Tschechien
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Wirtschaft in der Transformation


6.11.2002
Der Übergang von der sozialistischen, zentral gelenkten Planwirtschaft zu einem marktwirtschaftlichen System stellt Tschechien vor große Herausforderungen. Umorientierung des Außenhandels, Liberalisierung und Privatisierung führen vorübergehend zu einer "Anpassungsrezession" und zum Anstieg der Arbeitslosigkeit. Seit 2000 befindet ich das Land jedoch auf einem wirtschaftlichen Konsolidierungskurs.

Prag, Hauptbahnhof: Ehe sich der historische Zug in Bewegung setzen kann, wird der Kohleofen gefüttert.Prag, Hauptbahnhof: Ehe sich der historische Zug in Bewegung setzen kann, wird der Kohleofen gefüttert. (© ddp/AP)

Einleitung



Nach 1989 vollzog sich der Übergang von der Plan- zur Marktwirtschaft. Die Ausgangssituation dafür lässt sich so charakterisieren: In der sozialistischen Tschechoslowakei existierte eine zentral geplante Wirtschaft. Die staatliche Führung erstellte einen Wirtschaftsplan, nach dessen Vorgaben der gesamte Wirtschaftsablauf gelenkt wurde. Alle Preise wurden administrativ geregelt. Es herrschte offiziell weder Inflation noch Arbeitslosigkeit. Im Unterschied zur DDR oder Ungarn gab es in der Tschechoslowakei weder private Restaurants noch privaten Einzelhandel. Anfang der sechziger Jahre wurden die bäuerlichen Privatbetriebe zu staatlich reglementierten Genossenschaften zusammengeschlossen.

Die planwirtschaftlichen Betriebe hatten "weiche Budgetbeschränkungen", das heißt, sie mussten sich an die Vorgaben halten und durften eigentlich keine Verluste einfahren. Traten diese jedoch ein, erfolgten keine Sanktionen. Der Außenhandel wurde ebenfalls staatlich geregelt. Die Währung konnte nur im Inland verwendet und nur in festgelegtem, begrenztem Maße im Ausland umgetauscht werden. Sie war nicht frei konvertierbar. Der Anteil des Handels mit westlichen Industriestaaten war gering. 60 Prozent des Exports gingen in die sozialistischen Staaten.

Ausgangssituation vor 1989



Es gab auch Besonderheiten, die im vorsozialistischen Erbe der Tschechoslowakei wurzelten: Das Land war im westlichen Teil schon lange vor 1945 hoch industrialisiert, vor 1938 insbesondere im Bereich der Leichtindustrie. Die deutsche Besetzung nach 1938 führte im tschechischen Teil des Landes zur Stärkung der Rüstungsindustrie.

Im Unterschied zu den anderen Staaten des sowjetischen Machtbereiches, die erst ab 1945 die Industrieproduktion ausweiteten, war die Tschechoslowakei 1948 gemeinsam mit Ostdeutschland (der späteren DDR) relativ weit vorangeschritten. Die Wirtschaftsleistung dieser beiden Staaten war noch am Ende der achtziger Jahre die höchste innerhalb der Gruppe der Staatswirtschaftsländer.

Allerdings herrschten regionale Unterschiede: Innerhalb der Tschechoslowakei war die Slowakei 1945 deutlich weniger industrialisiert. Um diesen Rückstand auszugleichen, wurde dort während der sozialistischen Ära zwar überproportional investiert, allerdings vorwiegend in eine 1989 bereits deutlich veraltete Schwerindustrie.

Eine weitere Besonderheit bildete sich nach der militärischen Zerschlagung des "Prager Frühlings" heraus: Die tschechoslowakische Wirtschaft, auch die Befriedigung des Konsumbedarfs wurde nunmehr durch die Sowjetunion und den "Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe" (RGW oder COMECON), Organisation zur Regelung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit zwischen den Staatswirtschaftsländern, nachhaltig unterstützt. Das sollte die Wiedereingliederung des Landes in den Machtblock fördern. Eine dogmatische politische Ausrichtung verhinderte, dass die tschechoslowakische Wirtschaft sich wie die Ungarns und Polens auf eine Öffnung hin zum Weltmarkt vorbereitete. Damit hatte die Tschechoslowakei 1990 vergleichsweise schlechte wirtschaftliche Startbedingungen. Andererseits wirkte sich ihre geringere Auslandsverschuldung anfangs positiv aus. Bereits 1989 wurde mit dem Abbau des staatlichen Bankenmonopols begonnen, wodurch schneller als anderswo ein marktwirtschaftlich funktionstüchtiges System mit einer Staatsbank und konkurrierenden Geschäftsbanken entstand.

Quellentext

Umweltsituation

Im Laufe der siebziger und achtziger Jahre verschlechterte sich der Zustand der Umwelt in Böhmen und Mähren deutlich. Besonders die Verschmutzung von Luft und Wasser erreichte kritische Werte. Der Schädigungsgrad der Waldbestände war der höchste in ganz Europa. Katastrophal war die Lage vor allem im so genannten "Schwarzen Dreieck", wo Tschechische Republik, Polen und ehemalige DDR aneinander grenzen. Die Emissionen der nicht entschwefelten nordböhmischen Kohlekraftwerke verursachten Waldschäden bis tief in das Gebiet von Deutschland hinein. [...]

Besonders ab Mitte der achtziger Jahre fand die ökologische Bewegung mehr und mehr Zulauf; sie vereinigte nicht nur Naturschützer im klassischen Sinn, sondern auch eine Reihe von Leuten, die in den sich verschlechternden ökologischen Bedingungen einen klaren Beweis dafür sahen, dass das System des realen Sozialismus nicht in der Lage war, die Probleme zu lösen, die es in der Praxis täglich aufs Neue hervorbrachte. [...]

Nach dem November 1989 hat sich die Situation in vielerlei Hinsicht geändert. [...] Eine Reihe ökologisch wichtiger Gesetze wurde verabschiedet, unter ihnen das Naturschutzgesetz. [...]

Zu einer Besserung der Lage kam es jedoch zweifellos in wenigstens zwei wichtigen Bereichen. Bis 1998 wurden die Kamine sämtlicher Kohlekraftwerke entschwefelt. Gleichzeitig wurden Hunderte neuer Kläranlagen in Gemeinden jeglicher Größe errichtet. [...] Allzu große Euphorie ist jedoch nicht angebracht. Zu Beginn des Jahres 1999 fehlten der Tschechischen Republik rund 500 Milliarden Kronen für Investitionen, die erforderlich gewesen wären, um den europäischen Umweltstandards zu genügen. [...]

In den neunziger Jahren wurde vor allem aus Deutschland fast eine Million Gebrauchtwagen nach Tschechien eingeführt. Die Anzahl der Autos auf 1000 Einwohner erreichte innerhalb weniger Jahre europäisches Niveau. [...] Die Konzentration von Kohlendioxid durch den Automobilverkehr steigt drastisch an, in den größeren Städten verschlechtert sich vor allem aus diesem Grund die Luftqualität wieder rasant.

Gleichzeitig gerät der umweltfreundlichere öffentliche Verkehr in eine Dauerkrise. Besonders die Situation der Eisenbahn wird von Jahr zu Jahr brisanter. Die Verschuldung der Bahn steigt, der Zustand des Schienenverkehrsnetzes und die Reisesicherheit verschlechtern sich. [...]

Trotz aller Verbesserungen, zu denen es nach 1989 kam, gilt für die Tschechische Republik weiterhin, dass sie auf Kosten der Zukunft lebt. [...]

Jan Keller, "Noch warten die Tschechen auf Grün", in Walter Koschmal u.a. (Hg.), Deutsche und Tschechen, München 2001, S. 372 ff.


Wirtschaftlicher Umbau



Gesamtwirtschaftliche Indikatoren Tschechiens 1990 bis 2000Gesamtwirtschaftliche Indikatoren Tschechiens 1990 bis 2000
Ganz Osteuropa stand 1989 in wirtschaftlicher Hinsicht vor ähnlichen Aufgaben: Erstens mussten die Regierungen Geld- und Warenkreisläufe ins Gleichgewicht bringen (makroökonomische Stabilisierung). Hinzu kam die Einführung von Marktpreisen, also die Freigabe der bisher administrativ festgelegten Preise im Innern und für den Außenhandel (die so genannte Preisliberalisierung und die Einführung der Währungskonvertibilität). Drittens stand die Privatisierung der Staatsbetriebe an. Viertens war eine Steuerreform nötig und schließlich, fünftens, mussten Institutionen etabliert werden, die für das Funktionieren von Märkten wichtig sind (Arbeitsmarkt: Arbeitsämter; Geld- und Kapitalmarkt: Börsen). Nachdem 1990 für die Tschechoslowakei zunächst die politische Reform vorrangig gewesen war, rückte die Wirtschaftsreform im Folgejahr auf der Prioritätenliste nach oben.

Das Jahr 1991 begann mit der plötzlichen Freigabe von 86 Prozent der Binnenpreise ("Liberalisierungsschock"). Eine zusätzliche Steuer auf das Lohnwachstum sollte den Lohnanstieg bremsen. Gleichzeitig wurde die Tschechische Krone, die zum wiederholten Male abgewertet worden war, konvertibel und der Außenhandel stark liberalisiert. Im Ergebnis dieser Maßnahmen sanken Produktion und Reallöhne (letztere 1990 um fünf Prozent und 1991 um 26 Prozent). Zudem büßten auch die Sparguthaben der Bevölkerung an Wert ein, da deren Verzinsung wesentlich geringer als die Inflationsrate war.

Durch den Druck auf die Betriebe, wirtschaftlich zu arbeiten, entstand erstmals Arbeitslosigkeit. Bezogen auf die gesamte Tschechoslowakei stieg die Erwerbslosenrate anfangs nur langsam, in der Slowakei entwickelte sie sich dagegen deutlich schneller. 1992 war die Arbeitslosigkeit im slowakischen Landesteil durchschnittlich viermal so hoch wie in Tschechien. In der Slowakei waren 65 Prozent der staatlichen Rüstungsgüter produziert worden. Diese Produktion brach ein, als sich die entsprechende Nachfrage verminderte und sich prominente tschechische Politiker für Kürzungen dieses Sektors einsetzten. Außerdem flossen in der ersten Zeit wesentlich weniger ausländische Direktinvestitionen (ADI) in die slowakische Teilrepublik.

Zahl und Struktur der Beschäftigten in TschechienZahl und Struktur der Beschäftigten in Tschechien
1991 verminderte sich auch der Handel mit den anderen osteuropäischen Ländern drastisch. Der RGW (COMECON) wurde im Juni 1991 aufgelöst. Der Außenhandel der Tschechoslowakei und später Tschechiens orientierte sich jedoch relativ schnell auf die westlichen Industriestaaten um. Bereits 1995 wurden über 60 Prozent des Außenhandels mit den Ländern der Europäischen Union abgewickelt. Darunter war Deutschland der wichtigste Handelspartner.