrikanischen Staaten (ECOMOG) wurden gar selbst Teil der Auseinandersetzungen, für deren massive Gewalt nicht nur die diversen Rebellen, sondern auch die Armeen und Milizen der jeweiligen Regierungen verantwortlich waren. In der zweiten Hälfte der 1990er Jahre konnten die Konflikte in Liberia wie Sierra Leone zwar für kurze Phasen beruhigt werden, zu keiner Zeit wurden sie jedoch wirklich gelöst und durch die regionalen Verstrickungen der beteiligten Akteure stets erneut zum Ausbruch gebracht. Erst der Entschluss der internationalen Gemeinschaft, mit einem "robusten Mandat" (Kapitel VII) der Vereinten Nationen militärisch einzugreifen und die Länder mit umfassendem Engagement zu befrieden und wieder aufzubauen, konnte die Kriege in Sierra Leone (2002) und Liberia (2003) beenden. Die Chance für dauerhaften Frieden in der Region besteht, die Risiken für einen erneuten Kriegsausbruch sind jedoch hoch. Die Ursachen der Konflikte sind bislang weder in Liberia noch in Sierra Leone gelöst worden, die politische Situation in Guinea ist fragil und der Friedensprozess in der Elfenbeinküste steht auf tönernen Füßen.

Quellentext

Suche nach Gerechtigkeit

[...] In einem silbergrauen Hochhaus am Haager Stadtrand arbeiten Menschen wie Gloria Atiba-Davies, denen über hundert Staaten vor gut zehn Jahren den Auftrag erteilten, Völkermord und andere schwere Verbrechen zu ahnden und die Ära der Straflosigkeit zu beenden. [...] Sie kommt aus Sierra Leone. [...]

Gloria Atiba-Davies leitet bei der Anklagebehörde die Gender and Children Unit: eine Abteilung, die sich mit Verbrechen gegen Frauen und Kinder befasst. Es geht zum Beispiel um Mütter, die vor den Augen ihrer Familien vergewaltigt wurden. Oder um 14-jährige Soldaten, die weder lesen noch schreiben, aber mit Macheten ein Dorf niedermetzeln können. Seit vier Jahren bearbeitet die Ermittlerin solche Fälle. [...]
Karrierejuristin, Asylbewerberin, Emigrantin, Ermittlerin. Das sind ihre Stationen der vergangenen zwölf Jahre. Gloria Atiba-Davies war die ranghöchste Staatsanwältin in Sierra Leone, 1997, als sie nach einem Militärputsch über Nacht zum Flüchtling wurde. Ihr Name stand auf der "Wanted"-Liste der Putschisten ganz oben, ihr Haus wurde niedergebrannt. Ihre beiden Söhne, damals zwölf und neun Jahre alt, wurden von Freunden in Sicherheit gebracht. Ein Jahr später, 1998, kam sie als Asylbewerberin in London an, zu einer Zeit, als in Rom über hundert Nationen auf einer Konferenz den Internationalen Strafgerichtshof gründeten. Vier Jahre später - in Den Haag stöpselten Juristen des Gerichtshofs gerade die ersten Computer ein - schlug sie sich in New York als Kanzleigehilfin bei amerikanischen Anwaltsfirmen durch, hungrig nach Informationen über den Bürgerkrieg in ihrem Heimatland Sierra Leone, hungrig nach Meldungen über Charles Taylor, damals noch Präsident des Nachbarstaates Liberia, Unterstützer der Rebellen in Sierra Leone, die mit "Blutdiamanten" handelten und den Präsidenten am Geschäft beteiligten.
Als Atiba-Davies ihren Posten in Den Haag antrat, lag ihre Heimat in Trümmern, vom Krieg geschwächt. Charles Taylor dirigierte aus einer Luxusvilla im nigerianischen Exil weiterhin Putschisten durch Westafrika. Dass sie diesen Mann eines Tages in Den Haag auf der Anklagebank sehen würde, hier im Gerichtssaal 2, ein paar Stockwerke unter ihrem Büro, hätte sich Gloria Atiba-Davies damals nicht träumen lassen. [...]
Charles Taylor [...] müsste eigentlich jetzt in Freetown, Sierra Leone, sein, wo der Sondergerichtshof für Sierra Leone, bewacht von mongolischen Blauhelmen, die Verbrechen des Bürgerkriegs in diesem westafrikanischen Land verhandelt.
Aber weil Taylor sogar nach seiner Verhaftung im März 2006 als zu einflussreich und gefährlich für die Region galt, bat das Sondergericht die niederländische Regierung, den Prozess gegen Taylor in Den Haag führen zu dürfen. Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit in elf Fällen, darunter sexuelle Gewalt, Verstümmelungen, Massenmorde und Plünderungen, so lautet die Anklage, begangen durch Rebellengruppen in Sierra Leone, die Taylor unterstützt und angestiftet haben soll. [...]
Gloria Atiba-Davies, die Ermittlerin aus Sierra Leone, wird sich Taylors Auftritt nicht entgehen lassen. Zweimal schon hat sie ihn aus dem Zuschauerraum heraus beobachtet, wie er akribisch seine Akten sortiert. Seltsam sei es, ihn hier zu sehen, sagt Gloria Atiba-Davies, "wenn man sich erinnert, wie viele Menschen er in Angst versetzen konnte". Aber auch "befriedigend, weil er jetzt wenigstens dieses Verfahren über sich ergehen lassen muss". Mit einem Urteil gegen Taylor ist nicht vor 2010 zu rechnen. [...]

Andrea Böhm, "Die Großwildjäger", in: DIE ZEIT Nr. 10 vom 26. Februar 2009

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Rund 885 Millionen Menschen leben in 54 afrikanischen Staaten. Auf dem Kontinent gibt es über 3.000 Bevölkerungsgruppen und mehr als 2.000 Sprachen. Das Dossier präsentiert Afrika gestern und heute und beleuchtet die Perspektiven zukünftiger Entwicklungen.

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In Texten und Bildern spiegelt dieses Dossier eine eigenständige Schwarze Geschichte wider, die einen integralen Bestandteil der deutschen Vergangenheit und Gegenwart darstellt.

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