Tschechien

6.11.2002 | Von:

Wirtschaft in der Transformation

Soziale Abfederung

Mit der Stabilisierung der Wirtschaft und der Privatisierung der Unternehmen waren die Aufgaben der Wirtschaftsreform nicht erschöpft. Parallel dazu musste dieser Prozess sozial und institutionell abgesichert werden. Dazu gehörten die Einrichtung von Arbeitsämtern, das System der Arbeitslosenversicherung sowie die Arbeitsförderung. Gleichzeitig mussten die sozialen Sicherungssysteme (Altersrente, Gesundheitsversorgung) marktwirtschaftlich organisiert werden.

Die Gewerkschaften strukturierten sich ebenfalls grundlegend um. Im Sozialismus hatten sie als Teil des staatlichen Verwaltungsapparates funktioniert, der für das Sozialwesen und die Versorgung mit Ferienplätzen zuständig war. Nun mussten sie die Interessen der abhängig Beschäftigten aktiv vertreten. Der Organisationsgrad von fast 100 Prozent im Jahre 1989 sank auf circa 23 Prozent im Jahre 1999. Die betrieblichen Streikkomitees, die sich während des Generalstreiks am 17. November 1989 gebildet hatten, schlossen sich zu einem Koordinationszentrum zusammen. Aus diesem bildete sich Anfang März 1990 eine neue Gewerkschaftskonföderation mit zwei Landesverbänden, die in Branchengewerkschaften untergliedert waren.

Bis heute ist die tschechische Gewerkschaftsbewegung im Unterschied zu den meisten anderen Staaten Osteuropas mehrheitlich in diesem einen Dachverband organisiert. Charakteristisch für seine Struktur ist außerdem die starke Stellung der Basisorganisationen, die 60 bis 80 Prozent der Mitgliedsbeiträge einbehalten, während die Konföderation nur etwa vier Prozent erhält. Diese starke Stellung der betrieblichen Ebene entspricht alten Traditionen aus der Zeit der Ersten Republik.

Gleichzeitig formierten sich, in Tschechien und der Slowakei getrennt, Dachverbände der Unternehmer. Der tschechische Unternehmerverband umfasste allerdings im Jahre 2000 nicht mehr als ungefähr 30 Prozent aller Unternehmen.

Die Sozialpartner und die Regierung arbeiteten ab Herbst 1990 im Rahmen des paritätischen "Rates für wirtschaftliche und soziale Übereinkunft" zusammen. Bis 1994 entschied dieser jährlich über Zielsetzungen für die Wirtschaftspolitik des Staates. Diese Richtlinien – etwa über eine angestrebte Lohnentwicklung – waren vor allem auf Betriebsebene wirksam. Nach 1994 blockierte die Regierung Klaus eine konstruktive Arbeit, um selbst einen größeren Spielraum für die eigene Wirtschaftspolitik zu erlangen. Erst ab 1998, unter der Regierung Zeman, wurde der "Rat" wieder aktiviert. Die Zusammenarbeit der Sozialpartner mit Regierungsvertretern stärkte den sozialen Frieden während des Systemwechsels. Die Gewerkschaften akzeptierten über weite Strecken eine Politik der Lohnzurückhaltung. Es wurde selten gestreikt.

Auswirkungen der Transformation

Die wirtschaftliche Transformation Tschechiens verlief in folgenden Etappen: Zu Beginn der Entwicklung, im Zeitraum zwischen 1990 und 1992, kam es zu einem erheblichen Einbruch des Bruttoinlandsprodukts um insgesamt etwa ein Fünftel, gemessen am Stand von 1989. Die Industrieproduktion verringerte sich in diesem Zeitraum noch stärker. Erst 1993, in der Industrieproduktion 1994, wuchs die Wirtschaft wieder. Es dauerte weitere sieben Jahre, bevor das Bruttoinlandsprodukt in etwa dem des Jahres 1989 entsprach. Die "Anpassungsrezession", wie der durch die Umstellung der Planwirtschaft auf die Marktwirtschaft erzeugte Einbruch genannt wird, ist allerdings keine tschechische Besonderheit.

Neben der Reform der Eigentumsverhältnisse sowie dem Umbau der Instrumentarien der staatlichen Wirtschaftspolitik wandelte sich in dieser Zeit die Produktionsstruktur: Der Anteil der Industrie an der Produktion und den Beschäftigten verringerte sich wie auch der Anteil der Land- und Forstwirtschaft, während der Dienstleistungssektor stark ausgebaut wurde. Diesen strukturellen Wandel begleiteten Stilllegungen von ineffizienten Betrieben besonders in Bergbau und Schwerindustrie, die sich auf bestimmte Regionen, vor allem Nordböhmen und Nordmähren, konzentrierten.

Außenhandelsbilanz und Außenhandelsstruktur der Tschechischen RepublikAußenhandelsbilanz und Außenhandelsstruktur der Tschechischen Republik
1999 wurden knapp 55 Prozent des Bruttoinlandsprodukts im Dienstleistungsbereich produziert. Dort wuchsen besonders der Handel und die Finanzdienstleistungen. Zwischen 1990 und 1999 sank der Anteil der in der Industrie Beschäftigten von 38 auf 33 Prozent, während der Anteil der in Handel und Reparaturen beruflich Tätigen von zehn auf 15 Prozent anstieg.

Der Aufbau eines modernen Bankensystems nahm allerdings Zeit in Anspruch und verlief nicht ohne Komplikationen. 1994 kam es zu Zusammenbrüchen privater Geschäftsbanken. Die Privatisierung der größeren Geschäftsbanken verzögerte sich dadurch und wurde nach deutlicher Kritik der EU seitens der sozialdemokratischen Minderheitsregierung wieder beschleunigt. Sie konnte im Sommer 2001 mit dem Verkauf des Staatsanteils an der größten tschechischen Bank, der Komercní Banka (Kommerzbank), an ein französisches Unternehmen abgeschlossen werden.

Mit der großen Privatisierung entstand der Handel mit Wertpapieren. 1993 nahmen in den Hauptstädten Prag und Bratislava Wertpapierbörsen ihre Tätigkeit auf.