Vorurteile
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Fremde, Fremdsein - von der Normalität eines scheinbaren Problemzustandes


13.1.2006
Die Begegnung mit Fremden ist kein Phänomen der Gegenwart, sondern es hat sie schon immer gegeben. Es ist eine Frage der Einstellung, ob man "Fremdem" positiv oder negativ, mit Angst oder Neugier entgegentritt.

Ein afrikanischer Flüchtling blickt in seine neue Umgebung in Los Abrigos auf den Kanarischen Inseln.Ein afrikanischer Flüchtling blickt in seine neue Umgebung in Los Abrigos auf den Kanarischen Inseln. (© picture-alliance/AP)

Einleitung



Der folgende Abschnitt handelt von einem Begriff mit vielen Facetten. Fremdes erscheint vielleicht als typisches Moment der Moderne, als beunruhigendes Kennzeichen einer Welt mit rasch überwindbaren Distanzen, die sich vernetzt und zusammenrückt. Diese Welt scheint stärker in Bewegung als je zuvor. Sie erleichtert angenehme Erfahrungen mit weit entfernten Kulturen, erfordert bei der Zusammenfügung unterschiedlicher Geschäftskulturen zu einem global agierenden Konzern ein Höchstmaß an Einfühlungsvermögen und Logistik. Diese Welt produziert Flüchtlingsströme und schafft auch am vertrauten Ort Unübersichtlichkeit und unbeabsichtigte Begegnungen.

Vielfältige Erlebnisformen



Um solche Wahrnehmungen in Frage zu stellen, lohnt es, den Blick geschichtlich zu öffnen und das Begriffsfeld "Fremdes" von verschiedenen Seiten zu beleuchten. Denn hier kann beispielhaft gezeigt werden, dass Fremdwahrnehmung und Fremdheitserfahrung stets vorhandene Phänomene waren, die unterschiedliche Reaktionen, abwehrende wie aufnehmende, hervorriefen. Der geschichtliche Blick bietet Parallelen zu heutigen Erscheinungen, aber - weit wichtiger: Das Fremde erscheint im Rückblick in ganz unterschiedlicher Erscheinung, unter gänzlich wechselnden Bedingungen und keinesfalls als klar zu umreißende Kategorie. Ferner geht es um die verschiedenen Erlebnisformen von Fremdheit: Einwanderer, Auswanderer, Wanderer und auch Ansässige; Fremdheit fällt nicht einfach mit Wanderung (Migration) zusammen, sondern auch mit seinem Gegenteil - mit Bleiben.

Fremd ist nur, was als solches erlebt wird. Nichts ist aus sich heraus und notwendig fremd. Das fremde Terrain erscheint im Erleben einfach vorhanden, tatsächlich ist es subjektiv gesetzt und Ergebnis willkürlicher Ordnungskriterien im Gefolge persönlicher Motive und gesellschaftlicher Konventionen.

Schon die gängigen Begriffsanbindungen zeigen, wie verschiedenartig, positiv wie negativ, das Fremde sich leben und erleben lässt: "Fremdenangst" ist verbreitet, "Fremdbestimmung" verweist auf Abhängigkeit, der "Fremdkörper" erscheint fehl am Platz, kann aber auch eine Herausforderung sein. Der "fremde Klang" ist zunächst ungewohnt, kann aber Neugierde wecken; "befremdliche" Gedanken überraschen, können abwegig sein, aber auch neue Horizonte öffnen. Der Weg in - heute klingt es pathetisch - "die Fremde" hatte stets unterschiedliche Gründe: Er konnte aus Neugier (Entdeckung, Expansion), aber ebenso auch notgedrungen (Vertreibung, Flucht, Armut) unternommen werden.

Kein Wunder, dass sich dann in gegenwärtiger wie auch in geschichtlicher Perspektive nur schwer eine verbindliche Theorie für das Fremde formulieren lässt.