Indien
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Außenpolitik


2.11.2007
Indien strebt global nach größerem internationalen Prestige. Dazu zählt auch der Atomwaffenbesitz. Gegenüber den Nachbarstaaten in Südasien zeigt sich das Land als regionale Großmacht.

Deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel, links, wird von Indiens Premierminister Manmohan Singh, Zentrum, begrüßt, wärend ihres Besuchs im Präsidentenpalast in Neu Delhi, Indien.Deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel, links, wird von Indiens Premierminister Manmohan Singh, Zentrum, begrüßt, wärend ihres Besuchs im Präsidentenpalast in Neu Delhi, Indien. (© AP)

Einleitung



Die Außen- und Sicherheitspolitik ist in Indien immer ein Bereich gewesen, der die breite Öffentlichkeit vergleichsweise wenig interessierte; hier konnten der Regierungschef und seine Berater meist relativ unabhängig agieren. Will man die Konstanten dieser Politik beschreiben, so fällt zunächst das seit der Unabhängigkeit zu beobachtende Streben nach regionalem Großmachtstatus ins Auge. Indien strebt aber auch nach Zuwachs an weltpolitischer Bedeutung etwa durch einen ständigem Sitz im UN-Sicherheitsrat, wie ihn der Rivale China innehat. Weltpolitisches Gewicht verspricht sich Indien auch durch die Offenhaltung der nuklearen Option und - damit verbunden - durch das Heraushalten "raumfremder" Mächte aus dem eigenen Sicherheitsbereich, der seit den 1980er Jahren sehr weiträumig definiert wird und einen Großteil des Indischen Ozeans einschließt. Diese Grundpositionen werden von fast allen gesellschaftlichen Gruppierungen geteilt.

Haltung im Ost-West-Konflikt



Nach der Unabhängigkeit verfolgte Indien zunächst eine ausgesprochen idealistische Außenpolitik, die als Ziel eine friedliche Welt mit gegenseitiger Toleranz propagierte und - mit seiner führenden Rolle in der Bewegung der Blockfreien - einen dritten Weg jenseits der Konfrontation der Supermächte suchte. Blockfreiheit sollte Indien aber auch außenpolitische Ungebundenheit verschaffen sowie gleichzeitig die Möglichkeit eröffnen, sich im Einzelfall allein an den eigenen Interessen auszurichten. Doch sollte die indische Version der Blockfreiheit schon bald eine vergleichsweise prosowjetische Schlagseite bekommen, begünstigt auch durch die staatswirtschaftliche Ausrichtung der indischen Entwicklungsstrategie und die amerikanische Aufrüstung Pakistans.

Die kleinen Nachbarn Indiens wurden in das von den Briten übernommene Sicherheitssystem integriert. Mit der Führung der VR China bestand Einigkeit in der antikolonialistischen Ausrichtung. Dies wurde durch Abschluss eines Freundschaftsvertrages über Nichteinmischung und friedliche Konfliktbeilegung untermauert. Überproportionale eigene Rüstungsanstrengungen schienen zunächst fast entbehrlich. Das sollte sich 1962 mit dem indisch-chinesischen Grenzkrieg deutlich ändern, dem auch bald eine Annäherung zwischen Pakistan und der VR China folgte. Diese beiden Staaten kamen 1963 zu einer bilateralen Regelung der Grenzfrage. Die von Großbritannien noch zu Kolonialzeiten zur indisch-chinesischen Grenze erklärte McMahon-Linie wurde von China weiterhin nicht anerkannt. Abschlägig beschiedene Wünsche nach Lieferung modernen Kriegsgeräts durch die USA führten Indien bald noch stärker an die Seite der Sowjetunion, mit der sich auch der Handelsaustausch intensivierte.

Im indisch-pakistanischen Krieg von 1965 hielt sich die VR China zurück, die USA belegten die Kontrahenten mit einem Waffenembargo, und die Sowjetunion vermittelte vergleichsweise unparteiisch bei den Friedensverhandlungen von Taschkent; indische Einkreisungsängste erwiesen sich als unbegründet. Sie intensivierten sich jedoch erneut, als sich Ostpakistan vom Westteil 1971 abzuspalten begann und bis zu zehn Millionen Menschen nach Nordostindien flohen. In diese gespannte Situation platzte die Nachricht der amerikanisch-chinesischen Annäherung. Die indische Regierung sah sich zum Abschluss eines Vertrages über Frieden, Freundschaft und Zusammenarbeit mit der Sowjetunion genötigt, der im Angriffsfalle sofortige Konsultationen - allerdings keinen automatischen Beistand - vorsah und nur bei großzügiger Interpretation noch dem Kriterium von "Blockfreiheit" genügte. Nach dem militärischen Sieg über die im Osten kämpfende westpakistanische Armee im Dezember 1971, dem die Unabhängigkeit Ostpakistans als neuer Staat Bangladesch folgte, bemühte sich die indische Regierung daher wieder um stärkere außenpolitische Neutralität. Das sollte sich 1979 mit der sowjetischen Intervention in Afghanistan wieder ändern. Indien enthielt sich bei deren Verurteilung in den Vereinten Nationen der Stimme, da der indischen Regierung ein pakistanfeindliches Afghanistan sehr gelegen kam und im Übrigen auch bald eine amerikanisch-pakistanische Wiederannäherung einsetzte. Diese Periode brachte aber der indischen Außenpolitik einen beträchtlichen Prestigeverlust. Er wurde verstärkt durch gegenüber den kleineren Nachbarn an den Tag gelegte Großmachtallüren, deren sichtbarer Ausdruck die "Indira-Doktrin" (1983) war. Sie besagte, dass die Nachbarn bei der Lösung interner Konflikte nur die Hilfe Indiens, nicht aber die raumfremder Mächte beanspruchen durften.