Israel

Editorial

28.5.2008
Als David Ben Gurion am Nachmittag des 14. Mai 1948 - kurz vor dem Beginn des Schabbat, dem allwöchentlichen jüdischen Ruhetag - im Stadtmuseum von Tel Aviv die Gründung des Staates Israel erklärte, erfüllte sich der Traum von einem eigenen jüdischen Staat, den die Zionisten um Theodor Herzl seit Ende des 19. Jahrhunderts geträumt hatten.

In den vergangenen sechs Jahrzehnten seit der Staatsgründung hat die israelische Gesellschaft viel erreicht: Heute ist Israel die einzige Demokratie nach westlichen Vorbild im Nahen Osten. Mehr als drei Millionen jüdische Einwanderinnen und Einwanderer wurden durchweg erfolgreich integriert. Das Land zählt heute - folgt man den üblichen sozialen und wirtschaftlichen Parametern wie Bruttonationaleinkommen und Lebenserwartung - zu den 20 führenden Nationen der Welt. In der Hightech-Industrie und der Biomedizin nimmt Israel Spitzenpositionen ein.

Geblieben sind die Gegensätze und Auseinandersetzungen in der israelischen Gesellschaft: zwischen jüdischen und arabischen Israelis, zwischen europäischen und orientalischen Juden, zwischen Säkularen und Orthodoxen, zwischen Befürwortern ("Tauben") und Gegnern ("Falken") des Ausgleichs mit den Palästinensern. Zwar konnte die Staatsverschuldung gesenkt werden, sie ist aber mit 81,7 Prozent (2007) immer noch, gemessen am EU-Richtwert von 60 Prozent, sehr hoch. Gewachsen sind in den vergangenen Jahren die Gegensätze zwischen Arm und Reich, die Kluft ist in keinem anderen entwickelten Industrieland - ausgenommen die USA - so groß wie in Israel. Hinzu kommt eine zunehmende Individualisierung der Gesellschaft und der Vertrauensverlust in bestehende Institutionen wie Parteien, politische Eliten und Parlament.

Seit Bestehen des Staates führte Israel sechs Kriege und sah sich immer wieder Terrorakten ausgesetzt. Die meisten Israelis begleitet von jeher ein permanentes Gefühl der Bedrohung von außen. Der Friedensprozess von Oslo Mitte der 1990er Jahre schien eine Entspannung im Nahost-Konflikt einzuleiten, doch spätestens mit dem Beginn der "Al-Aqsa-Intifada" haben sich die damals geweckten Hoffnungen und Erwartungen als Illusion erwiesen. Israelis und Palästinenser stehen sich ferner denn je. Die meisten Israelis bleiben schon aus Sicherheitsgründen den besetzen Gebieten fern, es gibt kaum noch Begegnungen zwischen beiden Bevölkerungsgruppen. "Die Gesellschaften leben voneinander abgekehrt", so der Journalist Jörg Bremer.

Für diese Neuauflage haben die Autorinnen und Autoren ihre Beiträge überarbeitet und aktualisiert. Sie skizzieren Geschichte, Politik, Gesellschaft und Wirtschaft Israels. Der Nahost-Konflikt und die israelische Außenpolitik mit ihren einzelnen Akteuren und deren Beweggründen werden notwendigerweise aus verschiedenen Perspektiven dargestellt, um der Kontroversität der Auseinandersetzung gerecht zu werden.

Der israelische Publizist Tom Segev schreibt im Januar 2008: "Kurz vor dem 60. Jahrestag der Unabhängigkeitserklärung zeichnet sich in der israelischen Gesellschaft eine Koalition von Minderheiten und 'Anderen' ab, ein multikulturelles Kaleidoskop von Identitäten, die sich immer noch schwer damit tun, den gemeinsamen israelischen Nenner zu definieren. (...) Alle Israelis (...) nehmen teil an einem einzigartigen historischen Experiment, das noch lange nicht gelungen und auch noch nicht gescheitert ist. Das macht ihre Geschichte so spannend."

Jutta Klaeren