Familie und Familienpolitik
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Wandel der Familienentwicklung: Ursachen und Folgen


20.3.2009
Der Stellenwert der Familie im Lebensentwurf von Menschen hat sich im Laufe der letzten Jahrzehnte verändert. Die Heirats- und Geburtenziffern sind rückläufig und die Instabilität von Ehen hat zugenommen.

Newlyweds hören den Segen von Rev. Moon Sun-myong (nicht dargestellt) der Vereinigungskirche in einer Massen Trauung im Olympiastadion in Seoul. Die Kirche verwaltet Eheversprechen von 360.000 Paaren am selben Tag in der ganzen Welt, darunter 25.000 Paare in Seoul allein.In Deutschland werden immer weniger Ehen geschlossen. Das Bild zeigt eine Massentrauung in Seoul. (© AP)

Familienentwicklung im Lebenslauf



Der Familienverlauf von Menschen ist Teil ihres Lebenslaufs. Traditionell wurde er als Aufeinanderfolge einzelner Phasen der Familienentwicklung beschrieben, die in großer Regelmäßigkeit aufeinander folgten und jeweils besondere Anforderungen an die Lebensgestaltung der Individuen stellten (Familienzyklus). Nach dem Kennen- und Liebenlernen eines Paares begann der traditionelle Familienzyklus mit der Heirat und der Gründung eines eigenen Haushalts, sobald der Mann für die materielle Grundlage der Familie sorgen konnte. Die nächste Phase war durch die Geburt des ersten Kindes (Familiengründung) charakterisiert, der die Geburten zweiter und weiterer Kinder folgten (Familienerweiterung). Nach der Zeit des Aufwachsens verließen die Kinder nach und nach das Elternhaus. Die Eltern traten in die nachelterliche Phase ein ("empty nest"-Phase), wenn das letzte Kind aus ihrem Haushalt ausgezogen war. Der Prozess endete mit dem Tod eines der Elternteile. Eine Trennung der Eltern und eine mögliche Re-Organisation durch Wiederheirat oder das Zusammenziehen von Elternteilen waren nicht vorgesehen.

Der Auszug der Kinder aus dem Elternhaus bzw. deren Eheschließung markierte den Beginn des Familienzyklus in der Kindergeneration. Die Abfolge der Familienphasen wurde daher nahtlos von einer Generation an die nächste weitergereicht. Somit war der Terminus des Zyklus ganz passend. Dem Familienzyklus entsprach im Übrigen eine ebenso klare und verlässliche Struktur im beruflichen Bereich und Einkommenserwerb des Mannes. So ordentlich, wie es dieses Modell des Familienzyklus vorsah, sind Lebensläufe nie mehrheitlich abgelaufen und für die heutige Zeit gilt das schon gar nicht. Historisch charakterisiert das Modell am ehesten die Zeit der 1950er und 1960er Jahre, die schon als das "golden age of marriage" bezeichnet wurde.

Ein Blick auf die Altersphase zwischen dem 18. und 35. Lebensjahr, die man als Zeit des Übergangs zum Erwachsenendasein betrachten kann, zeigt dies besonders deutlich. Allein schon, dass dafür heute diese große Altersspanne angelegt werden muss, ist bemerkenswert. Es wird immer schwieriger - auch im Selbstverständnis der Menschen - genau zu sagen, ab wann man sich als Erwachsener versteht. Die traditionellen Symbole oder "Marker-Ereignisse" dieses Übergangs, zu denen neben dem Abschluss einer Ausbildung und dem Beginn des Berufslebens eben auch die Heirat und die Geburt eines Kindes gehörten, haben an Bedeutung verloren. Die Familienentwicklung hat ihre ehemals selbstverständliche Verankerung im Lebenslauf eingebüßt.

Drum prüfe, wer sich ewig bindetDrum prüfe, wer sich ewig bindet
Im Unterschied zu den 1950er und 1960er Jahren gibt es häufiger längere Phasen des Alleinlebens, man lebt zeitweilig in einer Paarbeziehung mit getrennten Haushalten, wohnt unverheiratet in einer Paargemeinschaft zusammen oder lebt in Wohngemeinschaften. Einmal aus dem Elternhaus ausgezogen, ziehen Kinder vielleicht auch zwischenzeitlich einmal oder mehrmals wieder zurück. Überhaupt hat das Hin und Her zwischen verschiedenen Lebensformen zugenommen. Paarbeziehungen halten sehr häufig nicht für den Rest des Lebens, auch wenn man geheiratet oder gemeinsame Kinder hat.

Die Abfolgeordnung von Phasen und Ereignissen, wie sie in der traditionellen "Normalbiografie" bzw. im Familienzyklus vorgesehen war, gilt immer weniger. Der Anteil der nichtehelichen Geburten steigt beständig. In Ostdeutschland ist die nichteheliche Familiengründung zum Normalfall geworden. Die Ehe wird also nicht mehr als Voraussetzung für eine Elternschaft angesehen und eine Elternschaft ist immer weniger ein Anlass zu heiraten.

Dem entspricht, dass etwa die Hälfte der nichtehelichen Lebensgemeinschaften in den ostdeutschen Bundesländern 2003 Eltern-Kind-Gemeinschaften waren, in Westdeutschland machten diese nur ein Viertel davon aus - Tendenz steigend.

Das Verhältnis zwischen dem Privatleben und dem beruflichen Bereich ist komplizierter geworden und vor allem für die Frauen im Vergleich zu früher weniger vorgezeichnet. Lebensformen, die das Bestreben beider Partner, erwerbstätig zu sein, gefährden könnten, sind daher unattraktiv. Der Wechsel zwischen Familienphasen und Erwerbsphasen erfolgt bei Frauen immer schneller. Das Drei-Phasen-Modell (Berufsausbildung und Berufstätigkeit - Familienphase - Wiedereinstieg in den Beruf), das Mitte der 1950er Jahre von den schwedischen Sozialwissenschaftlerinnen Alva Myrdal und Viola Klein diagnostiziert wurde, gehört heute weitgehend der Vergangenheit an.

Doch es sind neue Formen von "Familienzyklen" entstanden, die neue Regelmäßigkeiten aufweisen. Das nichteheliche Zusammenleben mit einem Partner ist in vielen Ländern üblich, und die nichteheliche Elternschaft ist vielerorts zu einer Normalität geworden, nicht nur in Ostdeutschland, sondern auch in Ländern wie Schweden, Frankreich und Großbritannien. Das Alter, in dem eine Familie gegründet wird, hat sich erhöht. In der Gruppe der Hochqualifizierten ist eine Heirat oder Familiengründung im Alter von 35 Jahren und mehr heute nicht mehr außergewöhnlich. Die Geburt von Kindern erfolgt aber nach wie vor relativ konzentriert innerhalb eines nicht zu großen Altersintervalls. Der freiwillige Verzicht auf Ehe und Familie ist ebenfalls zu einer durchaus normalen Option in Lebensläufen geworden. Die stark verbreitete Ehe- und Kinderlosigkeit vor dem Siegeszug der bürgerlichen Familie war noch eher unfreiwillig und auf gesetzliche Regelungen zurückzuführen gewesen.

Quellentext

Pacs - eine französische Ehe-Alternative

In Frankreich gibt es eine Alternative zur Ehe, aber auch zur Ehelosigkeit; es ist der vor knapp zehn Jahren eingeführte "Pacs" (pactes civiles de solidarité), und dieser Vertrag erfreut sich einer immer größeren Beliebtheit. Die Steigerungsraten lagen zuletzt bei 30 Prozent pro Jahr. 2007 wurden 266 500 Ehen und 102 000 "Solidaritätspakte" geschlossen. Der Pacs ist ein zivilrechtlicher Vertrag zweier Personen gleichen oder unterschiedlichen Geschlechts, den in der Regel das Amtsgericht bestätigt. Er kann von einer Seite mit einer Frist von drei Monaten aufgelöst werden. Hierin besteht ein wesentlicher Unterschied zur Ehe. Ein weiterer ist: Mit ihm wird kein Unterhaltsmodell geschaffen. Beliebt ist der Pacs aber gerade, weil der Gesetzgeber ihn der Ehe angeglichen hat, vor allem in Geldangelegenheiten.
So werden die Partner bei der Einkommensteuer gemeinsam veranlagt, und im Erbfall oder bei Schenkungen gelten die gleichen Steuersätze wie bei Ehepaaren. Prinzipiell gilt die Gütertrennung, für die sich auch die Mehrheit der Ehepartner entscheidet. Wie in der Ehe kann sich ein Pacs-Partner zudem in der Krankenversicherung des anderen mitversichern lassen. Wenn er Beamter ist, gelten für ihn die gleichen Regeln im Falle einer Versetzung wie für Verheiratete. Wenn er mit einem Bahnbeamten liiert ist, kann er kostenlos mit der Staatsbahn fahren. Witwen- oder Hinterbliebenenrente gibt es hingegen nicht. Der Pacs zieht auch kein automatisches Aufenthaltsrecht nach sich, die Partner dürfen außerdem keine Kinder adoptieren, und die Krankenkassen tragen bei ihnen nicht die Kosten einer künstlichen Befruchtung. Sozialhilfeempfänger können in bestimmten Fällen ihren Anspruch auf staatliche Unterstützung verlieren.
Tendenziell ersetzt der Pacs in Frankreich mehr und mehr die Ehe. Im Jahr 2007 kamen in Frankreich erstmals mehr außereheliche als eheliche Kinder zur Welt. [...]

Michael Kläsgen, "Liebe mit Kündigungsfrist", in: Süddeutsche Zeitung vom 26. August 2008


Es lassen sich also wieder sehr verschiedene in der Bevölkerung etablierte, heute aber in der Regel freiwillig gewählte Muster von Lebensläufen beobachten, unter denen der traditionelle Familienzyklus nur noch ein Modell unter anderen darstellt.




 

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