Israel
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Von der zionistischen Vision zum jüdischen Staat


28.5.2008
Das Ziel des Zionismus war ein eigener Staat der Juden. Die Einwanderung nach Palästina begann bereits im 19. Jahrhundert und war die Voraussetzung für die Staatsgründung Israels 1948.

Neu angekommene Bewohner der jüdischen Siedlung Kfar Etzion bei Jerusalem tanzen den traditionellen jüdischen Tanz "Hora" am 5. Juli 1946. Die Siedlung, die 250 Menschen ein Zuhause bietet, ist auf einem Hügel errichtet und bietet einen Ausblick auf das Mittelmeer.Neu angekommene Bewohner der jüdischen Siedlung Kfar Etzion bei Jerusalem tanzen den traditionellen jüdischen Tanz "Hora" am 5. Juli 1946. (© AP)

Einleitung



Der Staat Israel, proklamiert am 14. Mai 1948 im Stadtmuseum von Tel Aviv, wurzelt gleichermaßen in der europäischen Geschichte wie im nahöstlichen Geschehen des 20. Jahrhunderts. Die zionistische Vision jüdischer Intellektueller, ein Gemeinwesen in Palästina als dem "Land der Väter" zu schaffen, war eine Antwort auf die sich Ende des 19. Jahrhunderts abzeichnenden Herausforderungen und Infragestellungen, insbesondere auf Antisemitismus und Assimilationstrends. Zentrale Anliegen waren der Erhalt des Judentums, die Zusammenführung der Juden in einem eigenen Staat und die Neubestimmung jüdischer Identität in der modernen Gesellschaft.

Ideelle Wurzeln



Der Begriff "Zionismus" wurde 1890 von dem Wiener Journalisten Nathan Birnbaum (1864-1937) geprägt. "Zion" - die Bezeichnung eines Hügels im Süden der Altstadt Jerusalems - war im Verlauf von Jahrhunderten zum Synonym für das Areal des Tempelbergs und später für ganz Jerusalem und das Land Israel geworden. Die Sehnsucht nach Zion als dem Ursprung jüdischen Glaubens und Volkstums war den seit der Zerstörung des Zweiten jüdischen Tempels durch die Römer (70 n. Chr.) in alle Welt zerstreuten Juden gemeinsam. Sie wurde in Gebeten, Gesängen und Legenden lebendig gehalten und von Generation zu Generation weitergegeben. Es ist somit nicht verwunderlich, dass die sich Ende des 19. Jahrhunderts herausbildende jüdische Nationalbewegung die Renaissance des Judentums mit der "Rückkehr nach Zion" verband.

Die Vordenker des Zionismus sahen sich mit höchst widersprüchlichen Trends bei der durch die Französische Revolution 1789 eingeleiteten gesellschaftlichen Emanzipation der westeuropäischen Juden konfrontiert. Die in Aussicht gestellte bürgerliche Gleichstellung erfolgte nur zögerlich, begleitet durch gegenläufige antijüdische Stimmungen. Während sich der Antisemitismus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Osteuropa vorwiegend als religiös begründeter Judenhass in blutigen Pogromen entlud, bediente er sich in Westeuropa zunehmend rassistischer "Argumente".

Die nationale jüdische Antwort auf die antisemitischen Bedrohungen und die sich ausbreitenden Assimilierungstendenzen entsprach durchaus dem Zeitgeist. An der Wiege des zionistischen Projekts standen die Erneuerungsbewegungen der europäischen Völker, charakterisiert durch die Betonung der Nationalsprache und der Nationalkultur, die Besinnung auf die nationale Geschichte und das Streben nach Eigenstaatlichkeit. Sie verbanden sich mit den Ideen des bürgerlichen Liberalismus und nicht selten auch mit sozialistischem bzw. sozialistisch-utopischem Gedankengut.

Zugleich nahm der politische Zionismus spezifisch jüdische Geistesbewegungen in sich auf. Dazu gehörte vor allem die jüdische Aufklärung (hebr.: Haskalah), deren Vertreter das Judentum erneuern und die Jugend aus dem religiösen Ghetto herausführen wollten. Nicht zuletzt die Wiederbelebung des Hebräischen und die Entwicklung der neuhebräischen Literatur im 18. und 19. Jahrhundert wurden zu Elementen der jüdischen Renaissance, auf die der Zionismus aufbauen konnte. Neben dem Philosophen Moses Mendelssohn (1729-1786), der den Pentateuch (die Fünf Bücher Moses) aus dem Hebräischen ins Deutsche übersetzte, gelten die Schriftsteller Naphtali Herz Wessely (Hartwig Wessely, 1725-1805) und Avraham Mapu (1808-1867), die sich in ihrem literarischen Schaffen des Hebräischen bedienten, als bedeutende Repräsentanten der Haskalah.

Jerusalem und mit ihm Palästina rückten verstärkt in den Blickpunkt der religiös-nationalen Erneuerungsbestrebungen. So suchten bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts Rabbiner wie Judah Ben Solomon Hai Alkalai (1798-1878) und Zwi Hirsch Kalischer (1795-1874) den frommen messianischen Hoffnungen und Gebeten eine weltliche Note zu verleihen. In der Schaffung eines religiösen Konzentrationspunktes im Heiligen Land sahen sie die Voraussetzung für das erhoffte Erscheinen des Messias und somit für die Erlösung des jüdischen Volkes.

Für die Errichtung eines geistig-kulturellen Zentrums in Palästina als Voraussetzung für die Wiedergeburt des Judentums setzte sich der Schriftsteller Achad Haam (Ascher Ginsberg, 1856-1927) ein. Sein Kulturzionismus bildet - ebenso wie die Haskalah und der Messianismus - einen Meilenstein auf dem Weg zum modernen jüdischen Nationalbewusstsein.

Bis zur zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts existierte keine namhafte politische Bewegung, die die Rückkehr der Juden nach Palästina anstrebte. Die Schrift "Rom und Jerusalem" des Sozialisten Moses Hess (1812-1875), in der dieser 1862 die Idee einer nationalen Wiedergeburt des jüdischen Volkes in Palästina verkündete, blieb ohne größere Resonanz.

Erst angesichts der in Russland und Rumänien aufflammenden Judenverfolgungen, aber auch des um sich greifenden Antisemitismus in Deutschland, Österreich-Ungarn und Frankreich erhielt der zionistische Gedanke breiteren Zuspruch. Vor dem Hintergrund der Pogrome im zaristischen Russland entstand Anfang der 1880er beispielsweise die Bewegung Chibat Zion (hebr.; Zionsliebe), die die Ansiedlung der Juden in Palästina propagierte.