Volksrepublik China
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Gesellschaft im Umbruch


2.3.2006
Wachsende Ungleichheit und soziale Unsicherheit sind Folgen der Reformpolitik und erregen zunehmend Protest. Ansätze zur Interessenvertretung in den Medien und in neuen gesellschaftlichen Organisationen werden staatlicherseits kontrolliert.

Pro-Demokratie-Demonstranten halten ein Bild des chinesischen Dissidenten Liu Xiaobo während sie zum chinesischen Verbindungsbüro in Hong Kong marschieren.Pro-Demokratie-Demonstranten halten ein Bild des chinesischen Dissidenten Liu Xiaobo während sie zum chinesischen Verbindungsbüro in Hong Kong marschieren. (© AP)

Soziale Differenzierung



Die Wirtschaftsreformen haben in China zu sozialen Verwerfungen geführt. Durch die Rückkehr zu familiärer Bewirtschaftung im ländlichen Raum drängten überschüssige Arbeitskräfte (schätzungsweise 100 bis 150 Millionen Menschen), die im Agrarsektor nicht mehr benötigt wurden, in die berufliche Selbstständigkeit und zugleich in den städtischen Raum hinein. Um diesen Druck zu mildern, erlaubte der Staat Mitte der 1980er Jahre den zeitweiligen Aufenthalt ländlicher Arbeitskräfte in den Städten. Damit lockerte er das Haushaltsregistrierungssystem (chin.: Hukou-System), das Bauern seit den 1950er Jahren untersagte, ohne behördliche Genehmigung vom Land in die Stadt zu ziehen, eine Maßnahme, die die Städte stabilisieren und die Landflucht verhindern sollte. Ländliche Handwerker, Händler und Wanderarbeiter füllten nun das Vakuum an Dienstleistungen und billigen Arbeitskräften. Sie bildeten zugleich den Kern für die Entstehung und die rasche Entwicklung eines privaten Wirtschaftssektors, der schließlich von der politischen Führung akzeptiert wurde und die Basis für marktwirtschaftliche Strukturen darstellte. Mit über 90 Prozent aller Unternehmen und circa 50 Prozent aller Beschäftigten hat sich dieser Sektor in jüngster Zeit am dynamischsten entwickelt und trägt maßgeblich zu den hohen Wachstumsraten Chinas bei. Es bildete sich eine Klein-, Mittel- und Großunternehmerschaft, die nicht nur wirtschaftlich, sondern zunehmend auch gesellschaftspolitisch aktiv wurde.

Quellentext

Schuften für einen Hungerlohn

Helden sehen anders aus. [...]
Die Militäruniform alt und abgerissen. Die Schuhe dreckig. Das Haar strähnig und verstaubt. Und doch - die Auszeichnung zum Modellarbeiter, dem Adelstitel des sozialistischen Chinas, hätte sich Bian Rubuo, 21, verdient. Täglich 12, 13 Stunden arbeitet er auf dem Bau. Hämmert, klopft, stemmt und schleppt. Hangelt sich an wackeligen Bambusgerüsten rauf und runter. Schläft mit zehn, zwölf Männern im Saal eines heruntergekommenen Wohnheims. Ein paar Klos, ein Wasserhahn, keine Duschmöglichkeiten. "Freie Tage gibt es nicht. Ich bekomme Kost und Logis, und einmal im Monat meinen Lohn, 100 Renminbi."
Das sind umgerechnet 10 Euro und auch in Peking nicht viel mehr als ein Taschengeld. Soviel kostet ein Abendessen für zwei Personen in einem besseren Restaurant. Bian Rubuo befindet sich damit am unteren Ende der Lohnskala: Junge Wanderarbeiter verdienen in Peking um die 20 Renminbi pro Tag, ältere und erfahrene je nach Tätigkeit um Einiges mehr. Doch immerhin macht Bian Rubuo Bares und hat monatlich so viel Geld wie einige der ärmsten Bauernfamilien im ganzen Jahr - sie leben von Subsistenzwirtschaft. "In meiner Familie sind wir 13", erzählt Bian Rubuo, der aus dem Dorf Xijiang in der Provinz Henan stammt. Alle lebten sie dort von einer Parzelle von einem Quadratkilometer. Weizen, Mais und Sorghum. "Als ich 20 wurde", sagt Rubuo, "habe ich mich entschlossen, in die Stadt zu gehen." [...]
Seit den Achtzigern strömen die Wanderarbeiter in Chinas Städte. Sie sind Teil einer umfassenderen Urbanisierung. Derzeit leben nur 20 bis 30 Prozent der Chinesen in den Städten, in wenigen Jahren werden es 50 Prozent sein. Die meisten der Wanderarbeiter sind Männer, doch auch Frauen und ganze Familien machen sich auf den Weg in die Städte. Sie sind Teil des Erfolgsrezeptes der chinesischen Wirtschaft: Billige und anspruchslose Arbeitskräfte. [...]
Im Bausektor sind von insgesamt 38 Millionen Beschäftigten 30 Millionen Wanderarbeiter.
Doch sie sehen wenig von den Segnungen des chinesischen Wirtschaftswunders. Ihr Lohn ist niedrig, die Arbeitszeiten richten sich selten nach gesetzlichen Standards. Oft ist ihre Arbeit gefährlich, soziale Absicherung meist nicht vorhanden: Wer einen Unfall hat, hat Pech gehabt. Auch Bian Rubuo weiß nicht genau, ob sein Chef eine Krankenversicherung für ihn abgeschlossen hat. [...]

Angela Köckritz, "Sklaven des Booms", in: Süddeutsche Zeitung vom 18./19. Dezember 2004


Die rasche Wirtschaftsentwicklung und die Einbindung in den Weltmarkt förderten zugleich die Entstehung einer Schicht von akademisch gebildeten Fachkräften und damit einer wichtigen Gruppe der städtischen Mittelschichten. Die Bedeutung von technisch und akademisch Gebildeten in Wirtschaft, Gesellschaft und Politik ist ebenfalls deutlich gestiegen. Seit den 1990er Jahren ist ein Hoch- oder Fachhochschulabschluss Voraussetzung für leitende Partei- und Regierungsfunktionen von der zentralen bis auf die Gemeindeebene. Von daher haben sich auch die politischen Eliten von der zentralen bis zur lokalen Ebene verändert: Sie sind besser ausgebildet und nicht mehr revolutions-, sondern modernisierungsorientiert.

Quellentext

Schrittmacher des Wandels

[...] Yun Li ist 31 Jahre alt, ein zu groß geratener Schuljunge mit eckiger Brille und Schlabberpulli. Er besitzt acht teure Autos, darunter drei Porsches, die in China fast doppelt so viel kosten wie in Europa, wegen der Zölle. Er leitet in Peking eine Druckerei und zwei Werbeagenturen, hat insgesamt 70 Angestellte. Am meisten verdient er mit einer Firma, die TV-Werbezeit verkauft, jeden Tag zwei Minuten zur besten Sendezeit auf dem Staatssender CCTV. Aber er will weiterkommen, viel weiter - und ein noch größeres Geschäft aufziehen. [...]
Die Schrittmacher und Gestalter des Wandels sind junge Chinesen wie Yun Li, die kein Risiko scheuen und an eine bessere Zukunft glauben. Deren Leben sich so rasend ändert wie das ganze Land. [...]
Als Yun vor zehn Jahren seine erste Firma gründete, gab es nur 1000 Werbeagenturen. Ohne die Hilfe der Partei war kein Geschäft zu machen; und nur die wenigen ausländischen Firmen wussten, was gute Werbung ist. Mittlerweile gibt es 20-mal so viele Agenturen, die meisten arbeiten professionell. Und Yun gehört zu den 236 000 Chinesen, die auch dann noch Millionäre wären, wenn sie ihre Yuan in Dollar umtauschten. Yun Li ist nicht sein richtiger Name. Es ist besser, man fällt in diesem Obrigkeitsstaat nicht zu sehr auf - auch nicht in der ausländischen Presse, die das Außenministerium aufmerksam liest. »Politik ist mir egal, ich will nur Geld verdienen«, sagt Yun.
Er war einmal einer der schnellsten Schwimmer Chinas, gehörte zur Jugendmannschaft der Provinz Sichuan. Dort lernte er, dass man auch mit schmerzenden Muskelrissen zu Wettkämpfen antreten muss, wenn man Erfolg haben will. Mit 17 Jahren verließ er sein Elternhaus. Der Vater war Ingenieur in einem Kohlekraftwerk. Yun ging an die Sporthochschule in Peking. Nach dem Abschluss nahm er einen Job in einer Werbeagentur an. Er wohnte am Stadtrand, brauchte zwei Stunden ins Büro, kam tief in der Nacht nach Hause. Das Geld reichte nicht zum Leben. Er hielt durch, wechselte durch alle Abteilungen. Vier Jahre später gründete er seine erste Firma. Er hat aus sich jemanden gemacht, der die Zähne zusammenbeißt, wenn es wehtut, der nie eine Chance verpasst. [...]

Georg Blume / Jörg Burger, "Die China-Kracher", in: Die Zeit Nr. 51 vom 9. Dezember 2004




Wachsende Ungleichheiten

Die neue soziale Differenzierung ist Ergebnis des Übergangs zu marktwirtschaftlichen Strukturen und den damit verbundenen Gewinnmöglichkeiten. Wachsende gesellschaftliche Arbeitsteilung, das Nutzen von Marktchancen und Marktlücken, die Möglichkeiten, die privates Unternehmertum bietet, aber auch illegale Tätigkeiten und Korruption sind die Ursachen für wachsende soziale Ungleichheit und gewaltige Einkommensunterschiede.

Entwicklung des Einkommens in Land und Stadt.Entwicklung des Einkommens in Land und Stadt.
Diese zeigen sich vor allem zwischen Stadt und Land, aber auch innerhalb der urbanen und ländlichen Schichten. Betrug die Einkommensdifferenz zwischen den 20 Prozent der Bevölkerung mit höchstem und den 20 Prozent mit niedrigstem Einkommen 1990 noch etwa das Vierfache, so belief sie sich 2004 bereits auf fast das 13fache. 1990 hatten die 20 Prozent Haushalte mit niedrigsten Einkommen noch einen Anteil von neun Prozent am Gesamteinkommen, 1998 nur noch von 5,5. Umgekehrt stieg der Anteil der 20 Prozent Haushalte mit den höchsten Einkommen im gleichen Zeitraum von 39 Prozent des Gesamteinkommens auf etwa 52 und überstieg 2003 sogar die 80-Prozent-Grenze. Da ein Großteil der Einkommen statistisch nicht erfasst ist, sind die Einkommensunterschiede in der Realität noch wesentlich größer als statistisch ausgewiesen.

Die wachsende Ungleichheit schlägt sich auch im Bewusstsein der Bevölkerung nieder. Chinesische Umfragen in verschiedenen Städten im Jahre 2003 haben ergeben, dass lediglich 1,5 Prozent der Befragten der Meinung waren, die Reformen hätten sich positiv für die Arbeiterschaft ausgewirkt. 59 bzw. 55 Prozent vertraten die Ansicht, sie hätten hauptsächlich den Funktionären bzw. den Privatunternehmern Vorteile gebracht. Auch unter den städtischen Arbeitern ist der Unmut in den letzten Jahren gewachsen. Ein Grund ist die soziale und materielle Unsicherheit vor allem in den alten Industrieregionen, in denen ein Großteil der Staatsunternehmen zusammengebrochen oder zahlungsunfähig ist. Bei vielen, die offiziell als "von ihrem Posten Freigestellte" bezeichnet werden, handelt es sich tatsächlich um Arbeitslose ohne jegliche materielle Versorgung. So muss der Staat sich zunehmend mit Ausbrüchen sozialer Frustration und Kriminalität auseinander setzen.



 

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