Israel
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Gesellschaftsstrukturen und Entwicklungstrends


28.5.2008
In der israelischen Gesellschaft treten Gegensätze zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen, wie arabischen und jüdischen Israelis, europäischen und orientalischen Juden, stärker hervor. Dazu kommt eine zunehmende Individualisierung.

Es gibt etwa eine Million israelische Araber und vier Millionen Palaestinenser in Gaza und der Westbank.Es gibt etwa eine Million israelische Araber und vier Millionen Palaestinenser in Gaza und der Westbank. (© Hanna Huhtasaari)

Einleitung



Israel wurde in der Unabhängigkeitserklärung von 1948 - nicht zuletzt angesichts jüdischer Geschichtserfahrung in Europa - als "jüdischer Staat im Lande Israel" definiert, der "der jüdischen Einwanderung und der Sammlung der Juden im Exil offen stehen" sollte. Das Rückkehrgesetz vom 5. Juli 1950 gestand jedem Angehörigen des jüdischen Volkes das Recht auf Einwanderung und Staatsbürgerschaft zu. Israel entwickelte sich daraufhin - nach den USA - zum zweitgrößten jüdischen Siedlungsraum und zum Zentrum nationaler Existenz. Lebten bei Staatsgründung lediglich sechs Prozent der jüdischen Weltbevölkerung in Israel, so waren es 1980 bereits 25 Prozent und 2006 41 Prozent.

Einwanderung in den Staat Israel nach HerkunftEinwanderung in den Staat Israel nach Herkunft
Einwanderung und natürliche Bevölkerungszunahme haben das demographische Gesicht des Landes nachhaltig geprägt. Ende 1948 betrug die Zahl der Staatsbürgerinnen und -bürger laut Statistical Abstract of Israel lediglich 872700 - 82,12 Prozent Juden und 17,88 Prozent muslimische, christliche und drusische Araber. Bis Dezember 2007 hatte sich die Bevölkerungszahl auf 7,24 Millionen erhöht - 75 Prozent Juden, 20,6 Prozent Araber und 4,4 Prozent Personen "ohne Religionszugehörigkeit" (zumeist Neueinwanderer und deren Familienangehörige, soweit diese vom Oberrabbinat nicht als Juden anerkannt wurden).

Vom Schmelztiegel zur Mosaikgesellschaft



Die gegenwärtige ethnisch-kulturelle Zusammensetzung der jüdischen Bevölkerung Israels ist vor allem eine Folge historisch gestaffelter Einwanderungswellen. Für den Zeitraum von 1948 bis 2006 zählte das Israelische Zentralamt für Statistik über drei Millionen Zugewanderte, von denen 68,2 Prozent aus Europa und Amerika und 30,8 Prozent aus Asien und Afrika stammen.

Bevölkerungsgruppen

Heute existieren in Israel - neben der alteingesessenen arabischen Minderheit - mehrere jüdische Bevölkerungsgruppen, die sich zwar als integrale Bestandteile der jüdisch-israelischen Nation verstehen, sich hinsichtlich ihrer Herkunft, Kultur, Lebensweise und Identität jedoch deutlich voneinander unterscheiden.

Aschkenasim:

Die vorwiegend aus Mittel- und Osteuropa stammenden Aschkenasim bildeten die Gründergeneration Israels. Sie legten vor und während der britischen Mandatszeit das gesellschaftliche Fundament, auf dem sich nach 1948 ein modernes Staatswesen entwickeln konnte, und trugen wesentlich zum Entstehen eines parlamentarisch-demokratischen Systems bei. Aus ihnen und ihren Nachkommen sowie den Schoah-Überlebenden, die unmittelbar nach der Staatsgründung aus Polen, Rumänien, Ungarn und anderen Ländern nach Israel gelangten, rekrutierte sich über Jahrzehnte die politische, wirtschaftliche, militärische und kulturelle Elite. Ihre Dominanz in Spitzenpositionen der Gesellschaft wird aufgrund der veränderten demographischen und sozialpolitischen Konstellation jedoch zunehmend in Frage gestellt.

Relativ großen Einfluss auf die Gestaltung der israelischen Gesellschaft nahmen und nehmen die seit Staatsgründung eingewanderten annähernd 140000 - ebenfalls vorwiegend aschkenasischen - Juden aus dem angelsächsischen Sprachraum. Mit ihnen verbindet sich die Etablierung der jüdischen Reformbewegung und des konservativen Judentums im Lande. Als Aktivisten der Siedlungsbewegung, aber auch an der Spitze israelischer Friedensorganisationen sind nicht selten Angelsachsen zu finden.

Orientalische Juden:

Das "zweite Israel" bilden die orientalischen Juden (auch Misrachim oder Sephardim genannt). Die mehrheitlich unmittelbar nach der Staatsgründung aus islamischen Ländern Zugewanderten unterscheiden sich von den europäischstämmigen Juden durch spezifisches Brauchtum und eigenständige Kulturtraditionen. Während des ersten Jahrzehnts israelischer Staatlichkeit erreichten das Land 485085 Migrantinnen und Migranten aus Asien und Afrika.

Für die orientalischen Juden begann das Leben in der neuen Heimat zunächst mit einem Kulturschock. Sie kamen in ein weitgehend europäisch geprägtes Land und waren weder mit dessen Alltagssprache noch mit dem gültigen Wertesystem und den Lebensgewohnheiten vertraut. Die neu Eingewanderten wurden zum Teil in verlassenen arabischen Dörfern oder provisorisch errichteten Zelt- und Barackenstädten untergebracht. Ihre kollektive Ansiedlung trug zum Erhalt traditioneller Gemeindestrukturen und zur Herausbildung von Landsmannschaften bei.

Viele orientalische Juden messen religiösen Vorschriften einen wichtigen Stellenwert im Alltagsleben bei. Ihnen gilt das europäisch geprägte, säkular orientierte Gesellschaftsmodell nicht unbedingt als vorbildlich und nachahmenswert. Soziale Ungleichheiten und die ethnische Bildungskluft vertieften zudem die Gegensätze zu den Aschkenasim. Sie begünstigten das Auftreten und Wirken von Parteien und Organisationen, die sich der Interessen der Orientalen annehmen.

Russischsprachige Juden:

Die Migranten aus der Sowjetunion bzw. deren Nachfolgestaaten bilden eine Bevölkerungsgruppe von über einer Million Menschen und stellen damit etwa ein Fünftel der jüdischen Staatsbürgerinnen und -bürger Israels. Bereits während der 1970er Jahre erfolgte die Einreise von circa 160000 Juden aus der Sowjetunion. Die russischsprachigen Zuwanderer jener Jahre waren weitgehend zionistisch motiviert. Sie wählten den jüdischen Staat bewusst als neuen Wohnsitz. Ihre Eingliederung erfolgte aufgrund des hohen Bildungsgrades und entsprechender beruflicher Qualifikation relativ schnell.

Zionistische Motivation oder der Wunsch, entsprechend der jüdischen Tradition und den Vorschriften der Religion leben zu wollen, waren für die Einwanderer der "russischen Massenalijah" der 1990er Jahre dagegen kaum noch das primäre Migrationsmotiv. Die Anstöße für die Übersiedlung wurzelten vorwiegend im Wunsch nach Familienzusammenführung, in Furcht vor Antisemitismus, vor allem jedoch in der Erwartung besserer wirtschaftlicher und höherer sozialer Lebensstandards.

Aufgrund ihrer zahlenmäßigen Stärke sind die russischsprachigen Immigranten keinem sonderlich starken Assimilationsdruck ausgesetzt. Sie kommunizieren sowohl in der Familie als auch in der Gruppe weiterhin in ihrer Muttersprache, bewahren die mitgebrachte Kultur und erhalten weitgehend ihre Lebensweise. Schule und Armeedienst, Medien, Konsumzwänge und -verlockungen, Alltagskultur sowie die allgegenwärtige Sicherheitsproblematik beeinflussen insbesondere die junge Generation und bewirken einen langsamen Identitätswandel.

Äthiopische Juden:

Die äthiopischen "Beita Israel" wurden erst 1975 von israelischen Rabbinern als Juden anerkannt. In den folgenden Jahrzehnten unternahm die Regierung in Jerusalem Anstrengungen, um ihre Einwanderung nach Israel zu bewirken. Mitte der 1980er und Anfang der 1990er Jahre wurden mit der "Operation Moses" bzw. der Geheimaktion "Salomo" zehntausende Menschen vom Osthorn Afrikas an die Ostküste des Mittelmeeres geflogen. Umsiedlungen kleineren Ausmaßes folgten. 1998 beschloss die israelische Regierung, auch den äthiopischen Falaschmura, unter Zwang zum Christentum übergetretenen Juden, die Einwanderung zu gestatten. Die Gesamtzahl der in Israel lebenden äthiopischen Juden beträgt indessen circa Hunderttausend. 33000 von ihnen wurden bereits im Land geboren; 40 Prozent sind Kinder unter 15 Jahren.

Die "Äthiopier" unterscheiden sich nicht nur nach äußerer Erscheinung und spezifischer Kulturtradition, sondern auch durch geringeren Bildungsstand von den anderen Zuwanderergruppen. Wenngleich die Zahl äthiopischer Studierender an Universitäten und Colleges kontinuierlich zunimmt, sind die Beita Israel an höheren Bildungseinrichtungen noch deutlich unterrepräsentiert. Auch ihr Arbeitslosenanteil ist unverhältnismäßig hoch.

Ethnische und kulturelle Vielfalt

Die Gründerväter des Zionismus und des Staates Israel gingen von der Existenz einer in den Grundkonturen einheitlichen jüdischen Nation aus. Die ethnischen Besonderheiten jüdischer Bevölkerungsgruppen in verschiedenen Ländern und Kontinenten erklärten sie aus den Assimilationsimpulsen seitens der jeweiligen "Wirtsvölker". Ihr Ziel war es, im Verlauf von ein bis zwei Generationen die "im Exil Verstreuten" zu einer weitgehend homogenen jüdisch-israelischen Nation zu verschmelzen und in diesem Prozess die Sonderentwicklungen zu überwinden.

Das "Schmelztiegelkonzept" schien sich zunächst zu bestätigen, da die Zuwandernden bis zur Staatsgründung nahezu ausschließlich aus Europa kamen und der aschkenasischen Gruppe angehörten. Die beiden demographischen "Folgerevolutionen" dagegen - die während des Unabhängigkeitskrieges einsetzende Masseneinwanderung orientalischer Juden und der nach 1989 sprunghaft anwachsende Einwandererstrom aus der Sowjetunion bzw. deren Nachfolgestaaten - veränderten das gesellschaftliche Gefüge. Die orientalischen und "russischen" Immigranten und Immigrantinnen verfügten über eigenständige soziale und politische Erfahrungen bzw. beharrten auf ihren Lebensgewohnheiten; sie waren nur bedingt bereit, sich kulturell zu assimilieren.

Die Pluralität in der Bevölkerungsstruktur zeigt sich nicht nur im Erscheinungsbild der Städte und ländlichen Siedlungen. Sie beeinflusst auch das politische Leben und die Alltagskultur des Landes. Avraham Burg, langjähriger Sprecher der Knesset und Vorsitzender der Jewish Agency, beschrieb Ende der 1990er Jahre die israelische Realität folgendermaßen: "Während vieler Jahre haben wir an den melting pot, an den Schmelztiegel, geglaubt. Das Rezept war einfach. Man nehme zwei Marokkaner, zwei Russen, zwei Äthiopier, man schüttle sie gut - und dann, siehe da, haben wir einen neuen israelischen Prototyp, bei dem alles 'israelisch' aussieht. Nach ein paar Jahren aber erkennt man, dass jeder seine eigene Identität behalten will. Israel verändert sich heute von einer Schmelztiegel-Gesellschaft zu einer Mosaik-Gesellschaft. Heute sind wir der Überzeugung, dass wir nur harmonisch zusammenleben können, wenn jeder Mosaikstein seine Identität innerhalb des Ganzen verwirklichenkann."

Die ethnische und kulturelle Vielfalt Israels wird zunehmend durch nichtjüdische Arbeitskräfte aus Südostasien, Rumänien, Polen und anderen Regionen bzw. Staaten vermehrt. Diese bleiben nach Ablauf ihres Visums nicht selten im Lande; einige suchen Zugang zum Judentum. Ihre Existenz erfordert nicht nur Lösungen bei alltäglichen Problemen wie Sozialversicherung, Besteuerung, Unterbringung und Ausbildung der Kinder, sie rüttelt auch am Konzept des "jüdischen Staates". Die Anwesenheit ausländischer Arbeitskräfte sowie zahlreicher nichtjüdischer Familienangehöriger der russischen Einwanderer haben breite öffentliche Debatten über eine Revision des ausschließlich auf religiösen Grundlagen basierenden Familienrechts ausgelöst.