Dossierbild Afrika – Länder und Regionen
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Horn von Afrika und Ostafrika


27.5.2009
Durch seine Nachbarschaft zu Arabien unterscheidet das Horn von Afrika sich kulturell von Ostafrika. Auch Staatlichkeit und Demokratie sind in beiden Regionen unterschiedlich ausgeprägt. Gemeinsam ist ihnen jedoch die Bedeutung ethnischer und religiöser Zugehörigkeit.

Ein Sandsturm nähert sich dem Dorf Nfala, Sudan, Menschen spazieren davor.Ein Sandsturm nähert sich dem Dorf Nfala, Sudan, Menschen spazieren davor. (© AP)

Einleitung



Von Annette Weber Allein die unterschiedlichen Länderzuordnungen bei der Beschreibung der beiden Subregionen lassen erahnen, wie viele Überschneidungen es zwischen dem Horn von Afrika und Ostafrika gibt, aber auch, wie unterschiedlich einzelne Länder sich regional orientieren. In der Literatur werden zwei geographische Regionen genannt, wenn das Horn von Afrika beschrieben wird. Die klassische Horn-Region umschließt Eritrea, Äthiopien, Dschibuti und Somalia. Der erweiterte Horn-Begriff, der auch den Sudan und mitunter Kenia und Uganda einschließt, wird vorwiegend verwendet, um Konfliktverstrickungen zu beschreiben. Im erweiterten Horn leben circa 200 Millionen Menschen, davon allein mehr als neun Millionen als Flüchtlinge und Binnenvertriebene.

Überblick: Horn von Afrika und OstafrikaÜberblick: Horn von Afrika und Ostafrika
Auch die Definition der Subregion Ostafrika ist umstritten. Im vorliegenden Heft werden hierzu Kenia, Uganda und Tansania gezählt. Diese Region umfasst weitere 100 Millionen Menschen und stellt eine Art Pufferzone zwischen den Konfliktgebieten am Horn von Afrika und Zentralafrika, vor allem der Demokratischen Republik Kongo, dar.

Das Horn von Afrika ist durch eine jahrtausendealte kulturhistorische Entwicklung geprägt, die mit Äthiopien eines der ältesten Staatswesen für sich reklamiert. Seit der Antike profitierten die Länder am Horn von ihrer privilegierten geostrategischen Lage, die sie zum Zentrum der asiatisch-arabisch-afrikanischen Handelswege machte.

Die Meerenge zwischen Afrika und der arabischen Halbinsel, auch Bab el-Mandeb, "Tor der Wehklage" genannt, weil Sklaven auf ihr nach Arabien verschifft wurden, ist bei Dschibuti nur 26 Kilometer breit und trennt das Rote Meer vom Golf von Aden, der an der Ostküste Somalias in den Indischen Ozean übergeht. Durch die Eröffnung des Suezkanals 1869 erschlossen sich die Europäer die Seehandelsroute vor allem nach Indien, und das Horn wurde zum strategischen Nadelöhr. Überaus deutlich zeigt sich der arabische und asiatische Einfluss an der Inselbevölkerung Sansibars, Madagaskars und aller anderen, kleineren Inseln im Einzugsbereich der ostafrikanischen Region.

Die Religionszugehörigkeit gewinnt zunehmend an politischem Gewicht, da sich sowohl am Horn als auch in Ostafrika Islam und Christentum bzw. traditionelle Religionen die Waage halten. Im Sudan und in Somalia bekennt sich die Mehrheit der Bevölkerung zum Islam. Äthiopien, Eritrea und Tansania verfügen zwar nicht mehr über christliche Mehrheiten, im Selbstverständnis ihrer politischen Eliten beansprucht das Christentum allerdings weiterhin die Vorherrschaft. In Ostafrika finden sich muslimische Siedlungsgebiete entlang der Küste, in Äthiopien und Eritrea sind die Hochebenen mehrheitlich von christlichen Ackerbauern besiedelt, die Tiefebenen vermehrt von Muslimen, die sowohl Land bestellen als auch Tiere halten.

Gesellschaft

Am Horn lassen sich asiatische und arabische Einflüsse auch in der Bevölkerung feststellen. Obgleich die dortigen Länder Vielvölkerstaaten sind, die sich aus einer großen Anzahl von Ethnien und Clans zusammensetzen, verbindet die Länder des kleinen Horns jedoch eine kulturelle Ähnlichkeit, die sie vom angrenzenden Ostafrika - mit Ausnahme der Küstengebiete in Kenia und Tansania - unterscheidet.

Die Bevölkerung am Horn von Afrika lebt weiterhin größtenteils in dünner Besiedlung auf dem Land. Die Abwanderung in urbane Zentren hat sich allerdings rapide beschleunigt, wobei Neuankömmlinge in den meisten Fällen direkt in die Armutsspirale der Slums und Arbeitslosigkeit geraten. Zu den Binnenvertriebenen und Flüchtlingen, die als Folge von Kriegen und Konflikten ihre Dörfer verlassen mussten, gesellen sich die Arbeitsmigranten.

Die Region ist in weiten Teilen landwirtschaftlich nur begrenzt nutzbar, die Böden sind meist trocken, und die Flora ist oft karg. Die fortschreitende Ausbreitung der Sahara führt in vielen Gebieten des Sudan zu Streitigkeiten zwischen Ackerbauern und Viehzüchtern, die zunehmend um knappe Ressourcen wie Wasser und Weideland konkurrieren. Im westsudanesischen Darfur, wie auch in Somalia, in Nordost-Äthiopien oder im Ogaden, einer Provinz Äthiopiens, gibt es vorwiegend Tierhalter, die nomadisch oder jahreszeitenbedingt ihre Herden von Weideland zu Weideland führen und aufgrund des fragilen Ökosystems meist in kleinen, flexiblen Gemeinschaften zusammenleben.

Allen Ländern gemeinsam ist, dass sich ihre Bevölkerung stark mit ihrer jeweiligen Herkunftsgruppe, Ethnie oder ihrem Clan identifiziert. Familien- und Clanstrukturen bieten Sicherheit und die Grundlagen für eine Versorgung, die vom Staat nicht gewährleistet wird. Durch die Zerstörung der sozialen Netze in den Kriegen der Region werden diese Verlässlichkeiten allerdings immer brüchiger. Clan, Ethnie und Familie werden zunehmend missbraucht, um die Menschen für ethnische Milizen zu rekrutieren. Schon geringfügige Unterschiede zwischen Gruppen und Clans geben Anlass zu Angriffen und Vergeltungsschlägen, die sich bisweilen über Jahre hinziehen, oder - wie in Somalia - durch die Herrschaft der Warlords (Kriegsherren) institutionalisiert werden.

Politische Strukturen

Obgleich nicht alle Staaten am Horn ein einheitliches politisches System aufweisen, zeigen sich systemische Ähnlichkeiten. Anders als in Ostafrika hat am Horn kein Land den Schritt in die Demokratie vollzogen, wobei graduelle Unterschiede zwischen totalitären und autokratischen Regimen auszumachen sind. Die Machtzirkel am Horn sind zentralistisch organisiert, ihre Politik lässt die Belange der Peripherie häufig außer Acht. Somalia als staatenloses Gebilde bleibt in der Region die Ausnahme. Im Sudan sind seit der Unterzeichnung des Friedensabkommens mit der südsudanesischen Rebellenfraktion SPLA/M im kenianischen Naivasha 2005 zumindest formal die Voraussetzungen für eine demokratische Wahl gegeben. Selbst wenn die jüngsten Wahlen in Kenia 2008 zu gewalttätigen Auseinandersetzungen führten, gestaltet sich die politische Kultur in Ostafrika doch weitaus freier, repressions- und gewaltloser als am Horn. Die Staaten Ostafrikas werden teilweise ebenfalls von ehemaligen Rebellenführern regiert. Doch ist der Umgang mit politischer Opposition und Zivilgesellschaft in Ostafrika zur Selbstverständlichkeit geworden.

Konflikte

Geopolitisch seit dem Mittelalter von Interesse, war das Horn in der Zeit des Ost-West-Konflikts Schauplatz politischer und militärischer Stellvertreterkriege. Vorwiegend durch Staatspatronage und Militärhilfe, teilweise auch durch personelle Unterstützung, suchten die Supermächte USA und Sowjetunion in den 1970er Jahren ihre Hegemonialansprüche durchzusetzen. Wo zuvor koloniale Zugehörigkeiten auch politische Bindungen geknüpft hatten, mischten sich die Loyalitäten im Kalten Krieg neu.

Das Horn von Afrika ist die Region mit der weltweit größten Konfliktdichte. Nahezu jedes Land ist von einem Bürgerkrieg oder anderen innerstaatlichen Auseinandersetzungen betroffen. Mehrere Länder führen zwischenstaatliche Kriege, taten dies in der jüngsten Vergangenheit oder stehen kurz davor, wie Eritrea gegen Äthiopien und Tschad gegen Sudan. Zur Stabilisierung der eigenen Herrschaft unterstützen die Regime der Region die bewaffnete Opposition in den Nachbarländern. Teilweise, wie im Falle Äthiopiens in Somalia, intervenieren sie auch selbst.

Die Konflikte in Ostafrika sind anders geartet oder liegen schon länger zurück. Ausnahmen sind Uganda, das weiterhin in einen innerstaatlichen Konflikt mit der paramilitärischen "Widerstandsbewegung des Herrn" (Lord' s Resistance Army, LRA) verstrickt ist, und Kenia, wo nach den Wahlen ebenfalls tausende Menschen den gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen den Anhängern der beiden rivalisierenden Parteien zum Opfer fielen.

Seit den Anschlägen der islamistischen Al-Qaida auf die amerikanischen Botschaften in Nairobi und Daressalam 1998 und den Attentaten auf israelische Touristen 2002 in Kenia polarisieren der Terrorismus und die Frage, ob und wie man ihn bekämpft, die Region. Auf der einen Seite haben die Regierungen am Horn und in Ostafrika nahezu alle Allianzen zur Terrorbekämpfung mit den USA geschlossen. Auf der anderen Seite rekrutieren gerade islamistische, nichtstaatliche Gewaltakteure immer mehr junge Männer aus der Region für ihre Milizen. Die Region bindet die größten Friedensmissionen der Vereinten Nationen und der Afrikanischen Union. Paradoxerweise dienen in den Missionen zumeist Soldaten aus Ostafrika, die dann am Horn von Afrika eingesetzt werden.

Öl und Ressourcen

Im erweiterten Horn von Afrika (einschließlich des Sudan) herrscht eine ungleiche Verteilung von Ressourcen. Einerseits mangelt es an Rohstoffen, Weideflächen und Wasser, was immer wieder innerregionale Konflikte anheizt. Zum anderen können vorhandene Ressourcen zum Fluch werden, wenn kleptokratische Eliten sich an ihnen bereichern, ohne die breite Bevölkerung daran zu beteiligen, wie es beispielsweise im Sudan der Fall ist.

In Ostafrika stellen weder Ressourcenknappheit noch große Öl- oder Gasvorkommen ein Dilemma dar. Ostafrika exportiert vorwiegend landwirtschaftliche Produkte wie Kaffee und Tee. Am Horn sind vor allem die Viehexporte in die arabische Welt eine wichtige Einnahmequelle. In der gesamten Region profitieren vor allem die Länder mit Zugang zum Meer von ihren Häfen, die für die Versorgung des Inlands maßgeblich sind.

Obgleich Äthiopien über genügend Land und ausreichend Wasser verfügt, ist es nicht in der Lage, die eigene Bevölkerung zu versorgen. Ähnlich ist die Situation in Eritrea. Somalia und Dschibuti haben noch weniger fruchtbare Böden und müssen ihre Einnahmen vorwiegend mit Handel erzielen. Da die Landwirtschaft niederschlagsabhängig ist, bleibt die Ernährungssicherheit für den Großteil der Bevölkerung gefährdet.

In den Grenzregionen - vor allem zwischen dem Horn und Ostafrika - kommt es häufig zu Viehdiebstahl, Waffenschmuggel und illegalem Handel. Keine Seite ist willens oder in der Lage, die Grenzen effektiver zu sichern.



 

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