Dossierbild Afrika – Länder und Regionen

27.5.2009 | Von:
Stefan Mair
Annette Weber

Horn von Afrika und Ostafrika

Die Somalias

Von Annette Weber

Schon der Blick auf die wirtschaftlichen Indikatoren macht deutlich, dass etwas außer Kontrolle geraten ist in Somalia. Das Land hat im afrikanischen Vergleich ein sehr niedriges Pro-Kopf-Einkommen, bei den Lebenshaltungskosten und Preisen für Konsumgüter hingegen liegt Somalia an der Spitze. Seit dem Zerfall seiner staatlichen Strukturen 1991 gibt es weder staatliche Sicherheitsorgane noch eine Gerichtsbarkeit, keine politisch legitimierten Volksvertreter oder offizielle Handelsbeziehungen. Alles, was in Somalia geschieht, wird über private Initiative geregelt. Obgleich Somalia ethnisch und religiös fast homogen ist - mehr als 98 Prozent sind Muslime und knapp 89 Prozent ethnische Somali - verhindern persönliche Machtinteressen, aber auch eine stark segmentierte Clankonstellation eine friedliche Koexistenz. Eine ehemals stärkere Zivilgesellschaft konnte sich gegen die gewaltbereiten Akteure auf Dauer nicht durchsetzen.

Quellentext

Erfolgsgeschichte Telekommunikation

Es raschelt, knattert und dann tutet es. "Yes, hello", sagt eine altbekannte Stimme: "It's Schirwa." Im Moment könne er nicht reden, ruft der somalische Freund gehetzt: Wie sich später herausstellt, wird Abdullahi Schirwa soeben an einem Milizen-Checkpoint im Zentrum Mogadischus um den letzten Cent gebracht. Beim nächsten Anruf eine Stunde später sind im Hintergrund Explosionen zu vernehmen, aber Schirwas Stimme bricht nicht ab. In Somalias Hauptstadt wird [...] geschossen, geplündert und bombardiert: Doch die telefonische Verbindung ist so verlässlich wie nichts anderes in der verwüsteten Stadt.

[...] In dem Land, das weder eine funktionierende Regierung noch eine öffentliche Strom- und Wasserversorgung hat, verfügen bereits mehr als 300 000 Menschen über ein Handy [...]. In der ersten Hälfte der 90er Jahre gab es in dem von einem Bürgerkrieg restlos verwüsteten Land kein einziges Telefon. Die Somalier mussten ins Nachbarland Äthiopien reisen, um mit ihren in alle Welt geflüchteten Verwandten Kontakt aufzunehmen. [...] Der Aufbau des lukrativen Geschäfts erforderte aber auch Zugeständnisse. Die Telefonanbieter mussten zum Beispiel die Kriegsfürsten bezahlen, die Mogadischu unter sich aufgeteilt hatten, um in ihren jeweiligen Territorien Kabel verlegen zu dürfen. Betriebseigene Sicherheitskräfte müssen sämtliche technischen Einrichtungen rund um die Uhr bewachen. Und jedem Konkurrenten, der in das lukrative Marktsegment eindringt, muss entweder der Krieg erklärt werden oder man hat sich mit ihm zu arrangieren. [...] Tatsächlich gründeten die drei großen Telefongesellschaften des Ruinenstaats vor einiger Zeit sogar einen Selbstregulierungsrat. Das Arrangement läuft dermaßen gut, dass die somalischen Telefongesellschaften ihren Kunden nicht nur die günstigsten Tarife in ganz Afrika einräumen können (50 Cent für eine Minute Auslandsgespräch). Sie verdienten dabei auch selbst noch so gut, dass alle drei Anbieter international expandieren konnten. [...]
Die Telekommunikation hat für eine der wenigen wirtschaftlichen Erfolgsgeschichten in Afrika gesorgt. Mobilfunkanbieter erzielen auf dem Kontinent, der mit dem Anschluss an die globalisierten Märkte größte Schwierigkeiten hat, die höchsten Wachstumsraten der Welt. Vor acht Jahren verfügten nur 7,7 Millionen Afrikaner über ein Handy, heute sind es bereits mehr als 100 Millionen.
Der verarmte Kontinent konnte auf diesem Gebiet eine gesamte Entwicklungsstufe überspringen - die der Telekommunikation per Kabel. In Kenia, wo es noch heute nur 400 000 Landleitungen gibt, wurden allein in den vergangenen sechs Jahren fünf Millionen Handybesitzer registriert. Bis vor wenigen Jahren hatte nur jeder vierzigste Afrikaner Zugang zu einem Festnetztelefon. Heute besitzt fast jeder achte Afrikaner ein Handy und fast jeder zweite kann im Bedarfsfall ein Telefon benutzen.
Der Zugang zum Internet gestaltet sich allerdings noch schwierig. Zwar hat sich die Zahl der vernetzten Afrikaner in den vergangenen drei Jahren verdoppelt, doch noch immer surfen höchstens fünf Prozent der Menschen regelmäßig im Cyberspace. Der Grund dafür ist weniger die mangelhafte Infrastruktur, vielmehr liegt es an den hohen Kosten für Computer und Modem: ein Hindernis, das jedoch leichter zu beseitigen ist als Wüsten, Urwald, Sümpfe und Malaria.

Johannes Dieterich, "Die Handy-Connection", in: Frankfurter Rundschau vom 1. Juni 2007

Somalia galt einst als Herrschaftsgebiet muslimischer Sultanate, die in Auseinandersetzungen mit der vornehmlich christlich-orthodoxen Großmacht Äthiopien verwickelt waren. Ende des 19. Jahrhunderts begann Italien die Region zu besetzen; in der Folge wurden Teile Somalias abgespalten. Das heutige Somaliland wurde britisch kolonialisiert, Somalia und Puntland fielen unter italienische Kolonialherrschaft. Aus dem Zusammenschluss der beiden Kolonialgebiete entstand Somalia, das 1960 unabhängig wurde. 1969 kam Siad Barre durch einen Militärputsch an die Macht.

Der Niedergang des Landes nahm seinen Ausgangspunkt im Ogaden-Krieg 1977. Somalische Truppen waren in die Provinz Ogaden, deren territoriale Kontrolle zwischen Äthiopien und Somalia umstritten ist, einmarschiert. Die Niederlage gegen die weitaus stärkere Armee des äthiopischen Militärmachthabers Mengistu Haile Mariam bereitete den Weg für verschiedene bewaffnete Oppositionsbewegungen in Somalia, die Präsident Siad Barre 1991 gewaltsam stürzten. Schon bald zerbrach die Opposition, wobei ursprünglich die Clanstrukturen als verlässlichste soziale und politische Mechanismen die Bruchlinien vorgaben, das Land zerfiel. 1991 rief die Somalische Nationalbewegung im Nordwesten des Landes die unabhängige Republik Somaliland aus, die bislang allerdings von keinem anderen Staat anerkannt wurde. Seit 1997 hat Somaliland eine eigene Verfassung, die ersten Parlamentswahlen fanden 2005 statt. Der Nordosten Somalias erklärte sich 1997 als Puntland mit einem eigenen Präsidenten zur autonomen Region.

Für Somalia bildete sich - im Zuge von Friedensverhandlungen seit 2002 - 2004 im kenianischen Exil eine Übergangsregierung unter Präsident Abdullahi Yussuf (2004 bis 2009). Die Regierung residierte in Baidoa, weil sie sich in der Hauptstadt Mogadischu nicht durchsetzen konnte, die ihrerseits seit Mitte 2006 von der äthiopienfeindlichen Union islamischer Gerichte kontrolliert wurde.

Im Dezember 2006 intervenierte die äthiopische Armee, um die Übergangsregierung gegen die Union, islamistische Milizen und Warlords zu stützen und zu konsolidieren. Sie blieb zwei Jahre lang als Konfliktpartei im Land, das seither wieder verstärkt in die Gewaltspirale des Bürgerkriegs geriet. Im Januar 2009 zog sich die äthiopische Armee aus Somalia zurück, der von ihr gestützte Präsident Yussuf trat zurück.

Ende Januar 2009 wählte ein somalisches Übergangsparlament, das in Dschibuti zusammentreten musste, weil die radikal-islamistischen Shabab-Milizen nach dem Abzug der Äthiopier Baidoa besetzten, den gemäßigten Islamistenführer und ehemaligen Ratsvorsitzenden der Union, Sheikh Sharif Ahmed, zum neuen Staatschef. Er rief alle bewaffneten Gruppen auf, sich am Friedensprozess zu beteiligen. Die Shabab-Milizen führen ihren bewaffneten Kampf weiterhin fort.

Während es in Somaliland gelungen ist, innenpolitische Konflikte friedlich zu lösen und durch eine stabile Regierung auch Grenzkonflikte diplomatisch zu verhandeln, ist die Regierung in Puntland schwach und trägt nicht zur Stabilisierung der Region bei.

Schlimmer noch steht es um "Rumpfsomalia". Es ist zwar Mitglied der Afrikanischen Union und der Arabischen Liga, die sich in der Vergangenheit bei Verhandlungen zwischen den Fraktionen engagiert hat. Doch trotz mehrfacher Versuche ist es weder den politischen Kräften in Somalia noch externen Akteuren bislang gelungen, Frieden, eine Regierung oder auch nur Sicherheit nach Somalia zu bringen. Die humanitäre Mission der Vereinten Nationen (UNOSOM, Operation Restoring Hope; 1992-1995) ist an dieser Aufgabe gescheitert, und auch die Mission der Afrikanischen Union, die 2007 zur Unterstützung der Übergangsregierung eingesetzt wurde, blieb bislang ohne Erfolg.

Die Abwesenheit des Staates begünstigt die Seeräuberei, die vor den Küsten Somalias bedrohliche Ausmaße angenommen hat. Anfang Dezember 2008 begann die EU mit einer militärischen Operation zur Bekämpfung der Piraten. Auch Marineschiffe der NATO, der USA und anderer Länder sind seit 2009 im Golf von Aden im Einsatz.


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