Frankreich
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Gesellschaft im Wandel


10.3.2005
Bevölkerungswachstum, stetige Wohlstandsentwicklung, soziale und räumliche Mobilität, ein expandierender Bildungssektor und eine differenzierte Medienlandschaft kennzeichnen die französische Gesellschaft. Gleichzeitig hat sie ähnliche Probleme wie die Nachbarländer.

Französische Arbeiter demonstrieren auf den Straßen von Nizza am 29 Januar 2009, um die Regierung davor zu warnen, dass sie nicht bereit sind die Hauptlast der gegenwärtigen Krise zu tragen. Millionen von Franzosen im ganzen Land demonstrieren gegen die Konjunktur- und Krisenpolitik von Staatspräsident Nicolas Sarkozy.Franzosen sind bekannt für ihre Streikkultur. (© AP)

Einleitung



Wie die meisten europäischen Länder lag Frankreich nach der Befreiung 1944 am Boden. Die Probleme der Nachkriegszeit mussten von einer geschwächten, überalterten und in der Tradition verharrenden Gesellschaft bewältigt werden. Oft ist vom deutschen oder vom italienischen Wirtschaftswunder die Rede, vom französischen wird hingegen weniger gesprochen; im Rückblick auf die vergangenen 60 Jahre erscheinen Aufschwung und Wandel in der französischen Gesellschaft jedoch Aufsehen erregend.

Quellentext

Vereinbarkeit von Familie und Beruf

Die Erfolgsgeschichte begann mit einer Niederlage. Als die Deutschen im Frühjahr 1940 Frankreich überrannt hatten, kapitulierte Marschall Pétain am 17. Juni mit einer historischen Radioansprache: "Trop peu d'enfants, trop peu d'armes, trop peu d'alliés: voilà notre défaite" - "Zu wenig Kinder, zu wenig Waffen, zu wenig Verbündete: Wir sind besiegt." Da stand Frankreich am Tiefpunkt einer 150 Jahre währenden Talfahrt: Die noch bis Anfang des 19. Jahrhunderts bevölkerungsstärkste Nation Europas war zum geburtenschwächs-ten Land der Erde abgesunken. [...]
Dann kam Charles de Gaulles Aufruf vom März 1945 "Frankreich braucht zwölf Millionen Babys", den die Franzosen bis 1960 tatsächlich in die Tat umgesetzt hatten - unterstützt von einem beispiellosen Ausbau der Familienhilfe und Kinderbetreuung. [...]
Das Besondere an der französischen Familienpolitik ist nicht die europäische Spitzenquote von 1,9 Kindern pro Frau. Es ist auch nicht der dreiprozentige Anteil der Familientransfers am Bruttosozialprodukt, auf den es die Bundesrepublik ebenfalls bringt. Bemerkenswert ist vor allem, dass 80 Prozent der Französinnen mit zwei Kindern ihrem Beruf nachgehen - in Deutschland sind es nur knapp 60 Prozent. Und es fällt auf, dass der Kinderwunsch mit zunehmender Bildung und gehobener Berufsposition nicht wie üblich sinkt, sondern steigt.
Keine Familienkasse und kein republikanischer Mutterorden kann so motivieren wie das, was die Soziologin Jeanne Fagnani, 61, dem Beruf zuschreibt: "Bezahlte Arbeit ist konstitutiv für die Identität der französischen Mütter." [...] In europäischen Vergleichsstudien hat sie festgestellt, dass es heute vor allem berufstätige Frauen sind, die Kinder bekommen, während in Ländern mit niedriger Frauenerwerbstätigkeit auch die Fruchtbarkeit gering ist. "In Frankreich", erklärt Fagnani, "sind Kinder nicht Privatsache, sondern Teil des öffentlichen Lebens, und Familienförderung gilt als Gemeinschaftsaufgabe." [...]
Eine Französin kann heute sicher sein, dass weder Heirat noch Geburt sie aus der Bahn werfen.[...] So hat fast jedes dritte Kind einen Platz in der crèche, die Mehrzahl wird von einer der 500000 professionellen Kinderfrauen betreut, und vom dritten Lebensjahr an bis zum Abitur gibt es Ganztagsschulen. [...]
Frankreich, das die familienfreundlichen Space Cars und die Schwangerschaftsmode erfunden hat, wo bis heute die Familien ihre Stammbäume von Graveuren in Stahl stechen lassen und wo Genealogie und Demografie Volkssport sind, liebt seine Kinder, aber es vergöttert sie nicht. Sie sind selbstverständlicher Bestandteil des Alltags und haben wie kleine Erwachsene von früh an einen Achtstundentag. Dabei erfahren sie das Gruppenleben in der Schule als eigene Sphäre der Unabhängigkeit, wie sie es vom Berufsleben der Eltern kennen.
Die Versicherungsangestellte Évangéline du Mur, 37, und ihr Mann Guillaume, 35, Verwaltungsbeamter in Versailles, wohnen mitten im Pariser Zentrum in einer winzigen Parterrewohnung und müssen ihre Zeit für Aurelien, 2, und seine Schwester Clothilde, 6, genau einteilen. Den Weg morgens zu Schule und crèche teilen sich die Eltern, nachmittags holt ein amtlich vermittelter Babysitter die Kinder ab, und abends um halb sieben ist die Mutter zurück, um das Abendessen zu machen. [...]
Nicht weit vom Triumphbogen entfernt, arbeitet eine andere französische Mutter: Christine Lagarde, 48, ist Vorsitzende von Baker & McKenzie, einer der größten Anwaltskanzleien der Welt. Die Staranwältin, die gleich nach ihrem Prädikatsexamen 1981 in die Pariser Niederlassung der Firma einstieg, deren Chefin sie heute ist, regiert 8000 Mitarbeiter in 36 Ländern. Die Mutter zweier Söhne pendelt zwischen Chicago und Paris und organisiert dabei auch ihr knapp bemessenes Familienleben. [...]
Freilich könnte man [...] Christine Lagarde als privilegierte Ausnahmefrau abtun. Doch sie repräsentiert jene knapp dreißig Prozent Frauen im französischen Topmanagement, mit denen das Land den Europarekord hält. Deutschland dagegen, so belegte das Wall Street Journal im vergangenen Jahr wieder, bringt es zu keinem Eintrag in die Liste der "top female executives". [...]
Michael Mönninger, "Demografie als Volkssport", in: Die Zeit Nr. 10 vom 26. Februar 2004.


Bevölkerungswachstum



Die Bevölkerung in Frankreich ist seit Ende des Zweiten Weltkrieges sehr schnell gewachsen, von 41,5 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern 1944 auf über 60 Millionen 2004. Zu diesem Bevölkerungswachstum tragen drei ineinandergreifende Faktoren bei:
  • Der erste Faktor ist der explosionsartige Anstieg der Geburtenrate in der Nachkriegszeit. Ab 1943 stockte die Geburtenziffer auf dem Höhepunkt des Krieges und der deutschen Besatzung. Nach Kriegsende kam es zu einem baby boom, und die Geburtenzahl stieg von 620000 im Jahr 1945 auf 850000 im Jahr darauf. Bis 1973 blieb die Zahl der Geburten bei über 800000 pro Jahr. Ab 1975 sank sie für die folgenden zwanzig Jahre, aber seit 1995 nimmt sie wieder zu. Heute hat Frankreich die höchste Geburtenzahl in Europa. Mit 60 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern verzeichnete Frankreich 2002 mehr Geburten (763000) als Deutschland (725000), das immerhin 82 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner zählt. Im Rahmen der Europäischen Union übertrifft nur Irland im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung Frankreichs Geburtenrate: 2002 betrug die Rate des natürlichen Bevölkerungswachstums (Zahl der Geburten minus Zahl der Todesfälle, ohne Zuwanderung) bezogen auf 1000 Einwohnerinnen und Einwohner in Frankreich 3,7, in Irland 7,1; im Gegensatz dazu ist sie in Deutschland mit -1,4 und in Italien mit -0,3 sogar negativ. Dieses Bevölkerungswachstum erklärt auch, warum der Anteil der über 65-Jährigen in Frankreich (16 Prozent der Gesamtbevölkerung im Jahr 2000) im Vergleich zu seinen europäischen Nachbarn kons-tant niedrig bleibt. Während die Nachbarländer seit 20 Jahren mit einem starken Geburtenrückgang zu kämpfen haben, ist die Geburtenrate in Frankreich seit 1980 mit durchschnittlich zwei Kindern pro Frau stabil, und das hält auch die Zahl der Gesamtbevölkerung stabil.

    Woher rührt die Ausnahmestellung Frankreichs in Europa? Eine Ursache liegt zweifellos darin, dass der massive Zustrom von Frauen auf den Arbeitsmarkt die Paare nicht davon abgehalten hat, Kinder zu bekommen. Dank eines Systems staatlicher Leistungen finanzieller und sachbezogener Art, die in Frankreich möglicherweise höher sind als in anderen europäischen Ländern, lassen sich in Frankreich Mutterschaft und Berufsleben für Frauen - allerdings oft um den Preis eines doppelten Arbeitstages - leichter miteinander vereinbaren.

  • Der zweite Grund für den Anstieg der Bevölkerungszahlen seit 1944 ist die längere durchschnittliche Lebensdauer. In 60 Jahren stieg die Lebenserwartung von 66 auf 79 Jahre. Dies beruht auf einer Abnahme der Sterblichkeitsrate in allen Altersgruppen, insbesondere - wie überall auf der Welt - auf dem spektakulären Absinken der Kindersterblichkeit, die sich von 52,3, bezogen auf eintausend Kinder im Jahr 1950, auf 4,5 im Jahr 2000 verringert hat.

    Demographische EntwicklungDemographische Entwicklung
    Die höhere Lebenserwartung verbirgt allerdings eine Diskrepanz, die zweifellos eine französische Besonderheit darstellt: Im Durchschnitt leben Frauen fast acht Jahre länger als Männer (82,7 gegenüber 75,2 Jahre), und dieser Unterschied ist in den letzten 50 Jahren größer geworden. Französinnen haben eine der höchsten Lebenserwartungen weltweit, sie liegt nur wenig unter der von Japanerinnen.

    Die kürzere Lebenserwartung der Männer hat ihre Ursache möglicherweise darin, dass sie mehr Risiken und Gefahren ausgesetzt waren (und es zum Teil noch immer sind) als Frauen: Sie gehen körperlich anstrengenderen Berufen nach, vor allem aber folgen sie männlichen Verhaltensweisen, konsumieren mehr Alkohol, rauchen häufiger und im Verkehr ist ihre Fahrweise riskanter.

    Seit kurzem nähern sich die Lebenserwartungen von Männern und Frauen wieder ein wenig an, die Risikofaktoren nehmen allgemein ab. Die Anzahl der tödlichen Arbeitsunfälle sinkt. Und auch die Verhaltensweisen verändern sich: Innerhalb von 30 Jahren ist der Alkoholkonsum beträchtlich zurückgegangen (von durchschnittlich mehr als 50 Litern Wein pro Person und Jahr in den 1960er Jahren auf ungefähr 30 Liter Wein heute), auch wenn Frankreich weiterhin zu den Ländern gehört, in denen weltweit am meisten Wein getrunken wird. Obwohl Frankreich lange Zeit die Statistiken der Verkehrstoten anführte, hat sich deren Anzahl in den 1990er Jahren eindrucksvoll verringert. In 30 Jahren sank sie von jährlich 13000 auf weniger als 5000 Personen.

    In jüngster Zeit scheint auch der Tabakkonsum zurückzugehen, infolge der letzten Preiserhöhungen sind die Verkaufszahlen in zwei Jahren um 20 Prozent gefallen. Während die Risikofaktoren allgemein abnehmen, bringt die Entwicklung zur Gleichstellung von Frauen und Männern eine gegenläufige Wirkung hervor: Sie trägt in dem Maße zur Verringerung des Vorsprungs von Frauen bei der Lebenserwartung bei, wie diese, zum Beispiel beim Trinken, Rauchen und im Straßenverkehr, männliche Verhaltensmuster übernehmen.
  • Der dritte Grund für das Bevölkerungswachstum ist die große Anzahl der Einwanderinnen und Einwanderer. Bis in die 1950er Jahre hinein war Frankreich mit weitem Abstand das bedeutendste Einwanderungsland in Europa; dann wurde es von den nördlichen Nachbarn Deutschland, Belgien und England eingeholt; und schließlich sind die südeuropäischen Länder Italien, Griechenland und Spanien, die traditionell Gastarbeiter gestellt haben, ihrerseits Ziel von Einwanderung geworden. Dennoch stellt Frankreich im Vergleich zu seinen Nachbarn in mehrfacher Hinsicht ein eigenständiges Modell der Immigration dar. Zum einen, weil es Zugewanderten sehr früh die Möglichkeit bietet, die französische Staatsbürgerschaft anzunehmen. Das Gesetz zur Staatsbürgerschaft von 1889 bietet jedem in Frankreich geborenen Kind ausländischer Eltern bei Erreichen der Volljährigkeit automatisch diese Möglichkeit. Es ist bis heute in Kraft; auch einige einschränkende formale Bedingungen, die hinzugefügt wurden, haben seinen Charakter nicht wesentlich verändert. Zum anderen verfügt Frankreich mit seinen ehemaligen Kolonien in Nord- und Westafrika seit 50 Jahren über ein bevorzugtes Zuwanderungsreservoir, und das erklärt auch, warum in Frankreich heute die meisten Muslime von Europa leben.

    Und zu guter Letzt ist seit 1975 die Einwanderung mit der ganzen Familie möglich. Die meisten Personen ausländischer Herkunft ziehen nach Frankreich, um dort zu bleiben, zumal Frankreich wie alle europäischen Länder seit zwanzig Jahren eine Politik betreibt, die die Zuwanderung erschwert, insbesondere, um dem wachsenden Strom von Asylsuchenden Einhalt zu gebieten. Insgesamt sorgen diese Voraussetzungen dafür, dass die Einwanderung in Frankreich einen besonderen Charakter hat, mit einem bedeutenden Anteil (in der Größenordnung von vier Prozent) eingebürgerter Franzosen an der Gesamtbevölkerung. Außerdem dürfte das Bevölkerungswachstum in Frankreich im Gegensatz zu den Nachbarländern in den nächsten Jahren nicht zu einem größeren Bedarf an ausländischen Arbeitskräften führen. Die Einwanderungszahlen werden dennoch weiter steigen - im Wesentlichen durch den Nachzug von Familienangehörigen und durch Asylsuchende.

Quellentext

Integrationspolitik

[...] Erst spät erkannten die Franzosen, dass trotz aller Bekenntnisse zur republikanischen Gleichheit und laizistischen Enthaltsamkeit des Staates in Religionsfragen die Katholiken, Protestanten und Juden zwar öffentliche Anerkennung genossen, die vier bis fünf Millionen Muslime aber ein Schattendasein fristeten. Es dauerte noch bis zum 13. Januar 2000, als Staatspräsident Chirac erstmals eine Delegation von Imamen und Rektoren im Elysée-Palast empfing. Seitdem setzt Frankreich alles daran, seine Muslime zu ebenbürtigen Ansprechpartnern in Glaubensfragen zu machen - und sich zuweilen stärker für sie zu engagieren, als es die verfassungsmäßige Trennung von Kirche und Staat eigentlich zulässt.
"Nicht Minarette sind gefährlich", warnt Nicolas Sarkozy, "sondern Keller und Garagen, in denen sich religiöse Splittergruppen verstecken." Nachdem der ehemalige französische Innenminister (seit November 2004 Vorsitzender der UMP, der größten Partei der derzeitigen Regierungsmehrheit - Anm. d. Red.) 2003 die Muslime zur Gründung eines offiziellen Zentralrates gedrängt hatte, fordert er jetzt sogar staatliche Hilfe beim Bau von Moscheen. Derweil bereitet sein Amtsnachfolger Dominique de Villepin die Gründung öffentlicher Schulen für die Ausbildung von Imamen vor, um das Unwesen der radikalen Laienprediger zu beenden. Eines fürchtet Frankreich nach leidvollen Erfahrungen mehr als alles andere: kommunitaristische Parallelwelten, in denen sich die Muslime in Ersatzinstitutionen und Subkulturen von der republikanischen Gesellschaft lossagen. So arbeitet der Staat nicht allein mit wohlwollenden Gesten, sondern mit autoritärem Druck auf die kulturelle und sprachliche Zwangsintegration hin: Das strenge Schulsystem beginnt für über 95 Prozent aller Kinder ab drei Jahren mit der ganztägigen école maternelle, wobei Schulverweigerer aus Problemvierteln besonders zur Teilnahme gedrängt werden. [...]
Vor der Einführung des gesetzlichen Verbots aller religiösen Insignien in öffentlichen Institutionen, vor allem des Kopftuchs für muslimische Schülerinnen, gab es in Frankreich kürzlich noch Massenproteste. Doch die geringen Regelverstöße zum Schulbeginn in diesem Herbst zeigten, dass die überwältigende Mehrheit der Muslime diesen Anpassungszwang akzeptiert.
Zwar stellt der Kampf zwischen radikalen und gemäßigten Gruppen den muslimischen Zentralrat ständig vor Zerreißproben. Doch der innerreligiöse Streit zwischen den Glaubensrichtungen ändert nichts daran, dass selbst die den Muslimbrüdern nahe stehende Islam-Union (UOIF) nach außen hin klar für die Dominanz der staatlichen Regeln eintritt. [...]
Doch während die Republik ihre Muslime in Glaubens- und Identitätsfragen nach besten Kräften unterstützt, ist nun die weitere Integration im Alltagsleben das Thema. Zwar gibt es in Frankreich die meisten interkulturellen Mischehen in Europa, doch die jüngsten Vorstöße von [...] Nicolas Sarkozy für eine "positive Diskriminierung", für ein Quotensystem für muslimische Bewerber auf Ämter und Arbeitsplätze, zeigen, dass die republikanische Egalität noch lange kein Selbstläufer ist.

Michael Mönninger, "Parallelwelten werden nicht geduldet", in: Die Zeit Nr. 48 vom 18. November 2004.





 

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