Fußball - mehr als ein Spiel
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Entwicklung zum Volkssport


4.5.2006
Nach 1918 weckte die wachsende Popularität des Fußballs zunehmend das Interesse der Politik, so der Nationalsozialisten. Deren Erbe prägte auch die Jahre nach 1945 und erschwerte die Suche nach nationalen Symbolen.

DDR - BRD 1:0 - Mit einem Tor von Jürgen Sparwasser (links) besiegte die Mannschaft der DDR die Vertretung der Bundesrepublik bei der WM 1974.DDR - BRD 1:0 - Mit einem Tor von Jürgen Sparwasser (links) besiegte die Mannschaft der DDR die Vertretung der Bundesrepublik bei der WM 1974. (© AP)

Einleitung



Am 7. August 1936 war das Olympiastadion in Berlin mit 50.000 Zuschauern gefüllt, die voller Anspannung auf das Spiel der deutschen Nationalmannschaft gegen Norwegen warteten. Im Jahr zuvor hatten die Deutschen 13 von 17 Länderspielen gewonnen und sich als eine der besten Mannschaften Europas erwiesen. Selbst Adolf Hitler kam ins Stadion, um zum ersten Mal überhaupt einem Fußballspiel beizuwohnen und den erwarteten Sieg zu erleben. Er wurde begleitet von der Spitze des NS-Staates, darunter Joseph Goebbels, Hermann Göring, Rudolf Heß und Reichssportführer Hans von Tschammer und Osten. Im Stadion herrschte, wie Goebbels in seinem Tagebuch festhielt, eine enorme Spannung: "Der Führer ist ganz erregt, ich kann mich kaum halten. Ein richtiges Nervenbad. Das Publikum rast. Ein Kampf wie nie. Das Spiel als Massensuggestion."

Tatsächlich interessierte Hitler sich kaum für Fußball, doch er gehörte zu den ersten Politikern, die bemerkten, welche Möglichkeiten der Sport bot, sich zu inszenieren und die Bevölkerung zu begeistern. Deren Fußballinteresse war sprunghaft angestiegen. Während vor dem Ersten Weltkrieg selbst herausragende Spiele allenfalls einige Tausend Zuschauer fanden, zählten Spiele um die deutsche Meisterschaft jetzt zehntausende Besucher, und als die deutsche Mannschaft wenige Monate nach den Olympischen Spielen am 15. November in Berlin gegen Italien antrat, zählte die offizielle Statistik 100.000 Besucher. Diese neue Popularität war in vielen Bereichen zu erkennen. Die Zahl der Vereine und Aktiven nahm sprunghaft zu, Zeitungen berichteten regelmäßig über Fußballbegegnungen, und Fachblätter wie der Kicker fanden großen Absatz, wie überhaupt neue Märkte entstanden und Zuschauereinnahmen erhebliche Gelder einbrachten. Vereine warben um die besten Spieler und boten ihnen Geld oder andere Vergünstigungen, obwohl der DFB am Amateurgedanken festhielt und derartige Vergütungen verbot. Eine andere Folge der wachsenden Popularität waren neue Sportanlagen und größere Stadien, nicht nur für Fußballer, sondern auch für Leichtathleten und andere Sportler, die nun eine zuvor unbekannte Unterstützung durch Staat, Kommunen und Politiker erhielten. Diese kamen den Wünschen ihrer Wähler entgegen und wollten zugleich durch Sport die Gesundheit der Bevölkerung fördern, das Ansehen ihrer Städte steigern und außerdem nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg die Wehrfähigkeit verbessern.

Die beschriebenen Entwicklungen und Zielsetzungen betrafen den Sport generell, waren aber beim Fußball besonders ausgeprägt. Bei ihm war eine Kombination von Popularisierung, Kommerzialisierung und Politisierung zu beobachten, die sich nicht nur in Deutschland, sondern auch in zahlreichen anderen europäischen Ländern und in Lateinamerika abzeichnete und diesen Sport bis heute prägt.

Vereinnahmung durch die Politik



Vor dem Ersten Weltkrieg fand der Fußball - wie erwähnt - nur vereinzelt Unterstützung von Militärs und hochgestellten Persönlichkeiten, unter ihnen der deutsche Kronprinz, der selbst kickte und 1908 einen Pokal stiftete, um den Mannschaften der DFB-Landesverbände spielten.

Im Ersten Weltkrieg änderte sich die Situation. Als dieser länger anhielt und unerwartet große Opfer forderte, mussten die Soldaten motiviert und abgelenkt werden. Dazu eignete sich der Fußball besonders gut. Teils verstärkt durch bekannte Fußballer entstanden eigene Mannschaften, die zur Unterhaltung der Truppe, aber auch der Zivilbevölkerung gegeneinander antraten. Wenn dabei Offiziere und einfache Soldaten zusammen spielten, verschwanden vorübergehend sogar die bestehenden gesellschaftlichen und hierarchischen Unterschiede. Keiner, so eine zeitgenössische Aussage, war mehr als "Soldat zu erkennen, Vorgesetzter und Mann waren nicht zu unterscheiden".

Vereinzelt verschwanden sogar die Unterschiede zwischen den gegnerischen Truppen, als zu Weihnachten 1914 Soldaten der beteiligten Länder die Kämpfe einstellten, ihre Schützengräben verließen, miteinander sprachen und auch Fußballspiele austrugen. Doch wenige Tage nach Weihnachten begannen die Kämpfe erneut, forderten Millionen von Toten und ließen in den folgenden Jahren den Bemühungen um Versöhnung und Verständnis keine Chance. Die Ereignisse von Weihnachten 1914 wiederholten sich nicht.

Auch nach dem Krieg fiel eine Aussöhnung schwer. 1919 beantragten die britischen Verbände mit Unterstützung von Frankreich, Belgien und Luxemburg bei der FIFA, Begegnungen mit Mannschaften aus Deutschland und dessen ehemaligen Verbündeten zu verbieten. Dafür fand sich keine Mehrheit, was zum zeitweiligen Austritt der britischen Verbände aus dem Weltverband führte; in der olympischen Bewegung hingegen hatten sie mehr Erfolg und verhinderten die Teilnahme einer deutschen Mannschaft bei den Spielen von 1920 und 1924. Diese Anträge gingen von den Sportverbänden aus, nicht hingegen von der englischen Regierung, die weiterhin dem Sport keine größere politische Bedeutung zusprach. Für die selbstbewusste Weltmacht Großbritannien schien es nicht erforderlich, sich mit sportlichen Leistungen zu profilieren. Frankreich dagegen war trotz des Sieges geschwächt aus dem Krieg hervorgegangen, zählte weniger Einwohner als das besiegte Deutschland und lag wirtschaftlich deutlich zurück. Vor diesem Hintergrund gingen dort Sport und Politik eine enge Verbindung ein. Das französische Außenministerium mahnte 1920 in einem Bericht, dass Frankreich in Wettkämpfen gegen andere Länder "nicht das Prestige verlieren darf, das es im wichtigsten Sport errungen hat: im Krieg".

Ein besonderes Gespür für die Möglichkeiten des modernen Sports entwickelte das faschistische Italien. Dort gab sich Benito Mussolini seit seinem Machtantritt als "moderner Herrscher", der neuen Entwicklungen aufgeschlossen gegenüberstand und durch sportliche Erfolge internationales Prestige und die Unterstützung der eigenen Bevölkerung gewinnen wollte. Dazu setzte er vor allem den Fußball ein, der große Resonanz versprach. Als 1930 in Uruguay die erste Fußball-Weltmeisterschaft stattfand und sich als großer Erfolg erwies, übernahm es Mussolini, die nächste Weltmeisterschaft 1934 auszurichten, um der Welt sein Bild des modernen Italien zu vermitteln.

Förderung durch die Nationalsozialisten

Die Nationalsozialisten haben die Bedeutung des Sports deutlich später erkannt. Sie lehnten anfangs sogar die Olympischen Spiele ab, die 1936 in Berlin stattfinden sollten, da diese vom Gedanken der internationalen Verständigung und des friedlichen Wettbewerbs geprägt waren. Vor allem Goebbels erkannte jedoch bald, welche propagandistischen Möglichkeiten sich durch die Olympischen Spiele boten, sodass deren Durchführung größte Unterstützung erfuhr. Beim anfangs erwähnten Spiel gegen Norwegen half dies nicht. Die deutsche Mannschaft verlor mit 0:2, zur großen Enttäuschung von Hitler, der rasch das Stadion verließ und nie wieder ein Fußballspiel besuchte.

Quellentext

Mit "überwachter Selbstständigkeit"

[...] Der DFB war [...] von seiner Gründung an ein hochprofessionell agierender Verband, der mit erheblichem Erfolg den Vertretungsanspruch in Sachen Fußballsport zu monopolisieren suchte. Er grenzte sich von den sozialistischen und katholischen Sportverbänden gezielt ab und profilierte sich als unpolitische Organisation, in deren Reihen junge Menschen ungeachtet ihrer Schicht- oder Konfessionszugehörigkeit dem runden Leder nachrennen sollten. [...]
Bis 1936 konnte der DFB im Staate Hitlers eine "überwachte Selbstständigkeit" behaupten und weitgehend sein organisatorisches Eigenleben aufrechterhalten. Dieser Zustand beförderte die Anpassungsbereitschaft der DFB-Spitze, die ab 1936 allerdings einer zunehmenden Ernüchterung darüber wich, daß die Aufgaben des DFB immer weiter verstaatlicht wurden - eine Entwicklung, die mit der förmlichen Auflösung des DFB im April 1940 ihr logisches Ende nahm. Immer rigoroser instrumentalisierte der NS-Staat den zum "Reichsfachamt Fußball" im "Nationalsozialistischen Reichsbund für Leibesübungen" degradierten organisierten Fußballsport. Die höheren DFB-Funktionäre wurden in diesem Prozeß entmachtet und abgeschoben. [...]

Wolfram Pyta, "Vergemeinschaftungsofferte", in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 27. Dezember 2005


Trotzdem förderten die Nationalsozialisten den Fußball weiter und setzten die Nationalmannschaft gezielt für ihre Zwecke ein, besonders eklatant nach dem "Anschluss" Österreichs im Frühjahr 1938. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich die deutsche Mannschaft bereits für die Endrunde der Weltmeisterschaft qualifiziert, die wenige Monate später in Frankreich stattfinden sollte. Auf Geheiß der Nationalsozialisten musste Reichstrainer Sepp Herberger kurzfristig österreichische Spieler in die Mannschaft aufnehmen, um nach außen und nach innen den Zusammenhalt des neuen Großdeutschland zu demonstrieren. Sportlich war dieser Auftrag ein Desaster, denn in beiden Ländern bestanden unterschiedliche Spielweisen, die kaum miteinander zu vereinbaren waren. Als die Mannschaft schließlich in Paris auf die Schweiz traf, begrüßte das Publikum sie als Vertreter des nationalsozialistischen Großdeutschland mit Ablehnung und Feindseligkeit. Unter diesem Druck konnten die Spieler nur ein Unentschieden erreichen (1:1) und verloren das Wiederholungsspiel mit 2:4.

Ungeachtet dieses Rückschlages trug die Nationalmannschaft weiterhin zahlreiche Länderspiele aus. Nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges am 1. September 1939 trat die deutsche Mannschaft aber nur noch gegen Staaten an, mit denen das nationalsozialistische Deutschland verbündet war, die - wie die Schweiz und Schweden - neutral waren oder die es besetzt hielt. Das letzte Länderspiel fand am 22. November 1942 in Pressburg (Bratislava) gegen die Slowakei statt. Noch im Juni 1944 wurde ein Endspiel um die deutsche Meisterschaft ausgetragen, ein deutlicher Hinweis darauf, wie sehr die Nationalsozialisten sich noch in dieser Phase des Krieges bemühten, den Anschein der Normalität zu wahren und Fußballspiele zur Ablenkung zu nutzen.




 

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