Indien

Editorial

2.11.2007
Christine HesseChristine Hesse
Indien ist im Aufbruch. Symbolhaft zeigt dies unser Titelfoto mit der jungen Familie auf dem Motorrad, dem typischen Fortbewegungsmittel der indischen Mittelschicht. Diese Dynamik ist ein Stück weit auch eine Aufholjagd zum Nachbarn und Konkurrenten China, der derzeit noch bei Bruttosozialprodukt, Außenhandelsinvestitionen und jährlichem Handelszuwachs einen deutlichen wirtschaftlichen Vorsprung genießt. Doch in Chinas Windschatten vollzieht Indien beharrlich seinen Aufstieg in den Kreis der potenziellen Weltmächte und das nicht nur in den Augen seiner selbstbewussten Eliten.

Was spricht für Indiens künftigen Weltmachtstatus?

Zunächst die Masse der Bevölkerung von 1,1 Milliarden, die nach Schätzungen schon im Jahr 2034 China an Gesamtzahl und Anteil junger Erwerbsfähiger übertrumpfen wird. Ökonomisch bedeutsam sind die wirtschaftlichen Wachstumsraten von jährlich bis zu neun Prozent, die bei Fortdauer Indien bereits 2020 in den Rang der nach den USA und China drittgrößten Volkswirtschaft erheben werden. Internationales Renommee genießt das Wissenspotenzial der indischen Ingenieure und IT-Spezialisten, Teil einer gebildeten, aufstiegswilligen, urbanen Mittelschicht, die nur ein Drittel der Bevölkerung ausmacht, aber schnell wächst und gut 60 Prozent des indischen Bruttosozialprodukts erwirtschaftet. Schließlich wäre noch der Status als Atommacht zu nennen, der international zunächst ein zwiespältiges Echo fand. Doch 2006 wertete Präsident Bush bei seinem Indienbesuch sein Gastgeberland als "Großmacht" und äußerte den Wunsch, es neben Japan zum künftigen Partner der USA in Asien zu gewinnen.

Wo liegen die Hemmnisse auf dem Weg zur Weltspitze?

Abseits der urbanen Wohlstandszentren leben nach wie vor etwa 70 Prozent der Inderinnen und Inder teils unter archaischen Bedingungen auf dem Land, wo sie vielfach trotz aller Anstrengungen sich und ihren Familienangehörigen kaum das Überleben sichern können. Auch in den Slums der Städte leben die Armen unter meist menschenunwürdigen Bedingungen. Indien hat mit 35 Prozent noch immer weltweit die meisten Analphabeten, die ohne fundamentale Bildung keine Chancen haben, ihre Lebensumstände zu verbessern. Das Kastensystem der Hindus, der mit etwa 82 Prozent größten indischen Glaubensgemeinschaft, erschwert die soziale Durchlässigkeit. Überkommene Traditionen und Denkgepflogenheiten diskriminieren und bedrohen die Frauen in ihrer Existenz. Ein inzwischen gravierender Frauenmangel und eine verzögerte gesellschaftliche Entwicklung sind die Folgen. Konflikte zwischen den Religionsgemeinschaften entladen sich immer wieder in aufsehenerregenden Gewaltaktionen und gefährden die innerstaatliche Einheit.

Ein schwerfälliger, oft korrupter Beamtenapparat behindert die Wirksamkeit staatlicher und privater Initiativen. Ob Indiens Weg in die Zukunft erfolgreich verläuft, wird davon abhängen, ob es seiner wachsenden Bevölkerung Bildung, Arbeit und ein menschenwürdiges Dasein sichern kann, ob es in der Lage ist, bürokratische und gesellschaftliche Verkrustungen aufzulösen und die innergesellschaftlichen Konflikte in Schach zu halten. Als unschätzbarer Vorteil, auch gegenüber dem Rivalen China, erweist sich dabei sein demokratisches System, das von breiter Akzeptanz der Bevölkerung getragen wird, seine Gewaltenteilung, Meinungs- und Pressefreiheit und sein funktionierendes Rechtssystem. Überwindet Indien seine Hemmnisse, so kann sich die Überzeugung seines Premiers Manmohan Singhbewahrheiten, wonach das 21 . Jahrhundert "das indische Jahrhundert sein" wird.

Christine Hesse