Indien
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Gesellschaftliche Strukturen


2.11.2007
Große ethnische und religiöse Vielfalt kennzeichnet die indische Gesellschaft. Trotz staatlicher Gegenmaßnahmen ist Armut noch immer weit verbreitet; Bildungssystem und Gesundheitswesen weisen beträchtliche Mängel auf.

Kinder spielen in einem Elendsviertel in Bombay, Indien.Kinder spielen in einem Elendsviertel in Bombay, Indien. (© AP)

Pluralität mit Vor- und Nachteilen



Indien wird nicht zu Unrecht als Staat immenser gesellschaftlicher Pluralität betrachtet. Zumal mit Blick auf andere, auseinandergebrochene Vielvölkerstaaten stellt sich ganz natürlich die Frage, wie diese enorme Vielfalt gebändigt oder zusammengehalten werden kann. Zur Erklärung lässt sich das verhältnismäßig konstante und ergiebige wirtschaftliche Wachstum anführen, aber auch die relativ ausgewogene Verteilung von Einkommen und Vermögen sowie politische Faktoren wie die demokratische Ordnung und die föderalen Strukturen wirken stabilisierend. Nicht zuletzt die gesellschaftliche Vielfalt selbst ist ein wichtiger Stabilisierungsfaktor. Nach vergleichenden Untersuchungen droht die Gefahr der Destabilisierung und des Auseinanderbrechens vor allem in Staaten, die eine schwache oder abnehmende Wirtschaftsleistung und nur eine oder wenige größere Minderheiten aufweisen und in denen Rebellen über leicht ausbeutbare Finanzierungsquellen für einen Bürgerkrieg verfügen. Wenig gefährdet sind dagegen Staaten mit vielen Minderheiten, von denen keine dominant ist, und in denen sich die sozialen, religiösen und sprachlichen Konfliktlinien nicht addieren.

Im gesamtstaatlichen Rahmen Indiens verfügt keine Ethnie über beherrschenden Einfluss. Jeder Unionsstaat weist zwar eine dominante enthnolinguistische Gruppe auf, diese unterscheiden sich aber nach Religion, Sekten, Kasten und einer Vielzahl sozioökonomischer Merkmale. Wenngleich der Hinduismus mit circa 82 Prozent der Bevölkerung die bei weitem größte Religionsgemeinschaft darstellt, ist er nicht gleichzusetzen mit einer Kirche oder einem dogmatischen Glaubensbekenntnis im westlichen Sinne. Er stützt sich nicht auf einen einzigen, geheiligten Text und kennt keine für alle verbindlichen Gottheiten. Vielmehr ist der Hinduismus eine Lebensform und dient als solche im Besonderen auch der Begründung des Kastensystems. Gerade wegen der starren Kastenschranken und des hohen Bevölkerungsanteils der Dalits, Stammesangehörigen und religiösen Minderheiten konnte der Hinduismus aber lange Zeit keine politisch einheitsstiftende Kraft entfalten.

Überdies gibt es auch kein ganz Indien übergreifendes, einheitliches Kastensystem. Vorhandensein, gesellschaftliche Stärke und Rangordnung der Kasten unterscheiden sich nach Regionen oftmals erheblich. Kastengruppen sind auch nicht statisch, sondern durch wirtschaftliche Modernisierung, Urbanisierung, Bildungsrevolution und politische Bemühungen einem starken Veränderungsdruck ausgesetzt worden. Im Übrigen ist die soziale Lage der Angehörigen gleicher Kasten und Kastengruppen sehr unterschiedlich. Eine gesamtindische politische Mobilisierungsstrategie entlang der Kastengrenzen würde daher an enge Grenzen stoßen, was allerdings heftige, zumeist lokal ausgetragene Kastenkonflikte nicht verhindert hat.

Die sprachliche Vielfalt Indiens führte erst zu Konflikten, als Politiker aus dem Norden nach dem Tode Nehrus Hindi als alleinige Verwaltungs- und Hochschulsprache durchsetzen wollten. Nach heftigen Protesten im Süden wurde dieser Vorstoß abgebrochen. Durch ein Sprachengesetz, das den weiteren Gebrauch des Englischen und die Examinierung der Bewerber für den Staatsdienst in den anerkannten Regionalsprachen erlaubte, sowie durch die Neuschaffung von sprachlich weitgehend homogenen Bundesstaaten kehrte wieder Friede ein.

Indien kannte wegen des lange Zeit dominanten staatlichen Einflusses auf den modernen Wirtschaftssektor und der Privilegierung der staatlich beschäftigten Arbeitskräfte auch kaum Klassenkonflikte. Zudem waren und sind die Gewerkschaften und Unternehmerverbände gespalten, die Gewerkschaften mit unterschiedlichen Parteien assoziiert. Es gab zwar bäuerliche Protestbewegungen, angesichts der wahlentscheidenden Bedeutung der Landbevölkerung sahen sich aber alle Regierungen gezwungen, eine mehr oder weniger bauernfreundliche Politik zu betreiben. Trotzdem kommt es auch auf dem Land zu Konflikten, vornehmlich zwischen den Landarbeitern und den mittleren und größeren Landwirten.

In politischer Hinsicht ging von der starken gesellschaftlichen Zerklüftung Indiens und den sich überlappenden sozialen Zugehörigkeiten der Einzelnen ein starker Zwang zur Mitte, zur Politik des sozialen Ausgleichs und zum Schutz der Minderheiten aus. Genau diese Politik hat die Kongresspartei nach der Unabhängigkeit bis heute verfolgt. Zur Sicherung ihrer Herrschaft war sie auf die Loyalität der Minderheiten angewiesen; diese bedurften wiederum der Unterstützung und Hilfe durch lokale Kongresspolitiker in einer vergleichsweise feindlichen Umwelt. Aus dieser wechselseitigen Abhängigkeit heraus entstanden (nicht immer sonderlich erfolgreiche) Bemühungen zum Schutz der Stammensangehörigen vor Landverlust, die Reservierungsquoten für Dalits und später auch Angehörige niedriger Kasten sowie die Beibehaltung der familienrechtlichen Regelungen für die Muslime. Interessant ist, dass sich dieser Zwang zur Mitte auch in der Politik der hindunationalistischen BJP wiederfand, die in der Regierung ab 1998 recht unerwartet Ziele wie politische Dezentralisierung sowie Beibehaltung und Ausdehnungen der Reservierungen verfolgte.

Armut und Verteilung



Nach gängigen europäischen Vorstellungen herrschen in Indien weit verbreitet krasse Armut und eine extreme Ungleichheit der Lebenschancen. Jeder kennt Bilder der überquellenden Slums in den indischen Metropolen, der Horden von Bettlern entlang der Hauptstraßen bei gleichzeitig demonstrativ zur Schau getragenem Luxus der Oberschichten. Allgemein glaubt man oft an ein mehr oder weniger ausgeprägtes staatliches Desinteresse an einer Änderung dieser Zustände. All dies, so eine häufig geäußerte Behauptung, habe sich mit der wirtschaftlichen Liberalisierung des Landes noch verschlimmert.

Quellentext

Mega-City Delhi

[...] 14 Millionen Menschen lebten nach Zahlen von 2000 in Delhi, heute (2007 - Anm.d. Red) sind es wahrscheinlich schon mehr als 17 Millionen. So genau weiß das niemand. Doch in welchem Delhi, in welcher Welt sie leben, hängt vor allem vom Geldbeutel, vom Status und vom Geschlecht ab. Wohl nirgends prallen Armut und Reichtum, Moderne und Mittelalter krasser und sichtbarer aufeinander als in Mega-Citys wie Delhi. Da sind die verkrüppelten Bettler, die sich nachts auf verfilzten Decken am Straßenrand zusammenrollen. [...] Da ist die @-Generation, die in Internet-Cafés mit der weiten Welt kommuniziert. Da sind die Großfamilien, die abends im Restaurant zusammensitzen. Da sind die Reichen, die nach London und New York jetten. [...] Auch das Stadtbild spiegelt die Extreme. Elende Slums grenzen an grüne Nobelviertel, dörfliche Stadtregionen, in denen sich noch Büffel in Schlammlöchern wälzen, liegen neben städtischen Einkaufsmärkten, historische Muslim-Kolonien wie Old Delhinicht weit von dem von den Briten erbauten Regierungsviertel. Im Verkehr fahren Rikschas neben glänzenden Nobellimousinen, teilen sich Kühe, Pferde und Elefanten die Straße mit Bussen und Lastern. [...]
Ob Delhi, Bombay, Kalkutta oder Madras - die Probleme von Indiens Mega-Citys gleichen einander. Sie können den Hunger ihrer explodierenden Bevölkerung nach Strom, Wasser und Wohnraum kaum mehr stillen. In Delhi leben etwa 50 Prozent der Menschen in illegalen oder halb illegalen Siedlungen, die kaum über ein funktionierendes Abwasser- und Stromnetz verfügen. Und Besserung ist nicht in Sicht. Im Gegenteil. Immer mehr Menschen brauchen Wasser und Strom, wollen Autos fahren, Kühlschränke, Fernseher, Klimaanlagen und Waschmaschinen haben. [...] Mit den Menschenmassen wachsen Umwelt- und Verkehrsprobleme. Zwar hat Delhi Autorikschas und Busse zwangsweise auf umweltfreundlicheres Gas umstellen lassen, doch an Smogtagen ist die Luft oft derart schlecht, dass die Menschen gräulichen Auswurf husten. [...] Auch die neue U-Bahn steckt erst in den Anfängen. Derzeit sind gerade drei Linien in Betrieb und weite Teile Delhis überhaupt nicht angeschlossen. Die Hauptverkehrsstraßen sind oft verstopft. [...] Doch trotz all dieser Nöte und Miseren empfinden viele "Delhiwallahs", die Menschen in Delhi, eine seltsame Zuneigung zu ihrer überfüllten, chaotischen Stadt. [...]

Christine Möllhoff, "Das schöne tägliche Chaos", in: Frankfurter Rundschau vom 4. April 2007


Diese Vorstellungen verdienen eine Differenzierung. Richtig ist, dass Armut und extreme Armut in Indien immer noch Massencharakter haben. Bei Verwendung der üblichen Armutsindizes lebten 2004/05 circa 300 Millionen Inder in absoluter Armut, das heißt, sie hatten ein Pro-Kopf-Einkommen von einem US-Dollar oder weniger pro Tag zur Verfügung. Dies waren immerhin 27,8 Prozent der Gesamtbevölkerung und ein gutes Drittel der weltweit Armen überhaupt. Jedoch ist die Zahl der absolut Armen in Indien seit den 1970er Jahren rückläufig, ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung, der noch 1972/73 51,5 Prozent betrug, ist drastisch gefallen. Dieser Rückgang hätte sich sicher noch schneller vollzogen, wenn das Wirtschaftswachstum auch die weniger dynamischen Unionsstaaten im Zentrum (Bihar, Madhya Pradesh, Orissa, Rajasthan, Uttar Pradesh) und die Landwirtschaft einbezogen und zu mehr Beschäftigung geführt hätte.

Arme Bevölkerungsgruppen leben noch zu 70 Prozent auf dem Land und setzen sich dort aus Landarbeitern sowie Kleinbauern mit sehr geringen Betriebsgrößen zusammen. Landlosigkeit und Kleinstbetriebe haben seit den 1960er Jahren wegen des Bevölkerungswachstums und einer verbreiteten Tendenz zur Realteilung ererbten Besitzes deutlich zugenommen, auch mangels Beschäftigungsalternativen auf dem Lande. Entgegen verbreiteter Ansicht sind die städtischen Armutsfamilien nicht etwa arbeitslos; tatsächlich gehen überdurchschnittlich viele Familienmitglieder einer Beschäftigung nach, allerdings in wenig produktiven Bereichen, die nur geringsten Lohn abwerfen.

Quellentext

Perspektivlosigkeit mit fatalen Folgen

Niemand in der Familie dachte an Selbstmord, als Pramod Khandale aufbrach. An den Vortagen hatte der junge Bauer noch viel von der Zukunft gesprochen. Doch weil er seine Schulden bei einem Wucherer nicht zahlen konnte und keinen Ausweg mehr sah, erhängte er sich an einem Baum.
Fast täglich berichten Indiens Medien über ähnliche Fälle. Nach einem bisher schwachen Monsun erleben viele Regionen eine neue Selbstmord-Welle unter Bauern. Ausgerechnet in Maharashtra, einem der reichsten Bundesstaaten, ist die Krise am schlimmsten. Allein dort nahmen sich in diesem Jahr nach offiziellen Zahlen bereits 745 Bauern das Leben - und die Dunkelziffer dürfte höher liegen. Die meisten pflanzten wie Khandale Baumwolle an und waren bei Geldverleihern hochverschuldet. Auch aus den Südstaaten Kerala, Karnataka und Andhra Pradesh kommen ähnliche Berichte. [...] Selbstmorde verzweifelter Bauern sind kein neues Phänomen in Indien, aber die Zahlen steigen. Der Subkontinent mag mit Wachstumsraten von acht Prozent glänzen, doch von dem Wirtschaftswunder profitieren vor allem die Städte und die urbanen Mittelschichten. Am Land geht der Aufschwung vorbei. Zwar hängen über 60 Prozent der Inder weiter von der Landwirtschaft ab, doch der Agrarsektor trägt nur noch 20 Prozent zur Wirtschaftskraft bei.
Immer mehr Armutsflüchtlinge strömen in die Städte, wo sie auf ein besseres Auskommen hoffen. Laut Studien wird es für die Bauern immer schwerer, noch die Kosten zu decken. Viele stehen inzwischen im Wettbewerb mit Landwirten aus dem reichen Westen, die von ihren Regierungen massiv subventioniert werden und die ihre Waren deshalb billiger anbieten können. Wassermangel hat die Lage vielerorts zusätzlich verschärft. Wie Khandale geraten viele in einen Teufelskreis aus Missernten und Schulden. Um Saat zu kaufen, Brunnen zu bauen oder andere Kosten zu bestreiten, müssen sie Kredite aufnehmen. Die billigen Staatsdarlehen reichen vorne und hinten nicht, und sind auch nicht allen zugänglich. Vielen Bauern bleibt nur der Gang zu Geldverleihern, die Wucherzinsen von Hundert Prozent oder mehr im Jahr verlangen und beim Geldeintreiben auch vor Gewalt nicht zurückschrecken. Allein in Maharashtra sind 55 Prozent der Bauern verschuldet.
Experten fordern schon lange, der Staat müsse den Bauern weit mehr billige Kredite einräumen und schärfer gegen Wucherer vorgehen. Bereits in den vergangenen Jahren haben Zentral- und Länderregierungen wiederholt Notprogramme gestartet. Die Finanzhilfe reicht allerdings oft nicht aus.

Christine Möllhoff, "Schulden treiben Indiens Bauern in den Tod", in: Frankfurter Rundschau vom 3. Juli 2006


Die Kluft zwischen den reichen und armen Unionsstaaten hat sich nach 1991 geweitet. Letztere wiesen ein nur halb so hohes wirtschaftliches Wachstum auf und konnten es auch schlechter in Armutsreduktion umsetzen. Begründen lässt sich dies unter anderem damit, dass die reichen Staaten zu Beginn der Liberalisierung bessere Startvoraussetzungen mitbrachten. Private Investitionen aus dem In- und Ausland flossen in jene Staaten, die über eine angemessene Infrastruktur, einen akzeptablen Bildungsstand und eine stabile Regierungsführung verfügten, die Recht und Ordnung einigermaßen gewährleisteten - Eigenschaften also, die durchaus veränderungsfähig sind.