Tschechien
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Gesellschaft im Umbruch


6.11.2002
Der Systemwandel bleibt nicht ohne Auswirkungen auf die Gesellschaft, sie nähert sich westlichen Erscheinungsformen an. Dazu gehören individuellere Lebensorientierungen, eine größere soziale Unsicherheit und eine wachsende Schere zwischen Arm und Reich. Staatliche Reformen im Bildungs- und Gesundheitsbereich sollen die Sozialsysteme an die gestiegenen Anforderungen anpassen.

Die Karlsbrücke in Prag - Mittelpunkt der Stadt und Attraktion für Touristen.Die Karlsbrücke in Prag - Mittelpunkt der Stadt und Attraktion für Touristen. (© ddp/AP)

Einleitung



Die heutige Gesellschaft Tschechiens ist geprägt durch den rasanten Wandel seit 1989. Die Systemveränderungen in Politik, Wirtschaft und in der internationalen Einbindung haben vieles, worauf sich die Menschen mehr als eine Generation lang eingestellt hatten, auf den Kopf gestellt. Zwar ist nicht alles anders geworden, es gibt Konstanten: Die ethnische Struktur und die großen religiösen Gemeinschaften sind im letzten Jahrzehnt im Wesentlichen gleich geblieben. Auch die Siedlungsstruktur, die Proportion, in welcher sich die Bevölkerung auf Gemeinden unter 2000 Einwohner oder auf mittlere bis größere Städte verteilt, unterscheidet sich kaum von der Zeit vor 1989. Deutliche Abweichungen gibt es hingegen in den demographischen Trends. Es werden weniger Kinder geboren und die Altersstruktur der Bevölkerung verschiebt sich zugunsten der älteren Bürgerinnen und Bürger.

Auch das Schulsystem wurde reformiert: Der Bildung kommt heute eine andere Bedeutung für den sozialen Status der Menschen zu. Die Lebensorientierung der einzelnen erfahren im Zuge der wachsenden sozialen Ungleichheit einen Bedeutungswandel.

Trends der Bevölkerungsentwicklung



In der Tschechischen Republik hat sich die Einwohnerzahl gegenüber 1980 kaum verändert: Nach der letzten Volkszählung im März 2001 lebten dort 10,3 Millionen Menschen, davon 51,2 Prozent – mit abnehmender Tendenz – Frauen.

Seit 1991 ist die Zahl der unter 15-Jährigen weiter gesunken: Vor zehn Jahren stellten sie circa 21 Prozent der Bevölkerung, im März 2001 waren es nur noch 16,5 Prozent, während gleichzeitig die Anzahl der über 60-Jährigen von 17,6 auf 18,2 Prozent leicht anstieg.

Die Bevölkerungsdichte lag mit 130 Einwohnern je Quadratkilometer etwas höher als in Ostdeutschland. In Nordböhmen und Nordmähren wohnen die meisten, in West- und Südböhmen die wenigsten Menschen.

Ein Drittel siedelt in Städten mit über 50000 Einwohnern, davon in der Hauptstadt Prag (Praha) 1,18 Millionen. 2,7 Millionen dagegen, und das sind mehr als ein Viertel, leben in Gemeinden mit weniger als 2000 Einwohnern. Die Zahl der Gemeinden hat sich seit 1991 um fast zehn Prozent vergrößert. Und im Sommer verschiebt sich die Relation noch einmal zugunsten der kleinen Orte. Dann leben dort nämlich weitere Millionen in ihren Ferienhäusern, die in Tschechien "Chata" heißen.

Steigende Lebenserwartung und sinkende Geburtenraten sind zwei aktuelle demographische Trends in Tschechien, welche die tschechischen Fachleute als Anpassung an moderne Gesellschaften deuten. Im Jahre 1999 betrug die durchschnittliche Lebenserwartung der Männer 71,4 Jahre, die der Frauen 78,1 Jahre. Pro Tausend Einwohner wurden in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre 8,8 Kinder geboren. Die Kindersterblichkeit lag in diesem Zeitraum bei knapp sechs je 1000 Einwohner. Das Heiratsalter der tschechischen Frauen stieg. Es lag in den achtziger Jahren bei 22 Jahren. Auch das Durchschnittsalter der Erstgebärenden verlagerte sich nach hinten. Mittlerweile liegt es bei 27 Jahren. Die Zahl der Eheschließungen pro Tausend Einwohner ist von etwa acht auf einen dem westeuropäischen Trend stärker angenäherten Wert von etwas über fünf abgesunken. Die Zahl der ehelich geborenen Kinder verringerte sich, und mehr Kinder als früher entstammen außerehelichen Verhältnissen. Insgesamt hat sich die Kinderzahl pro Frau von leicht unterhalb von zwei in den achtziger Jahren auf 1,2 verringert, womit sie niedriger liegt als in den Nachbarländern (Polen: 1,5, Ungarn und Slowakei: 1,4).

Tschechische Bevölkerungsexperten haben prognostiziert, dass bei einem Andauern dieses Trends die Einwohnerzahl des Landes von derzeit zehn Millionen bis zum Jahre 2020 auf voraussichtlich 9,7 Millionen zurückgehen könnte.

Zur Erklärung der "Geburtenzurückhaltung" junger Paare verweisen Soziologen auf die gestiegenen sozialen Risiken nach 1989 und auf die angespannte Wohnungslage: So hatten mehr als ein Drittel der Bevölkerung im Alter von 25 bis 29 Jahren Mitte der neunziger Jahre keine eigene Wohnung. Diese Alterskohorte wurde besonders stark vom Rückgang des Wohnungsbaus nach 1990 betroffen. Während 1990 noch 44000 Wohnungen übergeben wurden, waren es 1995 weniger als 13000. 1999 stieg die Zahl der jährlich fertiggestellten Wohnungen wieder auf 22000, was jedoch für den aktuellen Bedarf nicht ausreicht.

Religionszugehörigkeit



Die religiösen Gemeinschaften verzeichnen seit Jahren einen drastischen Mitgliederschwund. Während 1991 die Zahl der Konfessionslosen bei 39,9 Prozent lag – das war damals die höchste Rate in einem osteuropäischen Land –, waren es am 1. März 2001 58,3 Prozent.

Der Anteil derjenigen Bürgerinnen und Bürger, die einer Religionsgemeinschaft angehören, sank von 44 auf 32 Prozent. Dabei zeigen sich deutliche regionale Unterschiede. In einigen Bezirken Nordböhmens gehören weniger als 15 Prozent der Bevölkerung einer Religionsgemeinschaft an, während es in den Kreisen Südmährens bis zu zwei Drittel der Bevölkerung sind. In Prag beträgt die Zahl der Gläubigen 24 Prozent, die der Konfessionslosen 65 Prozent. Ähnliche Trends sind in Westeuropa zu beobachten, wobei eine atheistische Grundhaltung während der Zeit des Sozialismus diesen Prozess auch forciert haben mag.

Besonders stark sank der Anteil der Angehörigen der römisch-katholischen Kirche: von 39 auf 26 Prozent.