Dossierbild Afrika – Länder und Regionen

27.5.2009 | Von:
Stefan Mair
Annette Weber

Horn von Afrika und Ostafrika

Sudan

Von Annette Weber

Sudan, das flächenmäßig größte Land Afrikas, ist weniger ein Beispiel für einen gescheiterten Staat als vielmehr ein Beispiel für eine gescheiterte Nationenbildung. Wie unterschiedlich sich die 40 Millionen Sudanesen mit ihrem Staat identifizieren, zeigt die Geschichte des Nationalhelden, Muhammad Ahmed al Mahdi (1844 bis 1885), der ab 1881 Symbolfigur und Anführer einer zeitweilig erfolgreichen Erhebung gegen ägyptische und britische Machtansprüche war. Im Norden gilt er als Befreier von der britischen Kolonialherrschaft, im Südsudan ist er ein Symbol für Unterdrückung und Sklaverei. Unter den 20 verschiedenen ethnischen Hauptgruppen werden 39 Prozent als arabisch und 53 Prozent als schwarzafrikanisch bezeichnet. 70 Prozent der Bevölkerung gehören dem sunnitischen Islam an, die verbleibenden 30 Prozent sind Anhänger traditioneller Religionen und zu einem geringeren Teil Christen.

Wie sehr die einzelnen Landesteile trotz ihrer Unterschiede dennoch auf einander angewiesen sind, zeigt sich am Öl, das zwar weitestgehend im Süden gefördert, aber über eine Pipeline im Norden verkauft wird. Welche Entwicklung das Land nehmen wird, entscheidet sich bei den nun auf 2010 verschobenen Wahlen und dem 2011 vorgesehenen Referendum über die Frage der Unabhängigkeit im Südsudan. Ob der Sudan vereint bleibt oder in zwei oder mehrere Teile zerbricht, wird auch der weitere Verlauf der Konflikte in Darfur und anderen Landesteilen zeigen, die zum Teil vom Wunsch nach Unabhängigkeit und Separation begleitet sind.

Vorkolonial gab es im Sudan verschiedene Königreiche und Sultanate, die neben autochthonen Gemeinschaften existierten. Der nördliche Teil des Sudan, der im Norden an Ägypten und im Westen an den Sahel grenzt, wurde islamisch. Mit der Kolonialisierung - hauptsächlich durch Großbritannien betrieben - begann die Aufteilung des Landes in einen Nord- und einen Südteil. Während der vorwiegend muslimische Nordsudan von der Kolonialregierung mit administrativen Aufgaben betraut und durch eine entsprechende Ausbildung seiner Funktionsträger auf die Übernahme staatlicher Verwaltung vorbereitet wurde, galt für den Südsudan das closed district rule (Geschlossenes Gebiet): Die britische Kolonialregierung erklärte den Südsudan zum Sperrgebiet, um zu verhindern, dass sich die islamische Missionierung nach Süden ausbreitete. Nur ein kleines Kontingent christlicher Missionare erhielt Zugang.

Diese Entwicklung hatte fatale Folgen. Der Süden blieb infrastrukturell zurück; Bildung, Krankenversorgung, aber auch Sicherheit wurden von der Kolonialregierung nur sehr rudimentär gewährleistet und weitestgehend in den Händen der Missionare belassen. Die daraus erwachsende Ungleichheit, die sich am augenfälligsten im Gegensatz zwischen dem Verwaltungszentrum Khartum und dem Süden zeigte, führte schon ein Jahr vor der Unabhängigkeit, 1956, zur Bildung der ersten bewaffneten südsudanesischen Bewegung namens Anya Nya, die sich gegen die Machthaber in Khartum erhob.

Damit begannen die bewaffneten Konflikte im Sudan, die mit einer kurzen Unterbrechung zwischen 1972 und 1984 bis heute andauern. Da vor allem die Bevölkerung des Südens seit der Unabhängigkeit nahezu immer im Krieg gelebt hat, blieben Stabilität, Entwicklung, Bildung und die Verbesserung der Infrastruktur auf der Strecke. Das Gefälle zwischen Norden und Süden hat sich seit den 1950er Jahren weiter vergrößert.

Dies bot auch den Anlass für das Wiederaufflammen des Bürgerkriegs im Südsudan 1984. Dort gründete sich die Sudanesische Volksbefreiungsarmee SPLA/M (Sudan People's Liberation Army/Movement) und trat in militärische Auseinandersetzungen mit dem Regime in Khartum ein.

In Khartum kam seit der Unabhängigkeit nahezu jede Regierung durch einen Putsch an die Macht. Die Vorherrschaft des Militärischen prägt seitdem die politische Kultur, im Norden wie im Süden. Kontrolle über die Bevölkerung und die Absicherung des jeweilig herrschenden Regimes sind die vorrangigen Interessen der Politik und lassen wenig Spielraum für demokratische Opposition oder zivilgesellschaftliche Beteiligung. Im Gegenteil - nachdem sich die derzeitige Regierung unter General Omar al-Baschir 1989 als Bündnis von Islamisten und Militärs an die Macht geputscht hatte, waren die 1990er Jahre im Sudan von massiven Repressionen, Verhaftungen und Folter der politischen Oppositionellen bestimmt. Hassan al Turabi, der jahrzehntelang politisch einflussreiche Führer der Nationalen Islamischen Front (NIF), förderte auch die internationale Vernetzung islamistischer Gruppierungen. Mit der Verfassung von 1998 wurde der Sudan zur Islamischen Republik. Die Scharia, die islamische Rechtsprechung, war bereits seit 1983 für das gesamte Staatsgebiet verbindlich.

Nach den islamistischen Anschlägen auf die USA am 11. September 2001 stieg der internationale Druck auf die Regierung in Khartum, sich am Kampf gegen den Terrorismus zu beteiligen. Den entscheidenderen Wendepunkt in der ideologischen Ausrichtung des Regimes hatte zuvor jedoch der Beginn der Ölförderung 1999 bedeutet. Um langfristig Investoren an sich zu binden, verständigte sich die Regierung auf eine Politik der Mäßigung nach außen. Da die meisten Ölvorkommen auf südlichem Territorium lagen, trat sie gleichzeitig in Verhandlungen mit der dortigen Rebellenbewegung, um Frieden zu schließen und damit eine reibungslose Ölförderung zu gewährleisten.

2005 kam es unter diesen Maßgaben und verstärkt durch internationalen Druck zum Friedensvertrag mit der Rebellenorganisation SPLA/M. Diese übernahm nach dem Friedensschluss die Regierung im Südsudan, wo auch sie aufgrund ihrer Prägung einen eher militärischen, weitgehend undemokratischen Führungsstil praktiziert. Gleichzeitig wurde sie zum Juniorpartner der Regierung der Nationalen Einheit (GoNU, Government of National Unity) in Khartum. Im Zuge des Friedensabkommens verlor die Scharia im christlichen Süden ihre Geltung, und es wurden freie allgemeine Wahlen für 2009 versprochen.

Die Ausbeutung der Ölvorkommen war damit weiter abgesichert. Derzeit stammen zwei Drittel der Regierungseinkünfte aus Ölverkäufen, die im Jahr 2008 13,9 Milliarden US-Dollar betrugen. Die Erlöse flossen auch in Militärausgaben, die sich von 2003 bis 2006 verdreifachten und 2006 bei 1,65 Milliarden US-Dollar lagen, während die breite Bevölkerung in den sudanesischen Randregionen und speziell im Süden vom neuen Ölreichtum kaum profitieren konnte.

Gleiches gilt für die Bevölkerung im Ostsudan, deren Lebenssituation sich durch einen 2006 geschlossenen Friedensvertrag zwischen der Regierung und bewaffneten Aufständischen nicht wesentlich verbesserte.

Der immer wieder aufflammende Unmut der Bevölkerung über die Zentralregierung in Khartum erwächst aus ihrer fortdauernden Vernachlässigung und entzündet sich an dem Machtmonopol, das die Regierung und eine kleine, ihr verbundene Elite unverändert fest in den Händen halten.

Ein weiterer Konfliktfaktor ist die sich verschärfende Ressourcenknappheit. Durch zunehmende Desertifikation weiter Teile des Nordsudans schwinden wichtige Weideflächen, die für das Überleben von nomadischen Tierhaltern und sesshaften Ackerbauern notwendig sind.

Dies führt zu Verteilungskämpfen der betroffenen Gruppen untereinander. Bislang hat die Regierung in Khartum nicht mit Konfliktlösungsstrategien, etwa einem verbesserten Wassermanagement, reagiert. Vielmehr verfährt sie nach dem Prinzip "Teile und Herrsche" und hofft, durch die Unterstützung einer der Gruppierungen die Konflikte zu entscheiden. Dies führte bislang dazu, dass mehr bewaffnete Gruppen entstanden und die lokalen Auseinandersetzungen eskalierten.

Vor allem in Darfur zeigt sich der problematische Umgang der Regierung mit internen Konflikten. Im April 2003 wurden dort militärische Einrichtungen der Regierung angegriffen. Zwei Rebellenbewegungen, die Sudanesische Befreiungsarmee (Sudan Liberation Army, SLA) und die "Gerechtigkeits- und Gleichheitsbewegung" (Justice and Equality Movement, JEM) wollten so gegen die eklatante Vernachlässigung Darfurs protestieren. Heute sind in Darfur mehr als 20 bewaffnete Gruppierungen aktiv, mehrere Initiativen für Friedensverhandlungen sind gescheitert. Die bislang größte Friedensmission, die sich aus Truppen der Afrikanischen Union und der Vereinten Nationen zusammensetzt (UNAMID), wurde zum Schutz der Zivilbevölkerung entsandt, von der mehr als 2,5 Millionen in Nachbarländer flohen oder als Binnenflüchtlinge in Camps ihr Leben fristen. Die Fragmentierung der Konfliktparteien hat dazu geführt, dass sich die Konflikte von den Randgebieten in die benachbarten Länder ausbreiten. Die direkte Unterstützung der Regierung für die bewaffneten arabischen Janjaweed-Milizen, aber auch die direkten Angriffe der sudanesischen Regierungsarmee auf zivile Ziele in Darfur haben den Internationalen Strafgerichtshof (ICC) am 4. März 2009 veranlasst, einen Haftbefehl gegen den amtierenden Präsidenten Omar al Baschir auszustellen.

In diese Situation fallen die allgemeinen Wahlen, die für 2010 vorgesehen sind, aber nur partiell durchgeführt werden können, solange in Darfur noch Krieg herrscht. Parteien, die in den letzten Jahrzehnten verboten waren, versuchen sich ihre Anhängerschaft zu sichern. Zur Wahl stellen sich neben der Regierungspartei Nationale Kongresspartei (NCP) die Partei der Südsudanesischen Volksbefreiungsbewegung SPLM und die etablierten Parteien, die sich auf Muslimbruderschaften (Ansar und Khatmiya) stützen, die Umma und die Democratic Union Party.

Nachdem sich der Sudan in den 1990er Jahren vorwiegend mit Staaten in der arabischen Welt, den Golfstaaten und Iran verbündet hatte und die direkten Nachbarn Eritrea und Äthiopien auf Seiten der südsudanesischen Rebellen gestanden hatten, hat sich die Außenpolitik seit der Ölförderung und dem 11. September 2001 deutlich verändert. Außenhandelsbeziehungen sind nun vorwiegend auf China, Japan, Indien und Malaysia ausgerichtet - außenpolitische Anknüpfungen werden zunehmend auch mit westlichen Staaten gesucht. Durch den Konflikt in Darfur und den Haftbefehl gegen al-Baschir ist die Annäherung an die USA inzwischen wieder erschwert. Washington führt den Sudan weiterhin auf seiner Liste der Terrorismus unterstützenden Staaten. In der Frage des Umgangs mit Nord- und Südsudan positioniert sich die internationale Staatengemeinschaft unterschiedlich. Die südlichen Anrainerstaaten Uganda und Kenia sind eng mit der SPLM und damit der Regierung Südsudans verbunden, auch Äthiopien und Südafrika sowie westliche Staaten unterstützten die Regierung in der südsudanesischen Hauptstadt Juba. Nachbarstaaten wie der Tschad spielen in der Außenpolitik des Nordsudan eine große Rolle; derzeit werden Rebellengruppen aus Darfur direkt vom tschadischen Präsidenten Déby unterstützt. Im Gegenzug hilft die Regierung in Khartum tschadische Rebellengruppen. Die Liga der Arabischen Staaten ist ebenso wie die Afrikanische Union vornehmlich seit dem Antrag auf Haftbefehl gegen Präsident al-Baschir im Sudan 2008 aktiv geworden und wirbt für innersudanesische Lösungen. Die Afrikanische Union hatte schon kurz nach Ausbruch des Konfliktes in Darfur eine Friedensmission dorthin entsandt.

Seit der Ausstellung des Haftbefehls gegen Präsident al-Baschir hat sich die Lage in Darfur verschlechtert. Unter dem Vorwurf mit dem Internationalen Strafgerichtshof kooperiert zu haben, wurden 13 Hilfsorganisationen aus Darfur ausgewiesen.

Quellentext

Alltag in Darfur

[...] Die Leute nennen sie Janjaweed - die "Geisterreiter". [...] Die Janjaweed plündern, vergewaltigen und morden. Und keiner stoppt sie. Für die Welt sind diese Reiter zum Symbol des Terrors in Darfur geworden: Teufel auf dem Pferde, die Frauen und Kinder vor sich hertreiben. [...] Es gibt noch andere zerstörerische Kräfte [...] Rebellengruppen, die Freiheit predigen, aber jeden Dialog verweigern. Mit ihren Beutezügen machen sie die Straßen unsicher [...].

Das Lager Kassab mit mehr als 30 000 Vertriebenen liegt am Rande der Stadt Kutum. [...] Schon immer hat Kutum Händler von weit her angezogen. So ist es auch jetzt, mitten im Krieg.
Montag ist Markttag, die Stadt füllt sich mit Menschen, meist reiten sie auf Eseln heran. Viele Flüchtlinge sind darunter, die es trotz der Gefahren noch wagen, auf ihre Felder zu gehen und etwas anzubauen. Jetzt verkaufen sie hier ihre Ernte, Zwiebeln oder Karotten. Aber wer durch die Reihen auf dem Markt geht, spürt die Spannung [...]. Die Menschen sprechen kaum, sie kauern reglos am Boden. Jeder ist froh, wenn er hier nach seinen Geschäften wieder fortkommt. Denn wohin man auch blickt - überall kurven schwer bewaffnete Milizionäre in ihren Jeeps herum.
[...] Die Milizen machen den Vertriebenen Angst. Aber was sollen die Leute machen? Nur hier können sie ihre Waren tauschen, wie sie es immer getan haben.
Wer erfahren will, wie es war in alten Zeiten in Darfur, der kann Malik Adam Muhammed Nur in Kutum aufsuchen [...]. Er ist eines der traditionellen Oberhäupter dieser Gegend [...]. Vor 52 Jahren erbte er sein Amt von seinem Vater, auch heute noch sei er ein geachteter Mann, sagt er. Aber sein Einfluss ist geschwunden, der Krieg hat die alten Gesetze ausgehebelt. Auch früher habe es Konflikte zwischen Nomaden und Bauern gegeben, erzählt er. Wenn Tiere die Ernte fraßen oder Ziegen gestohlen wurden, dann gab es ein Schlichtungsverfahren. [...] Hirten und Bauern profitierten oft voneinander, Fleisch und Milch wurden getauscht gegen Gemüse und Hirse.
Doch viele Faktoren haben das Verhältnis allmählich vergiftet. Die Wüste ist in Darfur weiter vorangerückt, die Bevölkerung ist gewachsen, der Kampf um Wasser und Land verschärfte sich. Für die Nomaden wurde es nun immer schwieriger, ihre Herden durchzubringen. Viele verarmten. Ethnische Spannungen zwischen arabischen Nomaden und nicht-arabischen Gruppen wie den Fur und den Zaghawa nahmen zu, schon in den achtziger und neunziger Jahren gab es blutige Zusammenstöße. So baute sich der Konflikt auf. Als dann die Darfur-Rebellen zu den Waffen griffen und Khartum herausforderten, suchte die Regierung nach Verbündeten, um den Aufstand niederzuschlagen. Jetzt sahen viele Nomaden ihre Chance. Mit der Waffe in der Hand konnten sie wieder reich werden. Nach fünf Jahren Krieg haben sie vielerorts das Land der Bauern besetzt, und man muss nicht weit hinausfahren aus Kutum, um sich davon einen Eindruck zu verschaffen. [...]
Immer wieder reiten an diesem Tag bewaffnete Nomaden auf Kamelen vorbei. Rebellen lassen sich hier nicht offen blicken. Dennoch kann man sie später noch treffen. Im Schatten einer Akazie, nicht weit von Kutum, ist nach langer Suche Major Abdulahdi Ahmed zu finden. Er gehört zu einer Rebellengruppe, die sich "SLA Free Will" nennt. [...] Abdulahdi ist von Beruf Lehrer. Er ist oft in Khartum gewesen und hat es irgendwann nicht mehr ertragen, all den Reichtum, die schönen Schulen und Krankenhäuser in der Hauptstadt zu sehen. "Khartum hat alles, Darfur hat nichts." Die Kinder hier gingen in Ruinen zur Schule, sagt er, Krankenhäuser gebe es kaum. "Die Regierung hat nichts gegeben, um diese Gegend zu entwickeln." Gespräche darüber seien gescheitert, also hätten die Darfuris zu den Waffen gegriffen, weil das die einzige Sprache sei, die Khartum verstehe. [...] Doch bislang hat der Krieg nur Leid gebracht. Niemand kann diesen Konflikt militärisch gewinnen. [...]

Arne Perras, "Jeden Tag ein neuer Feind", in: Süddeutsche Zeitung vom 20./21. Dezember 2008



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Rund 885 Millionen Menschen leben in 54 afrikanischen Staaten. Auf dem Kontinent gibt es über 3.000 Bevölkerungsgruppen und mehr als 2.000 Sprachen. Das Dossier präsentiert Afrika gestern und heute und beleuchtet die Perspektiven zukünftiger Entwicklungen.

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