Volksrepublik China
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Ethnische Minderheiten


2.3.2006
Die ethnischen Minderheiten siedeln vorwiegend im unterentwickelten Westteil Chinas. Sie genießen keine echte Autonomie. Die auch zahlenmäßige Dominanz der Han-Chinesen provoziert vereinzelt Widerstand, mehrheitlich jedoch Anpassung.

Eine uigurische Frau mit Kind passiert ein zerstörtes Auto in der Regionshauptstadt Ürümqi (15.07.2009).Eine uigurische Frau mit Kind passiert ein zerstörtes Auto in der Regionshauptstadt Ürümqi (15.07.2009). (© picture-alliance/AP)

Einleitung



Die chinesische Gesellschaft ist auf den ersten Blick ethnisch sehr homogen. Mehr als 90 Prozent der Bevölkerung werden zu den Han-Chinesen gezählt. Darüber hinaus gibt es nach offizieller Zählung 55 nationale Minderheiten. Sie machten laut der Volkszählung des Jahres 2000 mit 106 Millionen Menschen zwar nur 8,4 Prozent der Bevölkerung aus, aber die von ihnen bewohnten "autonomen" Regionen umfassen nahezu zwei Drittel der Gesamtfläche des Landes. Vielfach bilden allerdings die Chinesen, die sich selbst als Han bezeichnen, auch dort die Bevölkerungsmehrheit.

Allerdings muss die Homogenität dieser Han in Frage gestellt werden. Sie sind Ergebnis der Vermischung unterschiedlicher Völker im Laufe der Geschichte; dazu zählen auch Gruppen, die erhebliche Unterschiede hinsichtlich der Sprache, der Kleidung, der Sitten und Bräuche oder der Lebensweise aufweisen wie beispielsweise die Hakka, die Kantonesen und die Bewohner von Fujian.

Quellentext

Sprachen in China

Ein Pekinger in Schanghai kann sich völlig verloren und ratlos vorkommen. Auf die einfache Frage nach einem Buchladen etwa bekommt er einen Schwall von Worten zur Antwort, den er nicht versteht - der Antwortende hat nämlich in seiner Muttersprache Chinesisch mit ihm gesprochen. Schanghaier Chinesisch. Das aber ist eine eigene Sprache. Sie heißt nach einem früheren Teilstaat Wu und wird von rund 77 Millionen Menschen gesprochen.
Es gibt in der Volksrepublik noch acht weitere Sprachen, die alle im weitesten Sinne zum Chinesischen gehören, untereinander aber so wenig verständlich sind wie Deutsch, Englisch und Dänisch. Dazu haben über fünfzig nationale Minderheiten eigene Sprachen, die mit dem Chinesischen überhaupt nichts zu tun haben. Uiguren aus Xinjiang können sich mit Türken wenigstens radebrechend verständigen, Chinesisch ist für sie eine völlig fremde Sprache.
Beifanghua, Nordchinesisch, mit rund 900 Millionen Sprechern, ist unter den chinesischen Sprachen die verbreitetste; die lokalen Dialekte, die zu drei Hauptgruppen gehören, unterscheiden sich aber mindestens so wie das Alemannische vom Hochdeutschen des Nordens. Yue (Kantonesisch) sprechen 80 Millionen; Xiang, Hakka (Kejia), Gan, Jin, Min und Xiang haben jeweils zwischen 20 und 45 Millionen Sprecher. [...]
Die Hochsprache, im Westen Mandarin genannt, beruht auf dem Pekinger Dialekt, ist mit diesem aber nicht identisch. Sie wird in Fernsehen und Rundfunk popularisiert; und in den Schulen wird sie allgemein gelehrt. Das bedeutet, dass Schulkinder außerhalb des engeren Verbreitungsgebiets des Idioms, den sie von Eltern, Großeltern, Geschwistern und Freunden gelernt haben und den sie im Alltag auch immer weiter sprechen, in der Schule von vornherein einen anderen Dialekt oder Hochchinesisch wie eine Fremdsprache lernen müssen. In vielen ländlichen Regionen beherrschen aber auch die Lehrerinnen und Lehrer die Hochsprache nicht gut genug. Für viele Politiker wenigstens der ersten Jahre nach 1949, nach der Gründung der Volksrepublik, galt das auch. Mao Zedong hat Xiang gesprochen, Hochchinesisch aber wohl nur mit bewusster Anstrengung und starkem Akzent. [...]
Die Schrift ist aber für alle chinesischen Sprachen und Dialekte (nicht für die Sprachen der anerkannten Minderheiten) gleich. Es ist eine ideographische Schrift, die nicht die Aussprache, sondern den Sinn festhält. Um sich schriftlich auszudrücken oder eine Zeitung zu lesen, muss man mindestens 3000, eher wohl 5000 Zeichen kennen. Das Zehnfache wenigstens braucht, wer - vor allem ältere - literarische Texte und wissenschaftliche Werke lesen will. Das setzt eine erhebliche Lernanstrengung voraus.
Dass nach internationalen Angaben ein hoher Prozentsatz aller Chinesinnen und Chinesen (Änd. d. Red.) als des Lesens und Schreibens mächtig gelten, ist eine bedeutende zivilisatorische Leistung. Sie führt jedoch nicht automatisch zur Verbreitung des Hochchinesischen; die Schriftzeichen lassen sich ja in der regionalen Sprache lesen. Für die Hochsprache gibt es mehrere Systeme, die sie in Alphabetschriften wiedergeben. [...] International hat sich die Pekinger Pinyin-Umschrift durchgesetzt.
An einem grundsätzlichen Mangel leiden alle: Sie sind nicht eindeutig, da es im gesprochenen Chinesisch eine Unmenge gleichlautender Wörter gibt. Die Schriftzeichen hingegen sind eindeutig und im Computer darstellbar. Problemlos in der abgekürzten Form, die in der Volksrepublik gilt, und ebenso in der alten Langform, die auf Taiwan gilt.

Karl Grobe, "Sprachen in China", in: Frankfurter Rundschau vom 15. November 2005


Auf Grund einer 2000-jährigen weitgehenden Kontinuität der chinesischen Zentralgewalt und Kultur prägen traditionale Vorstellungen bis heute die Verhaltensweisen gegenüber den nichtchinesischen Völkern. Das kaiserliche China verstand sich als kultureller Mittelpunkt der Welt. Die Ackerbau treibenden Han verachteten bereits in früher Zeit die sie umgebenden Nomaden- und Jägervölker, die ihnen kulturell und technologisch unterlegen waren.

Der Konfuzianismus, die staatstragende Ideologie über die Jahrhunderte hinweg, bildete das ideologische Fundament der Verachtung der "Barbaren". Gleichwohl war der Konfuzianismus nicht auf die Vernichtung dieser Völker aus, sondern verlangte ihre Unterordnung unter den Kaiser sowie die Einordnung in das Gesamtgefüge des chinesischen Reiches. Der Sinologe Wolfgang Franke schrieb: "Auch ein Barbar konnte chinesischer Kaiser werden, aber nur durch das Sicheinfügen in das chinesische System und durch weitgehende Aufgabe seiner Eigenart". Dem Konfuzianismus fehlte der missionarische Aktivismus, der das europäische Christentum auszeichnete. Er bot eine gewisse Akzeptanz anderer Kulturen, auch wenn diese Akzeptanz nicht mit dem Gedanken der Gleichheit oder Gleichberechtigung verbunden war.

In der chinesischen Nationalitätenpolitik werden Eigenarten wie Sprache, Schrift und Brauchtum zum Teil durchaus toleriert oder gefördert. Bei Geburtenplanung und Zugang zu höherer Bildung gibt es Sonderquoten für Angehörige ethnischer Minderheiten. Die Assimilation erfolgt vielmehr auf "konfuzianischem" Weg: über die Massenansiedlung von Han-Chinesen, die Durchdringung mit han-chinesischer Bildung und Kultur, die Einbindung in die von Han dominierten Partei- und Staatsstrukturen, das Verbot von "ungesunden" Sitten und Bräuchen, die nicht der Moral der Han entsprechen, Eingriffe in Religion, "Modernisierung" und Angleichung.




 

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