Vorurteile

13.1.2006 | Von:

Was sind Vorurteile?

Erlernen von Vorurteilen

Im Alltag bilden wir Vorurteile jedoch zumeist gar nicht durch persönliche Erfahrungen oder Konflikte mit Mitgliedern einer anderen Gruppe aus: Wer kommt heute in Deutschland noch mit einem Juden in persönlichen Kontakt? Und ist nicht die Ausländerfeindlichkeit in den neuen Bundesländern am verbreitetsten, obwohl dort nur wenige Ausländer wohnen? Dies deutet darauf hin, dass Vorurteile häufiger übernommen als selbst gebildet werden, zumal es in jeder Kultur einen Vorrat an fraglos gegebenen Einstellungen, Normen und Wissen gibt, zu dem nicht zuletzt Vorurteile gehören. Fremdenfeindlichkeit und Rassismus sind auch Merkmale von Gesellschaften und äußern sich entsprechend in gesetzlichen Regelungen und darin, wie Verwaltung, Schule oder Polizei mit Fremdgruppen umgehen. Die Lernpsychologie und die Sozialisationstheorie nehmen an, dass vorhandene soziale Wertungen gegenüber anderen Gruppen von der Familie, Freunden, der Schule und heute primär auch durch die Massenmedien vermittelt werden.

Neuere Studien weisen einen starken Einfluss der Fremdenfeindlichkeit von Eltern auf die Einstellung ihrer Kinder nach. Auch andere Familieneinflüsse wie elterlicher Erziehungsstil, rücksichtslose Selbstdurchsetzung und Gewalt verstärken Vorurteile gegen Minderheiten und Diskriminierungstendenzen der Kinder. Hier finden Lernprozesse durch Imitation, Beobachtung, durch Identifikation mit Vorbildern, durch direkte Instruktion, Verbote und Strafen statt.

Psychologische Studien haben gezeigt, dass sich das Zugehörigkeitsgefühl zu einer ethnischen Gruppe um das fünfte Lebensjahr herauszubilden beginnt, wobei eigene Kontakte zu Menschen aus anderen ethnischen Gruppen keine Rolle spielen. Vielmehr übernehmen die Kinder die Unterscheidung und die negative Wertung von ihren Bezugspersonen. Der Lernprozess ist jedoch damit nicht abgeschlossen, sondern neue Bezugsgruppen, Organisationen, aber auch anonymere Einflüsse wie Sprache (Sprichwörter), Massenmedien und Propaganda beeinflussen die Einstellungen zu anderen Gruppen negativ.

Karikatur: VorurteilKarikatur: Vorurteil
Hier setzt die sozialpsychologische Diskursanalyse an, die darauf verzichtet, in "den Kopf des Individuums" blicken zu wollen, sondern vielmehr davon ausgeht, dass über die gesellschaftliche Kommunikation (Diskurse) Fakten, Objekte und die Realität insgesamt sozial organisiert und strukturiert werden. Die Diskursanalyse von Interviews, Geschichtsbüchern, politischen Reden oder Zeitungsartikeln kann zeigen, auf welche Weise etwa Kategorien wie "Rasse", "Nation", "Flüchtling" oder "Ausländer" konstruiert und verwendet werden, um die Diskriminierung anderer Gruppen zu rechtfertigen: etwa indem man die Religion oder Kultur einer Gruppe als rückständig, frauenfeindlich und undemokratisch gegenüber der eigenen aufgeklärten Kultur abwertet oder "echte" Flüchtlinge von "Scheinasylanten" unterscheidet. Zum rassistischen Diskurs gehört auch die Leugnung, rassistisch zu sein. So braucht eine rassistische Argumentation vom Einzelnen nicht neu entwickelt zu werden, sondern kann auf vorhandene Repertoires, Bilder, Erzählungen zurückgreifen, die oft in einer weit zurückliegenden Vergangenheit entstanden sind und die Überlegenheit der Eigengruppe "belegen". Diese Vorurteile dienen nach Auffassung der Theorie der sozialen Dominanzorientierung dazu, soziale Rangordnungen festzulegen und zu rechtfertigen. Individuen neigen je nach ihrer Persönlichkeitsstruktur (siehe oben) dazu, solche sozialen Dominanzorientierungen zu übernehmen, also etwa ethnische Gruppen nicht als gleich, sondern in einer Rangordnung zu sehen.

Diskriminierung

Die Existenz von Vorurteilen wäre weniger bedeutsam, wenn diese in den Köpfen der Menschen eingeschlossen blieben und sich nicht in diskriminierendem Verhalten niederschlügen. Wie aber Einstellung und Verhalten genau zusammenhängen, darüber streiten die Experten. Zahlreiche Experimente haben gezeigt, dass etwa verbal geäußerte Einstellungen nicht unbedingt mit dem tatsächlich gezeigten Verhalten übereinstimmen.

In einem Experiment hat Emory Bogardus in den 1930er Jahren in den USA telefonisch in Hotels angefragt, ob diese Zimmer an Farbige vermieteten, was viele verneinten. Als dann tatsächlich Farbige dort ein Zimmer verlangten, wurde es ihnen jedoch nicht verweigert. Offensichtlich ist der Druck der moralischen Norm, Menschen gleich und mitmenschlich zu behandeln, größer, wenn man einer Person gegenübersteht. Es spielen also situative Einflüsse eine Rolle: Wird mein diskriminierendes Verhalten von den Anwesenden oder von der Gesellschaft gebilligt oder muss ich mit einer Bestrafung rechnen? In welcher Stimmung befinde ich mich gerade? Muss ich mit Gegenwehr rechnen? Agiere ich allein oder muss ich Gruppennormen folgen?

Neben der konkreten Situation spielen Persönlichkeitsmerkmale eine Rolle (Aggressivität, die Tendenz, die Schuld bei sich oder eher bei anderen zu suchen), aber auch kulturelle Traditionen, Schichtzugehörigkeit und Ähnliches. Doch unabhängig von situativen Gegebenheiten hat sich das Vorhandensein von Vorurteilen, zum Beispiel von fremdenfeindlichen Einstellungen, als wichtige Voraussetzung für diskriminierendes Verhalten erwiesen.

Diskriminierungen bis hin zur Anwendung von Gewalt können andererseits auch ohne Vorurteil und Hass auskommen. Die berühmten Experimente des Wissenschaftlers Stanley Milgram an der Universität New York haben bereits Anfang der 1960er Jahre Folgendes erwiesen: Versuchspersonen, die ihr Opfer nicht kannten und sahen, waren dennoch bereit, es mit lebensgefährlichen Stromstößen für falsche Antworten zu bestrafen, wenn ihnen dies vom Versuchsleiter befohlen wurde. Wissenschaftliche Autorität reichte aus, um Personen zur Ausübung von Gewalt zu veranlassen.

Im so genannten Stanford-Experiment wurden 1971 Studenten der amerikanischen Stanford-Universität in willkürlicher Zusammenstellung jeweils in Gefängniswärter und Gefangene eingeteilt. Dies animierte die Gruppe der Wärter zu gewalttätigen Übergriffen. Freilich verhielt sich die Opfergruppe, sobald die Rollen gewechselt waren, keineswegs anders. Dies deutet darauf hin, dass Diskriminierungen auch allein durch äußere Anreize, Rollennormen, Befehle, Gruppensolidarität oder Machtgenuss motiviert sein können. Dennoch ist im Normalfall davon auszugehen, dass hinter diskriminierendem Handeln entsprechende negative Einstellungen zum Objekt vorhanden sind, auch weil die Vorstellung, das Opfer habe die Gewalt verdient, dem Täter Gewissensentlastung und "Legitimation" verschafft.