Volksrepublik China

Editorial

2.3.2006
Christine HesseChristine Hesse
Im 21. Jahrhundert schickt sich China an, die Weltgeltung zu erreichen, die ihm, dem "Reich der Mitte," nach Ansicht seiner Eliten schon immer zukam.

Seit Ende der 1970er Jahre setzt es auf wohldosierte Öffnung und zunehmende internationale Wirtschaftsverflechtung. Unter dem Motto "Marktwirtschaft ist gut" verordnete der Revolutionsveteran Deng Xiaoping seinem Land 1978 einen wirtschaftlichen Reformkurs.

Seitdem wächst die Wirtschaft mit einer beeindruckenden Rasanz. Im Juli 2004 sprach die New York Times vom neuen "chinesischen Jahrhundert" und stellte fest: "Das Land hat sich verändert, nun verändert es die Welt."

China kann mit Superlativen aufwarten: 1,3 Milliarden Menschen; viertgrößte Volkwirtschaft der Erde (Anfang 2006 überholte es Großbritannien), durchschnittliche jährliche Wachstumsraten von - offiziell - rund neun (2005: 9,9) Prozent und drittgrößte Handelsnation nach den USA und Deutschland. Mammutprojekte wie das gigantische Staudammprojekt am Yangtse und der Bau der weltweit höchstgelegenen Eisenbahnstrecke nach Tibet fördern den Stolz der Nation genauso wie der erste bemannte chinesische Raumflug 2003.

Doch die wirtschaftlichen Veränderungen haben auch Schattenseiten. Sie führten zum Beispiel zum Zerbrechen der "Eisernen Reisschüssel", der staatlichen Beschäftigungsgarantie mit Minilöhnen und bescheidener Sozialversicherung durch die Staatsunternehmen. Seitdem gibt es - je nach Schätzung - 40 bis 200 Millionen Arbeitslose.

Der ländliche Raum, in dem über zwei Drittel der chinesischen Bevölkerung leben, blieb bisher weitgehend vom Wirtschaftsboom ausgeschlossen. Um die 150 Millionen Wanderarbeiter müssen daher in den florierenden Regionen ein Auskommen suchen, und China ist trotz rund 240 000 Dollarmillionären mit einem durchschnittlichen Pro-Kopf-Jahreseinkommen von 1276 Dollar noch immer ein Entwicklungsland.

Besorgniserregend ist auch der Zustand der Umwelt: 16 der 20 am stärksten verschmutzten Städte der Erde liegen in China, die Zahl der umweltbedingten Erkrankungen steigt.

Die allein regierende Kommunistische Partei bezieht aus der wirtschaftlichen Prosperität ihre Legitimation und regiert unter dem Slogan "China reich und stark machen" mit eiserner Disziplin, Abschreckung und unter Hintanstellung elementarer Menschenrechte das Land. Willkür und Korruption sind weit verbreitet. Diese Missstände erregen in der Bevölkerung wachsenden Unmut, der sich immer häufiger in Protestaktionen und regionalen Aufständen entlädt.

Auch bei der Versorgung mit Rohstoffen und Energie wird das Land bald an seine Grenzen stoßen. Überdies kann die jetzige Altersstruktur der Bevölkerung dazu führen, dass China altern wird, bevor es zu Wohlstand gelangt.

Wie China in Zukunft diesen Herausforderungen begegnet, ob es Stabilität bewahren und ein nachhaltigeres Wachstum erreichen kann, ob es seinen Menschen schrittweise mehr Demokratie gewährt, ist auch für das Ausland von elementarer Bedeutung. Ein Scheitern hätte weltweite Auswirkungen.

Schon jetzt ist die internationale Verflechtung weit fortgeschritten - China ist Markt, Produktionsstandort und zunehmend auch Konkurrent für die weltweiten Wirtschaftsinteressen. Gleichzeitig ist es ein politischer Akteur, der nicht nur in Institutionen wie UNO und WTO Einfluss ausübt, sondern auch bereit ist, weltpolitisch Verantwortung zu übernehmen.

Wir tun gut daran, China unsere Aufmerksamkeit zu schenken.

Christine Hesse



 

Mediathek

Shanghai - Hauptstadt des 21. Jahrhunderts?

Mit dem aufstrebenden China rückt auch die Weltstadt Shanghai immer mehr in den Mittelpunkt. Vor welchen Herausforderungen steht die bedeutendste Industriestadt der VR China? Weiter... 

Dossier

China

Zum 60. Jahrestag der Volksrepublik zeigt sich das bevölkerungsreichste Land der Erde im Spannungsfeld zwischen Menschenrechtsverletzungen, Zensur, umstrittener Minderheitenpolitik und einer wirtschaftlichen Erfolgsgeschichte. Weiter...