Volksrepublik China
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China in der Weltwirtschaft


2.3.2006
China erstrebt eine enge Verflechtung mit der Weltwirtschaft, um seine Bevölkerung zu versorgen. Arbeitskräftepotenzial, Produktivität und ein riesiger Absatzmarkt sichern dem Land wachsende Bedeutung in Welthandel und -produktion.

Chinesinnen arbeiten am Fließband in einer Fabrik.Chinesinnen arbeiten am Fließband in einer Fabrik. (© picture-alliance/AP)

Einleitung



China wird in den Medien als "Fabrik der Welt" bezeichnet. Heute scheint es fast keine Konsumgüter mehr zu geben, die China nicht produziert und auf dem Weltmarkt anbietet, seien es Textilien, Spielzeug, elektronische Geräte und neuerdings auch Autos. Dieses Phänomen wird weltweit zugleich mit Bewunderung und einem gewissen Erschrecken wahrgenommen; es ist das direkte Ergebnis der Reform- und Öffnungspolitik seit 1978, die darauf abzielt, eine moderne marktwirtschaftliche und international verflochtene Wirtschaftsordnung zu schaffen.

Außenwirtschaftspolitik vor 1978



Die fünf größten ExportpartnerDie fünf größten Exportpartner
Bis zum Beginn der Wirtschaftsreformen bewegte sich die außenwirtschaftliche Verflechtung auf sehr niedrigem Niveau. Dazu hatten auch die demütigenden Erfahrungen beigetragen, die China in der Zeit der Okkupation durch die westlichen Kolonialmächte und Japan von 1842 bis 1945 hatte machen müssen. Die Angst vor einer Abhängigkeit vom Ausland wurde durch den Abbruch der Kontakte mit den USA infolge des Korea-Krieges und die Aufkündigung der Freundschaft mit der Sowjetunion in den 1960er Jahren verstärkt. "Selbstversorgung" wurde zu einem zentralen wirtschaftspolitischen Prinzip. Außenhandel sollte "auf der Basis von Gleichberechtigung und gegenseitigem Nutzen" stattfinden. Exporte dienten dazu, die Deviseneinnahmen für den Import von Gütern zu beschaffen, für die ein dringender Bedarf vorlag und die nicht im Inland herstellbar waren. Angestrebt wurde eine ausgeglichene Handelsbilanz; Auslandsverschuldung und ausländische Direktinvestitionen waren in den 1960er und 1970er Jahren nicht erwünscht.

Reformschritte nach 1978



Mit den Reformentscheidungen von Ende 1978 und 1979 beendete die Regierung explizit die vorherige Politik der wirtschaftlichen Abschottung. Die Außenwirtschaftspolitik seit Reformbeginn kann in vier Phasen eingeteilt werden:

Importsubstitution

Bis 1986/87 wurde eine Strategie der Importsubstitution verfolgt. Unterstützt wurde die Herstellung von Produkten, die China bisher hatte importieren müssen. Zentrale Planvorgaben existierten für die Mehrheit der Im- und Exportprodukte nicht mehr; statt dessen wurden die Importzölle angehoben und ein System von Lizenzen und Quoten eingeführt, um bestimmte aus dem Ausland eingeführte Produktklassen gezielt zu verteuern und zu verknappen. Die Zahl der zum Außenhandel zugelassenen chinesischen Produkte wurde ausgeweitet. Zur Öffnungspolitik dieser Phase gehörte die Gründung von vier Sonderwirtschaftszonen (SWZ) in Südchina (Shenzhen, Zhuhai, Shantou, Xiamen) im Jahr 1979. Diese Zonen boten ausländischen Investoren die Möglichkeit, zu Weltmarktbedingungen sowie unter Ausnutzung der niedrigen chinesischen Löhne und günstiger Besteuerungsregeln zu produzieren. 1984 erhielten 14 weitere Küstenstädte ähnliche, aber weniger weit reichende Privilegien. In dieser Phase rückte die Regierung von ihrer Reserviertheit gegenüber ausländischen Krediten ab. China trat 1980 der Weltbank und dem Internationalen Währungsfonds (IWF) bei und wurde in den darauf folgenden Jahren zu einem der wichtigsten Empfänger von Entwicklungskrediten der Weltbank.

Exportorientierung

1987 wurde eine Phase der Exportorientierung eingeleitet, die auf die Wettbewerbsvorteile Chinas in der arbeitsintensiven Produktion setzte. Mit den inländischen Außenhandelsgesellschaften und anderen Unternehmen mit Außenhandelsrechten wurden so genannte Verantwortungsverträge abgeschlossen, die Zielvereinbarungen für Deviseneinnahmen, Exportkosten und Exporteffizienz enthielten. Im Gegenzug erhielten die Unternehmen das Recht, Devisen einzubehalten, die über ihre Vertragsverpflichtungen hinausgingen. Ab 1988 wurde das Ziel verfolgt, die gesamte Küstenregion zu einer auswärts orientierten Wirtschaftsregion zu machen. Die Insel Hainan erhielt den Status einer Provinz und wurde zur fünften SWZ.

Die gezielte Förderung der Exportwirtschaft zog zunehmend Investoren aus Hongkong, Taiwan und anderen Anrainerstaaten der Region an, die China als Produktionsstandort für sich entdeckten. Der Anteil der in China weiterverarbeiteten Produkte an den gesamten Exporten stieg von 27 Prozent im Jahr 1987 auf den bisherigen Höchststand von 57 Prozent im Jahr 1999. Die Förderung der exportverarbeitenden Industrie ging einher mit einer wachsenden Bedeutung der ausländischen Direktinvestitionen (ADI) für den Export. Der Förderung der Exporte diente zusätzlich eine schrittweise Abwertung der nationalen Währung (Renminbi), welche chinesische Waren im Ausland verbilligte.

Ausdehnung der Öffnungspolitik

Die dritte Phase der Öffnungspolitik setzte ab 1992 ein und dauerte bis zum Abschluss der WTO-Beitrittsverhandlungen Ende 2001. Die Exportorientierung wurde ausgedehnt, aber zugleich mit einer Importsubstitutionspolitik für ausgewählte Güter bzw. Branchen verbunden, um die Wettbewerbswirkungen der Öffnung für die heimische Industrie abzufedern. Ausgewählte Branchen sollten sich mit Hilfe von ADI und geschützt durch hohe Importzölle entwickeln. Besonders deutlich wurde diese Strategie in der Automobilindustrie angewandt.

Auch die Außenhandelsrechte wurden weiter ausgedehnt. Die Zahl der zum Außenhandel zugelassenen chinesischen Unternehmen stieg von etwa 5000 Ende der 1980er Jahre auf 23 000 im Jahr 1998. Daneben hatten alle Firmen mit ausländischem Kapital das Recht, die eigenen Produkte zu exportieren und Vorprodukte für die eigene Produktion zu importieren. Ab 1999 erhielten ausgewählte private Unternehmen und Forschungsinstitutionen erstmals das Recht, direkt Außenhandel zu betreiben, so dass die Zahl der zum Außenhandel zugelassenen chinesischen Firmen bis Ende 2001 auf 35.000 anstieg.

Die Importzölle wurden in den 1990er Jahren kontinuierlich gesenkt. Die nominellen Importzölle sanken von durchschnittlich 43,2 Prozent (ungewichtet) im Jahr 1992 auf 15,3 im Jahr 2001. Das reale Importzollniveau lag allerdings deutlich unter diesen Werten, da es zahlreiche Importzollbefreiungen gab. Exporte wurden in dieser Phase unter anderem dadurch erleichtert, dass der Anteil der Güter, für die Exportlizenzen erforderlich waren, zurückging. Zum Abfedern der Folgen der Asienkrise, die zu einer relativen Verteuerung der chinesischen Produkte geführt hatte, wurden die Sätze für die Mehrwertsteuererstattung auf Exporte angehoben.

Sichtbaren Niederschlag fand die Dynamik der außenwirtschaftlichen Öffnung nach 1992 in einem sprunghaften Anstieg der vertraglich zugesicherten und der realisierten ausländischen Direktinvestitionen. Branchenleitlinien für ausländische Investoren listeten jene Branchen auf, in denen Investitionen besonders erwünscht, beschränkt oder verboten waren. Der erste derartige Katalog wurde 1995 veröffentlicht und seither mehrfach aktualisiert. In der zweiten Hälfte der 1990er Jahre verlangsamte sich das Wachstum der ADI in China. Ursächlich hierfür waren das Abklingen der Euphorie über den chi-nesischen Reformprozess und die Auswirkungen der Asienkrise. Der Anteil der ADI aus den asiatischen Nachbarländern Hongkong, Taiwan, Korea und Japan sank von 60 Prozent im Jahr 1997 auf 48 Prozent im Jahr 2000.

Quellentext

Textilgigant

Schätzungen zufolge wird in Zukunft knapp die Hälfte aller weltweit hergestellten Textilien aus China kommen - bisher war es nicht mal ein Fünftel. [...] Vor allem zu den Hauptmärkten USA und Europa haben Hersteller aus der Volksrepublik einen besseren Zugang, seit zu Jahresbeginn 2005 alle Mengenbeschränkungen zur Einfuhr von Textilien gefallen sind. [...]
Schon heute dominiert die Volksrepublik die Branche. Die meisten der 25 000 Textil- und Bekleidungshersteller haben sich in Südchina oder in der ostchinesischen Küstenregion angesiedelt. 19 Millionen Menschen sind in der Branche beschäftigt. Großfabriken wie Ningbo Bridge kontrollieren den gesamten Produktionszyklus vom Anbau der Baumwolle bis zum Verschiffen der Konfektion. Grundfasern wie Leinen, Baumwolle, Kaschmir und auch Wolle sind in China vorhanden. Hinzu kommt, dass viele synthetische Stoffe inzwischen im Land hergestellt werden können, weil früh der Mut da war, in die petrochemische Industrie zu investieren. Was fehlt, wird notfalls zu überhöhten Preisen importiert.
Doch nicht die niedrigen Lohnkosten allein bestimmen die Standortentscheidung vieler Produzenten, sondern die Tatsache, dass Chinas Textilindustrie produktiv, schnell und enorm flexibel ist. Hinzu kommt der große Binnenmarkt, der viele ausländische Investoren lockt. Chen Shujin, Vizepräsident des chinesischen Textilherstellerverbandes in Peking, warnt jedoch vor übertriebener Panikmache auf Seiten anderer Entwicklungsländer: "Wir erwarten natürlich, dass mehr Hersteller als bisher in China fertigen werden. Aber ich denke nicht, dass chinesische Waren die Weltmärkte überschwemmen werden." Funktionär Chen befürchtet vielmehr einen drohenden Preiskampf in China, der die gesamte Branche zerstören könnte. In den letzten fünf Jahren waren die Preise für Textilien um knapp ein Drittel gesunken. Diese Preispolitik ist nur möglich, weil in vielen Betrieben junge Frauen für umgerechnet 70 bis 90 Euro im Monat 14 Stunden am Tag arbeiten.
Auch für Umweltexperten ist die Branche ein rotes Tuch. So wurden an die Textilien bisher nur geringe ökologische Anforderungen gestellt. Zumindest aber bei der Produktion von Exportwaren ist Besserung in Sicht. Mehr und mehr Unternehmen stellen auf die Herstellung höherwertiger Produkte um. Sie reagieren damit auf den Druck großer Einzelhandelsketten wie C&A, die nur noch Kleidung aus China verkaufen, wenn sie den neuesten Standards entsprechen. Mit dem Ende des Textilabkommens wächst der Druck auf die Hersteller, neue Technologien zu entwickeln und eigene Marken zu etablieren, sagt Verbandsfunktionär Chen aus Peking: "Anstelle des Quotensystems werden die ausländischen Händler und Industrieverbände neue soziale und ökologische Mindeststandards fordern. Das wird die Kosten für die chinesischen Hersteller erhöhen." Der Textilverband befürchtet, dass diese Zusatzkosten Chinas bisherigen Vorteil als Billiglohnland zunichte machen und das Exportgeschäft erschweren werden. [...]

Kerstin Lohse, "Die fleißigen Schneiderlein", in: Süddeutsche Zeitung vom 17. Mai 2005


Als Reaktion auf die Asienkrise und eine anhaltende Schwäche der Binnennachfrage forcierte die chinesische Regierung ab 1999 die Bemühungen um eine Aufnahme in die WTO. Durchbrüche in den bilateralen Verhandlungen mit den USA und Europa Ende 1999 und im Jahr 2000 ließen das Interesse ausländischer Investoren an China wieder aufleben. China ist das wichtigste Empfängerland für ADI in Asien und steht in Konkurrenz mit den USA um den Platz des wichtigsten Empfängerlandes von ADI weltweit.

Quellentext

Gefahren im China-Geschäft

Winfried Krämer, 55, reist seit rund zehn Jahren nach Shanghai. [...] Seine Firma verkauft in China Anlagen zur Herstellung von Polyester; rund hundert Projekte wickelte sie ab. Doch noch immer staunt der Manager - über die Dreistigkeit, mit der chinesische Nachahmer sein Knowhow klauen. [...]
Zunächst griffen die Abkupferer die deutsche Firma direkt in China an. Seit etwa fünf Jahren, so Krämer, würde das staatliche Design-Institut CTIEI Kopien von Anlagen der Zimmer AG und deren Tochterfirmen anbieten, in manchen Fällen sogar mit dem [...] Hinweis, es handele sich um geprüfte Zimmer-Technologie. Neuerdings werben die Chinesen sogar im Ausland für Zimmer-Anlagen - etwa für einen Reaktor zur Polyesterherstellung.
Machtlos verfolgt der Frankfurter, wie chinesische Anbieter sein geistiges Eigentum in Indien, Pakistan, Ägypten und der Türkei illegal vermarkten. [...]
Ähnliche China-Erfahrungen machen immer mehr deutsche Firmen. Die meisten wollen darüber nicht reden, schon gar nicht öffentlich. Sie fürchten, es sich mit ihren chinesischen Gastgebern zu verderben - und damit von einem boomenden Zukunftsmarkt ausgeschlossen zu werden.
Der lockt zunehmend ausländische Firmen ins Land. [...]
Ein Zitat des langjährigen Siemens-Chefs Heinrich von Pierer, inzwischen Aufsichtsratsvorsitzender des Konzerns, beten viele deutsche China-Pilger wie ein Glaubensbekenntnis nach: "Das Risiko, in China nicht dabei zu sein, ist größer als das Risiko, dabei zu sein."
Und es ist ja auch wahr: Auch Winfried Krämer kann es sich nicht leisten, auf dem größten Absatzmarkt der Welt für Textilmaschinen nicht vertreten zu sein. Mit dem Design und der Planung von Polyesterfabriken erwirtschaftet die Zimmer AG dort einen beträchtlichen Teil ihres Umsatzes. Doch auf dem bejubelten Traummarkt riskiert die deutsche Firma langfristig eben auch ihre Existenz.
Als größter Textilproduzent ist China auf dem Weg zum Weltmonopol. Chinesische Auftraggeber können Anlagedesignern daher die Bedingungen diktieren. Sie zwingen Spezialanbieter wie Zimmer praktisch, mit lokalen Design-Instituten zusammenzuarbeiten und ihnen deutsche Anlagetechnik zu überlassen.
Da nützen dem deutschen Anbieter auch keine Geheimhaltungsverträge mit chinesischen Kunden. [...]
Etwa die Hälfte des chinesischen Marktes für seine Anlagen werde bereits von Kopien lokaler Design-Institute beherrscht, schätzt der Manager. Damit wächst den Deutschen ein gefährlicher Rivale heran: China ist heute schon der viertgrößte Produzent von Maschinen. Deren Export fördert Peking kräftig. Ob Original oder Kopie scheint dabei nicht zu interessieren, denn die Lieferung illegaler Nachbauten ins Ausland ist ohne Hilfe staatlicher chinesischer Banken kaum denkbar. Für seine Exportoffensive wählt China vornehmlich Regionen, in denen Klagen wegen der Verletzung geistigen Eigentums in der Praxis kaum zu befürchten sind. Fast die Hälfte aller Textilmaschinen wird nach Pakistan, Bangladesch, Hongkong, Thailand oder in die Türkei verschifft. [...]
In China selbst sind die Chancen vor Gericht gering. Zwar verschärfte Peking auf Druck der USA die Strafen gegen Produktpiraten. Aber der Rechtsweg dauert oft lange, und die mögliche Entschädigung lohnt kaum den Aufwand eines Prozesses. [...]
Langfristig können deutsche Firmen nur hoffen, dass die Chinesen auch im eigenen Interesse konsequenter vorgehen, um geistiges Eigentum zu schützen. [...]

Wieland Wagner, "Null Abweichungen", in: Der Spiegel Nr. 7 vom 14. Februar 2005




Beitritt zur WTO

Unser Handel mit ChinaUnser Handel mit China
Die VR China wurde am 11.Dezember 2001 Mitgliedstaat der WTO. Der Beitritt verpflichtet China zu einer weiteren Liberalisierung des Außenhandels, zur Öffnung zusätzlicher Branchen für ADI insbesondere im Dienstleistungssektor, zur Anpassung der außenwirtschaftlichen Gesetzgebung an WTO-Standards und -prinzipien sowie zur Verbesserung des Schutzes von geistigem Eigentum. Gleichzeitig bemüht sich die chinesische Regierung, die einheimischen Unternehmen in bisher geschützten Branchen auf den internationalen Wettbewerb vorzubereiten.

Der Beitritt zur WTO war eine wichtige Zäsur für die chinesische Außenwirtschaftspolitik, da er die Öffnungspolitik verbindlich gemacht hat und weiterhin das Tempo der Liberalisierung bestimmt. Die langjährigen Vorbereitungen für den Beitritt und die zeitliche Staffelung der Anpassungsmaßnahmen haben aber verhindert, dass der WTO-Beitritt allzu schockartig auf die chinesische Wirtschaft gewirkt hat.

Quellentext

Jagd nach Rohstoffen

[...] Kaum etwas braucht China dringender als Rohöl. Peking benötigt ein Wachstum des Bruttoinlandsproduktes von etwa acht Prozent jährlich, um neue Arbeitsplätze zu schaffen, den Kollaps der Immobilienpreise und Banken zu verhindern, soziale Unruhen zu vermeiden und den Machterhalt der Partei zu sichern. Das schwarze Gold ist dafür die Voraussetzung. So hat sich das Land in nur einer Dekade vom Ölexporteur zum -importeur gewandelt. Heute (2005 - Anm. d. Red.) ist das Reich der Mitte - nach den Vereinigten Staaten - der zweitgrößte Verbraucher von Erdöl auf der Welt. [...]
Das benötigte Wachstum aber hat China in eine Falle geführt. Denn die eigenen Ölquellen zu erschließen ist extrem teuer, da sie weit entfernt von den Industriezentren der Küste in unwirtlichen Gebieten liegen. Kohle, die derzeit rund 70 Prozent von Chinas Energieverbrauch deckt, hat eine schlechte Qualität. Der angekündigte Bau von 32 Atomkraftwerken bis zum Jahr 2020 dauert viel zu lange, um die Energielücke zu schließen. So bleibt nur der Import von Öl. In diesem Jahr wird China 3,3 Millionen Barrel (à 159 Liter) Öl täglich einführen, fast die Hälfte seines Verbrauchs. Dieser Importwert liegt höher als der tägliche Ausstoß Norwegens, des drittgrößten Ölexporteurs der Welt.
Dies führt zu einer aggressiven Öl-Einkaufspolitik Chinas [...]: Seit Jahresbeginn haben die drei staatlichen Ölkonzerne schätzungsweise 2,5 Milliarden Dollar für Ölförderung und Pipelines investiert, weitere 20 Milliarden Dollar stehen zur Verhandlung. Knapp eine Milliarde Dollar investierten sie in den vergangenen zwölf Monaten in Russland, etwa 1,5 Milliarden Dollar in Gas- und Ölfelder in Asien. Hinzu kommen milliardenschwere Verhandlungen über Zukäufe bis hin nach Afrika.
Die chinesische Außenpolitik ist mehr und mehr davon bestimmt, die Nähe zu Ländern mit großen Rohstoffvorkommen zu suchen. "China hat die Konkurrenz um Rohstoffe bis in unseren Hinterhof vorangetrieben", warnt Lisa Murkowski, Senatorin für Amerikas Bundesstaat Alaska.
Dabei stören die chinesischen Staatskonzerne nicht nur das geo-politische Gleichgewicht, indem sie ungeniert auch aus vom Westen boykottierten Ländern wie Burma ihre Vorteile ziehen. Sie treiben auch einen Keil in das bislang austarierte Gleichgewicht zwischen Erdöl produzierenden Ländern und den großen, global tätigen Ölkonzernen. "Die chinesischen Staatskonzerne können Bedingungen anbieten, die die anderen Wettbewerber aus wirtschaftlichen Gründen nicht rechtfertigen können", sagt Kang Wu, Wissenschaftler beim East-West-Zentrum auf Hawaii. "Je mehr China seine Grenzen bei der Ölgewinnung überschreitet, um so unvermeidbarer wird es in Konflikt mit den Energiestrategien anderer Länder geraten", warnt Standard&Poor's.
Dabei hat China seine Strategie lange geplant: Wie bei Banken, in der Automobilindustrie, der Telekommunikation oder der Luftfahrt hat Peking seine Ölindustrie zusammengefasst: China National Petroleum Corp. (CNPC) arbeitet vor allem im Norden des Landes und ist eher Fördergesellschaft, BASF-Partner Sinopec im Süden und als Raffinerie. [...]. CNOOC, Dritter im Bunde der Staatskonzerne, ist vorrangig für die Seeaktivitäten zuständig. CNPC hat ihr Tochterunternehmen Petrochina im Jahr 2000 für drei Milliarden Dollar an die Börsen in New York und Hongkong gebracht. Sinopec folgte Monate später für 3,5 Milliarden Dollar. [...]

che, "China sucht immer aggressiver nach Öl und Gas", in Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 24. Juni 2005


Chinas WachstumChinas Wachstum
Die heutige Außenwirtschaftspolitik zielt auf "wirtschaftliche Sicherheit". So sollen die Versorgung der Bevölkerung und die Entwicklungschancen in einer globalisierten Welt gewährleistet werden. Strategisch zielt die neue Politik darauf, Chinas Zugang zu Ressourcen im In- und Ausland zu sichern, Absatzmärkte zu erschließen und die internationale Wettbewerbsfähigkeit der chinesischen Industrien und Unternehmen zu verbessern. Zugleich sollen Ordnungs- und Schutzelemente geschaffen werden, um eine Gefährdung der nationalen Wirtschaft durch Handelskonflikte und internationale Krisen zu minimieren. China will zu einem global player werden und strebt nach einem seiner Größe, Geschichte und aktuellen Wirtschaftsdynamik angemessenen Platz in der Weltwirtschaft. Folgerichtig wird seit Beginn des neuen Jahrhunderts nicht mehr nur die innengerichtete Öffnung des Landes angestrebt, sondern auch darauf Wert gelegt, dass chinesische Firmen vermehrt im Ausland investieren. Dieser neue Aspekt der außenwirtschaftlichen Öffnung wurde im Ausland medienwirksam, als ab 2004 chinesische Unternehmen begannen, bekanntere ausländische Unternehmen (zum Beispiel Thompson, IBM, Unocal) aufzukaufen bzw. Kaufgebote für sie abzugeben. Bisher ist der Gesamtumfang chinesischer Investitionen im Ausland aber noch relativ gering.

Quellentext

Umzug einer Kokerei

[...] Vor vier Jahren (2000 - Anm. d. Red.) wurde die Dortmunder Kokerei Kaiserstuhl stillgelegt [...]. Schließlich verkaufte [...] der Essener Bergbaukonzern RAG die brachliegende Kokerei an einen chinesischen Geschäftsmann in Bochum, der Geschäftsmann verkaufte sie weiter an einen chinesischen Bergbaukonzern, und der neue Eigentümer will das gesamte Werk nach China holen.
[...] 16.000 technische Zeichnungen, zwei Laster voller Akten, 35.000 Tonnen Maschinen, Rohre, Stahltüren, Kabel; einzeln zu nummerieren, dann von dreihundert chinesischen Arbeitern zu zerpflücken, auf Frachtschiffe zu verladen, die in Rotterdam und Antwerpen ablegen, den Sueskanal durchqueren und nach dreißig Tagen im chinesischen Hafen Qingdao anlegen. Eine der größten Industrieumsiedlungen weltweit, die erste Verlagerung einer Kokerei weltweit.
[...] In China verdient ein Arbeiter in einer Kokerei umgerechnet 100 bis 200 Euro im Monat. Da lohnt es sich sogar, eine ganze Fabrik anderswo erst abzubauen und später im Original wieder aufzubauen. [...] Schon im Jahr 2006 soll die Kokerei Kaiserstuhl in China wieder laufen. Die neuen Eigentümer wollen Koks auch ins Ausland verkaufen. Dann könnte es sogar passieren, dass die Chinesen Koks aus der ehemals deutschen Anlage Kaiserstuhl nach Deutschland liefern. [...] So weit wäre es nicht gekommen, wenn die deutsche Stahlindustrie treu geblieben wäre. Wer Stahl in einem Hochofen kocht, braucht dafür unbedingt Koks. Autos, Fahrräder, Messer - alles aus Stahl, Millionen Tonnen Stahl, erzeugt mit Hilfe von Millionen Tonnen Koks. In einem langfristigen Vertrag war bis 1999 geregelt, dass die deutschen Stahlwerke deutschen Koks kauften. Als der Vertrag auslief, steuerten die Stahlbosse um. Sie entschieden, sich fortan viel mehr Koks auf dem Weltmarkt zu besorgen, in Polen, in China. Koks aus China war viel billiger als der aus Deutschland. So musste der Bergbaukonzern RAG eine Kokerei schließen, Kaiserstuhl, eine der modernsten und umweltfreundlichsten Anlagen weltweit, gerade mal acht Jahre alt, lächerlich jung, eine Fabrik, die mal 600 Millionen Euro gekostet hatte und noch vierzig Jahre gehalten hätte. Der Weltmarkt zerstörte einst die Kokerei Kaiserstuhl, Dortmund. Der Weltmarkt wartet jetzt auf die Kokerei Kaiserstuhl, Jining.
China ist hungrig nach Stahl und deswegen hungrig nach Koks, denn China wächst gewaltig. China braucht dringend Energie.[...] 60 Kokereien sind in China im Augenblick im Bau oder in der Planung, Kaiserstuhl soll eine der größten werden. [...]
Auf dem Weltmarkt ist inzwischen die Hölle los. Seit Kaiserstuhl Stück für Stück in Frachtcontainern verschwindet, sind die deutschen Stahlwerke stärker von ausländischem Koks abhängig. Den meisten Koks auf der Welt, etwa die Hälfte der gesamten Menge, liefert China. Aber Chinas Wirtschaft dehnt sich rapide aus und verschlingt erheblich mehr Energie als gedacht. China braucht für seine eigenen Stahlwerke nun selbst viel Koks, kann deshalb weniger an andere Länder abgeben, Koks wird knapper. Der Preis, den deutsche Unternehmen dafür zahlen müssen, steigt und steigt.
[...] Koks ist plötzlich sehr knapp und begehrt. [...] Erst steigt der Preis von Koks, danach der von Stahl, danach von Autos, Fahrrädern, Messern. [...]
Etwas mehr als den Schrottwert, schätzungsweise 30 bis 50 Millionen Euro, zahlte der chinesische Unternehmer, der den Deutschen Kaiserstuhl abnahm. Käufer und Verkäufer haben sich darauf geeinigt, nichts über den Preis zu sagen. Die Deutschen mussten froh sein, dass einer den Ladenhüter einpackte. Heute käme in Deutschland niemand mehr auf die absurde Idee, eine Kokerei zu schließen. Sollte die Globalisierung einen Sinn für bittere Ironie haben, dann wäre in Dortmund-Mitte eine Pointe geglückt. [...]

Stefan Willeke, "Herr Mo holt die Fabrik", in: Die Zeit Nr. 40 vom 23. September 2004





 

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