Vorurteile
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13.1.2006 | Von:
Werner Bergmann

Rassistische Vorurteile

Rassistische Klischees bilden sich auch heute noch in Sprache, Literatur und Musik einer Gesellschaft ab. Welche geschichtlichen und kulturellen Wurzeln haben diese tradierten Vorurteile?
Nationale Klischees: Ausschnitt aus einer so genannten Völkertafel, Steiermark, frühes 18. Jahrhundert.Nationale Klischees: Ausschnitt aus einer so genannten Völkertafel, Steiermark, frühes 18. Jahrhundert. (© Public Domain, Wikimedia)

Einleitung

Umfragen in den späten 1990er Jahren zu Einstellungen gegenüber den Minderheiten in Deutschland lassen eine ethnische Hierarchisierung erkennen: Zuwanderern aus Italien oder Griechenland wurde größere Sympathie entgegengebracht als "deutschstämmigen" Aussiedlern; diese wiederum erzielten deutlich höhere Sympathiewerte als Zuwanderer aus Osteuropa (Russen), der Türkei, aus Asien (Vietnamesen) und Afrika. Solche Rangordnungen, die den sozialen Status von ethnischen Gruppen spiegeln, sind gesellschaftlich weit verbreitet und legen dem Einzelnen bestimmte Meinungen, Stereotype und Wertungen über diese Gruppen nahe, aus denen sich soziale Distanz und Diskriminierungsbereitschaft herleiten.

Wie kommt es zu dieser Abstufung? Welche Rolle spielen bei der Ablehnung sichtbare physiognomische und angenommene biologische Differenzen, kulturelle Unterschiede, die unterstellte Armut und Rückständigkeit, die Tatsache, als Flüchtling Asyl zu suchen? Um dies beantworten zu können, muss kurz auf die Geschichte der Rassentheorie und des Kolonialismus eingegangen werden.

Das christliche Geschichtsbild ging von Noah als dem gemeinsamen Stammvater aller Menschen aus, dessen Söhne Ham, Sem und Japhet die Väter der schwarzen, semitischen und weißen Völker waren. Allerdings wurde seit dem 17. Jahrhundert der Fluch Noahs über Ham, "der niedrigste Knecht soll er seinen Brüdern sein" (I. Buch Mose, 9,25), als göttliche Rechtfertigung des Sklavenhandels benutzt. In der frühen Kolonialgeschichte war aber nicht so sehr die andere physiognomische Erscheinung der Kolonisierten in Amerika, Afrika und Asien Anlass für diese "Bevormundung". Vielmehr war ihr "Heidentum" ausschlaggebend, sodass sie zu christianisieren waren.

Seit Ende des 17. Jahrhunderts wurde in der Wissenschaft "Rasse" als naturgeschichtlicher Begriff eingeführt, um Gruppen von Tieren und Menschen nach äußeren Merkmalen zu kategorisieren. Bereits die frühen Klassifikationsschemata enthielten Wertungen, indem sie Menschen in höhere und niedere Arten einstuften. Schon Gottfried Herder (1744-1803) sah darin die Gefahr einer Rechtfertigung von Unterdrückung und Versklavung vorgeblich tiefer stehender "Rassen". Tatsächlich entwickelte sich in Europa ein Bild der Kolonisierten in Amerika und Afrika, das diese in der gutmütigen Variante als "Naturkinder" und "edle Wilde" zeichnete (zum Beispiel Winnetou in dem gleichnamigen Roman von Karl May, Freitag in "Robinson Crusoe" von Daniel Defoe), in der negativen Variante als blutrünstige, verschlagene oder dumme Wilde. In beiden Fällen musste "der Wilde" unter der Vormundschaft des "weißen Mannes" bleiben. Entsprechend wurde die einheimische Bevölkerung von den europäischen Kolonialherren - vor allemvon den christlichen Missionaren - als Erziehungsobjekt behandelt. Falls sie sich dagegen auflehnte, schreckten die Kolonialmächte auch vor brutaler Gewalt bis hin zum Völkermord nicht zurück (so geschehen in Reaktion auf den "Hereroaufstand" 1904 im damaligen Deutsch-Südwestafrika).

Die politischen Konflikte zwischen den "weißen" Kolonialherren und den kolonialen Untertanen wurden im kolonialen Gesellschaftsmodell biologisiert und als "Rassenkampf" gedeutet. Eine sogenannte "Rassenmischung" wurde entsprechend als "Verrat an der weißen Rasse" abgelehnt. Spuren dieser Anschauungen finden wir noch heute - wie auch das Bild des guten oder bösen Sklaven, in dem sich mehr oder minder wohlwollende Geringschätzung (über die Rückständigkeit, die auf Faulheit und Dummheit oder ein "kindliches Gemüt" zurückgeführt wurde) mit der Furcht vorm "schwarzen Mann" (der als wild, triebhaft und brutal gilt) mischt. Die Wahrnehmung wird durch das grundlegende Muster von Zivilisation und Reife (Selbstbild) gegenüber Unzivilisiertheit, Unreife und Vitalität (Fremdbild) strukturiert, das auch der jeweiligen Physiognomie die Bedeutung "besser/schlechter als" verleiht.

Obwohl inzwischen in der Genetik, der Biologie und den Gesellschaftswissenschaften Einigkeit darüber besteht, dass eine Einteilung von Menschen in "Rassen" nicht möglich ist, ist dieser Begriff im Alltagsdenken verbreitet und hat kürzlich mit der Formulierung, niemand dürfe "aus Gründen seiner Rasse" diskriminiert werden, noch Eingang in den Gesetzentwurf zur Umsetzung europäischer Antidiskriminierungsrichtlinien gefunden. Die Deutsche Sektion des Global Afrikan Congress hat zu Recht gefordert, stattdessen die Formulierung "aus rassistischen Gründen" bzw. "nach rassistischen Kriterien" zu wählen.

Sprache, Lied- und Schriftgut

Dieses rassistische Wahrnehmungsmuster ist tief in unsere Sprache eingebettet und wird über scheinbar harmlose Lieder und Geschichten früh an die nächste Generation weiter vermittelt. Schon in der Umgangssprache verbindet sich mit dem Wort "schwarz" häufig etwas Ungesetzliches, Schlechtes oder Trauriges: Schwarzmarkt, Schwarzer Peter, Schwarzarbeit, jemanden anschwärzen oder schwarze Trauerkleidung. Ein Blick in das "Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten" von Lutz Röhrich zeigt, dass eine positive Bedeutung des Begriffs "schwarz" selten ist (zum Beispiel ins Schwarze treffen), sich aber eine Fülle von Redensarten mit negativer Bedeutung findet.

Eine Umwertung hat die amerikanische Black-Power-Bürgerrechtsbewegung Mitte der sechziger Jahre mit den Slogans "Black is beautiful" und "Black Supremacy" (Überlegenheit der Schwarzen) in Gang bringen wollen. Auch die Veränderung in der Bezeichnung der "Schwarzen" in den USA von "Farbige" (Coloured) über "Neger" (Negroes), "Schwarze" (Blacks) hin zu African-Americans versucht, über neue Begriffe alte Stereotype außer Kraft zu setzen.Ein herabsetzendes Bild des Schwarzen findet sich in Bezeichnungen wie "Negerkuss" oder "Mohrenkopf" für Kuchen und in seiner Funktion als Möbel (etwa ein Mohr als Träger von Obstschalen, als Tischbein), in dem sie als Sklaven oder Dienstboten erscheinen. Kindern werden mit dem Lied "Zehn kleinen Negerlein", die alle verschiedene Todesarten erleiden müssen, oder dem Spiel "Wer fürchtet sich vorm Schwarzen Mann" schon frühzeitig negative Klischees vermittelt. Auch die bekannte "Geschichte von den schwarzen Buben" aus Heinrich Hoffmanns "Struwwelpeter" von 1845 erscheint nur bei oberflächlicher Betrachtung als antirassistisch. Zwar werden die drei bösen weißen Buben vom Nikolaus wegen ihrer Verspottung des "kohlrabenschwarzen Mohren" bestraft und selbst "schwarz gemacht", doch sieht dieser das Schwarzsein seinerseits als Makel an: "Ihr Kinder, hört mir zu, und lasst den Mohren hübsch in Ruh! Was kann denn dieser Mohr dafür, dass er so weiß nicht ist wie ihr?" Wegen seiner Hautfarbe verdient "der Mohr" demnach nicht Spott, sondern Mitleid.

Das Bild des Schwarzen als "willigem Sklaven" oder als Negativbild des teils kindlichen, teils blutrünstigen Wilden findet sich auch in Jugend- und Fahrtenliedern, die in so bekannten Liedersammlungen wie "Die Mundorgel" und "Der Turm" abgedruckt sind.

Glücklicherweise nimmt die Prägung von Kindern und Jugendlichen durch diese lange Zeit weiter vermittelten Geschichten und Lieder heute ebenso ab, wie die im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts begründete Tradition der "Neger"- und Kannibalenwitze aus den Zeitungen heute weitgehend verschwunden ist.

Quellentext

Rassismus oder viel Lärm um nichts?

Der Augsburger Zoo präsentierte im Juni 2005 ein Event unter dem Titel "African Village". An rund 40 Ständen präsentierten sich überwiegend afrikanische Künstler, Gastronomen, Händler und Initiativen (ein Dorf war nicht aufgebaut). Die Aktion provozierte Kritik: Die "Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland" (ISD) forderte ihre Absage, weil schwarze Menschen in stereotyper Weise im Zoo ausgestellt würden. Dies erinnere an die Tradition kolonialer Völkerschauen. Andere Initiativen schlossen sich der Kritik an (s.u.). Der Zoo und die Stadt Augsburg verteidigten die Idee und wiesen die Vorwürfe zurück. Die Auseinandersetzung stieß auf ein kontroverses Medienecho im In- und Ausland.

Angriff auf die Menschenwürde
Wir unterstützen den Protest der schwarzen deutschen Community [gemeint ist die ISD] gegen das Vorhaben des Augsburger Zoos, vom 9. bis 12. Juni 2005 zwischen den Tiergehegen ein "African Village" aufzustellen. Dieses Vorhaben steht in konzeptioneller wie in praktischer Hinsicht in direkter Tradition der so genannten Völkerschauen zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Wir fordern die Absage der Veranstaltung. Im Rahmen von Völkerschauen wurde die so genannte "afrikanische Kultur" als Exkurs in exotische Gefilde präsentiert. Es ging zu keiner Zeit darum, sich mit der tatsächlichen Lebenssituation der Menschen auf dem afrikanischen Kontinent oder hierzulande auseinanderzusetzen. Der deutschen Bevölkerung wurde vielmehr das "wilde exotische Tier" vorgeführt. [...]
Unser Protest richtet sich gegen den Ort, die Form und den Inhalt der Präsentation. Die geplante Veranstaltung mag "gut gemeint" sein, aber ein Tierpark kann niemals ein "adäquater" Ort für die Präsentation der Lebenssituation von Menschen anderer Kontinente sein. Ein solches Ansinnen ist im besten Fall unsensibel und ignorant. Wir empfinden das Vorhaben als zynisch, rassistisch und als Angriff auf die Menschenwürde. [...] Es ist skandalös, dass für die finanzielle Sanierung des Zoos und die Förderung der Tourismusbranche rassistische Stereotype bedient werden und auf koloniale Verhaltensweisen zurückgegriffen wird.

Auszug aus einer Pressemitteilung der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus in Berlin vom 6. Juni 2005.

Solidarische Hilfe
Ich glaube auch, dass die in Augsburg wohnenden Afrikaner die Kritik an "African Village" nicht verstehen werden. Allein schon deshalb, weil es ausdrücklich nicht darum geht, Menschen schwarzer Hautfarbe "zur Schau zu stellen", sondern afrikanische Kultur, deren Vertreter auch in Augsburg präsent sind, einem breiten Publikum nahe zu bringen. Gerade für afrikanische Vereine und einzelne afrikanische Kulturschaffende ist es bekanntlich schwer, sich in der Öffentlichkeit "hör- und sehbar" zu machen. Deshalb halte ich die Wahl des Augsburger Zoos als Veranstaltungsort für durchaus adäquat. Schließlich ist dieser der größte Besuchermagnet der Region.
Ausdrücklich weise ich den Vorwurf zurück, die vorgesehene Veranstaltung erinnere an die früheren so genannten Völkerschauen, die zur Bildung rassistischer Grundhaltungen in Deutschland beigetragen haben. Solche Vorhaltungen sind haltlos, nicht zutreffend und verkennen vollkommen historische Zusammenhänge. Ich halte deshalb Veranstaltungen dieser Art - wie bislang in vielen Städten auch so realisiert - für ein Stück solidarische Hilfe für einen Erdteil, dem viel zu wenig humanitäre Aufmerksamkeit geschenkt wird!

Auszug aus der Presseerklärung des Augsburger Oberbürgermeisters Dr. Paul Wengert vom 1. Juni 2005.

Rockmusik

In der gegenwärtigen "RechtsRock"-Szene, zu der etwa 80 bis 100 aktive rechtsextremistische Bands gehören, kommt der Rassismus direkt und brutal zum Ausdruck, zum Beispiel in dem Lied "Hurra, Hurra, ein Nigger brennt" von der Band "Die Härte". In dem 1996 verbotenen "Afrika-Lied" der 2003 als "kriminelle Vereinigung" verurteilten Gruppe "Landser" werden Schwarze mit Affen gleichgesetzt und per Schiffsuntergang in den Tod geschickt. Rechtsextreme Skinhead-Gruppen wie "Rassenhass", "Race War" oder "White Aryan Rebels" signalisieren ihren militanten "White Power"- Rassismus schon durch ihre Namen. Sie aktualisieren mit Liedern wie "Volk steh´ auf" die kolonialen, im Nationalsozialismus radikalisierten Vorstellungen eines Rassenkrieges, indem sie zu Hass und Gewalt gegen Schwarze, Ausländer und Juden aufrufen (Bundesamt für Verfassungsschutz, Rechtsextremistische Skinheads: Musik und Konzerte 2004).

Afrika in den deutschen Medien und Schulbüchern

Über Länder der "Dritten Welt" wird in den deutschen Medien vergleichsweise selten berichtet - und zwar so selten, dass der gesamte afrikanische Kontinent in manchen Monaten in den Nachrichtensendungen des Fernsehens überhaupt nicht vorkommt und auch nur selten in den Tageszeitungen thematisiert wird. Dies räumten Medienvertreter in der SWR2-Sendung "Zwischen Hölle und Paradies. Das Afrikabild in den deutschen Medien" im Januar 2002 selbstkritisch ein. In 80 Prozent aller Beiträge wird Afrika als "Hölle" beschrieben - in Negativberichten über Natur- und Hungerkatastrophen, Kriege und Staatsstreiche.

Oft wird Afrika nur im Zusammenhang mit Themen genannt, die deutsche oder europäische Interessen berühren. Alternativ wird der Kontinent in den Medien als "Paradies" gepriesen - als der unberührte, aber bedrohte wilde Kontinent mit seinen unverdorbenen, schönen schwarzen Menschen, die singen und tanzen. So folgen manche Berichte noch immer kolonialen und rassistischen Wahrnehmungsmustern, etwa wenn politische Konflikte als unpolitische "Stammeskriege" interpretiert und ihre Primitivität und Brutalität betont wird. Humanitäre Aktionen wie Spendenaufrufe im Fernsehen bei Natur- und Hungerkatastrophen, Epidemien oder Flüchtlingselend haben den Nebeneffekt, das alte Afrikabild eines primitiven, geschichtslosen und chaotischen Erdteils zu zementieren, der letztlich aus eigenem Verschulden nicht aus seiner Unterentwicklung herauskommt. Es fehlen "positive" Bilder des Alltagslebens und Berichte aus afrikanischer Sicht.

Selbst in der Sportberichterstattung, in der schwarze Sportler individueller und positiver dargestellt werden und die "Hautfarbe" eine neutrale Kennzeichnung ist, schimmern gelegentlich noch Bildwelten aus der Kolonialzeit durch, wenn diese als stets lächelnd und gutgelaunt (Stereotyp der Kindlichkeit und Unreife), bescheiden und abergläubisch porträtiert werden. Das Bild "praller Vitalität" wird mit der Abwesenheit von "Geist" kombiniert. Stets scheint die Angabe der "Hautfarbe", oft mit einem Tiervergleich verbunden, eine wichtige Information zu vermitteln, etwa wenn von einer "schwarzen Gazelle" die Rede ist oder in der Fernsehberichterstattung über die Leichtathlethik-WM 2005 in Helsinki Läufer aus Äthiopien als "Panther" bezeichnet wurden.

Sport und Popmusik (Jazz, Soul, Reggae, Rap) sind heute zwar einerseits Felder, wo People of Color große Erfolge und soziales Prestige gewinnen, doch bedienen beide Gebiete mit ihrer Betonung von körperlicher Vitalität und Musikalität immer noch das Stereotyp der unverbrauchten, gefühlsintensiven Lebenskraft, das schon für die künstlerischen Strömungen des ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhunderts als Kontrastbild für die blutlose Moderne eine große Rolle gespielt hat.

Analysen deutscher und europäischer Schulbücher kritisieren, dass dort zum Teil ein veraltetes, von Exotismen geprägtes Bild Afrikas vermittelt werde, das mit den zahlreichen Facetten des Kontinents wenig zu tun habe. Zudem würden weiterhin problematische Begriffe verwendet (Eingeborene, Stamm, Häuptling, Naturvölker, Mulatte). Laut der Schulbuchuntersuchung Anke Poenickes von 2001 behandelten die Schulbücher (Erstauflagen 1998 bis Anfang 2001) Afrika zumeist nur im Rahmen "europäischer Themen" (zum Beispiel der europäischen Expansion). Dabei werde Europas Rolle in Afrika zu wenig problematisiert, es stilisiere sich primär als Helfer. Über Afrika werde in einem väterlich-bevormundenden Ton gesprochen, afrikanische Perspektiven fehlten. Schulbücher für Biologie benutzten nach wie vor das "Rassenkonzept", wobei häufig Fotos, etwa von Massai mit Ohren- und Nasenringen, die "negride Rasse" darstellen sollen.

Diese Sichtweisen bestimmen das Afrikabild von Schülerinnen und Schülern: Neuere Befragungen haben gezeigt, dass Afrika für sie fremd und vor allem durch Mängel ("alle sind arm", hartes Los der Frauen) und Gewalt ("Stammeskriege") gekennzeichnet ist. Auch positive Stereotype wie die des "edlen Wilden" belegen das Fortleben überholter Vorstellungen.

Das Afrikabild der Medien, Schulbücher, Werbung, Literatur und Politikdiskurse reflektiert das globale Machtungleichgewicht zwischen der "Dritten" und der westlichen Welt. Es bestärkt die Vorurteile, mit denen Schwarze als Flüchtlinge, Studierende, Touristen in Deutschland oder als deutsche Staatsangehörige (es gibt schätzungsweise drei- bis fünfhunderttausend Schwarze Deutsche) konfrontiert werden.

Alltäglicher Rassismus

Schwarze sind als "äußerlich erkennbare Minderheit" in Deutschland besonders häufig und in besonderem Ausmaß mit Rassismus konfrontiert. Dies stellte der Bericht der Europäischen Kommission gegen Rassismus und Intoleranz (ECRI) 2003 fest. Unter den mehr als hundert Todesopfern rechter Gewalt seit 1990 befinden sich fünfzehn Schwarze Opfer und etwa ebenso viele aus der Türkei und Südeuropa (die Angaben der Bundesregierung - bis März 2003 39 anerkannte Todesfälle - und die von Zeitungen und Vereinen - mindestens 99 Fälle - gehen allerdings weit auseinander; vgl. "Frankfurter Rundschau" vom 6. März 2003). Bekannt wurden einige Fälle brutalster Gewaltanwendung: Alberto Adriano aus Mozambik starb am 14. Juni 2000 in Dessau an den Folgen rechter Gewalt; Farid Guendoul zog sich, von Rechtsextremisten verfolgt, am 13. Februar 1999 in Guben tödliche Verletzungen zu. Die Täter stammten aus Skinhead- und Neonazigruppen wie der "Weißen Offensive" oder den "White Aryans", deren Namen schon auf ihren programmatischen Rassismus hinweisen.

Fälle offener Gewalt bilden jedoch nur die Spitze des Eisbergs eines alltäglichen Rassismus. Schwarze Bürgerinnen und Bürger beklagen, dass man sie nicht respektiert, sondern mit ihnen wie mit Kindern redet, sich überrascht zeigt, wenn sie gut Deutsch können, ungeniert mit dem Finger auf sie zeigt oder herabsetzende Gesten macht. Sie berichten von "nicht böse gemeinten" Fragen wie "Sie haben doch sicher Rhythmus im Blut bei Ihrer Abstammung" und Wünschen, einmal durch die dunklen Locken des Gegenübers fahren zu dürfen (Die Zeit vom 7. September 2000). Härter äußert sich die feindselige Stimmung in offenen Beleidigungen (wie "Nigger" oder "Bimbo") und Benachteiligungen, die Schwarze bei der Wohnungs- und Arbeitsuche, in Geschäften, Diskotheken, Behörden, Krankenhäusern und öffentlichen Verkehrsmitteln über sich ergehen lassen müssen. Die Übergriffe reichen bis hin zu Schikanen und Gewalt durch die Polizei und andere Behörden, die Schwarze manchmal von vornherein wie Kriminelle behandeln, wobei dieser Machtmissbrauch zumeist unbekannt oder ungesühnt bleibt. Es hat vom Europarat und den Vereinten Nationen wiederholt Kritik an den Übergriffen der deutschen Polizei auf Ausländer gegeben (vgl. die Dokumentation der Aktion Zivilcourage, Polizeiübergriffe auf Ausländerinnen und Ausländer in Deutschland 2000-2003). Die Beleidigten oder gar Angegriffenen beklagen, dass man ihnen nur selten zu Hilfe kommt.

Quellentext

Als Ausländer schneller unter Verdacht?

Polizeilicher Machtmissbrauch gegen Ausländerinnen und Ausländer bleibt in zahlreichen Fällen unbekannt und ungesühnt. - Für Illegale ist Anzeige gegen Polizeiübergriffe doppelt schwer. - Übergriffe müssen konsequent verfolgt und bestraft werden. - Jeder Einzelfall ist eine schwerwiegende Menschenrechtsverletzung durch Vertreter des Rechtsstaats.

"Aktion courage" hat rund siebzig beispielhafte Fälle für Polizei-übergriffe gegen Ausländerinnen und Ausländer der letzten drei Jahre dokumentiert, die in erschreckender Weise deutlich machen:
Die wiederholte Kritik des Europarates und der Vereinten Nationen an Deutschland wegen erheblicher Polizeibrutalität an Ausländern ist folgenlos geblieben. Die Verschärfung der Polizeigesetze (auch nach dem 11. September 2001) benachteiligt vor allem Ausländer. Schon wegen ihres Aussehens gelten sie der Polizei als "auffällig", werden schneller verdächtigt als Deutsche und können sich wegen ihrer geringen Beschwerdemacht gegen Amtsmissbrauch kaum wehren.
Cem Özdemir, stellvertretender Vorsitzender des Kuratoriums, erklärt dazu: "Die dokumentierten Fälle zeigen vor allem eines: Die Polizei arbeitet in ganz besonderen Stresssituationen, aber sie repräsentiert eben auch unseren Staat. Deshalb kann und darf Rassismus gegenüber Menschen mit anderer Herkunft oder anderem Aussehen nicht geduldet werden. Verdrängen hilft nicht. Erst wenn die Zusammensetzung der Polizei der gesellschaftlichen Zusammensetzung entspricht, wird die Selbstkontrolle innerhalb der Polizei einfacher werden."

Aus einer Pressemitteilung der Anti-Rassismus-Initiative "Aktion Courage" vom 13. Januar 2004.

Ausgrenzungen

So ist das Leben Schwarzer Bürgerinnen und Bürger von Ausgrenzung und Chancenlosigkeit in vielen Lebensbereichen mitbestimmt wie etwa in der Schule, in den Medien, in der Öffentlichkeit und im Bekanntenkreis sowie in Form der Einschüchterung durch staatliche Kontrollen. Respektlosigkeit und Ablehnung, Hass und Gleichgültigkeit erleben Schwarze als Haltungen, die noch über eine generelle Fremdenfeindlichkeit hinausgehen.

So berichtet ein Ghanaer von einem Sozialarbeiter, der auf seine Frage: "Sie mögen keine Ausländer, oder?", antwortete: "Doch, doch, aber ich mag keine Schwarzen. Ich will in unserer Stadt keine schwarzen Babys haben." (Dorothea Schütze, "Ich hatte kein Kleingeld", Darmstadt 1996, S. 57). Insbesondere weiße Frauen, die mit einem Schwarzen verheiratet sind, und deren gemeinsame Kinder begegnen tagtäglich einem latenten Rassismus, der sich in Getuschel und in abschätzigen Fragen wie: "Haben Sie die Kinder adoptiert?" oder "Wo haben Sie die denn her?" äußert. Dieses Problem reicht bis in die Familien hinein, wo die familiäre Zugehörigkeit eines schwarzen Enkelkindes etwa von den Großeltern nicht voll akzeptiert wird und diese ihrer Tochter vorwerfen, "sich mit einem Schwarzen eingelassen zu haben". Andere sind groben Beleidigungen (sie führten nur eine "Scheinehe" mit einem "Wirtschaftsasylanten") und Anpöbelungen ausgesetzt. Dies zeigt deutlich, dass in der BevölkerungElemente eines biologistisch-rassistischen Denkens fortbestehen, das eine Ehe zwischen Schwarzen und Weißen als "unnatürlich" ablehnt. Bekanntlich entzünden sich rassistische Vorurteile am heftigsten an sexuellen Tabus. An der äußeren Erscheinung setzt also ein sozialer Definitionsprozess an, der ihre Träger zu Fremden macht, obwohl viele von ihnen die deutsche Staatsbürgerschaft haben, in Deutschland geboren sind oder schon Jahrzehnte hier leben.

Einstellungen der Bevölkerungsmehrheit

Die Akzeptanz einer multiethnischen Gesellschaft ist in Deutschland noch wenig verbreitet. Dabei leben hier heute Schwarze Deutsche bereits in der fünften Generation. Ende des 19. Jahrhunderts wanderten Afrikaner aus den deutschen Kolonien ein. Nach dem Ersten Weltkrieg waren Schwarze Soldaten unter den französische Besatzungstruppen im Rheinland, was viele Deutsche damals als "Schmach für die Ehre und Würde des deutschen Volkes und der weißen Rasse" empfanden. Deren Kinder mit einheimischen Frauen wurden als "Rheinlandbastarde" diskriminiert und von den Nationalsozialisten gemäß ihrem "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" (1933) zu Hunderten zwangssterilisiert. Die nach 1945 geborenen "Besatzungskinder" wurden, vor allem wenn sie aus Beziehungen von Schwarzen Soldaten mit deutschen Frauen hervorgingen, von Politik, Wissenschaft und Erziehung als ein "soziales Problem" definiert. Zu Recht wurde befürchtet, die noch von der rassistischen NS-Ideologie geprägte deutsche Nachkriegsgesellschaft würde diese Kinder diskriminieren, worauf diese rebellisch reagieren könnten. Allerdings waren die Verantwortlichen selbst noch im rassistischen Denken verhaftet.

Anthropologische und soziologische Gutachten der Nachkriegszeit zeigten ebenso wie die Debatte des Deutschen Bundestages vom 13. Februar 1952, dass man die als "Negermischlinge" diskriminierten Kinder trotz ihrer deutschen Staatsbürgerschaft und ihrer kulturellen Sozialisation in Deutschland als ein "menschliches und rassisches Problem besonderer Art" betrachtete, weil sie das Klima nicht vertrügen oder auf Grund ihres "heißblütigen" Temperaments Schwierigkeiten bekämen. Man erwog deshalb, sie in das Heimatland ihrer Väter abzugeben. Viele Deutsche konnten sich für diese Kinder nur dienende oder exotische Berufe vorstellen wie Wäscherin, Zimmermädchen, Artist, Musiker oder Liftboy.

Auch wenn diese Form rassistischen Denkens heute seltener geworden ist, sehen sich Afrodeutsche oft der Frage ausgesetzt, "ob und wann sie denn 'zurückgingen'". Dies führt bei ihnen zu Fragen nach der eigenen Zugehörigkeit und Identität, dem Gefühl, "anders zu sein". May Ayim, eine afrodeutsche Dichterin, hat dies so ausgedrückt: "in deutschland großgeworden, habe ich gelernt, dass mein name neger(in) heißt und die menschen zwar gleich, aber verschieden sind, und ich in gewissen punkten etwas überempfindlich bin, in deutschland großgeworden, habe ich gelernt, zu bedauern schwarz zu sein, mischling zu sein, deutsch zu sein, nicht afrikanisch zu sein, deutsche eltern zu haben, afrikanische Eltern zu haben, exotin zu sein, frau zu sein" (Die Zeit vom 7. September 2000).

Nach Umfrageergebnissen waren 2004 noch fünf Prozent der befragten Deutschen voll und ganz der Auffassung, die Weißen seien "zu Recht führend in der Welt", weitere acht Prozent neigten auch "eher" zu dieser Meinung. In den jüngeren Generationen haben negative Einstellungen abgenommen, und in Gebieten mit höherem Ausländeranteil sind sie geringer als in Gebieten mit weniger Ausländern. Offenbar wirken sich das Zusammenleben mit anderen ethnischen Gruppen und eine weltoffenere Erziehung positiv aus. So wäre etwa die Aufstellung von Schwarzen Fußballern wie Gerald Asamoah oder Patrick Owomoyela für die deutsche Nationalmannschaft noch vor einigen Jahren undenkbar gewesen, während dies heute akzeptiert wird.
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