Volksrepublik China

Rolle der kulturellen Tradition


2.3.2006
Die traditionelle Kultur wird im modernen China ausdrücklich gefördert, um den nationalen Zusammenhalt zu stärken und gesellschaftlich erwünschte Werte zu vermitteln. Dennoch hat sie durch die Kulturrevolution Schaden erlitten.

Die Peking-Oper steht für die traditionelle chinesische Musik.Die Peking-Oper steht für die traditionelle chinesische Musik. (© AP)

Einleitung



Die traditionelle Kultur hat für die VR China seit ihrer Gründung 1949 eine viel größere Rolle gespielt, als man dies bei einem sozialistischen Staat eigentlich erwarten sollte. Die Gründer der Kommunistischen Partei Chinas entstammten zum großen Teil einer Intellektuellenschicht, die noch in der Zeit des ausgehenden Kaiserreiches ihre erste Ausbildung erhalten hatte. Obwohl sie an den jungen Universitäten des Landes, aber auch über Zeitungen mit westlicher Philosophie vor allem angelsächsischer und amerikanischer Herkunft in Berührung gekommen waren, war ihre früheste Erziehung noch traditionell chinesisch geprägt. Zwar wurde die Epoche, in der die Grundlagen dieser Erziehung entstanden waren, in kommunistischen Kreisen schon bald als "feudalistisch" gebrandmarkt. Dennoch setzte in einem gegenläufigen Trend eine Rückbesinnung auf die eigene Tradition ein: Die Machtübernahme der Kommunistischen Partei war einhergegangen mit dem Abzug der europäischen und amerikanischen Kolonialmächte, deren Einfluss ohnehin als eine Beleidigung des chinesischen Selbstbewusstseins gegolten hatte. Zudem hatte sich Europa durch zwei Weltkriege mit verheerenden Folgen als Vorbild selbst diskreditiert. Wie in Korea, Japan oder Vietnam auch, so bildeten sich innerhalb der chinesischen Elite zwei Pole. Auf der einen Seite standen die Modernisierer, welche die kulturelle Tradition als verknöchert ansahen und sie als Hindernis für den Aufbau einer starken Nation bewerteten. Auf der anderen Seite standen die Traditionalisten, die eine Rückbesinnung auf die eigenen Stärken für notwendig hielten, um der westlichen Übermacht etwas entgegensetzen zu können.

Diese gegensätzlichen Positionen haben die Geschichte der letzten fünfzig Jahre in China geprägt. Zwar haben die Säuberungsaktionen zu Anfang der 1950er Jahre, denen mehrere Millionen Angehörige der landbesitzenden Elite zum Opfer gefallen sein sollen, wie auch die Verfolgungen, die der "Hundert-Blumen-Kampagne" 1957, dem "Großen Sprung nach vorn"(1958 bis 1960) oder der so genannten Kulturrevolution (1966 bis 1976) folgten, die Intellektuellen nachhaltig verschreckt. Es hat jedoch nach jeder Kampagne die Zeit einer Gegenbewegung gegeben, in der die kulturelle Tradition Chinas ausführlich diskutiert und neu bewertet wurde.

Von 1966 bis zum Tod Maos 1976 setzte die Kulturrevolution allerdings eine einschneidende Zäsur: Mehrere Jahre lang durften Zeitschriften wie "Forschungen zur Philosophie" (Zhexue yanjiu), "Forschungen zur Geschichte" (Lishi yanjiu) oder die wichtigsten Organe der chinesischen Archäologie nicht erscheinen, Studierende und Professoren mussten Landarbeit leisten. Die ehemals beliebten Formen des Theaters, die Pekingoper und das klassische Singspiel, wurden eingestellt, als volkstümlich geltende Religionen verfolgt. Buddhistische und daoistische Tempel hatten ihre Pforten zu schließen, Mönche wurden in den Laienstand versetzt. Das Regime der KPCh wollte eine allgemeine sozialistische Nationalkultur einführen, die zwar auch mit traditionellen Versatzstücken arbeitete - Mao Zedong selbst hat den Wert der traditionellen Kultur immer wieder betont -, sich aber gleichzeitig stark auf russische und westeuropäische Elemente stützte. Durch ihre lange Dauer und die erheblichen Auswirkungen aufdie Gesellschaft ist die Kulturrevolution für das heutige chinesische Verständnis von traditioneller Kultur wichtiger als jedes andere Ereignis der jüngeren Geschichte. In China ist eine ganze Generation, der größte Teil der heute lebenden Chinesen, durch die Ereignisse der Kulturrevolution entscheidend geprägt worden. Auch wenn sich viele Chinesen selbst dessen nicht bewusst sind, trägt die heutige Massenkultur Züge, die auf diese Epoche zurückgehen.

In den 1980er Jahren begann China sich wieder kulturell zu öffnen. In den Jahren vor dem Massaker auf dem Tian'anmen Platz 1989 konnte sich vor allem in den Wirtschaftsmetropolen des Landes zeitweilig eine prowestliche Haltung durchsetzen. Die junge Elite sah im Theater Stücke von Tennessee Williams, nicht mehr die alten Opern, in den wiedereröffneten Konzerthäusern hörte man Beethoven.

Die staatliche Propaganda pries indes seit Beginn der 1980er Jahre zuerst leise, in den vergangenen Jahren jedoch mit zunehmender Lautstärke, die Lehren des Konfuzius. Noch vor zwanzig Jahren verpönte konfuzianische Denker werden nun offiziell geehrt, ihre in den letzten 900 Jahren gebauten Wohnhäuser und Akademien werden restauriert bzw. neu errichtet. Tempel entstehen, in denen die ländliche Bevölkerung nationalen Kulturheroen Opfer darbringt und für den Erfolg ihrer Geschäfte oder ihrer Kinder betet. Volkstümliche Kulte sind in den 1980er Jahren massiv gefördert worden, wohl auch, weil sie die traditionelle Medizin wiederbelebt haben, die zumindest in den Großstädten lange als unmodern galt. Erst seit staatlicherseits der Eindruck entstand, dass - wie das Beispiel der Falungong-Bewegung eindrücklich zeigt - solche Gruppierungen ihm selbst die Loyalität der Bevölkerung streitig machen könnten, wird ihnen mit größerem Misstrauen begegnet..

Die Wiederbelebung der Tradition hängt auch mit dem wirtschaftlichen Erfolg zusammen, der Übel wie Gewaltkriminalität, Prostitution und Korruption in massiver Form ins Land zurückgebracht hat. Durch den Verweis auf traditionelle Kultur sollen Werte vermittelt werden, an denen es einer durch zahlreiche politische Kampagnen desillusionierten Bevölkerung ermangelt. Das Fernsehen stellt aufwändige Mammutproduktionen über einzelne Kaiser der letzten Dynastie her. Die längst kommerzialisierten Provinzfernsehsender zeigen Shows mit traditionellen Lokalopern. In Beijing wurde ein Themenpark für den wohl wichtigsten chinesischen Roman, den im 18. Jahrhundert verfassten "Traum der Roten Kammer", errichtet. Dieser Roman erfreut sich, ähnlich wie andere Meisterwerke der traditionellen schönen Literatur, ungebrochener Beliebtheit. Er erzählt vom Untergang einer wohlhabenden und mächtigen Adelsfamilie und bietet Einblicke in das Alltagsleben und in die Gesellschaft des kaiserlichen China. Jede Provinz hat mittlerweile eine nach den mythischen Kulturheroen "Flammenkaiser" und "Gelber Kaiser" benannte Kadergesellschaft, die für die Pflege des lokalen kulturellen Erbes zuständig ist.

Die Archäologie, die aufsehenerregende Entdeckungen vorzuweisen hat, ist zu einer Legitimationswissenschaft geworden, die viel Geld für Projekte erhält, die das nationale Prestige heben. So stellte der chinesische Staat, um die für den Stolz des Landes so wichtige Nationalgeschichte um einige hundert Jahre zu verlängern, vor einigen Jahren Millionensummen dafür bereit, dass die führenden Archäologen des Landes die Existenz der frühesten in schriftlichen Zeugnissen erwähnten Dynastien Chinas beweisen konnten - sie wird von den meisten westlichen Spezialisten in Frage gestellt.

Auch weil sich für das 21. Jahrhundert eine scharfe Konkurrenz zwischen China und den USA anbahnt und die chinesische Führung dem westlichen Modell etwas entgegensetzen will, findet heute eine Identitätskonstruktion gigantischen Ausmaßes statt. Viele der wieder errichteten Tempel, Statuen und Ahnenhallen sind ihrer künstlerischen Gestaltung nach Phantasieprodukte einer Generation, die nicht mehr weiß, wie sie früher aussahen.

Die Jugend beobachtet diese Anstrengungen mit eher voyeuristischer Neugier. Sie findet ihr größtes Vergnügen nicht in der traditionellen Kultur, sondern in den zahlreichen Karaoke-Bars, die vorwiegend eine Mischung aus Kulturrevolutionsmusik, Chinapop und Beatles bieten.

Die Hinwendung zur Tradition zeigt sich dagegen am deutlichsten in der massiven Zunahme der Volksreligiosität und in akademischen Kreisen. Letztere bemühen sich, nach einer langen Zeit, in der das einfache Memorieren der kanonischen Tradition das wichtigste Mittel für sozialen und beruflichen Aufstieg war, das Erbe nun verstärkt auch analytisch zu durchdringen.

Die wichtigsten Romanautoren schreiben mittlerweile über die Probleme der modernen städtischen Gesellschaft. Filmregisseure, wie der auch im Westen sehr erfolgreiche Zhang Yimou, greifen zwar Themen der chinesischen Vergangenheit auf, doch sprechen sie eigentlich auch damit über die Gegenwart. Rockmusiker wie die Gruppe "Tang-Dynastie" spielen mit ihrem Namen auf die Tradition an, doch ihre Musik ist westlich geprägt.

Quellentext

Akt des Festhaltens - Kino in China

[...] Dass das chinesische Kino mehr ist als eine Mischung aus großer Oper und linker Agitation, ja dass in China ein völlig neues Kino im Entstehen war, das opulente Bilder und episches Erzählen mit einem politischem Anliegen verband - diese Erkenntnis schoss 1988 wie eine kulturästhetische Leuchtrakete ins westliche Bewusstsein: Durch den Berlinale-Gewinn von Zhang Yimous "Das rote Kornfeld" wurde die fünfte Generation chinesischer Filmemacher mit einem Schlag bekannt. Genau wie sein Kollege Chen Kaige, dessen Film "Lebewohl, meine Konkubine" 1993 in Cannes die Goldene Palme gewann, gehört Zhang zur einer Gruppe von Regisseuren, die in ihrer Jugend überzeugt an der Kulturrevolution teilnahmen, deren Zerstörungen inzwischen jedoch kritisch und vor allem selbstkritisch sahen. In "Rotes Kornfeld" dokumentierte Zhang die jahrtausendealten ländlichen Bräuche und Traditionen, die er als junger Rotgardist vernichten half. In "Lebewohl, meine Konkubine", einem Film über zwei Darsteller der Peking Oper, stellte sich Chen Kaige dem eigenen Versagen angesichts der kommunistischen Indoktrination: dem Verrat am eigenen Vater.
Inzwischen befinden sich Chen Kaiges und Zhang Yimous stilisierte Bildwelten in Gesellschaft von jüngeren Regisseuren, ungefilterten Blicken und unaufwendiger erzählten Geschichten, doch allen gemeinsam ist der Drang, sich den historischen Verwerfungen und schockartigen sozialen Umbrüchen des eigenen Landes zu stellen.[...]
Dass es in China auch ein unabhängiges Kino gibt, das von unten auf die Verhältnisse blickt und sich unerschrocken noch in die härtesten Alltagsgeschichten stürzt, bewies 1998 ein bewegender kleiner Film, der im Forum der Berlinale lief und dort ungeheure Wirkung zeigte. Jia Zhang Kes Film "Xiao wu" folgt dem Schicksal eines Taschendiebes in der Provinz Shanxi. Es ist ein Leben zwischen kleinen Coups und illegalen Bordellbesuchen, kriminellen Ausbruchsträumen und den autoritären Ritualen einer Regierung, die die Verbrecher über Lautsprecher auffordert, sich freiwillig zu stellen. [...]
Inzwischen gehört Jia Zhang Ke zu den wichtigen chinesischen Regisseuren. Alle seine Filme erzählen von den Sehnsüchten der so genannten kleinen Leute, ihrer Suche nach Glück, ihrer Verlorenheit in einer Übergangsgesellschaft, die sich jeden Tag von neuem selbst zu überholen scheint. [...] Immer wieder widmet sich das junge chinesische Kino den Driftern, Suchern und Wanderern, die vom Rande auf die grellen Versprechungen der Warenwelt blicken, ihr eigenes Dasein jedoch in postkommunistischer Tristesse fristen. In Nin Yings Film "I love Bejing" wird ein einfacher Taxifahrer zum Helden eines Films, der die chinesische Hauptstadt als Megametropole des 21. Jahrhunderts schildert. Vorbei an Hochhausskeletten und lichtlosen Geisterstädten führen die Fahrten zu teuren Hotelbars, in denen die westlichen Absahner ihre Dollars verzechen. Aus dem Nebeneinander von Hochfrequenzkapitalismus und Pfennigsuppen, nackter Armut und den schrillen Handygesprächen der Boom-Gewinnler entsteht der eigentümliche, auch extreme Reiz dieses Films.
Und während die einen betrachten, wie die neue Wirtschaftsform ihre eigenen Städte formt, schauen die anderen, wie die alte in der Provinz zusammenbricht. Mit existenzialistischer Härte erzählt "Blinder Schacht" von Li Yang von den Zuständen in den chinesischen Kohlegruben, die manchmal, wenn wieder ein Stollen einstürzt, als Nachricht in die westlichen Medien gelangen.
[...] Ein Jahrhundert-Unternehmen, vielleicht der bisher beste Dokumentarfilm über Arbeiten und Leben im Industriezeitalter, ist Wang Bings Film "Tiexi District". Fünf Stunden lang filmt der Autor den Alltag in der chinesischen Schwerindustriestadt Tiexi. Er folgt den Arbeitern in die Höllenschlünde der rostigen, permanent von Unfällen lahm gelegten Hochöfen. Er begleitet die Arbeiter frühmorgens in den Schichtdienst, bis in die Waschräume und nach Hause zu ihren Familien. Er zeigt den Niedergang der Stahlregion, die Schließung und den Verfall der Fabriken. Einmal, beim Frühstück, erfährt man nebenbei, dass allein in Tiexi zehntausend Menschen ihre Arbeit verloren haben. [...]Vielleicht ist der chinesische Film zurzeit so ungemein lebendig, weil er permanent von verschwindenden Lebensweisen, aber auch von neuen Versprechungen und Identitäten erzählt. Womöglich filmt und dokumentiert man anders, einfach existenzieller, wenn ein Land von den Zeitläuften überrollt wird und Kinomachen buchstäblich ein Akt des Festhaltens ist. [...]

Katja Nicodemus, "Suchende vor dem Objektiv", in: Die Zeit Nr. 25 vom 16. Juni 2005


Natürlich gibt es Enklaven, zum Beispiel in der Religion, in denen die alte Tradition wieder auflebt. Insgesamt gilt jedoch: Auf die Tradition wird zwar immer wieder positiv verwiesen, doch an sie kann nicht wirklich angeknüpft werden - dazu waren die Brüche des 20. Jahrhunderts zu stark.




 

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