Lateinamerika
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Wirtschaft und soziale Lage


14.11.2008
Nach Verschuldungskrisen und wirtschaftlichen Einbrüchen in den 1970er und 1980er Jahren können die Länder Lateinamerikas ihre Haushaltsdefizite reduzieren, doch Armut, Einkommensungleichheit und die Schädigung natürlicher Lebensräume verschärfen sich.

Fabrikarbeiter produzieren Glas bei der "Cristalux" Glas Fabrik in Buenos Aires, Argentinien.Fabrikarbeiter produzieren Glas bei der "Cristalux" Glas Fabrik in Buenos Aires, Argentinien. (© AP)

Die Verschuldungskrise



Von Wolfgang Hein

Bis in die 1970er Jahre hinein hatten die lateinamerikanischen Länder eine wirtschaftspolitische Strategie der importsubstituierenden Industrialisierung verfolgt. Zwar war infolgedessen die Industrieproduktion vor allem in den größeren Ländern erheblich gestiegen, doch war die lateinamerikanische Industrie weder international wettbewerbsfähig geworden, noch hatte sie es vermocht, einen umfassenden gesellschaftlichen Entwicklungsprozess in Gang zu setzen. Große Teile der Bevölkerung blieben am Rand des Modernisierungsprozesses, soziale Konflikte nahmen zu.

Schließlich scheiterte die Importsubstitutionsstrategie an ihren außenwirtschaftlichen Problemen. In den 1970er Jahren nahm in Lateinamerika die Auslandsverschuldung kontinuierlich zu und mündete ab 1981 in eine Verschuldungskrise. Sie eröffnete den internationalen Finanzinstitutionen (Weltbank und Internationaler Währungsfonds) sowie den wichtigsten Industrieländern die Möglichkeit, unter vereintem Druck in den betroffenen Staaten neoliberale Wirtschaftsmodelle durchzusetzen. Im Folgenden werden diese Zusammenhänge kurz skizziert.

Die importsubstituierende Industrialisierung war abhängig vom Import von Maschinen, Halbfertigwaren und bestimmten Rohstoffen; darüber hinaus wollten transnationale Konzerne häufig ihre Gewinne wieder ins Mutterland des Konzerns zurückführen. Produziert wurde jedoch für den Binnenmarkt, Devisenerlöse (Erlöse in Form ausländischer Währung) aus eigener industrieller Produktion gab es also kaum. Sie konnten nur durch die Ausweitung traditioneller Exporte erzielt werden, also - je nach Land - von mineralischen Rohstoffen oder Agrarprodukten. Wachsende Exportmengen von Rohstoffen führten jedoch langfristig zu sinkenden Rohstoffpreisen. Ohne ein Wachstum industrieller Exporte führte dieses Modell notwendigerweise in eine Sackgasse, das heißt, die betreffenden Staaten waren gezwungen, sich die notwendigen Devisen durch Kreditaufnahme im Ausland zu beschaffen. Lediglich eine Umkehr der Rohstoffpreistrends hätte den Anstieg der Verschuldung stoppen können. Verhandlungen imRahmen der UN mit dem Ziel, höhere Rohstofferlöse zu stabilisieren und die internationalen Bedingungen für die industrielle Entwicklung in den Ländern des Südens zu verbessern, scheiterten in den 1970er Jahren jedoch an den Industrieländern, die Bedenken gegen zu starke Eingriffe in die Rohstoffmärkte hegten und nur begrenzt zu handelspolitischen Zugeständnissen bei Industriegütern bereit waren.

Die zweite zentrale Ursache für die Verschuldungskrise lag im Bereich der globalen Finanzmärkte - auf die sich zusätzlich ein Politikwandel in den USA auswirkte. In der zweiten Hälfte der 1970er Jahre hatten die internationalen Kreditmärkte ein Überangebot von Kapital, Folge der Ölkrise des Jahres 1973. Da sich die Rohölpreise als Folge eines Ölembargos der arabischen Ölstaaten im Rahmen des Yom-Kippur-Krieges innerhalb kürzester Zeit vervierfacht hatten, suchten die ölexportierenden Staaten nach Anlagemöglichkeiten für ihr "überschüssiges" Kapital ("Petrodollar"). Die Zinsen waren entsprechend niedrig, die Kreditaufnahme war nicht, wie im Falle der Weltbank, an spezifische Projekte geknüpft. Dies verführte die Entwicklungsländer zu verstärkter Kreditaufnahme - auch wenn diese Kredite meist keine lange Laufzeit hatten und immer wieder durch neue Kredite zu aktuellen Zinssätzen ersetzt werden mussten. In Folge stiegen die Auslandsschulden der Entwicklungsländer von etwa 100 Milliarden US-Dollar im Jahr 1972 auf knapp 800 Milliarden zehn Jahre später. Ende der 1970er Jahre zogen die ölexportierenden Länder allerdings einen großen Teil der Petrodollar wieder von den internationalen Finanzmärkten ab, um in Projekte wie Ölraffinerien und den Aufbau ganzer Industrie-komplexe in der eigenen Region zu investieren. Das internationale Zinsniveau stieg aber vor allem auch als Folge einer Hochzinspolitik in den USA, die mit dieser Maßnahme die Inflation bremsen und ausländisches Kapitel zur Finanzierung ihrer hohen Haushaltsdefizite anlocken wollten. Die internationalen Zinssätze stiegen von durchschnittlich 6,1 Prozent 1977 auf 16,5 Prozent im Jahre 1981. Obwohl einzelne Entwicklungsländer schon gegen Ende der 1970er Jahre in Zahlungsbilanzschwierigkeiten gerieten, wird die Erklärung der Zahlungsunfähigkeit Mexikos im August 1982 als der eigentliche Beginn der Verschuldungskrise angesehen.

Die Verschuldungskrise wurde ähnlich wie die in den Industrieländern verbreitete "Stagflation" (geringes Wirtschaftswachstum bei relativ hoher Inflation) von neoliberalen Theoretikern als Ergebnis einer zu starken Intervention des Staates in marktwirtschaftliche Prozesse und einer häufig leichtsinnigen Finanzierung politischer Projekte durch Kreditaufnahme angesehen. Dies galt für Wirtschaftsförderung und Sozialpolitik in den Industrieländern ebenso wie für die Industrialisierungs- und Modernisierungsstrategien im Süden. Ausgehend vor allem von den USA (Ronald Reagan) und Großbritannien (Margaret Thatcher) gewannen neoliberale Positionen zunehmend auch international an Einfluss.

Die internationalen Finanzinstitutionen (IFIs), denen seit 1945 die Aufgabe zukommt, das internationale Währungssystem durch Beistandskredite für Länder in Zahlungsbilanzschwierigkeiten zu stabilisieren (Internationaler Währungsfonds, IWF) sowie Entwicklungsländer durch projekt- und programmbezogene Kredite zu fördern (Weltbank), reagierten auf die Verschuldungskrise mit so genannten Strukturanpassungsprogrammen, deren Akzeptanz eine Bedingung für die Gewährung neuer Kredite darstellte. Sie wurden später auch häufig mit dem Begriff des Washington Consensus (Grundkonsens zwischen der US-Regierung und den in Washington ansässigen IFIs über die notwendigen makroökonomischen Reformen) umschrieben. Diese Programme sahen vornehmlich Bemühungen um Deregulierung und Liberalisierung vor, die Staatshaushalte sollten durch eine konsequente Sparpolitik konsolidiert werden, die auch als Grundlage für die Bekämpfung der Inflation angesehen wurde. Die Steuerung wirtschaftlicher Entwicklung sollte den Märkten überlassen werden, wirtschaftliche Modernisierung dem Zustrom ausländischer Investitionen. Investitionshindernisse (wie staatliche Genehmigungsverfahren für Auslandsinvestitionen, Beschränkungen für den Rücktransfer von Gewinnen) galt es abzubauen. Die Annahme, freie Märkte seien besser als wirtschaftspolitische Strategien in der Lage, eine optimale Ausnutzung der Wettbewerbsvorteile auf internationalen Märkten zu gewährleisten, bildete den Kern dieser "Strukturanpassung."

Die Verschuldungskrise - Zahlungsunfähigkeit bzw. Sparprogramme zu deren Abwendung - führte in den meisten Fällen zu einem kurz- bis mittelfristigen extremen wirtschaftlichen Einbruch. Während Lateinamerika im Jahrzehnt von 1970 bis 1980 ein durchschnittliches Wirtschaftswachstum von sechs Prozent verzeichnen konnte, waren die Wachstumsraten 1982 und 1983 im kontinentalen Durchschnitt negativ (-1,0 Prozent und -3,1 Prozent); dort, wo sich die Krisen zuspitzten, war die Rezession dramatisch (Chile 1982: -14,1 Prozent; Peru 1983: -zwölf Prozent, Uruguay 1982: -9,4 Prozent). Die Investitionsraten sanken stark (Argentinien: 1971-80: 21,7 Prozent, 1985: 10,9 Prozent; Chile: 1981: 27,6 Prozent, 1983: 9,3 Prozent), und die staatlichen Sozialausgaben gingen in einigen Ländern dramatisch zurück (Pro-Kopf-Ausgaben der Zentralregierung für Gesundheit; 1980=100; Argentinien, 1982: 53; Bolivien 1982: 22; Costa Rica: 1982: 57). Den Entwicklungen der folgenden zwei Jahrzehnte lässt sich entnehmen,dass dieser wirtschaftliche Einbruch nur sehr begrenzt als Ausgangspunkt einer langfristig erfolgreichen Strukturanpassung der lateinamerikanischen Ökonomien angesehen werden kann.



 

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