Fußball - mehr als ein Spiel
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Anfänge des modernen Fußballs


4.5.2006
Die Anfänge des modernen Fußballs liegen in England. Schnell gewann das Spiel auch Anhänger in Deutschland. Zunächst hatte es seine Basis im Bürgertum, wurde dann aber zunehmend zu einem Arbeitersport.

Cristiano Ronaldo, rechts, von Manchester United grüßt seinen Teamkollegen Wayne Rooney (10), nachdem Rooney ein Tor geschossen hat.Der traditionelle Fußball wurde Anfang des 19. Jahrhunderts in Großbritannien berühmt. (© AP)

Einleitung



Aussagen zu den Anfängen des Fußballs bewegen sich auf schwierigem Terrain. Varianten finden sich in vielen Kulturen, sei es bei den Azteken, in Japan und Südostasien, in China und gleich mehrfach in Europa. Vor allem in Italien und England sind vergleichbare Ballspiele bereits im Mittelalter nachweisbar. Im Unterschied zu ihnen kennt der moderne Fußball klare Vorschriften. Die Größe des Spielfeldes, die Spieldauer und die Zahl der Spieler sind festgelegt; alle müssen sich an verbindliche Regeln halten und die Entscheidungen des Schiedsrichters akzeptieren. Auf den ersten Blick erscheinen diese Vorschriften wie ein Korsett, das unnötige Zwänge schafft und dem freien Spiel keinen Raum lässt. Tatsächlich jedoch haben erst diese vermeintlichen Zwänge eine Mischung von Individualität, Mannschaftsgeist und freier Entfaltung der Beteiligten ermöglicht, die den modernen Fußball kennzeichnet. Bei seinen europäischen Vorläufern dagegen handelte es sich um raue Varianten, an denen nahezu beliebig viele Personen teilnehmen konnten, die auf nicht näher markierten Flächen - teilweise handelte es sich um ganze Stadtteile oder Dörfer - um einen Ball kämpften, sich allenfalls an elementare Regeln hielten und oft recht gewaltsam aufeinander losgingen. An einzelnen Orten, wie beispielsweise Florenz, leben diese Formen fort, mittlerweile aber weitgehend zur Unterhaltung von Touristen.

Vorreiter Großbritannien



In England wurde der traditionelle Fußball wegen seiner Exzesse mehrfach verboten, geriet zunehmend in Verruf und verlor an Bedeutung - um Anfang des 19. Jahrhunderts an einigen der bis heute berühmten Internatsschulen eine unerwartete Wiederauferstehung zu feiern. Dort mussten die Schulleiter mit Disziplinproblemen kämpfen und wollten zugleich den (männlichen) Kindern der aufstrebenden Mittelschichten, die an diesen Eliteschulen ihren Nachwuchs erziehen ließen, neue Werte vermitteln. Beide Ziele ließen sich durch den Fußball erreichen, denn er diente nicht nur zur körperlichen Ertüchtigung und bot ein Ventil für Aggressionen, sondern ermöglichte es zudem, die Regeln des Fair Play einzuüben und Mannschaftsgeist zu entwickeln. Dabei blieben die Regeln anfangs vage und enthielten noch viele Elemente des heutigen Rugby.

Solange nur einzelne Internate, Kneipen oder Vereine Fußball (bzw. Rugby) spielten und die Mannschaften aus dem näheren Umkreis kamen, stellten die Beteiligten jeweils eigene Regeln auf. Als jedoch die Mannschaften zahlreicher wurden, mussten sie sich über einheitliche Regeln verständigen, um überhaupt Spiele austragen zu können. So fand im Oktober 1863 das erwähnte Treffen in London statt, bei dem verbindliche Regeln für den Fußball vereinbart und zugleich dessen Trennung vom Rugby festgeschrieben wurde - auch deshalb, weil immer mehr Spieler nicht länger Schüler oder Studenten waren, sondern einen Beruf ausübten und keine unnötigen Verletzungen riskieren wollten.

Quellentext

Geburtsstunde des Fußballs

[...] Das moderne Fußballspiel entstand gar nicht auf dem grünen Rasen, sondern am grünen Tisch:
Am 23. Oktober 1863 fanden sich Vertreter von Fußballmannschaften der vornehmen Public Schools und der Universitäten Oxford und Cambridge im Freemasons' Tavern in London ein, um die höchst unterschiedlichen Spielregeln der einzelnen Bildungsinstitutionen zu vereinheitlichen. Sie wollten die Voraussetzungen dafür schaffen, dass ihre Mannschaften untereinander Matches austragen konnten[...]. Im Ergebnis dieses Gentlemen-Treffens erfolgte [...] nicht nur die Festlegung verbindlicher Spielregeln, sondern auch die Gründung einer Football Association (FA) [...]. Das war, so lässt sich argumentieren, die Geburtsstunde des modernen Fußballs, denn diese beiden Maßnahmen zusammen schufen die Voraussetzung für die erfolgreiche Institutionalisierung und zugleich Reproduzierung des Fußballspiels. Auch die konkrete Ausgestaltung der Spielregeln und des Spiels war zukunftweisend:
Erstens entschieden sich die Gründer bei ihren Beratungen gegen eine an der Rugby-Schule beliebte Spielweise mit einem eiförmigen Ball, bei der das Handspiel und das Treten des Gegners ("hacking") erlaubt waren, und verständigten sich auf eine andere Variante: jene mit einem kugelrunden Ball, den die Feldspieler nur mit den Füßen weitergeben durften. Diese Spielweise war weniger verletzungsträchtig und auch für Berufstätige geeignet. Sie ließ Raum für Kraft und Artistik, Kalkül und Spontaneität. Und da die Athleten bestimmte Rollen, etwa die des Stürmers, Verteidigers oder Tormanns, übernehmen mussten, konnten sich wie in einem Drama Individualität und Gemeinschaftsgeist, Egozentrik und Opfermut, Starallüren und Heldentum entfalten.
Zweitens beanspruchte die Football Association uneingeschränkte Autorität über ihr Spiel. Sie veranlasste nicht nur die Publikation der verabredeten Regeln, sondern traf durch die Lizenzierung von Schiedsrichtern und sonstigem Fachpersonal auch Vorkehrungen zu ihrer Durchsetzung. Diese Maßnahmen verhinderten Streitigkeiten unter den Athleten. Sie bewirkten zugleich, dass eine Grenze zwischen dem abstrakten Spiel und seiner konkreten Umwelt gezogen und Interventionen Außenstehender in das Wettkampfgeschehen abgewehrt wurden. So blieb das Fußballspiel auf sich selbst bezogen und konnte Eigenweltcharakter entfalten.
Drittens stimulierte die Football Association den Spielverkehr. Die entscheidenden Maßnahmen dazu waren die Organisierung eines Ligasystems bis hinunter auf die lokale Ebene und die Stiftung einer Trophäe, des seit 1871 ausgespielten "FA-Cup". Auf diese Weise konnten auch indirekte Leistungsvergleiche zwischen den Mannschaften gezogen werden. Zugleich wurden die Spiele, die für sich gesehen diskrete Ereignisse waren, in eine Kontinuität gebracht und bekamen eine "Geschichte" ("legendäre Matches", die "Ära" bestimmter Klubs, Spieler usw.). Fußball wurde so zu einem Element der "Kultur der Moderne", die sich nach einer gängigen Definition dadurch auszeichnet, dass sie das "Vorübergehende", "Zufällige" mit dem "Ewigen" zu verbinden vermag. Und: Aufgrund der Periodizität der Matches konnte das Fußballspiel die für seine weitere Entwicklung so wichtige Symbiose mit Presse und Kommerz eingehen.
Viertens verzichtete die Football Association auf die Festlegung sozialer Teilnahmekriterien. Im Unterschied zu den vergleichbaren Organisationen für Leichtathletik, Rudern und Schwimmen, die nur wenige Jahre später gegründet wurden, führte die für Fußball nicht einmal das Wort "Amateur" im Namen. Offenbar hatten die Gentlemen nicht vorhergesehen, dass das Spiel jemals etwas anderes als ein geselliges Vergnügen für ihresgleichen sein könnte. [...]

Christiane Eisenberg, Fußball als globales Phänomen. Historische Perspektiven, in: Aus Politik und Zeitgeschichte
B 26/2004 vom 21. Juni 2004, S. 7f.


Diese Sorge äußerten in Großbritannien gerade Arbeiter, unter denen sich der Fußball rasch verbreitete. Sie hatten gegen Ende des 19. Jahrhunderts einen bedeutend höheren Lebensstandard als in jedem anderen europäischen Land erreicht, einen freien Samstagnachmittag durchgesetzt und verdienten genug, um sich die erforderliche Ausrüstung (Ball, Schuhe), Eintrittskarten und sogar die Anfahrt zu Spielen leisten zu können. So schnellten die Zahlen der Aktiven und besonders der Zuschauer in die Höhe und ließen einen eigenen Markt entstehen, der wiederum die Ausbreitung des Fußballs vorantrieb. Denn mit den Zuschauern wuchsen die Einnahmen, die Konkurrenz zwischen den Mannschaften nahm zu und damit das Interesse an guten Spielern, die zunehmend Geld erhielten. Einige konnten diesen Sport sogar als Beruf ausüben, dadurch besser trainieren und ihre Leistung steigern, was wiederum mehr Zuschauer anlockte und zu Bemühungen führte, die attraktiven Mannschaften häufiger gegeneinander antreten zu lassen. So entstanden Pokalwettbewerbe, darunter der bis heute bestehende FA-Cup, der 1871/72 erstmals ausgetragen wurde.

Überlagert wurden diese Entwicklungen von zunehmenden Konflikten zwischen bürgerlichen Klubs und Arbeitermannschaften. Anfangs dominierten die Spieler der oberen Schichten, die keine harte körperliche Arbeit verrichten mussten, mehr Zeit für den Sport aufbringen konnten und die besseren Mannschaften stellten. Doch mit der zunehmenden Kommerzialisierung änderte sich die Situation: 1883 trafen die Blackbourn Olympics, eine Arbeitermannschaft aus Lancaster, im Pokalfinale auf die Old Etonians, die aus einer der bis heute bestehenden Eliteschulen stammten. Die Mannschaft aus Blackbourn gewann dank guter Vorbereitung und finanzieller Unterstützung durch einen lokalen Unternehmer das Endspiel, das in den Folgejahren keine der bürgerlichen Amateurmannschaften mehr für sich entscheiden sollte. Deren Vertreter erwiesen sich als schlechte Verlierer, beklagten den zunehmenden Einfluss des Geldes und wollten den Einsatz von Profifußballern verbieten. Doch mittlerweile hatten die Vereine aus denIndustriegebieten großen Einfluss erlangt und zogen so viele Zuschauer an, dass sie mit der Errichtung eines eigenen Verbandes drohten und sich durchsetzten. Der Berufsfußball wurde 1885 zugelassen und kurz darauf wurde eine Liga gegründet, die 1888 den Spielbetrieb aufnahm. Dies beflügelte zusätzlich das Interesse an diesem Sport, sodass schon um 1900 bei wichtigen Spielen mehr als hunderttausend Zuschauer in die Stadien strömten.

Damit sind Entwicklungen beschrieben, die nicht auf Großbritannien beschränkt blieben. Sie waren vielmehr bald auch in den anderen Ländern anzutreffen, in denen sich seit Ende des 19. Jahrhunderts der Fußball nach englischem Vorbild ausbreitete, darunter auch in Deutschland. Ihre Kennzeichen waren:

  • eine anfängliche Dominanz der besseren Schichten, die über mehr Zeit und finanzielle Möglichkeiten verfügten und engen Kontakt zu Briten besaßen;
  • die allmähliche Übernahme des Fußballs durch Arbeiter, sobald deren Lebensstandard ein ausreichendes Niveau erreicht hatte;
  • eine schnell wachsende Popularität dieses Sports, eine zunehmende Kommerzialisierung und damit verbundene Konflikte zwischen Vertretern des Amateur- und Berufssports.



 

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