Frankreich
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Unser Nachbar Frankreich


10.3.2005
Nach 1945 haben sich die deutsch-französischen Beziehungen grundlegend gewandelt. Kooperation und fortschreitende Angleichung im Rahmen der europäischen Integration bestimmen den Alltag. Dennoch bleiben zum Teil historisch begründbare Unterschiede.

Die Außenminister von sechs beteiligten Nationen unterschrieben das berühmte Schumanplan-Abkommen in Paris am 18. April 1951. Das Abkommen markiert einen wichtigen Schritt für die westeuropäische Zusammenarbeit für ökonomische Aspekte und militärische Konsolidierung. Es soll die Errichtung einer gemeinsamen Koordinations- und Kontrollbehörde für die Stahl - und Kohleproduktion für die nächsten 50 Jahre der beteiligten Länder, Frankreich, Westdeutschland, Belgien, die Niederlande, Luxemburg und Italien zusammenfassen. Ebenso wichtig war die vorgebrachte Resolution für eine politische europäische Einheit, die auf das Gerüst des Schumanplans aufbaut. Die anderen europäischen Länder wurden aufgerufen sich ebenfalls anzuschließen. Der Schumanplan, vorgeschlagen von Robert Schuman, basiert auf  den Planungen von Jean Monnet, dem französischen Oberkommissar für Wirtschaftsplanung. Um den Tisch versammelt haben sich nach dem Unterzeichnen des Schumanplans von links nach rechts: Paul van Zeeland (Belgien), Joseph Bech (Luxemburg), Joseph Meurice (Belgien) Graf Carlo Sforza (Italien), Robert Schuman (Frankreich), Konrad Adenauer (Westdeutschland), Dirk Stikker und Jan van den Brink (Niederlande).Die Unterzeichnung des Schumanplans 1951 nach dem Zweiten Weltkrieg findet u.a. mit den Außenministern Frankreichs und Deutschlands statt: Paul van Zeeland (Belgien), Joseph Bech (Luxemburg), Joseph Meurice (Belgien) Graf Carlo Sforza (Italien), Robert Schuman (Frankreich), Konrad Adenauer (Westdeutschland), Dirk Stikker und Jan van den Brink (Niederlande) (v.l.n.r.). (© AP)

Einleitung



Eine wechselvolle, tausendjährige Geschichte verbindet die Deutschen mit ihrem Nachbarland. Deutschland und Frankreich entstanden aus einem gemeinsamen Territorium, dem Frankenreich Karls des Großen, das von 800 bis 843 bestand. Erst nach dem Zerfall dieses Reiches bildeten sich Gebiete mit deutlich unterschiedenem Sprach- und Lebensraum heraus: im Westen ein überwiegend romanischer, im Osten ein vorwiegend germanischer. Deshalb urteilt der Historiker Karl Ferdinand Werner: "Wenn jemals in der Weltgeschichte, so kann man in diesem Fall von zwei großen Nachbarnationen sagen, sie seien ihrer Herkunft nach, Geschwister'." Die folgenden Jahrhunderte waren meist von friedlicher Nachbarschaft, von fruchtbarem kulturellem Austausch und von Kooperation, aber auch von Gegensätzen bestimmt. Vor allem im 19. und 20. Jahrhundert waren die Beziehungen oft durch Feindseligkeit, Konfrontation und drei mörderische Kriege - den deutsch-französischen Krieg 1870/71, den Ersten und Zweiten Weltkrieg - gekennzeichnet.

Nach 1945 vollzog sich ein grundlegender Wandel. Es hat eine historisch einmalige und beispielhafte Bedeutung, wie zwei einstmals verfeindete Völker sich aussöhnen und zu einer engen politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Partnerschaft in Europa finden konnten. "Die Vereinigung der europäischen Nationen erfordert, dass der jahrhundertealte Gegensatz zwischen Frankreich und Deutschland ausgelöscht wird", verlangte der französische Außenminister Robert Schuman 1950. Daraus entstand 1952 die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) als Vorläuferin der 1957 gegründeten EWG, der heutigen Europäischen Union.

Seit jenen Gründungstagen haben Frankreich und Deutschland, auch im Wissen um die Vergangenheit und ihre besondere Verantwortung, allmählich eine vertrauensvolle und erfolgreiche Zusammenarbeit im Rahmen der europäischen Einigung entwickelt.

Heute ist Frankreich unser wichtigstes Partnerland in Europa. Dies gilt für die intensiven wirtschaftlichen Beziehungen, für die enge politische Zusammenarbeit, aber auch für die kulturellen und gesellschaftlichen Kontakte: Nirgendwo gibt es ein derart dichtes Netz an Partnerschaften zwischen Gemeinden und Städten, Schulen und Hochschulen, Vereinen und Verbänden wie zwischen Frankreich und Deutschland, nirgendwo sonst umfasst dieses Netz viele Tausende von Menschen, die diese Partnerschaft tagtäglich mit Leben erfüllen.

Quellentext

Eurodistrikt Straßburg-Kehl

Immer mehr Franzosen aus Straßburg und Umgebung entschließen sich zum Umzug über die Grenze hinweg nach Kehl am Rhein. [...] Bereits mehr als tausend der 34000 Kehler sind Gemeindemitglieder mit französischer Staatsbürgerschaft. [...] "Inzwischen können wir einander akzeptieren und verstehen", berichtet der Polizist Bernd Belle über den Alltag im deutsch-französischen Polizeizent-rum nahe der Europa-Brücke. "Wir haben gelernt, einander zu vertrauen." [...] Gemeinsam ringen sie mit den unterschiedlichen nationalen Rechtsordnungen, immer wieder aber finden sie Brücken, sagen sie; [...].
Noch immer zieht es in der Grenzregion mehr Deutsche ins Elsaß als Franzosen auf die badische Seite des Rheins, was nicht zuletzt mit der höheren Einkommensteuerbelastung in Deutschland zu tun hat. [...]
Es gibt auch deutsch-französische Sorgen am Rhein. Nach der ersten Regionalkonferenz der beiden Länder im vergangenen Herbst in Poitiers war von "le Ruck franco-allemand" und dem Ziel einer Verdoppelung der deutsch-französischen Sprachkompetenz die Rede - denn eine sprachlose Beziehung, hieß es, könne nicht dauerhaft belastbar sein. In Wirklichkeit aber hapert es mehr denn je an der Sprach- und Verständigungsfähigkeit der Partner. Lernten vor wenigen Jahren 35 Prozent der Schüler in Frankreich die deutsche Sprache, so sind es heute noch 15 Prozent, mit der Tendenz: weiter fallend. Die Schulpartnerschaften, ehedem eine der großen deutsch-französischen Hoffnungen, darben. Der Austausch zwischen den Freunden stockt.
Deutsch-französische Nachrichten von der Grenze: Ein rheinüberquerender Verkehrsverbund, eine engere Kooperation der deutschen und der französischen Verwaltungen, einheitliche Post- und Telefontarife und ein gemeinsamer Arbeitskräftemarkt sollen den Alltag prägen. All dies hat den hohen politischen Segen. Ihnen gehe es um die Stärkung der Zusammenarbeit zwischen deutschen und französischen Gebietskörperschaften, bekräftigten Bundeskanzler Schröder und Staatspräsident Chirac zum vierzigsten Jahrestag des Elysée-Vertrags. "Wir unterstützen die Schaffung eines Eurodistrikts Straßburg-Kehl". [...]
Inzwischen spürt man die Mühen; zäh gerungen wird um den Sitz des Verbands- und Distriktsekretariats. [...]
Bei der Terrorbekämpfung wollen Paris und Berlin noch enger zusammenarbeiten, wie Innenminister Schily und sein französischer Kollege es auf der Europa-Brücke versprachen. "Ganz prima" klappt es nach Auskunft des zuständigen Brigadegenerals Spindler mit dem Zusammenwirken in der Deutsch-Französischen Brigade. [...]
Von einer "neuen Normalität" ist die Rede, "man kann nicht jeden Tag Schlagbäume niederreißen". [...]

Dieter Wenz, "Ein neuer Ruck", in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 29. September 2004.


Natürlich muss sich die deutsch-französische Zusammenarbeit heute, nach der Erweiterung der Europäischen Union, neuen Aufgaben stellen. Sie muss bescheidener und ehrgeiziger zugleich werden: Bescheidener, weil in der EU der 25 zwei Staaten nicht den Anspruch erheben können, alleine den Weg für die Union zu weisen; das deutsch-französische Tandem muss sich öffnen. Ehrgeiziger, weil auch und gerade in der erweiterten EU die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen und kurzfristige nationale Interessen zugunsten tragfähiger europäischer Lösungen zurückzustellen, wichtiger denn je geworden ist. Hier haben beide Länder viel Erfahrung einzubringen; ihre Fähigkeit, unterschiedliche Standpunkte durch beharrliches gemeinsames Arbeiten zusammenzuführen, ist weiterhin gefragt. Ohne deutsch-französische Übereinstimmung ist auch in der erweiterten EU kein Fortschritt denkbar.

Wer ist aber unser Nachbar Frankreich? Er ist uns nah, er ist uns in vielerlei Hinsicht ähnlich; gleichzeitig ist er aber auch anders. Dies ist nur scheinbar ein Widerspruch. Beide Länder sind sich durch ein halbes Jahrhundert gemeinsamer Integration in Europa näher gekommen. Früher bestehende Unterschiede sind allmählich eingeebnet worden; beide Länder zählen heute zu der kleinen Gruppe westlicher, marktwirtschaftlich organisierter, hochentwickelter Demokratien. Beide haben derzeit auch ähnliche Probleme, ob es nun um die Alterung der Bevölkerung, den Reformbedarf in der Sozialen Sicherung oder die Überwindung der hohen Arbeitslosigkeit geht.

Prägende historische Erfahrungen

Dennoch bleiben Unterschiede. Auch wenn ihr Ausmaß deutlich geringer ist als früher, sind sie heute, wo beide Länder auf vielen Feldern eng zusammenarbeiten, stärker spürbar. Ob es sich um die Beamtenschaft der Ministerien handelt, um Ingenieure oder um Verantwortliche im Management, an Hochschulen, in Gemeinden und Kommunen: In der täglichen Praxis der Zusammenarbeit zeigen sich oft die kleinen, aber manchmal folgenreichen Andersartigkeiten, die den Partner, der doch in vielem so ähnlich ist, plötzlich fremd erscheinen lassen.

Dies liegt vor allem an historischen Erfahrungen, die das Denken und Handeln bis heute prägen. So ist die demokratische Kultur Frankreichs stark von der Revolution von 1789 geprägt worden und spätes-tens seit 1871 (III. Republik) ein fester Bestandteil des politischen Lebens. Frankreich ist eine der ältesten Demokratien auf unserem Kontinent; die Erklärung der Menschenrechte vom 26. August 1789 hat universelle Bedeutung für die Entstehung der modernen Demokratien und die weltweite Entfaltung der Menschenrechte erlangt.

Die Tradition des Zentralismus reicht sogar weit in die vorrevolutionäre Zeit des Ancien Régime zurück. Sie ist eng mit der Entstehung des französischen Nationalstaates verbunden. Denn der Prozess der nationalen Einigung Frankreichs vollzog sich im Wesentlichen, indem die Monarchie den territorialen Feudalgewalten die Autorität der zentralen königlichen Verwaltung gegenüberstellte und damit ihren Führungsanspruch schrittweise durchsetzte.

Der heutige zentralistische Staats- und Verwaltungsaufbau geht auf Napoleon Bonaparte (1799-1814) zurück und galt damals in Europa als vorbildlich. Er war ein wichtiges Mittel zur Durchsetzung der Demokratie im Lande und gilt bis heute als Garant des nationalen Zusammenhalts. Ebenfalls aus dieser Zeit stammt die Überzeugung, dass dem Volk und seinen gewählten Vertretern, also Regierung und Parlament, eindeutig der Vorrang gegenüber so genannten Zwischengewalten zukommt, die sich zwischen den einzelnen Bürger und den Staat schieben, wie zum Beispiel Verbände, Parteien oder Regionen. Bis heute ist die Stellung der Verbände in der Politik deutlich schwächer ausgebildet als in Deutschland.

Ferner kann Frankreich auf eine lange nationalstaatliche Tradition zurückblicken, das Verhältnis zur Nation ist ungebrochener als in Deutschland. Damit ist aber auch die Sichtweise auf die europäische Integration eine andere: Für Frankreich war stets klar, dass sie den Nationalstaat nicht ersetzen, sondern ihn ergänzen solle. Aus diesen und anderen, zum Beispiel wirtschaftlichen Gründen, fanden in Frankreich auch wiederholt härtere Auseinandersetzungen über den Fortschritt der europäischen Integration statt, weil der damit verbundene Verzicht auf nationale Souveränität von vielen politischen Kräften als problematisch angesehen wurde.

Auch aus der jüngeren Geschichte lassen sich bestimmte Eigenarten unseres Nachbarlandes herleiten. So war der Zweite Weltkrieg für Frankreich zunächst ein traumatisches und demütigendes Ereignis. Innerhalb von nur sechs Wochen wurde es im Mai/Juni 1940 von den Truppen der deutschen Wehrmacht überrannt. Ein Großteil des Landes geriet unter deutsche Besatzung, der Rest verblieb als Rumpfstaat unter Führung des Marschalls Philippe Pétain, der mit den Nationalsozialisten zusammenarbeitete (Kollaboration) und dessen Regierung ihren Sitz in Vichy hatte (Vichy-Regime). Gegen Besatzung und Kollaboration entwickelte sich ein von unterschiedlichen Gruppierungen getragener Widerstand (Résistance) im Inneren des Landes, aber auch in London, wo General Charles de Gaulle eine Exilregierung bildete. Dieser Widerstandsbewegung, ihrer Rolle bei der Befreiung Frankreichs 1944 und der Beharrlichkeit de Gaulles gegenüber den anderen Alliierten verdankt Frankreich, dass es nach Ende des Zweiten Weltkrieges als vierte Siegermacht neben den USA, der Sowjetunion und Großbritannien anerkannt wurde und einen Teil seines internationalen Einflusses zurückgewann. Gleichzeitig trug die Résistance dazu bei, das Trauma von 1940 zu überwinden und neues Selbstbewusstsein zu gewinnen. Die Erinnerung an Widerstand und Befreiung haben für das demokratische Nachkriegsfrankreich bis heute eine grund-legende Bedeutung. Daher fällt es der französischen Gesellschaft bis in die Gegenwart eher schwer, das Vichy-Regime und seine Verstrickung mit der Be-satzungsmacht sowie der nationalsozialistischen Politik aufzuarbeiten.




 

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