Familie und Familienpolitik
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Familienleben und Alltagsorganisation


20.3.2009
Die Leistungen der Familie werden im alltäglichen Zusammenleben erbracht. Empirische Untersuchungen haben sich damit beschäftigt, wie die Familienmitglieder ihre Beziehungen zueinander gestalten und wie die interne Familienstruktur unter verschiedenen Lebensbedingungen funktioniert.

Familienausflüge wie hier bei Dresden gehören in Ost und West zu den beliebten Freizeitaktivitäten.Eine Familie bei einem Ausflug, nahe Dresden. (© AP)

Freud und Leid des sozialen Miteinanders



Es gibt eine reichhaltige, vor allem in der Sozialpsychologie verankerte Forschung, welche die innerfamilialen Interaktionsprozesse und das damit einhergehende Maß an Beziehungszufriedenheit der Familienmitglieder untersucht. Dabei zeigt sich ein grundlegender Wandel der innerfamilialen Interaktions- und Beziehungsmuster und Rollenbilder, der noch nicht abgeschlossen ist.
  • Erstens ist die schon erwähnte Emotionalisierung der persönlichen Beziehungen in Paargemeinschaften hervorzuheben. Liebe ist ein wichtiger Grund für das Zusammenleben.
  • Zweitens lässt sich eine fortschreitende De-Institutionalisierung von Familienbeziehungen feststellen. Deutlich wird dies am Rückgang der Eheschließungen, am steigenden Anteil nichtehelicher Kinder und an der hohen Instabilität von Ehen, das heißt an den zunehmenden Scheidungsraten.
  • Drittens werden traditionelle, geschlechtsspezifische Rollenmuster, Zuständigkeiten und Autoritätsbeziehungen, wie sie für die bürgerliche Familie konstitutiv waren, immer weniger akzeptiert.
Vorrangiges Ziel der Familienmitglieder ist heute, ihre Beziehungen so zu gestalten, dass gemeinsam eine möglichst hohe Lebens- und damit Beziehungszufriedenheit erreicht werden kann. Im Verlauf einer Paarbeziehung verändert sich allerdings deren emotionale Qualität. Die anfängliche leidenschaftliche, "romantische" Liebe geht nach einiger Zeit in eine durch Zuneigung und gegenseitiges Vertrauen bestimmte "kameradschaftliche" Liebe über - wenn die Paarbeziehung nicht lediglich aus wirtschaftlichen oder sozialen Gründen weitergeführt wird, was immer seltener passiert. Mit zunehmender Beziehungsdauer stellt sich auch eine gewisse Routine bzw. Gewohnheit in den paar- oder familieninternen Handlungsabläufen ein. Sie sind Teil einer gemeinsamen vertrauten Welt geworden, die man miteinander gestaltet. Die Beteiligten (Partner und dann auch die Kinder) gewinnen ihren Platz und ihre persönliche Rolle. Dabei sind sie nicht frei von Erwartungen seitens der sozialen Umwelt sowie von rechtlichenund sozio-normativen Vorgaben betroffen, die ihnen Aufgaben und Verantwortungen zuweisen oder soziale Abhängigkeiten definieren. Doch scheinen die Familienmitglieder inzwischen über einen wachsenden Spielraum zu verfügen, um ihre familiale Beziehungswelt selbst zu gestalten; das macht auch einen großen Teil von deren Attraktivität aus.

Um eine möglichst hohe Beziehungs- und Lebenszufriedenheit als Paar und Familie zu erreichen, bemühen sich die Familienmitglieder, ihren Alltag weitgehend einvernehmlich zu organisieren. Dazu gehören gemeinsame Unternehmungen in der Freizeit, ein erfüllendes Sexualleben der erwachsenen Partner, aber auch die zum Teil nicht besonders beliebten Aufgaben im Haushalt, alles in allem "familiale Zeit" genannt. Die Zeiten für die außerfamilialen Beschäftigungen der Familienmitglieder, die "öffentliche Zeit", werden aufeinander abgestimmt. Vielfach wird auch schon von einem Termin-Management gesprochen, was angesichts der vielen außerfamilialen Verpflichtungen von Eltern und Kindern nicht verwundert. Jedem Mitglied bleibt außerdem ein mehr oder weniger großer individueller Freiraum, die "persönliche Zeit", in dem es eigenen Interessen nachgehen kann. Auch wenn die Bereitschaft zu uneigennützigem Verhalten für diese Beziehungen typisch ist, hängt viel davon ab, wie es den Familienmitgliedern gelingt, ihre nicht immer übereinstimmenden Auffassungen und Interessen unter einen Hut zu bringen.

Es ist daher kein Zufall, dass sich Partner zusammentun, die sich in vielen Merkmalen eher ähneln: "Gleich und gleich gesellt sich gern", etwa im Hinblick auf Intelligenz, Bildung und sozialen Status, kulturelle Vorlieben, Weltanschauung und Religion. Man spricht von der Homogamie in Paarbeziehungen. Auch haben die Partner in der Regel dieselbe Staatsangehörigkeit oder ethnische Zugehörigkeit (Endogamie). Binationale Ehen etwa sind immer noch nicht sehr häufig. Im Jahr 2006 gab es laut Statistischem Bundesamt knapp 47 000 Eheschließungen zwischen Deutschen und Ausländern, was einem Anteil von gut zwölf Prozent an allen Eheschließungen in diesem Jahr entsprach. Der Anteil binationaler Ehen an allen Ehen ist noch deutlich niedriger und lag 2006 bei sechs Prozent.

Es gibt auch den Spruch "Gegensätze ziehen sich an". In diesem Fall sollen sich unterschiedliche persönliche Eigenschaften der Partner, zum Beispiel Einkommen des einen und Attraktivität des anderen, ergänzen und das Paar verbinden. Überzeugende Befunde für eine allgemeine Gültigkeit dieses Aspekts in heutigen Paarbeziehungen gibt es allerdings nicht. Das traditionelle "Hinauf-Heiraten" von Frauen konnte man so deuten, aber die Status- und Bildungshomogamie von Frauen und Männern hat in den letzten Jahrzehnten deutlich zugenommen.

Das Verhältnis von Eltern und Kindern ist zunächst durch Rollen, Bedürfnisse und Interessen geprägt, die sich gegenseitig ergänzen. Kinder bedürfen der Pflege und Anleitung, Eltern können diese geben, richten darauf große Teile ihres Alltags aus und ziehen daraus persönliche Befriedigung. Im Verlauf der Sozialisation gestaltet sich das Verhältnis immer weniger "asymmetrisch". Die Heranwachsenden schaffen sich eigene, nicht von den Eltern kontrollierte Freiräume. Beide stimmen ihre Ansichten aufeinander ab oder versuchen bei Differenzen ein hohes Maß an Toleranz aufzubringen. Konflikte bleiben dabei nicht aus. Entscheidend ist dann, wie die Beteiligten mit diesen umzugehen wissen. Vieles hängt davon ab, wie stark gegenseitiger Respekt und Kooperationsbereitschaft dem anderen, ob Partner, Kind oder Elternteil, gegenüber aufgebracht werden, wenn das Verhältnis zueinander gut und für die Beteiligten befriedigend bleiben und Streit nicht eskalieren soll. Der Familienpsychologe Klaus Schneewind spricht vom Engels- oder Teufelskreis der Eltern-Kind-Beziehung.

Die verschiedenen Phasen des Familienverlaufs stellen Paare oder die einzelnen Personen vor unterschiedliche Herausforderungen. Sie bringen daher unterschiedlich hohe Chancen und Risiken für die Beziehungszufriedenheit in einer Familie mit sich. Die Geburt von Kindern ist für Paare und für schon vorhandene Kinder ein einschneidendes Ereignis, das ein hohes Maß an Umorganisation eines vielleicht schon eingespielten Beziehungslebens erfordert und gewohnte Routinen hinfällig werden lässt. Die Beziehungszufriedenheit der Eltern sinkt in Folge der Geburt eines Kindes. Dieser Verlust wird aber in der Regel durch die Freuden der Elternschaft wieder ausgeglichen. Daher sinkt die Lebenszufriedenheit insgesamt nicht.

Einen großen Einfluss auf die innerfamilialen Beziehungen haben die strukturellen Lebensbedingungen der Menschen und deren Veränderungen. Sie wirken in vielfacher Weise in die Familienbeziehungen hinein. Die Erwerbs- und Einkommenssituation, die Wohnbedingungen und die Wohnumwelt, die sozialen Kontakte sind hier zu nennen. Armut und Arbeitslosigkeit stellen hohe Risiken für das innerfamiliale Verhältnis dar. Das gilt umso mehr, je stärker sie von den Betroffenen subjektiv als Belastung erfahren werden und Empfindungen sozialen Abstiegs und Schamgefühle damit einhergehen. Biografische Veränderungen - wie berufliche Wechsel, belastende und "kritische" Lebensereignisse, der Verlust eines nahestehenden Menschen, Krankheit in der Familie, Veränderungen des sozialen Umfelds von Paaren und Familien, etwa aufgrund von Wohnortwechseln - können sich auf die innerfamilialen Beziehungen auswirken. Die Familie als Solidarverband kann die negativen Folgen solcher Erfahrungen abmildern, letztere stellen aber immer auch Risiken für die Stabilität und Qualität der Familienbeziehungen dar.

Eine gegen die Öffentlichkeit relativ abgeschottete familiale Beziehungswelt hat auch ihre Schattenseiten. Ehe, Familie und Wohnung werden zu Recht als genuiner Teil der Privatsphäre respektiert und rechtlich geschützt. Sie können daher Bereiche sein, in denen unter Ausschluss der Öffentlichkeit Menschen heftige Konflikte miteinander austragen, sich persönlich erniedrigen sowie psychische und physische Gewalt gegeneinander ausüben. Gewalt gegen Kinder und Frauen in Familien war lange Zeit gesellschaftlich legitimiert. Das Züchtigungsrecht des Vaters bzw. der Eltern gegenüber den Kindern gab es in der Bundesrepublik faktisch bis zum Jahr 2000, bis im geänderten Paragraphen 1631 des BGB zum Kindschaftsrecht den Kindern das "Recht auf gewaltfreie Erziehung" zugesprochen und "körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen" für unzulässig erklärt wurden (Paragraph 1631, Absatz 2, Satz 1 des BGB). Auch alte Menschen sowie, in geringerem Umfang, Männer können Opfer innerfamilialer Gewalt sein. Sichere Befunde zum quantitativen Ausmaß all dieser Phänomene gibt es kaum, und Angaben dazu schwanken stark. Die Kriminalstatistik sagt wenig darüber aus, und die Dunkelziffer ist sehr hoch.

Die Ursachen dieser problembehafteten Formen familialer Beziehungen sind vielfältig. Dazu gehören die schon angeführten strukturellen und persönlichen Faktoren, welche das Verhältnis der Familienmitglieder zueinander beeinträchtigen können. Eine geringe soziale Einbettung und fehlende soziale Unterstützung, aber auch Kontrolle, vor allem jedoch fehlende persönliche Anerkennung und sozialer Ausschluss kommen hinzu. Zu weiteren individuellen Faktoren, die das Risiko der Gewaltanwendung erhöhen, gehören eigene Erfahrungen mit Gewalt in der Herkunftsfamilie. Auch persönliche Überforderung und psychischer Stress in der familiären Handlungssituation fördern Aggression und Gewalt. Damit verbunden sind oft problematische Verhaltensweisen wie Alkoholmissbrauch oder verbale Aggressivität zwischen den Familienmitgliedern. Schließlich werden bestimmte Persönlichkeitsmerkmale als maßgebende Faktoren genannt. Häufen sich die Risikofaktoren, ist die Wahrscheinlichkeit für problematische Entwicklungen sehr hoch.

Quellentext

Gefährliches Zuhause

[...] Der gefährlichste Ort für Frauen ist ihr Zuhause. Nirgendwo sonst werden sie so oft beleidigt, bedroht, geschlagen und sogar getötet. Jede vierte Frau, heißt es in einer Studie im Auftrag des Bundesfamilienministeriums, habe körperliche oder sexuelle Gewalt durch Beziehungspartner erlebt. Allzu oft sind Kinder dabei, werden Zeuge oder sogar selbst Opfer. Der Ort, der Liebe und Geborgenheit geben soll, wird nicht selten zur Hölle.
"Gewalt in Paarbeziehungen tritt häufig auf, nachdem Paare in eine gemeinsame Wohnung gezogen sind, geheiratet und/oder Kinder bekommen haben; sie dauert nicht selten über viele Jahre hinweg an und steigert sich mit der Dauer in Häufigkeit und Intensität", heißt es in der Studie der Universität Bielefeld.
Nach der Kriminalstatistik, die alle von der Polizei bearbeiteten Straftaten zählt, sind die Täter in mehr als 75 Prozent aller Frauenmorde Verwandte oder enge Bekannte, mithin überwiegend Ehemänner und Lebenspartner.
Auch im Bereich der Körperverletzungen ist die Statistik alarmierend. Wiederum waren zwei Drittel aller Täter mit den weiblichen Opfern verwandt oder bekannt. Selbst bei vielen anderen Delikten wie Freiheitsberaubung, Vergewaltigung oder sexueller Nötigung stammen die Täter überproportional häufig aus dem engsten Umfeld. [...]
Gewalt in der Familie durchziehe alle Schichten, berichtet Peter Franz, 51, Leiter des polizeilichen Opferschutzes in Hamburg. [...] Oft seien misshandelte Frauen nicht in der Lage, sich aus eigener Kraft von dem gewalttätigen Partner zu lösen.
Deshalb erhält "Pro Aktiv", die Interventionsstelle bei häuslicher Gewalt in Hamburg, nach jedem Polizeieinsatz Name und Telefonnummer des Opfers - sofern es einverstanden ist. "Wir helfen bei den ersten Schritten in einer akuten Krisensituation", sagt Sabine Voigt, 50, die Leiterin der Einrichtung.
Rund 900 Opfer häuslicher Gewalt hat Pro Aktiv im vergangenen Jahr [2006] unterstützt, etwa wenn beim Familiengericht ein Hausverbot gegen den Gewalttäter durchzusetzen ist oder wenn ein Rechtsanwalt vermittelt werden muss. Notfalls sorgt die Einrichtung auch für eine Bleibe und etwas Bargeld für die ersten Tage.
60 Prozent der Frauen, die zu Voigt kommen, sind Migrantinnen, in zwei Drittel der Fälle sind Kinder betroffen. Voigt: "Oft bringt die Angst um die Kinder die Frauen dazu, sich bei uns zu melden." [...]
Für Kinder hat Gewalt in der Familie fast immer dramatische Folgen, selbst wenn kein Elternteil während des häuslichen Schlagabtauschs sein Leben verliert. Entweder müssen sie die verbalen Attacken mitanhören, oder - schlimmer noch - sie müssen zusehen, wie der Vater die Mutter verprügelt. Und allzu oft wendet sich die Gewalt auch gegen sie. [...]

Andreas Ulrich, "Tödliche Aussprache", in: SPIEGEL special Nr. 4 vom 7. August 2007, S. 114ff.





 

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