Indien
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Grundzüge der Wirtschaft seit 1947


2.11.2007
Indiens Wirtschaft wächst seit den 1990er Jahren rasant, das Land zählt zu den aufstrebenden globalen Wirtschaftsmächten. Allerdings sind noch umfangreiche Reformschritte notwendig, um dieses Wachstum dauerhaft zu sichern.

Mumbai ist das Finanz- und Wirtschaftszentrum Indiens. 18,1 Millionen leben in der aufstrebenden Megastadt, mit ihren Hochhäusern und ausufernden Slums, direkt am Arabischen Meer.Mumbai ist das Finanz- und Wirtschaftszentrum Indiens. 18,1 Millionen leben in der aufstrebenden Megastadt, mit ihren Hochhäusern und ausufernden Slums, direkt am Arabischen Meer. (© Quentin Donze)

Einleitung



Stellte Indien bis in die 1980er Jahre eine mit einer Rate von etwa 3,5 Prozent wachsende, vergleichsweise reformresistente Volkswirtschaft dar, ist es inzwischen zu einem wirtschaftlich dynamischen Land geworden, dessen Bruttoinlandsprodukt nach Angaben der Bundesagentur für Außenwirtschaft im Haushaltsjahr 2005/06 eine reale Wachstumsrate von 9,2 Prozent erreichte. Veröffentlichungen desIWF und der Weltbank bezeichnen Indien heute als aufstrebende globale Wirtschaftsmacht oder sogar als wirtschaftliche und politische Supermacht des 21. Jahrhunderts. Insgesamt zeichnet sich ein beachtlicher Stimmungswandel ab, der bis Anfang der 1990er Jahre auch im Land selbst kaum für möglich gehalten wurde und Basis für manche Forderung nach einem größeren Einfluss Indiens weltweit ist.

Politik der Autarkie



Wirtschaftsdaten IndienWirtschaftsdaten Indien
Natürlich haben indische Regierungen bereits seit der Unabhängigkeit die wirtschaftliche Entwicklung des Landes voranzubringen versucht. Sie setzten dabei allerdings - um Gefährdungen ihrer Autonomie vorzubeugen - auf weitgehende Selbstversorgung (self-reliance), die vorrangige Entwicklung der Industrie, insbesondere der Schwerindustrie, in der Staatsbetriebe dominieren sollten, denen auch lange Zeit der Löwenanteil der indischen Entwicklungsausgaben zufloss. Der Wirkungsbereich von privaten Großunternehmen und ausländischen Investoren wurde stark auf bestimmte Sektoren bzw. Anteile beschränkt. Der Staat versuchte durch Fünfjahrespläne die Entwicklungsrichtung vorzugeben und erhielt gegenüber der Privatwirtschaft investitionsleitende Funktionen, um sicherzustellen, dass die knappen finanziellen Mittel nicht Bereichen zuflossen, denen geringere gesellschaftspolitische Bedeutung zugemessen wurde. Als Gegengewicht zum Aufbau der Schwerindustrie und mit dem Ziel, eine ausreichende Zahl von Arbeitsplätzen zu schaffen, wurde eine breite Güterpalette von circa 800 Produktlinien für den kleinbetrieblichen Sektor reserviert. Dieser wurde neben dem Bestandsschutz auch durch vergünstigte Kredite gefördert, vorausgesetzt, die Betriebe überschritten nicht eine recht niedrig angesetzte Größe.

Um eine regional ausgewogene Entwicklung zu gewährleisten, förderte der Staat die Industrieansiedlung in strukturschwachen Gebieten durch Subventionen und Auflagen. Gleichzeitig wurde die industrielle Entwicklung konsequent gegen internationale Konkurrenz abgeschirmt. Der Import von Konsumgütern war bis auf wenige Ausnahmen untersagt, Kapital- und Zwischengüter durften nur gegen Erteilung fallweiser Lizenzen eingeführt werden, das Niveau der Zölle war immens. Die Abschirmung des Binnenmarktes führte dazu, dass die Exportproduktion wenig attraktiv war. Mittels eines ständig umfangreicher und komplizierter werdenden Instrumentariums versuchte man sie zu fördern. Hauptinstrument zur Durchsetzung der industriepolitischen Ziele war die Vergabe staatlicher Kapazitätslizenzen für industrielle Investitionen jeder Art (für Neugründungen, Kapazitätserweiterungen, die Verbreiterung der Produktpalette oder eine Standortverlagerung). Im Ergebnis konnten wesentliche unternehmerische Entscheidungen nicht ohne staatliche Einmischung gefällt werden. Schließlich wurde auch das Finanzsystem auf die staatlichen Entwicklungsziele und Kreditbedürfnisse ausgerichtet: Zins- und Kreditkonditionen wurden streng reglementiert, der Markteintritt neuer Banken behindert, die Niederlassung ausländischer Institute untersagt und die Autonomie der 27 Staatsbanken stark beschränkt. Diese mussten ihre Einlagen hauptsächlich in Staatspapieren und als Reserven bei der indischen Zentralbank unterhalten, die ihrerseits in starkem Maße als Finanzier des staatlichen Haushaltsdefizits herangezogen werden konnte. Ihre Kredite waren zum Großteil für die Landwirtschaft, die Kleinindustrie und den Wohnungsbau bestimmt.

Erfolge und Defizite

Aus heutiger und vergleichender Sicht waren die Resultate dieser Wirtschaftspolitik eher bescheiden. Zwar wurde das Ziel der Selbstversorgung weitgehend erreicht, die Importquote lag Anfang der 1980er Jahre bei nur fünf Prozent; die Industrie war breit aufgestellt, und eine beachtliche Anzahl wissenschaftlicher und technischer Fachkräfte wurde ausgebildet. Überdies finanzierte Indien mehr als 90 Prozent seiner Investitionen aus eigenen Mitteln, da es nur spärlich Entwicklungshilfe erhielt und wenig Auslandsinvestitionen anzog. Den wirtschaftlichen Erfolgen standen freilich gravierende Defizite gegenüber: Das enge Geflecht von staatlichen Kontrollen und Anreizen erhöhte die Produktionskosten der Unternehmen und leistete der Korruption Vorschub. Das erreichte Wirtschaftswachstum fiel im Verhältnis zu den eingesetzten Mitteln (die Investitionsquote lag oft um 25 Prozent des BIP) recht mager aus, die Kapitalproduktivität war also gering und sank mit den Jahren noch weiter. Die zahlreichen Staatsbetriebe zeichneten sich trotz massiver Unterstützung durch geringe Rentabilität aus, und die Reservierungen für den kleinbetrieblichen Sektor behinderten das Wachstum von Betrieben, da ab einer bestimmten Betriebsgröße die Begünstigungen weggefallen wären. Die Abschirmung des Binnenmarktes sowie die Einräumung vergünstigter Kredite an die Industrie durch die Staatsbanken führten zusammen mit der leichten Überbewertung der Rupie zu einer relativen Bevorteilung des Kapitaleinsatzes zu Lasten der Arbeit; daher stieg das Angebot an Arbeitsplätzen im industriellen Bereich nur im Tempo der Bevölkerungszunahme. Der Schutz vor ausländischer Konkurrenz schlug sich in minimalen Forschungs- und Entwicklungsausgaben nieder. Mit dieser Abschottung ging auch einher, dass das Preisniveau indischer Industriewaren teilweise deutlich über jenem des Weltmarktes lag und damit sichere und bequeme Gewinne bei nur mäßigen Bemühungen zur Produktverbesserung erlaubte. Die staatlichen Exportanreize kompensierten die höhere Attraktivität der Binnenmarktproduktion nur zum Teil. Daher fiel der indische Anteil an den Weltausfuhren dramatisch von 2,8 Prozent Anfang der 1950er Jahre auf 0,4 Prozent Mitte der 1980er Jahre.

Erste Wirtschaftsreformen

Indien konnte es sich aufgrund der Größe seines Binnenmarktes erlauben, diese Wirtschaftspolitik länger als andere Entwicklungsländer zu verfolgen. Mitte der 1980er Jahre leitete jedoch die Regierung Rajiv Gandhi vorsichtig einen Kurswechsel ein und liberalisierte zunächst den Binnenmarkt. Diese Reformen wurden erstens durch die Tatsache bedingt, dass andere, auch konkurrierende Staaten wie etwa China Wirtschaftsreformen bereits durchgeführt hatten und an Indien vorbeizogen; ferner spielte das Wachstum der Mittelschichten eine Rolle, die eine Versorgung mit besseren Konsumgütern beanspruchten, sowie auch die Entstehung international wettbewerbsfähiger Betriebe im Zuge der bisherigen wirtschaftlichen Entwicklung, die Know-how aus dem Ausland benötigten und beim Export auf die Kooperation mit ausländischen Partnern angewiesen waren.

Der erste vorsichtige Liberalisierungsschub brachte vor allem eine Abschaffung des Lizensierungszwanges in zahlreichen Sektoren, eine Lockerung der Kontrolle von Großbetrieben, die Senkung der Einkommens- und Körperschaftssteuersätze sowie die Einführung eines "Import-Export-Passes", der den Unternehmen die zollfreie Einfuhr von Komponenten für die Exportproduktion erlaubte. Politisch heiklere Vorhaben wie die Privatisierung von Staatsbetrieben und die Behandlung des Problems der "kranken", das heißt faktisch insolventen Privatunternehmen wurden nicht oder nur vorsichtig angegangen. Die indische Wirtschaft reagierte auf diese relativ bescheidenen Maßnahmen zur Deregulierung erstaunlich positiv: Die Wachstumsraten und die Exporte stiegen deutlich an; allerdings nahmen auch die bislang zurückgedrängten Importe beachtlich zu. Dies führte zusammen mit der Verteuerung der Ölpreise im Zuge des Ersten Golfkrieges (1990/91), den sinkenden Überweisungen von Finanzmitteln durch Auslandsinder und dem zusammenbrechenden Außenhandel mit den ehemaligen Ostblockstaaten zu einer schweren Zahlungsbilanzkrise. Anfang 1991 war Indien nahezu zahlungsunfähig; eine Kreditaufnahme beim Internationalen Währungsfonds unvermeidbar.

Quellentext

Florierende Filmindustrie

[...] Indien ist die filmverrückteste Nation der Welt - und die einzige, in der Hollywood ohne alle Steuerungs- und Zensurmaßnahmen einen Marktanteil von unter fünf Prozent hat. Die gerne kolportierte Behauptung, dass Bollywood jedes Jahr etwa achthundert Filme und somit dreimal mehr als Hollywood produziert, ist nicht ganz korrekt - aber nur deshalb nicht, weil der Begriff "Bollywood" in der Regel nur das Hindi-sprachige Kommerzkino umfasst. Richtig wird die Behauptung, zählt man die in anderen Sprachen (Tamilisch, Malayalam, Telugu etc.) gedrehten indischen Filme dazu. (Die genauen Zahlen für 2004: 934 Filme in ganz Indien, 244 in Hindi.) [...] Der Name "Bollywood" ist eine Ende der 70er Jahre entstandene, sehr unscharfe, einst eher unfreundlich gemeinte, heute allerdings durchgesetzte Bezeichnung. Das B steht für "Bombay" (das heute offiziell Mumbai heißt), wo seit jeher die größte Filmindustrie des Subkontinents beheimatet ist, diejenige mit dem größten Einzugsbereich, derumfangreichsten Produktion und den bekanntesten Stars. Gedreht wird in der am weitesten verbreiteten Sprache "Hindi", die allerdings in Bombay selbst gar nicht die Hauptsprache ist. Bollywood ist auch in Bombay eine Welt für sich, in der andere Regeln gelten als in der indischen Gesellschaft sonst. So ist die Präsenz von Muslimen hier außergewöhnlich hoch, was man schon daran sieht, dass der größte Star Bollywoods im letzten Jahrzehnt - [...] Shah Rukh Khan - ein Moslem ist [...].
Mit den vor allem in den USA und Großbritannien lebenden wohlhabenden NRIs (non resident Indians) und der wachsenden Mittelschicht der Großstädte hat die Industrie [in den 90er Jahren] ein neues Zielpublikum entdeckt. Die Entwicklung ist durchaus ambivalent. Während nun anspruchsvollere Blockbuster-Produktionen für die neuen, besser gebildeten und wohlhabenderen Multiplex-Besucher entstehen und auch auf westliche Festivals exportiert werden [...], droht der Masala-Film, der stets allen Schichten etwas versprach und eines der originären Produkte der indischen Filmindustrie war, auszusterben. Die [...] auch bei uns [...] erfolgreichen Blockbuster wie Kabhie Kushi Khabie Gham (2003) oder Kal Ho Naa Ho (2004) sind die Musterbeispiele für diesen Richtungswechsel. Technik und Schauwerte haben den westlichen Standard erreicht und die teilweise oder vollständige Verlegung der Schauplätze nach Europa und USA haben den Transfer der Bollywood-Ästhetik nach Westen erstmals [...] in der Geschichte des indischen Kommerzfilms wirklich als Option erscheinen lassen. [...]

Ekkehard Knörer, "Bollywood 101", in: Splatting Image Nr. 62 vom Juni 2005