Fußball - mehr als ein Spiel
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Das "Fußballwunder" von 1954


4.5.2006
Der überraschende Gewinn der Fußballweltmeisterschaft 1954 schmiedete die Menschen kurzzeitig zu einer Gemeinschaft zusammen. Als "wahre Geburtsstunde der Bundesrepublik" wurde das Ereignis erst in späteren Jahren gedeutet.

DFB-Präsident Peco Bauwens bei der Übergabe der Meisterschale 1953 an Kaiserlauten. 1955 verbietet der DFB seinen Vereinen den Frauenfußball. (Foto: AP)DFB-Präsident Peco Bauwens (links) überreicht 1953 Fritz Walter und dem 1. FC Kaiserslautern die Meisterschale. Beim "Wunder von Bern" war Walter Kapitän der deutschen Nationalmannschaft. (© AP)

Ein Ereignis und seine Interpretation



Am 4. Juli 1954 wurde die Nationalmannschaft der Bundesrepublik zum ersten Mal Fußballweltmeister. Im Endspiel von Bern, Schweiz, gewann sie überraschend mit 3:2 Toren gegen Ungarn. Als sich 2004 der Titelgewinn zum fünfzigsten Mal jährte, fand dieses Jubiläum großes öffentliches Interesse. Zahlreiche Bücher und Fernsehsendungen, Zeitungs- und Zeitschriftenartikel sowie Radiobeiträge griffen es ebenso auf wie ein erfolgreicher Spielfilm. Der Gewinn der Weltmeisterschaft wurde übereinstimmend als eines der wichtigsten Ereignisse der deutschen Nachkriegsgeschichte angesehen. Besonders bemerkenswert war ein Leitartikel der Süddeutschen Zeitung vom 3. Juli 2004, fast auf den Tag genau fünfzig Jahre nach dem Endspiel. Er stammte von Hans Werner Kilz, einem der beiden Chefredakteure, und enthielt alle Deutungsmuster, die zu diesem Thema im Umlauf waren (und noch sind).

Dem Artikel zufolge löste der Titelgewinn seinerzeit in der Bundesrepublik ein "Wir-sind-wieder-wer"-Gefühl aus. Er bot der Bevölkerung erstmals nach dem Zweiten Weltkrieg die Möglichkeit, sich an einem Erfolg zu berauschen, der "quasi gemeinschaftlich" erzielt worden sei. Der Autor beschrieb Jubelfeiern, die zu patriotischen Kundgebungen gerieten, und sah in den Feiern sogar das "wahre Gründungsdatum der Bundesrepublik". Der Gewinn des WM-Titels sei wichtiger als die Währungsreform, die Verabschiedung des Grundgesetzes und der Fall der Mauer.

Die öffentlichen Reaktionen auf den Titelgewinn fielen in der Tat ungewöhnlich aus. Zeitgenössischen Berichten zufolge haben fast alle Bewohner der Bundesrepublik - und der DDR - das Endspiel verfolgt. Die Straßen wirkten wie leer gefegt, die wenigen Fernseher - es gab circa 40.000 in Westdeutschland - waren umlagert, während die übergroße Mehrheit die Übertragung im Radio verfolgte, alleine oder in kleineren wie größeren Gruppen. Der überraschende Sieg löste großen Jubel aus. Als die Mannschaft aus der Schweiz zurückkehrte und mit dem Zug über Konstanz nach München fuhr, waren die Bahnhöfe und deren Umgebung voller Menschen. Allein in München haben etwa 400.000 bis 500.000 Männer, Frauen und Kinder die Mannschaft begeistert empfangen.

Vergleichbare Begeisterungsstürme und Menschenansammlungen hatte es zuletzt während des Nationalsozialismus gegeben. Daher drängt sich die Frage auf, wie sie zu verstehen sind und welche Botschaften im Frühsommer 1954 damit verbunden waren. Handelte es sich um patriotische Kundgebungen? War gar ein Wiederaufleben des Nationalismus zu erkennen? Gab die nationale Begeisterung Grund zur Sorge? Wie haben Medien, Politik und andere zeitgenössische Beobachter reagiert?

Wenn man die damaligen Zeitungen und Zeitschriften auswertet und die Archive aufsucht, ergibt sich ein überraschender Befund: Journalisten, Politiker und andere öffentliche Personen haben sich fast gar nicht zum Gewinn der Fußballweltmeisterschaft geäußert. Die Tageszeitungen haben vor allem über das sportliche Ereignis berichtet. Auf die Heimkehr der Spieler gingen sie nur am Rande ein. Das gilt auch für die kulturellen und politischen Zeitschriften, mit Ausnahme des Spiegels. Falls also im Juli 1954 die Bundesrepublik "neu" gegründet wurde, haben zumindest Politik und Medien dies nicht bemerkt.

Politisches und gesellschaftliches Umfeld



Im Frühsommer 1954 beherrschten vor allem zwei außenpolitische Themen die Öffentlichkeit, die eng zusammenhingen und bei denen Frankreich jeweils eine zentrale Rolle spielte: die Frage der Wiederbewaffnung der Bundesrepublik und der Krieg um Frankreichs frühere Kolonie in Indochina (Vietnam, Laos, Kambodscha).

Der Wiederbewaffnung im Rahmen einer europäischen Armee hatten die Regierungen der Bundesrepublik, Frankreichs, Italiens und der drei Benelux-Staaten im Mai 1952 zugestimmt, indem sie den Vertrag zur Gründung einer Europäischen Verteidigungsgemeinschaft (EVG) unterzeichneten. Die Zustimmung der nationalen Parlamente war bereits erfolgt, nur die des französischen Parlamentes stand noch aus, als am 7. Mai 1954 französische Einheiten in Dien Bien Phu (Vietnam) eine entscheidende Niederlage gegen die kommunistischen Truppen der Vietminh erlitten. Wenige Tage später stürzte die Regierung. Pierre Mendès-France, der neue Ministerpräsident, trat mit dem Versprechen an, den Krieg innerhalb von 30 Tagen zu beenden. Die Aussichten, dass das französische Parlament angesichts dieser Probleme die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik billigen würde, sanken gegen Null.

Das brachte Bundeskanzler Konrad Adenauer und seine innenpolitisch umstrittene Politik der Westintegration in eine schwierige Position. Er bemühte sich, die Situation zu retten, übte Druck auf die französische Regierung aus und erklärte in einem Interview, das am 3. Juli, dem Tag vor dem Endspiel, erschien: "Man kann es gar nicht nachdrücklich genug sagen: Die sogenannte Alternative zur EVG ist die deutsche Nationalarmee." Er fügte hinzu, dass niemand auf der Welt eine solche Armee wünsche und deshalb die EVG unbedingt zustande kommen müsse. Doch die Angst vor einer erneuten militärischen Aufrüstung Deutschlands war in Europa weit verbreitet. Vor allem in Frankreich herrschte große Empörung.

Parallel dazu fanden in Genf Verhandlungen über Indochina statt, bei denen noch keine Einigung zu erkennen war. Der französischen Regierung lief die Zeit davon. Bei einem Scheitern der Gespräche drohten eine Verschärfung des Kalten Krieges und eine Ausweitung der Kämpfe auf weite Teile Asiens. In dieser Situation sprach sich die französische Nationalversammlung gegen die Europäische Verteidigungsgemeinschaft aus. Am 21. Juli 1954 endete die Genfer Konferenz mit einem Waffenstillstandsabkommen zwischen Frankreich und den Vietminh, und Vietnam wurde entlang des 17. Breitengrades geteilt.

Innenpolitisch beherrschten die Bundesrepublik im Frühsommer 1954 folgende Themen:
  • Wenige Tage vor dem WM-Endspiel wurde erstmals der 17. Juni als nationaler Feiertag begangen. Der Volksaufstand in der DDR lag genau ein Jahr zurück. An vielen Orten fanden patriotische Veranstaltungen statt, von denen sich Adenauer distanzierte, um den Forderungen nach nationaler Einheit seitens der SPD und der Vertriebenenverbände keinen Auftrieb zu geben. Die Vertriebenenverbände hielten in diesen Tagen ihre jährlichen Treffen ab, auf denen sie die Rückgabe der früheren deutschen Gebiete im Osten verlangten. Diese Treffen waren gut besucht, da die etwa zwölf Millionen Flüchtlinge oder Vertriebenen in der Bundesrepublik vielfach noch große materielle, soziale und emotionale Probleme hatten und in ihrem neuen Umfeld nicht überall bereitwillig aufgenommen wurden.
  • Außerdem gab es trotz des wirtschaftlichen Aufschwungs 1954 noch immer mehr als eine Million Arbeitslose. Zahlreiche Waisen, Witwen und ältere Leute, die meist nur eine geringe Unterstützung erhielten, lebten in Armut.
  • Zu erinnern ist auch an die etwa 1,5 Millionen Vermissten. Die meisten waren verstorben, doch viele Angehörige hofften auf ein Wiedersehen, denn immer wieder kehrten Vermisste überraschend zurück. So setzte das Rote Kreuz seine Suchaktionen fort, Wanderausstellungen mit Bildern von Vermissten reisten durch die Städte, und das Nachmittagsprogramm des Fernsehens bestand weitgehend aus Suchsendungen.
  • Im Mai und Juni 1954 fanden mehrere Prozesse statt, die eine lange Phase des Schweigens über die Verbrechen der Nationalsozialisten beendeten. Über das große Verfahren, das parallel zur Weltmeisterschaft im französischen Metz stattfand, erschienen nur wenige Artikel. Hierbei ging es um das Konzentrationslager Natzweiler im Elsass, in dem mehr als 20.000 Juden und Mitglieder des Widerstandes umgekommen waren, oftmals auf äußerst grausame Art. Die Zeitungen berichteten dafür vielmehr über Prozesse, die allerdings Verbrechen betrafen, die Deutsche an ihren eigenen Landsleuten begangen hatten.
Damit sind nur einige der Themen genannt, die im Frühjahr 1954 Politik und Gesellschaft beschäftigten. Sie könnten ein Grund dafür sein, dass die Weltmeisterschaft in den Medien so wenig Beachtung fand. Doch politische Themen erhalten nicht automatisch größere Aufmerksamkeit, und gerade Sportereignisse können sie heute an den Rand drängen. Das war im Frühsommer 1954 nicht der Fall und hing weniger mit der Bedeutsamkeit der politischen Ereignisse zusammen als vielmehr damit, dass der Fußball damals einen bedeutend geringeren Stellenwert besaß als heute.



 

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