Frankreich

Editorial

10.3.2005
Im Zentrum der Darstellung steht das Frankreich der Gegenwart. Dabei werden die Entwicklungen aufgezeigt, die in Wirtschaft, Gesellschaft, Politik und Außenbeziehungen seit 1945 vollzogen wurden.

Christine HesseChristine Hesse
Frankreich ist Deutschlands engster Verbündeter in Europa. Dies ist das Ergebnis eines beispiellosen Prozesses wechselseitiger Annäherung in den nunmehr 60 Jahren, die seit Ende des Zweiten Weltkrieges vergangen sind. Die "Erbfeindschaft", die seit dem Krieg von 1870/71 bestanden hatte, gehört seitdem der Vergangenheit an.

Regelmäßige Konsultationen und Arbeitstreffen auf politischer Ebene sind längst zur Alltagsrealität geworden. Austausch- und Sprachprogramme für Jugendliche im Rahmen des Deutsch-Französischen Jugendwerkes, Städtepartnerschaften und Kooperationen in den grenznahen Bereichen sorgen dafür, dass auch die Bürgerinnen und Bürger beider Länder persönliche Kontakte knüpfen können.

Frankreich ist zudem nach wie vor ein beliebtes Reiseland für seine deutschen Nachbarn, und besonders in Südfrankreich nehmen inzwischen immer mehr deutsche Liebhaber französischer Lebensart ihren ständigen Wohnsitz. "Frankreich lieben, heißt für etwas zu schwärmen, das so zu sein scheint wie das Glück, von dem man träumt." (Ulrich Wickert)

Diesseits und jenseits der Grenze gibt es aber auch ähnliche wirtschaftliche Schwierigkeiten, so etwa die Verschuldung des öffentlichen Sektors (in Frankreich 64,9 und in Deutschland 65,9 Prozent des BIP im Jahr 2004), die Arbeitslosenrate (in Frankreich 9,6 und in Deutschland 9,9 Prozent im August 2004) und grundlegende strukturelle Probleme, etwa im Renten- und Gesundheitssystem, die noch der Lösung harren - auch Frankreich ist von einem "Reformstau" betroffen.

So viele Gemeinsamkeiten verstellen gelegentlich den Blick auf die Besonderheiten unseres Nachbarlandes, die für sein Verständnis jedoch konstitutiv sind.

Zwar sorgt die Mitgliedschaft in der Europäischen Union für einen stetigen Angleichungsprozess beider Staaten: Sie unterliegen gleichermaßen den EU-Rahmenrichtlinien und ihre Geldpolitik wird durch die Europäische Zentralbank bestimmt. Doch während Deutschland bislang dem Integrationsprozess meist positiv gegenüberstand, stößt die Preisgabe nationaler Souveränitätsrechte in Frankreich - auch wenn es oftmals Motor der Integration war - auf weitaus größeren Widerstand.

Ein Schlüssel zu diesem Widerstreben liegt im weitgehend ungebrochenen Stolz auf die eigene nationale Geschichte und den kulturellen Beitrag des Landes zu den Ideen der Demokratie und der Aufklärung: "Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit" waren die maßgeblichen Werte der französischen Revolution und bestimmen noch heute ein spezifisches republikanisches Staatsverständnis, das möglichst von allen citoyens geteilt werden soll.

Charakteristisch für Frankreich sind ferner die enge Verflechtung staatlicher und wirtschaftlicher Eliten, deren Stellung außer Frage steht, sowie die allgemeine Wertschätzung des öffentlichen Sektors und - nicht zuletzt - der Anspruch auf kulturelle, politische und militärische Weltgeltung, der sich zuweilen schmerzhaft an den begrenzten Möglichkeiten einer europäischen Mittelmacht reibt.

Dieses Heft legt den Schwerpunkt auf die Darstellung des modernen Frankreich und zeigt die Entwicklungen auf, die in Wirtschaft, Gesellschaft, Politik und Außenbeziehungen seit 1945 vollzogen wurden. Damit soll es dazu beitragen, unser Nachbarland aus neuen Blickwinkeln kennen zu lernen.



 

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