Israel

28.5.2008 | Von:

Israelisch-
palästinensische Streitfragen

Konfliktstoff Wasser

Israel deckt seinen Wasserbedarf heute zum großen Teil aus Vorkommen, die außerhalb seines Territoriums liegen oder entspringen. Die Hauptquellen israelischer Wasserversorgung liegen in den besetzten palästinensischen Gebieten und auf dem Golan: die drei Grundwasserbecken der West Bank, der Jordan und die Jordanzuflüsse Dan, Hasbani und Banias.

Nach der Besetzung der palästinensischen Gebiete wurden auch dort alle Wasserressourcen zu israelischem Staatsbesitz erklärt und dem Militärkommandeur bzw. später der Militärverwaltung unterstellt; seither wurde jegliche Entwicklung der Grundwassernutzung durch die palästinensische Bevölkerung verhindert. Im Rahmen des Oslo-Prozesses übernahm die palästinensische Wasserbehörde zwar die administrative Verantwortung für die palästinensische Wasserversorgung, trotz der Einrichtung eines gemeinsamen Wasserkomitees behielt sich Israel aber de facto die übergeordnete Kontrolle über Wasserförderung und Ressourcenentwicklung vor.

Bis heute leitet Israel über den 1964 fertiggestellten National Water Carrier rund drei Viertel des Jordanwassers vom See Genezareth ins südliche Israel. Zudem nutzen Israel und die israelischen Siedlungen den allergrößten Teil des Grundwasservorkommens der palästinensischen Gebiete, auch wenn zwei der drei gemeinsamen Grundwasserbecken im Wesentlichen innerhalb Israels bepumpt werden.

Akuter Mangel

Für die palästinensische Bevölkerung ist Grundwasser neben Regenwasser die einzige Wasserquelle. Insbesondere die palästinensischen Dörfer und die Landwirtschaft leiden unter generellem Wassermangel. Rund 40 Prozent der Dörfer und Gemeinden in der West Bank (und damit etwa 20 Prozent der Bevölkerung, vor allem in den Regionen um Hebron, Nablus und Jenin) sind gar nicht an das Wassernetz angeschlossen und müssen sich mittels Regenwasserzisternen, Quellen und Tankwagen versorgen. Doch auch in anderen Dörfern und Städten herrscht in den Sommermonaten oft monatelang akuter Wassermangel. In Folge liegt der Wasserverbrauch pro Kopf und Tag in Israel bei 240-280 Litern mindestens viermal so hoch wie in den palästinensischen Gebieten (rund 60 Liter). Damit hat die palästinensische Bevölkerung mit den niedrigsten Wasserverbrauch weltweit - deutlich niedriger als die von der Weltgesundheitsorganisation WHO empfohlene Menge von 100 Litern pro Tag.

In Zukunft wird die Schere zwischen Wasserangebot und Wassernachfrage wohl noch stärker auseinanderklaffen. Aufgrund andauernder Übernutzung im Gaza-Streifen wird das Angebot dort weiter zurückgehen, während gleichzeitig der Verbrauch in der ganzen Region infolge von Bevölkerungswachstum und wirtschaftlicher Entwicklung zunehmen wird.

Eine Aufgabe der Oberhoheit über die Wasserressourcen würde für Israel zwar die derzeitige Versorgung in Frage stellen, aber keineswegs eine Bedrohung der israelischen Wasserversorgung darstellen. Denn Israel kann etwa durch Entsalzungsanlagen zusätzlich Trinkwasser gewinnen, vor allem in der Landwirtschaft Wasser einsparen und mit seinen Nachbarn eine gemeinsame Nutzung der Grund- und Oberflächenwasser vereinbaren.

Eine optimale Wassernutzung wird nur auf der Grundlage einer fairen Kooperation möglich sein. Nur ein multilateraler Ansatz, der die Interessen aller Anrainer einbezieht und ein regionales Wasserregime etabliert, kann eine dauerhafte und tragfähige Lösung etablieren. Diese muss nicht nur eine gerechtere Zuteilung der Nutzungsrechte zwischen Israel und den palästinensischen Gebieten, sondern vor allem auch Maßnahmen zur Wassereinsparung in Israel beinhalten, wie eine Untersuchungskommission der Knesset im Jahr 2000 eindringlich anmahnte. Ein verantwortungsvolles Wassermanagement ist dringend notwendig, um weitere Schäden an den Grundwasserbecken zu verhindern und die Wasserversorgung für kommende Generationen zu sichern.

Quellentext

Wassermangel erfordert Zusammenarbeit

Keine Region ringt länger um die Ressource Wasser als der Nahe Osten. Schon vor 4500 Jahren sollen dort deshalb Kriege geführt worden sein. Während in Deutschland der durchschnittliche erneuerbare Wasservorrat pro Kopf und Jahr 1880 Kubikmeter beträgt, liegt er in dieser Region bei einem Wert von unter 1000, in Israel bei 265 Kubikmetern. In 18 Jahren, schätzen Experten, wird der Vorrat im Nahen Osten auf 670 Kubikmeter pro Kopf gefallen sein. Die Bevölkerung wächst und entwickelt sich. [...]

Kriegsdrohungen wegen Wasserstreitigkeiten hat es in den vergangenen Jahrzehnten öfter in der Region gegeben. Die Eroberung der Golanhöhen durch Israel 1967 ist unter anderem mit der Furcht vor einer Unterbrechung der Wasserversorgung begründet worden. Wie hoch das künftige Risiko eines Krieges wegen Wasser im Nahen Osten ist, darüber streiten die Experten. Die UN warnen vor dem wachsenden Konfliktpotenzial, auch um Aufmerksamkeit zu erregen. Experten wie der Chef des "International Water Management Instituts", Frank Rijsberman, halten solche Waffengänge für unwahrscheinlich, denn "die Vorteile einer Zusammenarbeit sind überwältigend". Zudem stellt sich die Frage, wie ein Krieg ums Wasser zu gewinnen ist. Ist es denkbar, Territorien dauerhaft zu erobern, die Bevölkerung zu töten oder zu vertreiben, um Wasser zu haben?
Tatsächlich könnte man durch grenzübergreifendes effizientes Wassermanagement einen Kollaps womöglich verhindern. Vor allem Israel hält hier die Schlüsselposition. Israeli verbrauchen dreimal mehr Wasser als ihre palästinensischen Nachbarn. Ein verschwenderischer Lebensstil im Privaten hat Anteil daran, aber viel mehr die Landwirtschaft. Die Bauern im Nahen Osten verbrauchen 74 Prozent des Wassers. In Israel kommt hinzu, dass Pflanzen wie Baumwolle und Zitrusfrüchte angebaut werden, die sehr große Wassermengen benötigen. Andere Früchte und der Verzicht auf Autarkie bei der Lebensmittelversorgung würde viel Wasser sparen - eine politische Entscheidung.
Das Misstrauen der Regierungen hat bisher ein Gesamtkonzept verhindert. Zwischen Israel und Jordanien immerhin gibt es einen Nutzungsvertrag. Auch hat Jerusalem 2002 mit dem Grundsatz gebrochen, kein Wasser von anderen Staaten zu kaufen. Seither wird es von der Türkei beliefert. Erst im Dezember wurde der Bau neuer Pipelines vereinbart. Die Nutzung von Abwasser und Entsalzungsanlagen könnte verhindern, dass die Staaten der Region wie bisher nicht erneuerbare fossile Wasservorkommen anzapfen. In Syrien und Jordanien müsste die Abwassertechnik modernisiert werden. Die Hälfte des Wassers versickert dort oder wird illegal abgezapft. In der Türkei verdunsten riesige Wassermengen aus den 20 Stauseen. Intensive Landwirtschaft befördert den Aufschwung, verbraucht aber viel Wasser.

Dieter Fuchs, "Ein explosives Element im Nahen Osten", in: Stuttgarter Zeitung vom 27. April 2007