Dossierbild Afrika – Länder und Regionen

27.5.2009 | Von:
Stefan Mair
Annette Weber

Horn von Afrika und Ostafrika

Äthiopien

Von Annette Weber

Äthiopien mit seiner jahrtausendalten Geschichte wurde als einziges Land auf dem afrikanischen Kontinent nie von externen Mächten kolonialisiert. Vielmehr verstand es sich selbst als Großmacht, die sich aus verschiedenen Feudalreichen zusammensetzte. Mit der Einsetzung von Ras Tafari Mekkonen 1916, der vierzehn Jahre später als Kaiser Haile Selassi den Thron bestieg, trat das Staatswesen Äthiopiens in die Moderne ein.

In der Demokratischen Bundesrepublik Äthiopien leben heute circa 80 Millionen Menschen, die neben mehreren kleinen ethnischen Gruppierungen zwei große aufweisen, die Oromos und Amharas, die nach Schätzungen jeweils über 30 Prozent der Bevölkerung stellen.

Geschichte

Äthiopiens Geschichte wurde wesentlich von seiner Brückenstellung zwischen dem afrikanischen Kontinent und der arabischen Halbinsel bestimmt. Die Schifffahrtsverbindungen am Golf von Aden galten schon seit dem Mittelalter und verstärkt nach Eröffnung des Suezkanals 1869 als die wichtigsten Handelswege zwischen Europa und Asien.

Knochenfunde, die auf 3,2 Millionen Jahre zurückdatiert wurden, weisen Äthiopien als "Wiege der Menschheit" aus. Griechische Aufzeichnungen aus dem 5. Jahrhundert v. Chr. stellen es als nahezu mystisches Reich dar. Im 4. Jahrhundert n. Chr. kam die christliche Religion durch Missionare aus Syrien und Ägypten nach Äthiopien, im 7. Jahrhundert erwarb es die Wertschätzung des islamischen Religionsstifters Mohammed, weil es seinen Anhängern Zuflucht gewährt hatte. Heute halten sich die christliche und die muslimische Religion in Äthiopien anteilsmäßig annähernd die Waage. Allerdings prägten konfessionelle Konflikte die Geschichte des Landes bis ins 20. Jahrhundert, und auch heute ist die Religionszugehörigkeit bedeutsam für die Vergabe politischer Führungspositionen. Die christlich-orthodoxe Bevölkerung des fruchtbaren Hochlandes übte bislang durchgehend die Herrschaft im Land aus, während die muslimischen Bevölkerungsgruppen im Tiefland darüber zunehmend unzufrieden sind.

Haile Selassie, der Sohn eines christlich-orthodoxen Provinzgouverneurs, wurde 1930 zum Kaiser Äthiopiens gekrönt und herrschte, unterbrochen nur durch ein kurzes Exil, bis ihn 1974 ein Militärputsch aus dem Amt hob. Die Militärjunta, Derg genannt, unterwarf das Land einer kommunistischen Umerziehung. Der monarchistische Zentralismus, der Äthiopien jahrhundertelang geprägt hatte, wurde durch ein militarisiertes, totalitäres Regime ersetzt. Mengistu Haile Mariam, seit 1977 neuer Militärherrscher Äthiopiens, sorgte dafür, dass die politische Opposition ebenso wie die Royalisten ausgeschaltet wurden.

Im Kalten Krieg zwischen den USA und der Sowjetunion engagierte sich Äthiopien 1977 in einem Stellvertreterkrieg mit Somalia um die äthiopische Provinz Ogaden, die mehrheitlich von ethnischen Somalis bewohnt wurde. Dazu wechselten beide Seiten die Verbündeten. Äthiopien löste sich von den USA, die wegen seiner politischen Neuorientierung und seiner Menschenrechtsverletzungen auf Distanz gegangen waren, während die Sowjetunion Somalia fallen ließ, dessen Präsidenten Siad Barre sie bislang unterstützt hatte. Nun kamen Mengistu im Kampf um Ogaden Soldaten und Ausrüstung der Sowjetunion und Kubas zur Hilfe. Die somalische Armee wurde 1978 geschlagen.

Nachdem verschiedene, meist ethnisch rekrutierte Rebellengruppierungen jahrzehntelang gegen das Derg-Regime gekämpft hatten, wurde Mengistu Haile Mariam 1991 gestürzt. Der Anführer einer ethnischen Minderheitenbewegung, der TPLF (Tigray People's Liberation Front), Meles Zenawi, wurde zum Premierminister Äthiopiens ernannt.

Innenpolitische Herausforderungen

Schon seit der Regierungszeit Kaiser Haile Selassies herrscht eine Diskrepanz zwischen der unsicheren innenpolitischen Situation und dem guten internationalen Ansehen des Landes. Dabei spielen die Interessen externer Akteure ebenso eine Rolle wie die Erkenntnis, dass die Stabilität am Horn von Afrika ohne Äthiopien nicht haltbar ist.

In den Augen internationaler Akteure ist Äthiopien ein wichtiger Partner bei der Bekämpfung des Terrorismus und bei der Intervention in Somalia zur Abwehr einer vermeintlich islamistischen Regierung. Aber auch die geostrategisch wichtige Lage nahe an den ölreichen Golfstaaten führt dazu, dass innenpolitische Verfehlungen von außen kaum kritisiert werden. Dies gilt vor allem für die massiven Menschenrechtsverletzungen, die im Zusammenhang mit den Wahlen 2005 und den Strafexpeditionen gegen die Bevölkerung im Ogaden von der äthiopischen Regierung verübt wurden.

Dabei waren es zumeist innenpolitische Probleme, die die Regime in Äthiopien zu Fall brachten. Kaiser Haile Selassie, der im Ausland als Vorzeigemodernisierer galt, regierte sein Land noch in den 1960er und 1970er Jahren als absoluter Monarch, der der Bevölkerung keine Mitbestimmung zugestand. Auch die Konzentration der herrschenden Elite auf das Zentrum und die klientelistische Umverteilung der Ressourcen führten zu Unmut. Die Vorherrschaft der Volksgruppe der Amharen unter Kaiser Haile Selassie wurde ebenso kritisiert wie heute die Dominanz der Tigray unter Premierminister Meles Zenawi. Das Derg-Regime stürzte, als die Sowjetunion zerbrach und dem Land die Unterstützung versagte.

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts erlebte Äthiopien jedoch eine demokratische Öffnung. Der Wahlkampf 2005 weckte Hoffnungen auf freie und demokratische Wahlen, die am Wahltag auch zu einem Sieg der Opposition in der Hauptstadt Addis Abeba führten. Das Ergebnis wurde von der Regierung nicht akzeptiert, Proteste folgten und wurden gewaltsam niedergeschlagen, und eine große Zahl von Oppositionellen wurde verhaftet. Drei Jahre später erließ die Regierung eine Amnestie. Bislang ist es der Opposition allerdings nicht gelungen, sich neu zu formieren und politisch aktiv zu werden.

Äthiopien ist weiterhin eines der ärmsten Länder der Erde. Obgleich Land und auch Wasser des blauen Nils ausreichend vorhanden sind, entstehen aus den klimabedingten Ernteausfällen aufgrund geringer Regenmengen immer wieder Hungerkatastrophen, die auch auf den Mangel an Bewässerungsprojekten zurückzuführen sind.

Das Ungleichgewicht zwischen militärischem Primat und der Vernachlässigung von Wohlfahrtsaufgaben ist ein Langzeitproblem Äthiopiens.

Außenpolitische Spannungsfelder

Der traditionelle Anspruch Äthiopiens, am Horn eine Großmachtrolle zu spielen, hat seit jeher zu Konflikten mit den Nachbarn geführt. Das gilt vor allem für das Verhältnis zu Eritrea, das Äthiopien trotz zwischenzeitlicher italienischer Kolonisierung (1889 bis 1941) stets als äthiopische Provinz begriff. Nach einem langen Krieg gegen Äthiopien, der in den 1960er Jahren seinen Ausgang nahm, erlangte Eritrea 1993 die Unabhängigkeit. Danach arbeiteten die beiden Staaten zunächst eng zusammen, führten eine gemeinsame Währung ein und öffneten die Grenzen sowohl für die Bevölkerung als auch für den Handel. Doch nach einem Grenzzwischenfall fanden sich beide Seiten 1998 in einem erneuten Krieg wieder. Zwei Jahre später und nach 70 - 80 000 Todesopfern auf beiden Seiten unterzeichneten die verfeindeten Regierungen ein Friedensabkommen. Die Stimmung zwischen den beiden Ländern ist seitdem angespannt. Eritrea versucht mit allen Mitteln, Äthiopien militärisch aufzureiben und zu schwächen, um einem möglichen Angriff Äthiopiens vorzubeugen.

Der zweite außenpolitische Konflikt besteht mit dem Nachbarland Somalia. Im Dezember 2006 drang die äthiopische Armee in Somalia ein, um die international anerkannte somalische Übergangsregierung im Kampf gegen aufständische Clanmilizen und jihadistische Shabab, deren Ziel die Installierung einer islamistischen Führung in Somalia ist, zu unterstützen. Die Intervention, vor allem aber der lange und kostenintensive Verbleib der äthiopischen Streitkräfte in Somalia, sorgten in Addis Abeba für politischen Zündstoff.

Die Befürchtung der äthiopischen Regierung, sich in Somalia einem islamistischen Regime gegenüber zu sehen, ist sicherlich nicht unberechtigt. Seitdem die Regierung im Sudan in den 1990er Jahren islamistische Gruppierungen in der Region unterstützte, die auch gegen Äthiopien vorgingen, werden islamistische und jihadistische Bewegungen aus den Nachbarländern und aus Saudi-Arabien mit Besorgnis registriert. Im Januar 2009 zogen sich die letzten äthiopischen Truppen aus der somalischen Hauptstadt Mogadischu zurück. Die Friedenssicherung soll die UN-Friedenstruppe AMISOM übernehmen, die seit Anfang 2007 in Mogadischu stationiert ist.

Ägypten, das nach der osmanischen Kolonialisierung des Sudan zeitweise gemeinsam mit Großbritannien die Kolonialmacht im Sudan ausübte, war und ist an der ungebrochenen hegemonialen Vormachtstellung in der Region interessiert - nicht nur wegen des lebensnotwendigen Nilwassers, das aus Äthiopien (und Uganda) kommt und durch den Sudan fließt. Heute ist es neben der Wasserversorgung der "Kampf gegen den Terrorismus", der Ägypten mit Äthiopien verbindet.

Äthiopien ist zwar der engste Verbündete der US-Regierung im Krieg gegen den Terrorismus, als Lieferländer für Handelswaren fallen westliche Staaten jedoch weit hinter Saudi-Arabien (15,2 Prozent 2006/07) und China (17 Prozent) zurück. Exporte aus Äthiopien gehen nach China, dicht gefolgt von Deutschland, Japan und den USA. Noch sind die Rohstoffe in Äthiopien nicht erschlossen, aber chinesische und malaysische Ölfirmen sind vor Ort aktiv.

Obgleich Äthiopien militärisch stärker als seine direkten Nachbarn ist, wird es langfristig nicht durch eine Position der Stärke, sondern eher durch einen Ansatz zu guter Nachbarschaft in der Region zur Stabilisierung beitragen können.


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Rund 885 Millionen Menschen leben in 54 afrikanischen Staaten. Auf dem Kontinent gibt es über 3.000 Bevölkerungsgruppen und mehr als 2.000 Sprachen. Das Dossier präsentiert Afrika gestern und heute und beleuchtet die Perspektiven zukünftiger Entwicklungen.

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