Frankreich
1 | 2 | 3 Pfeil rechts

Wirtschaftliche Modernisierung


10.3.2005
Frankreich hat seit 1945 eine ähnliche wirtschaftliche Entwicklung vollzogen wie seine europäischen Nachbarn, allerdings im Zeitraffer. Auf einen staatlich gelenkten Aufholprozess folgte eine Phase zunehmender Liberalisierung.

Die Schornsteine der Müllverbrennungsanlage von Ivry-sur-Seine.Die Schornsteine der Müllverbrennungsanlage von Ivry-sur-Seine. (© AP)

Einleitung



Die Besonderheit Frankreichs liegt darin, dass der Prozess des Strukturwandels einschneidender und manchmal auch dramatischer war als etwa in Deutschland. Die französische Wirtschaft durchlief in den vergangenen sechs Jahrzehnten einen tiefgreifenden Prozess der doppelten Modernisierung:
  • einen im Wesentlichen vom Staat gelenkten "Sprung in die Moderne" 1944-1974, mit dem Frankreich einen historischen Entwicklungsrückstand gegenüber seinen Nachbarn aufholen konnte,
  • sowie eine unter krisenhaften Bedingungen vollzogene und insofern auch kontrovers diskutierte durchgreifende Liberalisierung und internationale Öffnung der Wirtschaft seit 1983, mit der Frankreich Abschied von seiner staatslastigen Wirtschaftsordnung genommen hat, ohne indessen schon ein neues Wirtschafts- und Sozialmodell gefunden zu haben.

Reformimpulse "von oben" (1944-1974)



Frankreich stand, anders als Deutschland, nach 1945 nicht nur vor dem Problem des wirtschaftlichen Wiederaufbaues und der Beseitigung der Kriegsfolgen. Es hatte darüber hinaus auch ein Modernisierungsproblem: Die Industrialisierung war im 19. Jahrhundert ins Stocken geraten und hatte sich seitdem nur zögernd und in vielen Bereichen nicht vollständig durchgesetzt. Wirtschaft und Politik jener Zeit bevorzugten in erster Linie Stabilität und weniger - wie in den Nachbarländern - eine dynamische industrielle Entwicklung. Die Folge war eine jahrzehntelange Stagnation in der Bevölkerungsentwicklung, im Wirtschaftswachstum und in der Modernisierung von Landwirtschaft und Industrie.

Als Ergebnis dieser Entwicklungen war Frankreich in einen erheblichen industriellen Rückstand gegenüber seinen wichtigsten Nachbarn, Großbritannien und Deutschland, geraten. Noch 1945 war die Landwirtschaft der stärkste Sektor und beschäftigte mehr Menschen als die Industrie. Zu wenig Unternehmen hatten moderne Methoden der Produktion und der Unternehmensführung eingeführt. Für die Verantwortlichen in Politik, Verwaltung und Wirtschaft, die nach der Befreiung 1944 den Wiederaufbau in die Hand nahmen, war klar, dass Frankreich sich aus dieser Rückständigkeit befreien und seine Wirtschaft und Gesellschaft mit aller Kraft modernisieren musste. Es galt, in kurzer Zeit den Vorsprung der anderen aufzuholen und traditionelle, stark landwirtschaftlich geprägte Produktions- und Verhaltensweisen zu überwinden.

Wie aber sollte dieses umfangreiche Projekt gelingen? Während im westlichen Deutschland 1948 Ludwig Erhard sein Leitbild der "sozialen Marktwirtschaft" durchsetzte, die dem Markt Vorrang vor staatlichen Eingriffen gab, fiel die Grundentscheidung in Frankreich umgekehrt: Fast alle politischen Kräfte waren der Auffassung, dass die gewünschte Modernisierung nicht allein dem Markt und schon gar nicht den Unternehmen überlassen werden könne, die sich als mitverantwortlich für den wirtschaftlichen Rückstand erwiesen hatten. Daher wurde dem Staat und der Verwaltung eine führende Rolle als "Modernisierungsagentur" zugewiesen, wurden Wiederaufbau und Modernisierung entscheidend durch staatliche Impulse und Lenkungsmaßnahmen vorangetrieben. Einige Beispiele: Um die damals knappen Finanzmittel zielgerichtet einzusetzen, wurde eine Wirtschaftsplanung (Planification) mit einer kleinen Stabsbehörde, dem Plankommissariat an ihrer Spitze eingerichtet. Sie hatte nichts gemein mit der Planwirtschaft im kommunistischen Europa, sondern bestand in erster Linie aus einer mittelfristigen Finanz- und Investitionsplanung. So gab der erste Plan, nach seinem "Vater" Jean Monnet auch Monnet-Plan genannt, sechs Prioritäten vor, in denen besondere Engpässe bestanden und die für Wiederaufbau und Modernisierung vorrangig waren: Kohle, Elektrizität, Stahl, Zement, Verkehr sowie landwirtschaftliche Maschinen. Der Erfolg des Monnet-Planes ließ die Planification in den Augen vieler Franzosen zu einem Aushängeschild des französischen Weges der staatlich gelenkten Modernisierung werden - obwohl sie ab 1954 ständig an Bedeutung verlor und ihre wahre Rolle nunmehr eher in anderen Bereichen lag (und noch liegt): etwa als Ort des sozialen Dialogs oder als Prognose- und Beratungszentrum für die Regierung und die Öffentlichkeit.

Ein zweites Symbol für die staatliche Modernisierungspolitik war der verstaatlichte ("nationalisierte") Wirtschaftssektor. Zwischen 1944 und 1948 wurde ein beachtlicher Teil der Unternehmen unter öffentliche Kontrolle gestellt. Vor allem im Banken- und Versicherungssektor, der für die Finanzierung der Modernisierung von entscheidender Bedeutung war, wurde der allergrößte Teil der Unternehmen verstaatlicht. Auch die großen, für die wirtschaftliche Entwicklung ebenfalls lebensnotwendigen Bereiche der Infrastruktur Verkehr, Nachrichtenwesen und Energie übernahm der Staat. Dagegen blieben die Unternehmen in der Industrie bis auf wenige Ausnahmen wie Renault sowie die Flugzeugbauer SNIAS (Société Nationale Industrielle Aéronautique Spatiale) und SNECMA (Société Nationale d'Etudes et de Construction de Moteurs d'Avion) im privaten Besitz.

Der Beitrag der nationalisierten Unternehmen zur erfolgreichen Modernisierung des Landes ist unbestreitbar. Er trug mit dazu bei, dass die Franzosen bis Anfang der 1980er Jahre mehrheitlich der Meinung waren, verstaatlichte Unternehmen seien ein wirksames Mittel der Wirtschaftskraft und auch ein Instrument, wirtschaftliche Krisen zu bekämpfen. So ist es zu erklären, dass 1981 die sozialistische Regierung unter Präsident Mitterrand umfangreiche weitere Verstaatlichungen in der Industrie vornahm. Erst danach setzte ein Umschwung ein, der ab 1986 zu einer Privatisierungswelle führte.

Mit den Verstaatlichungen nach 1944 schlug auch die Geburtsstunde der großen öffentlichen netzgebundenen Dienstleistungsunternehmen in den oben erwähnten Infrastrukturbereichen: Zum service public zählen in erster Linie die Elektrizitätsgesellschaft EDF (Electricité de France), das Gasunternehmen GDF (Gaz de France), die Bahngesellschaft SNCF (Société Nationale des Chemins de Fer Français) sowie Post und Telefon (heute La Poste und France Télécom). Diese Unternehmen haben nicht nur einen erheblichen Beitrag zur Modernisierung der Infrastrukturen in Frankreich geleistet; sie galten - und gelten - auch als Garanten für den gleichen kostengünstigen Zugang aller Französinnen und Franzosen zu elementaren Dienstleistungen und darüber hinaus für eine wirtschaftliche Entwicklung aller, auch der ärmeren, französischen Regionen. Generell steht der service public für eine Wirtschaftsordnung, die nicht alles den Marktkräften überlässt. Deshalb sind die gegenwärtig diskutierten, durch den EU-Binnenmarkt vorgegebenen Reformen, die die früheren staatlichen Monopolgesellschaften dem Wettbewerb öffnen und auch Teilprivatisierungen umfassen, unpopulär und stoßen auf heftigen Widerstand.

Ein weiteres Symbol der staatlichen Lenkung der Modernisierung stellt die Industriepolitik dar. Hierbei handelt es sich um Maßnahmen zur Förderung industrieller Entwicklung, aber auch um eine strukturlenkende Politik mit besonderem Augenmerk für bestimmte "strategische" oder Zukunftssektoren. Da die französische Industrie in vielen Bereichen nur schwach entwickelt war, wurden für ausgewählte Branchen Sektoren-Entwicklungspläne entworfen. Besonders ausgeprägt war diese Politik nach 1958, als Präsident de Gaulle die Modernisierung der Industrie beschleunigen wollte, damit diese im beginnenden gemeinsamen europäischen Markt nicht unter die Räder geriet. De Gaulle förderte die Entwicklung hochtechnologischer Branchen und Produkte: etwa in der Luft- und Raumfahrt, in der Atomenergie, im Verkehr, im Computerbau oder in der Rüstungsindustrie. In diese "strategischen" Branchen, die politisch-militärisch oder für den technologischen Fortschritt bedeutsam waren, wurden erhebliche staatliche Gelder für Forschung, Entwicklung und Produktion gepumpt, um - manchmal buchstäblich aus dem Nichts - eine französische Produktion in diesem Bereichen zu sichern. Neben eindeutigen Erfolgen - wie dem europäischen Gemeinschaftsprodukt Airbus oder dem Hochgeschwindigkeitszug TGV - produzierte diese staatliche Sektorenpolitik auch eine Reihe von Fehlschlägen - etwa das Überschallflugzeug Concorde, den Versuch, eine französische Computerindustrie aufzubauen, die Pläne zugunsten des Werkzeugmaschinenbaus oder das Projekt eines Stahlwerks am Mittelmeer. Fehleinschätzungen der künftigen Marktentwicklung, aber auch die mangelnde Eignung des Staates, unternehmerische Entscheidungen zu treffen, waren dafür hauptverantwortlich und zeigten die Grenzen der strukturlenkenden Industriepolitik auf.

Die zentralstaatlich gelenkte "Modernisierung von oben" hat durchaus Erfolge aufzuweisen. In nur drei Jahrzehnten, die der Ökonom Jean Fourastié als "dreißig glorreiche Jahre" bezeichnet hat, gelang es, Frankreich aus einer traditionalistischen in eine moderne Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft zu verwandeln. Zum einen verzeichnete das Land ein starkes Wachstum der Bevölkerung und der Wirtschaft. Diese neue Dynamik bildete einen deutlichen Kontrast zur Vorkriegs-Stagnation: So wuchs von 1950 bis 1999 die Einwohnerzahl von 41,6 auf 59 Millionen, also um 18 Millionen in knapp 50 Jahren, während in den 100 Jahren davor der Bevölkerungszuwachs ganze sechs Millionen betragen hatte. Auch das Wirtschaftswachstum erreichte mit durchschnittlich 4,8 Prozent jährlich in den 1950er Jahren und 5,6 Prozent in den 1960er Jahren Werte, die weder zuvor erreicht worden waren noch danach je wieder erzielt wurden.

Die wichtigsten WirtschaftszweigeDie wichtigsten Wirtschaftszweige
Die Modernisierung schlug sich zweitens in einem tiefgreifenden sektoralen Wandel der Beschäftigung nieder. Während der Anteil der Landwirtschaft an Produktion und Beschäftigung stark zurückging, dehnten sich die Industrie (bis 1970) und später der Dienstleistungssektor immer stärker aus.

Schließlich entwickelte sich ab den 1960er Jahren wie in den Nachbarländern die heutige Konsum- und Wohlstandsgesellschaft, die durch das rasche wirtschaftliche Wachstum, die Modernisierung und die dadurch ausgelösten Produktivitätsgewinne ermöglicht wurde. Die durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommen haben sich allein von 1946 bis 1975 vervierfacht.

Allerdings verdeckt die nostalgisch verklärende Formel der "dreißig glorreichen Jahre", dass diese Zeit der Umbrüche auch von Krisen und Konflikten begleitet war. Der rasche Strukturwandel brachte für manche soziale Gruppen auch Opfer mit sich. Verlierer der Modernisierung, wie zum Beispiel Kleinunternehmer und -händler, protestierten gegen die staatlich begünstigte Konzentration der Wirtschaft, die zahlreiche Existenzen vernichtete. Die Protestbewegung des Mai 1968, die Frankreich an den Rand einer Staatskrise brachte, war nicht nur durch Studentenunruhen ausgelöst worden, sondern hatte ihren Ursprung unter anderem auch im Widerstand gegen eine Modernisierung "von oben", die als autoritär empfunden wurde und den Arbeitnehmern wie den Regionen zu wenig Mitsprache einräumte.



 

Dossier

Die Europäische Union

Für viele ist die EU ein fremdes Gebilde. Dabei wird sie immer wichtiger. Das Dossier bietet einen lexikalischen Überblick: Warum gibt es die Union der 28? Wer macht was in der EU? Und wie sieht die Zukunft aus? Weiter...