Dossierbild Afrika – Länder und Regionen

27.5.2009 | Von:
Stefan Mair
Annette Weber

Horn von Afrika und Ostafrika

Kenia

Von Stefan Mair

In den Augen vieler Deutscher verkörpert Kenia das "typische Afrika". Tier- und Liebesfilme zeigen es als Land endloser Savannen, bevölkert mit Löwen, Elefanten, Giraffen und Zebras, als Schauplatz romantischer Sonnenuntergänge hinter Schirmakazien und Heimat ursprünglicher Volksstämme. Denkt man sich die Strände an der Ostküste des Landes hinzu, ist offenkundig, warum Kenia eines der beliebtesten Touristenziele Afrikas ist. Seit gewaltsame Auseinandersetzungen unmittelbar nach den Wahlen im Dezember 2007 circa 1000 Todesopfer forderten und 300 000 Menschen aus ihrer Heimat vertrieben, steht Kenia aber auch als Symbol für zügellose politische und zwischenethnische Gewalt. Wie immer bei Klischees, enthalten beide Assoziationen ein Körnchen Wahrheit, verdecken aber die Komplexität der Realität. Das Bild des ursprünglichen, betörenden Kenia blendet die tief greifenden gesellschaftlichen Spannungen aus, unter denen es steht, und das Bild ethnischer Gewalt verhüllt die relative Stabilität des Landes und seine Fähigkeit zur Konfliktbewältigung.

Kenia war eine der wenigen Kolonien in Afrika, in der sich vor allem britische Familien auf Dauer niederlassen wollten, um Vieh- und Landwirtschaft zu betreiben. Anfang der 1960er Jahre lebten circa 55 000 europäische Siedler im Land, die sich die fruchtbarsten Ackerflächen angeeignet hatten. Der Traum von der Siedlerkolonie Kenia endete, als sich die Afrikaner des Landes erhoben und einen blutigen Unabhängigkeitskampf begannen. Nach der Unabhängigkeit hinterließen die britischen Kolonialherren ein Erbe, aus dem sich drei nachhaltig wirkende Weichenstellungen ergaben:

Positiv war, dass London in der Siedlerkolonie weitaus mehr als in afrikanischen Kolonien üblich in Infrastruktur, Verwaltung, Bildungs- und Gesundheitswesen investiert hatte. Auch in Gewerbe und Landwirtschaft war das Land am Ende der Kolonialherrschaft entwickelter als andere ehemalige Kolonien.

Zwei andere Weichenstellungen wiederum brachten Nachteile für den gesellschaftlichen Zusammenhalt mit sich. Zum einen hatten britische Farmer gutes Ackerland in Besitz genommen, das sich zuvor traditionell in der Verfügungsgewalt nomadisierender Viehhirten befunden hatte. Diesen gelang es nach der Unabhängigkeit nicht, die Kontrolle über das Land wieder zu erringen. Stattdessen ging der Großteil des Landes in den Besitz der Vertreter eines Volksstamms, der Kikuyu, über, die in Kenia zu den erfahrensten Ackerbauern gehörten und zum Teil auf den europäischen Farmen gearbeitet hatten. Die Kikuyu stellten überdies den ersten Präsidenten nach der Unabhängigkeit.

Zum anderen hatten die europäischen Siedler wesentlich zur Ethnisierung der kenianischen Politik beigetragen. Sie ordneten den einzelnen Ethnien bestimmte Eigenschaften zu, die diesen wiederum besondere Plätze im Sozialgefüge zuwiesen. Die Kikuyu galten als besonders betriebsam und geschäftstüchtig und wurden deshalb gerne in gehobenen Management- und Verwaltungspositionen beschäftigt. Viehhirten und Nomaden, allen voran die Massai, Somali und Kalenjin, galten als kriegerisch und waren deshalb zahlreich in der Armee vertreten. Andere galten als besonders fähige Hausangestellte oder Landarbeiter. Ethnische Zugehörigkeit wurde somit ein wichtiger Faktor für die wirtschaftlichen Perspektiven und sozialen Aufstiegschancen des Einzelnen.

Diese Entwicklung wurde durch das Herrschaftssystem verstärkt, das der erste Präsident, Jomo Kenyatta, nach der Unabhängigkeit errichtete. Es ist ein Paradebeispiel afrikanischen Klientelismus. Der Präsident versuchte, möglichst viele gesellschaftliche Gruppen in sein Herrschaftsgefüge zu integrieren. Da die Differenzierung des Landes in soziale Schichten anfangs gering war, definierten sich diese gesellschaftlichen Gruppen primär über die Zugehörigkeit zu Sprach- und Volksgruppen. Deren oberste Schutzherren erhielten wichtige Ämter in der Regierung, der Verwaltung, den Sicherheitskräften sowie staatlichen und halbstaatlichen Unternehmen, sie bekamen zinsgünstige Kredite, begehrte Handels- und Devisenlizenzen sowie attraktive Entwicklungsprojekte in ihren Herkunftsregionen. Einen Teil dieser Privilegien reichten die obersten Amtsträger an die mittlere Ebene weiter, die davon wiederum einen Teil für sich einbehielt und den Rest ihrerseits weiterreichte, bis am Ende sogar etwas für den "gemeinen" Bürger übrig blieb. Dieses System war politisch hoch effektiv, volkswirtschaftlich aber extrem ineffizient, da knappe Mittel nicht dort eingesetzt wurden, wo sie den meisten ökonomischen Ertrag erbrachten, sondern dort, wo sie politisch von größtem Nutzen waren. Ein solches System lässt sich aber nur dann aufrecht erhalten, wenn die Regierung über Renteneinnahmen aus dem Rohstoffexport und/oder aus internationaler Entwicklungshilfe verfügen kann. Im Falle Kenias waren es vor allem Leistungen der Entwicklungshilfe, die das System lange Zeit stabilisierten.

Dennoch kam es auch schon in der Endphase der Herrschaft Jomo Kenyattas zu Spannungen, da ihm unterstellt wurde, seine eigene Volksgruppe, die Kikuyu, mehr als andere zu begünstigen. Als er 1978 verstarb und ihm ein Repräsentant einer anderen Volksgruppe nachfolgte, geriet das System vollends in die Krise. Zwei Gründe waren hierfür ausschlaggebend: Zum einen versuchte der neue Präsident, Daniel arap Moi, massiv seine eigene Volksgruppe, die Kalenjin, zu privilegieren, was zusätzliche Kosten im Klientelsystem verursachte. Zum anderen hatten sich in den 1980er Jahren die Weltmarktpreise für die Exportprodukte Kenias deutlich verschlechtert, was sich unmittelbar auf den Staatshaushalt auswirkte. Ab Mitte der 1980er Jahre verlor der Ost-West-Konflikt an Schärfe, was auch die Bereitschaft von Amerikanern und Europäern minderte, den treuen Vasallen Kenia rückhaltlos zu unterstützen. Stattdessen erhöhten sie erst den wirtschaftlichen und später auch den politischen Reformdruck. Somit hatte die Regierung Mois im Verlauf der 1980er Jahre immer weniger Verteilungsmasse, um die Loyalität der ethnischen Gruppen zu entlohnen. Anstatt das weniger Gewordene auf eine gleich bleibende Zahl von Begünstigten zu verteilen, entschloss sie sich, den Kreis der Begünstigten zu verkleinern. Immer mehr Schutzherren und deren ethnische Gruppen gewannen den Eindruck, an den Rand gedrängt zu werden und entwickelten eine oppositionelle Haltung, die Anfang der 1990er Jahre in eine starke Oppositions- und Demokratiebewegung mündete. Ihr gelang es schließlich 2002, die nahezu 40 Jahre herrschende Regierungspartei von der Macht abzulösen.

Diese ethnisch bestimmte Analyse der Entwicklungen in Kenia seit der Unabhängigkeit ist allerdings nur eine Lesart der Ereignisse. Parallel zur Ethnisierung kenianischer Politik vollzog sich eine weitere gesellschaftliche Entwicklung: In den Städten Kenias, aber auch in jenen ländlichen Gebieten, in denen kommerzielle Landwirtschaft betrieben wurde, konnte sich eine Mittelschicht herausbilden, deren wirtschaftliches Wohlergehen nicht mehr unmittelbar von staatlichen Zuwendungen abhängt. Die Entstehung einer zwar kleinen, aber einflussreichen Agrarbourgeoisie ist eine für Afrika relativ untypische Entwicklung. In Kenia kann sie vor allem darauf zurückgeführt werden, dass die Regierung, anders als in den meisten anderen afrikanischen Staaten, individuellen Landbesitz zuließ und förderte. Die Herausbildung einer in der Privatwirtschaft verankerten Mittelschicht verlieh dieser eine soziale Identität jenseits ethnischer Zugehörigkeiten sowie ein bürgerliches Bewusstsein, das sich staatlichem Autoritarismus und Dirigismus entgegenstellt. Letzteres spielte bei der Herausbildung und Stärkung der Oppositionsbewegung eine entscheidende Rolle, ersteres bei der Konfliktprävention und beim Konfliktmanagement.

Quellentext

Konfliktquelle ethnische Vielfalt

Die Bevölkerung Kenias besteht aus etwa 40 ethnischen Gruppen. Mit einem Anteil von etwa 22 Prozent sind die Kikuyu, zu denen der zum Wahlsieger (der Präsidentenwahl am 27. Dezember 2007 - Anm. d. Red.) ausgerufene Mwai Kibaki gehört, die größte Volksgruppe. Kibakis Widersacher Raila Odinga gehört zu den Luo, der mit etwa 13 Prozent Bevölkerungsanteil drittgrößten Gruppe. Etwas kleiner ist mit etwa 12 Prozent das Volk der Kalenjin, zu denen der frühere Präsident Daniel arap Moi gehörte. Moi versuchte im Wahlkampf erfolglos, die Kalenjin dazu zu bewegen, Präsident Kibaki zu unterstützen. Die mit 14 Prozent zweitgrößte Gruppe der Luhya hat nur geringes politisches Gewicht, weil sie in zahlreiche Untergruppen zersplittert ist. Im Ausland wird das Bild Kenias in starkem Maße von den nomadisch lebenden Massai bestimmt, die allerdings nur etwas weniger als zwei Prozent der Bevölkerung stellen.

Die Kikuyu dominierten die Unabhängigkeitsbewegung und erlangten unter dem zu ihnen gehörenden ersten kenianischen Präsidenten, Jomo Kenyatta, der von der Staatswerdung 1963 bis zu seinem Tod 1978 regierte, eine dominierende Stellung in Wirtschaft und Politik. Zur Führung seiner Kenya African National Union (Kanu), die für fast 30 Jahre faktisch Staatspartei war, gehörten anfangs auch Vertreter der Luo - darunter Raila Odingas Vater Odinga Odinga - und Kalenjin. [...] Das traditionelle Siedlungsgebiet der Kikuyu liegt in Zentralkenia, doch haben sie sich in den vergangenen Jahrzehnten auch in anderen Teilen des Landes niedergelassen. Die daraus resultierende Konkurrenz um Land und Zugang zu wirtschaftlichen Ressourcen hat die Spannungen zwischen den Volksgruppen verschärft.
Die Kalenjin stellten mit Daniel arap Moi den zweiten Präsidenten Kenias. Ihm wird vorgeworfen, für die Ausbrüche ethnischer Gewalt nach der ersten Mehrparteienwahl 1992 und nach der Wahl 1997 verantwortlich zu sein. Nach der Wahl 1992 hatten bewaffnete Gruppen von Kalenjin, die nach Ansicht von Beobachtern gut organisiert waren, Siedlungen von Kikuyu-Bauern im Rift Valley im Westen Kenias überfallen. Bei den Unruhen wurden etwa 2000 Personen getötet. Ähnliche Vorfälle mit einigen hundert Toten gab es fünf Jahre später wiederum im dichtbesiedelten Rift Valley, nachdem der heutige Präsident Mwai Kibaki, der Moi in der Wahl unterlegen war, diesem Wahlfälschung vorgeworfen hatte. Kibaki warf dem Präsidenten damals vor, dieser organisiere die ethnische Gewalt - heute erhebt er als Staatsoberhaupt denselben Vorwurf gegen seinen Widersacher Odinga. Kikuyu und Luo hatten 1997 fast geschlossen gegen die Kanu gestimmt.
Die Luo fühlen sich von der Macht und dem Zugang zu den wirtschaftlichen Ressourcen ausgeschlossen, seit ihre führenden Repräsentanten in den sechziger Jahren aus der Führung der Staatspartei Kanu verdrängt worden waren. Raila Odingas Vater gründete Mitte der sechziger Jahre die sich sozialistisch gebende Kenya People's Union (KPU), die von der Staatsmacht hart verfolgt wurde. Die sozialistische Orientierung der Luo-Politiker hat ihren Ursprung in einer egalitären Tradition dieser vor allem im Westen Kenias lebenden Volksgruppe, deren wichtigste Stadt Kisumu am Viktoriasee ist. [...]

Reinhard Veser, "Weit mehr als das Land der Massai: Die ethnische Vielfalt Kenias war immer schon Quell seiner politischen Instabilität", in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 3. Januar 2008

Somit können die Auseinandersetzungen um die Wahlen am Jahreswechsel 2007/2008 einerseits als Konflikt zwischen Ethnien, andererseits aber auch als Konflikt zwischen Gruppen mit unterschiedlichem Staatsverständnis gelesen werden. Ethnisch sah sich eine Volksgruppe durch Wahlmanipulationen um die Macht gebracht, von der sie sich bereits seit der Unabhängigkeit ferngehalten fühlte. In der Gruppe der Wahlbetrogenen befanden sich aber auch viele, die sich in der Hoffnung getäuscht sahen, dass die Regierungskoalition, die das alte marode Regime 2002 abgelöst hatte, die Staatsgeschäfte weniger korrupt und effektiver leiten würde. Die dominante Mobilisierung im Konflikt nach den Wahlen verlief dennoch nach ethnischen Mustern - was nicht überraschend ist, da kulturelle und sprachliche Unterschiede viel leichter ausgebeutet werden können als die Zugehörigkeit zu einer sozialen Schicht. Dass die Lage nach wenigen Wochen nicht weiter eskalierte und Kenia in einen Bürgerkrieg stürzte, dürfte nicht nur den erfolgreichen Vermittlungsbemühungen Externer geschuldet sein, sondern auch der Tatsache, dass die kenianische Mittelschicht ihren mäßigenden Einfluss auf die Protagonisten der Gewalt geltend machte.

Trotz oder vielleicht auch wegen der Erfahrung, in den politischen Abgrund geschaut zu haben, dürfte Kenia auch in den nächsten Jahren relativ stabil bleiben. Es gehört zu jenen afrikanischen Staaten, in denen das Potenzial und die Erfolgsaussichten für nachhaltige politische und wirtschaftliche Reformen vergleichsweise gut erscheinen. Deshalb wird Kenia auch ein bedeutsamer regionaler Akteur und ein attraktiver afrikanischer Partner für die internationale Politik bleiben bzw. werden.


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