Die USA sind anders
Peter Lösche
24.10.2008
Land der unbegrenzten Möglichkeiten und der unbegrenzten Widersprüche; einzig verbliebene Supermacht nach Ende des Ost-West-Konflikts; Speerspitze des Imperialismus und Hort von Demokratie und Freiheit. Urteile und Vorurteile, Klischees und Stereotype prägen häufig unser Bild von den Vereinigten Staaten. Es fällt Außenstehenden mitunter schwer, dieses Land zu begreifen, seine Kultur, seine Gesellschaft und auch sein politisches System. Das beginnt manchmal schon mit der irrigen Annahme, die USA seien, da im 18. und 19. Jahrhundert ganz überwiegend von Europäerinnen und Europäern besiedelt, nichts anderes als die Verlängerung Europas über den Atlantik, gleichsam die westliche Ausdehnung Großbritanniens.
Wir erwarten Bekanntes und gehen nicht auf jene Distanz, die zum Verstehen notwendig ist. Dies ist bereits der Ausgangspunkt vieler Missverständnisse. Wer die Vereinigten Staaten tatsächlich begreifen will, sollte sie zunächst als fremdes Land analysieren und versuchen, sie von innen heraus zu verstehen, nicht allein in der Rolle, in der sie uns immer wieder begegnen, nämlich als Weltmacht im internationalen System.
Die USA unterscheiden sich fundamental von Deutschland und anderen europäischen Ländern. Um die Besonderheiten amerikanischer Politik und Gesellschaft kenntlich zu machen, werden im Folgenden drei analytische Kategorien benutzt, die aus dem Vergleich Deutschlands bzw. Westeuropas mit den Vereinigten Staaten gewonnen worden sind.
Gesellschaftliche Segmentierung
Während die Gesellschaften Westeuropas - einschließlich Deutschlands - durch vergleichsweise zusammenhängende, übersichtliche Klassen- und Schichtenstrukturen gekennzeichnet sind, die sich in vielen Lebensbereichen - wie dem Bildungssystem - niederschlagen, ist die US-amerikanische charakterisiert durch Segmentierung im Sinne von vielfältiger, unzusammenhängend erscheinender, unübersichtlicher Zergliederung. Diese Segmentierung verlief als naturwüchsiger, unbewusster, prinzipiell ungesteuerter und bis in die Gegenwart andauernder Prozess in Geschichte und Gesellschaft, der jeweils erst im Nachhinein deutlich wird.
Zur Segmentierung haben verschiedene Faktoren beigetragen: die zeitlich je unterschiedliche Einwanderung verschiedenster ethnischer Gruppen und die damit verbundene Besiedlung des Landes, der Regionalismus und der Lokalismus. Konkret: Provinzialismus und Lokalpatriotismus in den USA wurzeln in den Nachbarschaften und Stadtvierteln, als seien diese selbstständige kleine Inseln. Auf diesen Nachbarschaftsinseln leben häufig Menschen gleicher ethnischer Herkunft, die sich in puncto Einkommen, Sozialprestige, Kirchenzugehörigkeit, Schulbildung, Ausbildungsweg ihrer Kinder und Wohnverhältnisse weitgehend annähern. Dies sind Inseln der Gleichheit und Glückseligkeit (oder - in sozial benachteiligten Wohnvierteln - eher Inseln der Unglückseligkeit), auf denen der amerikanische Traum geträumt werden kann und deren Bewohnerinnen und Bewohner ähnliche Werte, Einstellungen und Überzeugungen haben.
Die Segmentierung der US-amerikanischen Gesellschaft lässtein Solidaritätsgefühl, das mehrere Klassen und Schichten, verschiedene ethnische Gruppen und alle Landesteile vereint, nur schwer entstehen. Sie enthält immer auch ein Element der Entsolidarisierung. Gesellschaftliche Segmentierung meint also die schichten- und klassenmäßige, geografisch-räumliche, ethnische, kulturelle und religiöse Aufgliederung der US-Gesellschaft, die im Grad ihrer Aufteilung und Abschottung der einzelnen Teile gegeneinander bei Weitem das übertrifft, was in Deutschland und Westeuropa gewohnt ist. Damit wird das Klischee relativiert, die US-amerikanische Nation sei ein riesengroßer Schmelztiegel, in dem nationale, sprachliche, kulturelle und religiöse Unterschiede zwischen den Einwanderern eingeschmolzen würden. In Wirklichkeit gleicht die US-amerikanische Nation einem bunten Flickenteppich, in dem die einzelnen Bestandteile sehr wohl erkennbar bleiben.
Politische Fragmentierung
Die segmentierte Struktur der Gesellschaft in den Vereinigten Staaten spiegelt sich in der Gestaltung ihrer politischen Einrichtungen und Verfahrensweisen wider. Die politische Fragmentierung ist von den Gründungsvätern in Abgrenzung gegen den europäischen absolutistischen Staat des ausgehenden 18. Jahrhunderts bewusst angestrebt worden und blieb aufgrund der fundamentalen Skepsis der US-Bevölkerung gegen jede Art von Machtanhäufung bis heute erhalten.
Zweck US-amerikanischer Verfassungsregelungen und auch bewusster politischer Praxis ist die Machtaufteilung. In diesen Zusammenhang gehört das, was als System der checks and balances (Machtkontrolle und Machtausbalancierung) bezeichnet wird, nämlich ein System prinzipieller Gewaltenteilung und nur punktueller Gewaltenverschränkung. Die relative Schwäche des Zentralstaates und die Konkurrenz, ja Anarchie zwischen unzähligen Ämtern und Institutionen, die sich in ihren Kompetenzen zum Teil überschneiden, sind bewusst gewollt.
Dies widerspricht gängigen europäischen Vorstellungen von der Allmacht des US-Präsidenten. Im Vergleich zum britischen Premierminister, selbst im Vergleich zum Kanzler der Bundesrepublik Deutschland ist die Stellung des Mannes im Weißen Haus weitaus schwächer und angreifbarer. Er hat beispielsweise im Kongress in der Regel keine Mehrheit und wird von diesem, von den Gerichten, von der Presse sowie selbst von den eigenen Regierungsbehörden in seinem Spielraum erheblich eingeengt, ja kontrolliert. Politische Fragmentierung und das System der checks and balances tauchen in der folgenden Darstellung als immer wiederkehrende Prinzipien auf.
"Amerikanische Ideologie"
Angesichts fragmentierter US-amerikanischer Politik und gesellschaftlicher Segmentierung stellt sich die Frage, wodurch die Vereinigten Staaten und ihre Bevölkerung als Nation überhaupt zusammengehalten werden. Tatsächlich gibt es einen Bedarf an Integration, der durch die "amerikanische Ideologie" gedeckt wird. Zu ihr gehört der Traum vom sozialenAufstieg "vom Tellerwäscher zum Millionär", verbunden mit der Verehrung der Gründungsväter, Abraham Lincolns und der Verfassung. Aber auch Symbole und Rituale, nationale Denkmäler und die Verpflichtung auf die Nationalflagge fügen sich zu einem besonderen Gemisch aus Politik, Religion und Moralismus. Diese Integrationsideologie verklammert und überwölbt soziale Schichten und Klassen sowie Gruppen, die ansonsten nach unterschiedlichsten ethnischen, kulturellen und religiösen Merkmalen voneinander geschieden wären. Die "amerikanische Ideologie" bildet somit ein Gegengewicht zur politischen Fragmentierung und gesellschaftlichenSegmentierung.
Trauma 11. September 2001
Schwer nachvollziehbar für Außenstehende ist auch das Ausmaß, in dem die Terrorangriffe islamistischer Fundamentalisten auf New York und Washington am 11. September 2001 die ganze Nation traumatisierten. Die Angriffe und ihre Folgen beeinflussen nach wie vor das innen- und außenpolitische Verhalten und Handeln des Landes und wurden als historischer Wendepunkt erlebt und erlitten. Wie der Yale-Historiker Immanuel Wallerstein schrieb, hatte die Nation wenigstens zwei Schocks zu verarbeiten:
- Die Annahme, die USA seien prinzipiell unverwundbar, hoch entwickelte Technologie könne einen Selbstschutz bilden, erwies sich als Illusion.
- Die Nation musste entgegen ihrer tief verwurzelten Überzeugung realisieren, dass es auf der Welt Menschen gibt, die dem internationalen Handeln der USA und seinen demokratisch-freiheitlichen Motiven jegliche Glaubwürdigkeit absprechen.
Mit dem World Trade Center in New York, dem Pentagon bei Washington und (offensichtlich angezielt von der in Pennsylvania niedergegangenen Maschine) dem Weißen Haus oder dem Kapitol wurden Symbole des amerikanischen Selbstbewusstseins, der "amerikanischen Ideologie" angepeilt: New Yorks Twin Towers, in denen sich das World Trade Center befand, als Sinnbild ökonomischer und politischer US-Weltherrschaft, technischen Fortschritts und der Globalisierung, damit auch Symbol für idealistischen Überschuss in der US-amerikanischen Außenpolitik, für Sendungsbewusstsein und Missionarismus; Weißes Haus und Kapitol, Gebäude, die Demokratie, Freiheit und Volksherrschaft repräsentieren, aber auch von der Stabilität eines politischen Systems künden, das seit über 225 Jahren Vorbild für andere Völker ist.
In Reaktion auf die Terrorangriffe beschworen die US-Amerikaner die Werte und Prinzipien der eigenen Gesellschaft und ihres politischen Systems, und sie zeigten einen Patriotismus, wie er in Europa kaum noch vorhanden ist. Die Bevölkerung scharte sich um den Präsidenten, die Personifizierung amerikanischer Macht und amerikanischen Selbstbewusstseins. Die von den Terroristen geschlagene Wunde vernarbt allmählich. Ein Indiz dafür ist, dass im Präsidentschaftswahlkampf 2004 und erst recht in dem von 2008 thematisch nicht mehr die Terrorismusgefahr, sondern die Wirtschaftsentwicklung und die Gesundheitspolitik im Vordergrund stehen.
weitere Inhalte:
- 11. September
- Amerika 2012 – die aktuelle Lage im Wahlkampf um die US-Präsidentschaft
- Außenpolitik als Teil des Systems
- Besonderheiten des Rechtssystems
- Der amerikanische Patient
- Die Grundlagen des politischen Systems der USA
- Die USA sind anders
- Entwicklungslinien des US-Föderalismus
- Gossip-Girl oder Burger-King? Das Heft zum American Way of Life
- Kongress - fragmentierte Legislative
- Länderbericht USA
- Macht und Ohnmacht der Exekutive
- Merkmale der Präsidialdemokratie
- Mittler zwischen Gesellschaft und Politik
- Nach Bush


