Vorurteile
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Polenbilder in Deutschland seit 1945


13.1.2006
Durch die EU-Erweiterung sind Deutschland und Polen noch enger verbunden. Doch das Bild Polens in Deutschland ist nicht sehr positiv. Die meisten Bundesbürger wissen nur wenig über ihre Nachbarn.

Eine Auswahl der Ausgaben der beiden wichtigsten polnischen Boulevardzeitungen "Super Express" und "Fakt" auf einem Schreibtisch liegend fotografiert. Abgebildet sind anti-deutsche Fotomontagen, die sich auf das bevorstehende Fußballspiel zwischen Polen und Deutschland bei der Europameisterschaft 2008 beziehen. Zu sehen ist Polens niederländischer Trainer Leo Benhakker, der die abgeschlagenen Köpfe des deutschen Trainers Joachim Löw und des deutschen Kapitäns Michael Ballack in den Händen hält; in einer anderen Darstellung holt Beenhakker mit einem Schwert aus, um Ballack zu enthaupten. Beenhakker entschuldigte sich beim deutschen Volk im Namen seines Teams.Die beiden wichtigsten polnischen Boulevardzeitungen "Super Express" und "Fakt" mit anti-deutschen Fotomontagen im Vorfeld des Fußballspiels zwischen Polen und Deutschland bei der Europameisterschaft 2008. (© AP)

Einleitung



Am 17. Juni 1991, kaum zwei Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung, wurde zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Republik Polen der "Vertrag über gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit" abgeschlossen. Dies war ein Symbol für den Willen der Regierungen beider Länder, die deutsch-polnischen Beziehungen zu entlasten und eine dauerhafte Verständigung einzuleiten. Vorangegangen war der Grenzbestätigungsvertrag von 1990, der die bestehende Grenzziehung der "Oder-Neiße-Linie" als endgültige deutsch-polnische Grenze festlegte. Die Grenzfrage zwischen Deutschland und Polen galt als einer der brisantesten Konfliktstoffe im Nachkriegseuropa und hatte jahrzehntelang zu negativen Vorurteilen über den jeweiligen Nachbarn beigetragen.

In den 1990er Jahren konnte sich das deutsch-polnische Verhältnis so intensiv und vielfältig wie nie zuvor entfalten, wenngleich die Wahrnehmung des östlichen Nachbarn bei einem Großteil der Deutschen keineswegs Schritt mit der positiven Entwicklung auf offizieller Ebene hielt. Trotz zahlreicher "Polnischer Kulturtage", Symposien und Übersetzungen aus dem Polnischen sowie des "Schwerpunkts Polen" auf der Buchmesse 2000 ist die Unkenntnis über das östliche Nachbarland und seine Bevölkerung nach wie vor weit verbreitet.

Im Herbst 2002 tat sich im Irak-Konflikt eine Kluft zwischen Deutschen und Polen auf. Auch Polens Beitritt zur Europäischen Union am 1. Mai 2004, der eine neue Ära europäischer Integration symbolisiert, wurde schon im Vorfeld zu einer weiteren Bewährungsprobe. Die Hoffnung, dass sich die Beziehungen zwischen Deutschen und Polen immer besser gestalten, wenn erst einmal beide Länder demselben Militärbündnis und derselben europäischen Gemeinschaft angehören, hat sich noch nicht erfüllt.

Deutsche und Polen wurden erneut damit konfrontiert, dass trotz der Vertiefung von Kontakten die Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs für die kollektive gegenseitige Wahrnehmung, soweit sie von Politik und Medien bestimmt wird, immer noch von entscheidender Bedeutung sind. Jüngste geschichtspolitische Debatten wie die Diskussionen um ein "Zentrum gegen Vertreibungen" in Berlin zeigen, dass die Beziehung von Deutschen und Polen noch weit von einem vertrauensvollen Verhältnis entfernt ist.

Sicht der Bundesrepublik



In den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg fand vor allem zwischen der Volksrepublik Polen und der Bundesrepublik Deutschland eine intensive Auseinandersetzung statt. Dabei neigten beide Länder, die außer durch den Eisernen Vorhang auch noch durch die DDR getrennt waren, aufgrund ihrer konträren Gesellschaftssysteme besonders dazu, Klischees und Vorurteile aufrechtzuerhalten. In Westdeutschland bildete Polen die Kulisse für die deutsche Tragödie im Osten. Für das Verhältnis der Bundesrepublik Deutschland zu Polen waren in den ersten Nachkriegsjahren die Vertreibung und Aussiedlung der Deutschen und das Schicksal deutscher Kriegsgefangener in polnischen Gefängnissen bestimmend. Zwar hatte die "Charta der deutschen Heimatvertriebenen" vom 5. August 1950 auf Rache und Vergeltung verzichtet, aber das Trauma der Vertreibung der Deutschen überlagerte die Auseinandersetzung mit dem deutschen Überfall auf Polen im September 1939, den Verbrechen des Vernichtungskriegs und der nationalsozialistischen Besatzungspolitik. Das westdeutsche Polenbild blieb von der Ablehnung der Oder-Neiße-Grenze geprägt. Die schlesischen, pommerschen und ostpreußischen Landsmannschaften hatten in der Bundesrepublik sowohl für die deutsch-polnischen Auseinandersetzungen als auch für das deutsche Polenbild eine zentrale Bedeutung. Keine Partei in der Bundesrepublik wollte mit "nationalem Verzicht" in Verbindung gebracht werden und auf die Wählerstimmen der Vertriebenen verzichten, deren Führung jahrzehntelang das Verhältnis zu Polen störte.

Erst nach dem Arbeiteraufstand in Posen 1956 und dem Standhalten des polnischen KP-Chefs Wladyslaw Gomulkas gegenüber Moskau im Herbst 1956 begannen erstmals westdeutsche Politiker und Journalisten, Polen als ein Land wahrzunehmen, das eine selbstständige Rolle innerhalb des Ostblocks zu spielen versuchte. Nicht zuletzt der "polnische Oktober" erweckte alte, positiv besetzte Rollenbilder von den aufständischen rebellischen Polen, wie sie im Vormärz (1818 bis März 1848) entstanden waren. Im Laufe der 1960er und 1970er Jahre entwickelte sich ein gewisses Interesse an der vor allem von Karl Dedecius übersetzten polnischen Lyrik, an der polnischen Filmschule mit Andrzej Wajda und Andrzej Munk, an der grotesken oder ironischen Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte und dem Gesellschaftssystem der Volksrepublik im polnischen Theater von Slawomir Mrozek.

Von besonderer Bedeutung für die Überwindung feindseliger Distanz zwischen Polen und Deutschen waren die Denkschrift der Evangelischen Kirche Deutschlands vom September 1965 und die Versöhnungsbotschaft der polnischen Bischöfe "an ihre deutschen Brüder in Christus" vom 18. November desselben Jahres.

Ein wichtiges Zeichen setzte 1970 der Kniefall von Bundeskanzler Willy Brandt vor dem Denkmal für die Aufständischen des Warschauer Gettos. Im Zuge der Entspannungspolitik und der Ostverträge der sozialliberalen Koalition wurde 1972 die deutsch-polnische UNESCO-Schulbuchkommission mit dem Ziel ins Leben gerufen, einseitige nationalistische Sichtweisen zu verhindern. Bei allen Kontroversen bildeten die gemeinsam erarbeiteten Schulbuchempfehlungen nach Jahrzehnten gegenseitiger Missachtung im Zeichen des Kalten Kriegs einen großen Fortschritt in den deutsch-polnischen Beziehungen.

Die Entstehung der offenen Opposition in Polen nach der Streikwelle 1976 und die Gründung des unabhängigen polnischen Gewerkschaftsverbandes Solidarno?? im Herbst 1980 belebten im Westen erneut das Bild der polnischen Freiheitshelden. Die Vorgänge führten zu einer groß angelegten privaten Polenhilfe in Form von Paketaktionen, die auch in Polen zu einem neuen Bild der Deutschen als hilfsbereite Begleiter des polnischen Kampfes beitrug. Doch die Bewunderung für die mutigen polnischen Oppositionellen wandelte sich im Westen zuweilen in Ernüchterung und Enttäuschung, und in Teilen der Linken wurde die antikommunistische Opposition als Störenfried der Entspannungspolitik wahrgenommen.

Heute wird von polnischer Seite zu Recht beklagt, wie wenig bewusst sich die Deutschen der Tatsache sind, dass der Zerfall des Kommunismus und die Chance zur deutschen Wiedervereinigung Teil eines Prozesses sind, der 1980 in Polen begann und von den freien Gewerkschaften der Solidarno?? maßgeblich geprägt wurde. Kränkend für die polnische Wahrnehmung ist die Überbewertung der Rolle des sowjetischen Parteichefs Michail Gorbatschow, während Polens Vorreiterrolle oft verkannt wird.