Dossierbild Afrika – Länder und Regionen

27.5.2009 | Von:
Stefan Mair
Andreas Mehler
Gerhard Seibert
Denis M. Tull

Zentralafrika: schwache Staatlichkeit und grenzüberschreitende Kriege

Zentralafrikanische Republik

Von Andreas Mehler

Inmitten des Kontinents liegt das dünn besiedelte und durch Verkehrswege schlecht erschlossene Binnenland Zentralafrikanische Republik (ZAR). Angefangen bei der rein geographischen Staatsbezeichnung (im Vergleich hieße Deutschland "Mitteleuropäische Republik"), über die unkontrollierten Grenzen bis hin zum vollständigen Fehlen staatlicher Verwaltung in weiten Teilen des Ostens der Republik - die ZAR gilt in vielerlei Hinsicht als Sinnbild eines Phantomstaates. Ohne befahrbare Straßen und schiffbare Flüsse sind Teile des Staatsgebiets nur per Helikopter zu erreichen.

Jahrzehntelang unternahm die ehemalige Kolonialmacht Frankreich massive Interventionen: militärisch, wirtschaftlich und politisch. Frankreich segnete 1976 die bizarre Krönung des Militärherrschers Jean-Bédel Bokassa zum "Kaiser" ab, nur um ihn wenige Jahre später in einer Luftlandeaktion zu stürzen. Zwei Militärbasen machten das Land zu einer wichtigen logistischen Drehscheibe für die "out of area"-Einsätze der französischen Armee. Parallel dazu wurden Präsidentenberater eingesetzt, nicht zuletzt im Bereich innerer Sicherheit. Ohne die logistische Hilfe französischer Truppen hätten Wahlen 1993 ebenso wenig stattfinden können wie 1998/99 bzw. 2005, als zuerst UN-Blauhelme und schließlich eine regionale Friedenstruppe die Durchführung sicherstellten. Aus eigener Kraft kann die ZAR so nicht einmal die äußeren Formen einer Demokratie aufrechterhalten.

Der geflügelte Satz, "Der Staat endet am Kilometerstein 12" (von der Stadtmitte der Hauptstadt Bangui aus), ist vielsagend. Seit einer 1996 einsetzenden Abfolge von Meutereien, Putschversuchen, Rebellionen und einer gewaltsamen Machtübernahme im Jahr 2003 hat sich die Situation noch weiter verschlechtert. Die gegenwärtige Regierung kontrolliert nur Bangui und Umgebung dauerhaft. Straßenräuber machen weite Teile des Nordens und Westens unsicher. Staatsbeamte werden unregelmäßig bezahlt, die Soldaten auch. Der gestürzte Staatschef Ange-Félix Patassé (1993 bis 2003) verließ sich lieber auf Kämpfer einer kongolesischen Rebellenorganisation als auf seine eigene Armee, ein weltweit wohl einzigartiges Beispiel dieser Art von Souveränitätsaufgabe. Der jetzige Staatschef François Bozizé bevorzugte zunächst Hilfstruppen aus dem Nachbarland Tschad. Was vom Staat noch bleibt, dient der Elite zur eigenen Bereicherung. Verwandte des jeweiligen Präsidenten sind seit gut 25 Jahren immer wieder an aussichtsreichen Ausschreibungen und Projekten beteiligt.

Die ZAR ist reich an Rohstoffen und großen Flächen unberührter Natur. Die exklusive Jagd auf Großwild - etwa durch den französischen Präsidenten Giscard d'Estaing oder arabische Prinzen - trug lange Jahre hindurch ihren Teil zum exotischen Reiz der ZAR bei. Bedeutender aber sind die Diamanten: Wenn die gesamte Produktion ordnungsgemäß verzollt das Land verlassen würde, könnte sich der Staat allein aus diesen Einnahmen finanzieren. Ein großer Teil jedoch wird geschmuggelt, bis vor wenigen Jahren weitgehend unbeachtet.

Mit dem Krieg im sudanesischen Darfur geriet die ZAR in den Fokus internationaler Aufmerksamkeit. Eine europäische Friedenstruppe soll in der Grenzzone zwischen Tschad, ZAR und Sudan zumindest die Sicherheit von Flüchtlingslagern gewährleisten. Auch humanitäre Hilfsorganisationen interessieren sich für Gebiete im Nordwesten und Nordosten des Landes, in denen diverse Rebellenbewegungen (und bewaffnete Straßenräuber) operieren. Plötzlich fließt auch die fast zum Erliegen gekommene Entwicklungshilfe wieder. Aber auch das wird nicht reichen, um ein Mindestmaß an Funktionsfähigkeit herzustellen.


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