Internationale Wirtschaftsbeziehungen
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Strukturen der internationalen Währungs- und Finanzpolitik


27.8.2008
Devisenmärkte, Wechselkurse und Währungssysteme beeinflussen den internationalen Handelsaustausch. IWF und Weltbank sollen die internationalen Währungs- und Finanzierungsbeziehungen regeln und weltweiten Währungskrisen wirksam begegnen.

IChristine Lagarde, managing director of the International Monetary Fund (IMF), speaks at a media briefing during the annual fall meetings of the IMF and World Bank in Washington, D.C., U.S., on Thursday, Sept. 22, 2011. Photo by Olivier Douliery/ABACAUSA.comIWF-Direktorin Christine Lagarde und der Präsident der Weltbank-Gruppe, Robert Zoellick, auf der jährlichen gemeinsamen Konferenz von IWF und Weltbank 2011 in Washington. (© picture alliance / abaca )

Einleitung



Internationale Wirtschaftsbeziehungen unterscheiden sich von nationalen unter anderem dadurch, dass Ausfuhren in ausländischen Währungen bezahlt werden und dass für Einkäufe im Ausland fremde Währungen benötigt werden. Exporteure bieten fremde Währungen (Devisen) an, Importeure fragen Devisen nach. Es entstehen Märkte, auf denen sich Wechselkurse bilden.

Der Wechselkurs ist der Preis für eine ausländische Währungseinheit (beispielsweise für einen Dollar) ausgedrückt in der Inlandswährung. Im April 2008 musste man für einen US-Dollar 0,63 Euro zahlen, bzw. man erhielt für einen Euro 1,57 US-Dollar. In der ersten Variante spricht man von der Preisnotierung des Dollarkurses, in der zweiten von seiner Mengennotierung. Preis- und Mengennotierung verhalten sich reziprok zueinander, das heißt die eine Notierung ist der Kehrwert der anderen.

Bestimmungsgründe des Wechselkurses



Die Preisbildung für Devisen, zum Beispiel für den US-Dollar, folgt den bekannten Gesetzen von Angebot und Nachfrage. Mit steigendem Preis des US-Dollars nimmt die Nachfrage nach der US-Währung ab, denn das Einkaufen im Bereich der Dollar-Währung wird, gerechnet in Euro, teurer. Zugleich nimmt das Angebot an US-Dollars zu, denn für Amerikaner wird, gerechnet in Dollar, das Einkaufen in Europa billiger. Der Preis des Dollars bildet sich im Schnittpunkt von Angebots- und Nachfragekurve.

Die Nachfrage nach Devisen resultiert aus
  • der Nachfrage von Inländern nach ausländischen Waren und Dienstleistungen (Import),
  • der Aufnahme von Krediten im Ausland, dem Kauf ausländischer Wertpapiere oder dem Erwerb ausländischer Unternehmen durch Inländer (Kapitalexport).


Das Angebot an Devisen ist Folge
  • der Nachfrage von Ausländern nach inländischen Waren und Dienstleistungen (Export),
  • der Aufnahme von Krediten im Inland, dem Kauf inländischer Wertpapiere oder dem Erwerb inländischer Firmen durch Ausländer (Kapitalimport).
Hinzu treten Devisenangebot bzw. -nachfrage aufgrund von finanziellen Transaktionen zwischen Staaten oder internationalen Organisationen (zum Beispiel für Entwicklungshilfe oder Zahlungen an die UNO).

Karikatur: ExportKarikatur: Export
Veränderungen der Wechselkurse beeinflussen wiederum den internationalen Handel und den Kapitalverkehr. Kommt es zu einer Aufwertung des Euro - US-Bürger müssen nun mehr für den Euro, Europäer weniger für den Dollar zahlen -, bedeutet das aus deutscher Sicht, dass unsere Ausfuhrgüter, gerechnet in Auslandswährung, teurer werden. Dadurch wird der Export tendenziell gebremst. Andererseits wird das Einkaufen im Dollarraum günstiger, so dass Importe von dort tendenziell steigen und ausländische Produktionsstandorte wechselkursbedingte Kostenvorteile erlangen. Problematisch ist dies für Unternehmen, die ihre Belegschaft und Zulieferer größtenteils in Euro bezahlen und ihre Produkte in US-Dollar verkaufen, wie zum Beispiel der europäische Flugzeughersteller Airbus. In diesem Falle sind Produktionsverlagerungen in den Dollar-Raum ein Ansatz, diesem Problem zu begegnen. Eine Abwertung des Euro und damit gleichzeitig eine Aufwertung des Dollar führt umgekehrt tendenziell zu einer Verbesserung der Exportchancen des Inlands und zu einer Verteuerung der Einfuhren.

Quellentext

Fallbeispiel: Wechselkursänderungen

Eine deutsche Computerfirma möchte 100 amerikanische Rechner importieren. Bei einem angenommenen Wechselkurs von 1:2 (1 Euro = 2 Dollar) und einem Preis von 1000 US-Dollar in den USA muss der deutsche Importeur 50 000 Euro bezahlen, um 100 000 US-Dollar zu kaufen. Kommt es jedoch zu einer Aufwertung des Dollars (das ist gleichbedeutend mit einer Abwertung des Euros), also zu einem veränderten Wechselkurs (zum Beispiel 1 Euro = 1 Dollar), muss der Importeur 100 000 Euro aufwenden, um die Rechner in den USA bezahlen zu können, sein Geschäft verschlechtert sich und wird möglicherweise unterbleiben.
Aus der Sicht eines US-Amerikaners wirkt sich die Dollaraufwertung anders aus. Beim Wechselkurs 1:2 muss ein amerikanischer Importeur am Devisenmarkt für 200 000 US-Dollar Euros kaufen, wenn er fünf Autos zum Preis von je 20 000 Euro aus Deutschland importieren will. Nach der Dollaraufwertung muss er nur noch 100 000 US-Dollar in 100 000 Euro umwechseln, um die fünf Autos zu bezahlen und er wird sich überlegen, ob er nicht weitere Autos in Deutschland kaufen soll.


Wechselkursschwankungen sind das Ergebnis von Preis- und Zinsunterschieden zwischen In- und Ausland. Steigt zum Beispiel das Preisniveau im Inland stärker als im Ausland, so führt dies zu steigender Nachfrage der Inländer nach Waren und Dienstleistungen im relativ preisstabileren Ausland - es ergibt sich ein Importsog. Devisen werden stärker nachgefragt. Zugleich geht die Nachfrage des Auslands nach inländischen Gütern zurück: Sie werden vergleichsweise teurer, die Exportchancen verschlechtern sich, weniger Devisen werden verdient. Im Ergebnis verschieben sich die Angebots- und Nachfragekurve auf dem Devisenmarkt und gleichen sich bei einem neuen Wechselkurs aus. In unserem Beispiel steigt der Kurs der ausländischen Währung. Man spricht von einer Aufwertung der Auslandswährung bzw. gleichbedeutend einer Abwertung der Inlandswährung. Ebenso können unterschiedliche Zinsniveaus zwischen zwei Ländern Kapitalbewegungen auslösen, die sich über Veränderungen von Devisenangebot und Devisennachfrage auf den Wechselkurs auswirken.

Quellentext

Wechselkurstheorien

Grundlegend für die theoretische Erklärung von Wechselkursen war lange Zeit die Kaufkraftparitätentheorie, die bis in die klassische Nationalökonomie zurückreicht und in ihrer heutigen Form auf den schwedischen Ökonomen Gustav Cassel (1866-1945) zurückgeht. Sie erklärt den Wechselkurs aus den Güterströmen zwischen zwei Ländern und dem damit verbundenen Angebot bzw. der Nachfrage nach Devisen.
Das Grundmodell geht davon aus, dass zwischen zwei Ländern Freihandel besteht (Transportkosten werden vernachlässigt). Angenommen, ein Barrel Öl kostet in Land A 120 Dollar und in Land B 40 Euro und der Wechselkurs sei zunächst 1: 1. Dann ist es für Händler aus A attraktiv, Öl aus B zu kaufen und verstärkt nach Land A zu importieren. Durch vermehrtes Angebot von Öl in A sinkt dort der Ölpreis, in B steigt er, weil sich das Angebot verknappt. Durch den Handel ändert sich aber auch der Wechselkurs, denn für den Einkauf in B müssen die Händler aus A Euros gegen Dollars nachfragen. Der Dollarkurs sinkt bzw. der Eurokurs steigt. Am Ende dieses Prozesses könnte beispielsweise ein Barrel Öl in Land A 100 Dollar und in Land B 50 Euro kosten bei einem Wechselkurs von 2:1. Umgerechnet zum Wechselkurs ist die Kaufkraft einer Währungseinheit im Inland gleich der im Ausland.
Tatsächlich bilden sich natürlich nicht Wechselkurse für einzelne Güter, sondern diese werden modellhaft zu Güterbündel zusammengefasst, so dass es um die Angleichung der Preisniveaus, nicht jedes einzelnen Preises geht.
Verallgemeinert für ein Güterbündel, das im Inland zum Preis Pi und im Ausland zum Preis Pa angeboten wird, gilt folgende Beziehung: Pa x W = Pi oder umgeformt: W = Pi : Pa.
Der nominale Wechselkurs W entspricht dem Verhältnis des in jeweiliger Landeswährung gemessenen Preisniveaus zwischen dem Inland und dem Ausland.
Neben der absoluten Höhe des Wechselkurses interessiert vor allem seine Änderung. Eine Änderung des Wechselkurses (dW) erfolgt, wenn sich das Preisniveau in einem Land oder in beiden Ländern ändert, mit anderen Worten: wenn die Inflationsraten zwischen zwei Ländern sich unterscheiden: dW = dPi - dPa.
Steigt also das Preisniveau im Inland schneller als im Ausland, wird es attraktiver, im Ausland einzukaufen. Die Nachfrage nach ausländischer Währung nimmt zu (bzw. gleichbedeutend: die heimische Währung wird verstärkt an Devisenmärkten angeboten). Im Ergebnis wird die Währung des Inlands abgewertet bzw. der Wechselkurs der Auslandswährung (in Preisnotierung) steigt.
Die Kaufkraftparitätentheorie erklärt nur Wechselkursänderungen, die durch Preisänderungen im Güterhandel hervorgerufen werden. Das Modell lieferte eine ausreichende Erklärung, so lange internationale Wirtschaftsbeziehungen im Wesentlichen auf Güterhandel reduziert waren. Heute wirken aber neben dem Außenhandel verstärkt internationale Finanztransaktionen auf den Wechselkurs ein. Ihren Einfluss beschreibt die Zinsparitätentheorie.
Dabei wird angenommen, dass bei gleichem Anlagerisiko die jeweiligen Ertragsraten (Renditen) der Anlagemöglichkeiten darüber entscheiden, in welches Land Kapital fließt. Wichtig sind dabei nicht nur bestehende Zinsdifferenzen, sondern auch der Wechselkurs bzw. erwartete Veränderungen des Wechselkurses.
Dies lässt sich an einem Beispiel verdeutlichen: Ein Sparer erhält bei einem inländischen Kreditinstitut auf ein festverzinsliches Wertpapier eine Verzinsung von vier Prozent bei einjähriger Laufzeit. Bietet eine ausländische Bank ein Papier mit gleicher Verzinsung und Fälligkeit an, ergibt sich die ausländische Rendite erst unter Beachtung des Wechselkurses. Der Sparer muss den Anlagebetrag zunächst in fremder Währung durch Kauf von Devisen zum derzeit geltenden Kurs (Kassakurs) aufbringen. Beispielsweise muss er bei einem Kassakurs von 2:1 für 1000 Dollar 500 Euro zahlen. Zugleich ist es erforderlich, den in einem Jahr gültigen Wechselkurs zu veranschlagen, da zu diesem Zeitpunkt der Anlagebetrag plus Zinsen in heimische Währung zurückgetauscht wird. Erwartet der Anleger einen Anstieg der Auslandswährung, beispielsweise auf 1:1, wird er auch bei gleicher Verzinsung einen Gewinn machen, da er ja in Inlandswährung einen höheren Betrag (1000 Euro) zurück erh
ält. Fällt allerdings der Wechselkurs der Auslandswährung, ergibt sich ein Verlust. Der in einem Jahr gültige Wechselkurs (Terminkurs) kann nur geschätzt werden. Scheut der Anleger das Wechselkursrisiko, kann er die Devisen, die er nach Ablauf der Geldanlage erhalten wird, bereits beim Kauf des Wertpapiers auf dem Devisenterminmarkt verkaufen (Devisentermingeschäft).
Ist die Ertragsrate im Ausland unter Berücksichtigung des Wechselkurses höher als im Inland, wird die Auslandswährung verstärkt gekauft. Damit einher geht ein verstärktes Angebot der Inlandswährung, so dass sich durch Verschiebung von Angebot und Nachfrage eine Abwertung der Inlandswährung ergibt, die die Renditedifferenz ausgleicht. Das Entsprechende gilt für ein anfängliches Renditegefälle zugunsten des Inlands: in diesem Falle wird die Inlandswährung aufgewertet (bzw. die Auslandwährung abgewertet), bis die Zinsdifferenz sich angleicht.


Neben diesen eher langfristig dominanten realwirtschaftlichen Faktoren spielen spekulative und politische Faktoren eine wichtige Rolle. Erwartungen über zukünftige Preis- und Zinsentwicklungen üben maßgeblichen Einfluss auf Angebot und Nachfrage an Devisenmärkten aus. Ein Preisanstieg auf Rohstoffmärkten (etwa bei Erdöl) ist oft weniger die Auswirkung einer bereits eingetretenen Angebotsverknappung, sondern vielmehr das Ergebnis befürchteter Engpässe als Folge einer politischen Krise. Öl wird auf internationalen Märkten in US-Dollar abgerechnet. Um erwarteten Preissteigerungen zuvorzukommen, kaufen Händler und Konsumenten jetzt US-Dollar, dadurch steigern sie die Nachfrage auf den Devisenmärkten und bewirken einen Anstieg des Dollarkurses, der, in Inlandswährung gerechnet, den Preisanstieg bei Erdöl noch multipliziert (self fulfilling prophecy).

Erwartungsänderungen können "ansteckend" wirken und sich rasch ausbreiten ("Herdenverhalten"). Wenn eine Spekulationsblase platzt und plötzlich alle aus der betreffenden Währung "aussteigen" wollen, kann das kurzfristig enorme Verkaufswellen auslösen und erhebliche Wechselkursschwankungen verursachen. Ebenso kann eine durch politische Entwicklungen ausgelöste Kapitalflucht den Wechselkurs eines Landes zum Einbruch bringen. Neuere Ansätze der Wechselkurstheorie erforschen solche Zusammenhänge; sie arbeiten mit spieltheoretischen Modellen und basieren auf der Annahme nicht rationaler Erwartungen.

Es zeigt sich, dass eine Vielzahl von Erklärungen für Wechselkursveränderungen zu berücksichtigen ist, monokausale Ansätze greifen zu kurz. Realwirtschaftliche Einflussfaktoren erklären eher längerfristige Tendenzen der Wechselkursentwicklung, kurzfristige Wechselkursschwankungen lassen sich stärker mit spekulativen Einflüssen erklären.




 

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