Vorurteile
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13.1.2006 | Von:
Werner Bergmann

Antisemitismus

Wer den Antisemitismus verstehen will, muss die Geschichte der Judenfeindschaft kennen, in der das negative Judenbild geprägt wurde. Der heutige Antisemitismus greift auf alte Vorurteile zurück und aktualisiert sie.
Mehrere Grabsteine eines jüdischen Friedhofs in Dortmund sind mit Hakenkreuzen und SS Symbolen beschmiert.Mehrere Grabsteine eines jüdischen Friedhofs in Dortmund sind mit Hakenkreuzen und SS Symbolen beschmiert. (© picture-alliance/AP)

Einleitung

Als die Überlebenden des Holocaust aus den Lagern oder den Verstecken kamen, glaubten viele, das Ausmaß der Verbrechen werde jedem Antisemitismus den Boden entziehen. Diese Erwartung hat sich nicht erfüllt. Zwar hat der Antisemitismus heute in den europäischen Ländern und den USA im Vergleich zur ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts abgenommen, und es gibt auch keine Diskriminierungen von staatlicher Seite mehr. Dennoch sehen sich Juden in vielen Ländern Vorurteilen und Übergriffen ausgesetzt. In Deutschland haben antisemitische Straftaten seit den 1990er Jahren im Vergleich zu den Jahrzehnten davor erheblich zugenommen und im Jahre 2001 einen neuen Höchststand erreicht.

Rechtsextremismus und AntisemitismusRechtsextremismus und Antisemitismus
Woher kommen die Vorurteile gegen Juden? Weshalb halten sich antijüdische Stereotype so hartnäckig, obwohl man ihnen nun jahrzehntelang in der Schule und der Öffentlichkeit entgegengetreten ist und in vielen europäischen Ländern nur noch wenige Juden leben? Welche Rolle spielt dabei, dass negative Äußerungen über Juden in der Öffentlichkeit tabuisiert sind, dass das Thema "Juden" von vielen wegen des Holocausts als belastet und heikel empfunden und gemieden wird? Gerade in Deutschland, wo Schuld- und Schamgefühle begreiflicherweise einem normalen Verhältnis zwischen Deutschen und Juden entgegenstehen, eignen sich antijüdische Bemerkungen, Witze oder gar Übergriffe besonders treffsicher als Mittel der Tabuverletzung und Provokation. Insofern gibt es vor allem in Deutschland und Österreich einen spezifischen "Antisemitismus wegen Auschwitz", der sich gegen die Juden wendet, weil sie als diejenigen gesehen werden, die die Deutschen permanent an die NS-Verbrechen erinnern.

Dieser "Schuldabwehr-Antisemitismus" greift auf alte antijüdische Vorurteile und Stereotype zurück und aktualisiert sie. Will man den heutigen Antisemitismus in seinen verschiedenen Ausprägungen verstehen, muss man deshalb auf die Geschichte der Judenfeindschaft zurückblicken. Hier wurde ein negatives Bild des Juden geprägt, das mehrere historische Schichten besitzt, wobei die älteren Vorurteilsschichten in der nächsten Phase nicht "vergessen", sondern nur von neuen überlagert wurden.

Christlicher Antijudaismus

Die erste Schicht ist die religiös motivierte Ablehnung der Juden durch die Christen, einer selbst aus dem Judentum hervorgegangenen Gruppierung. Während die frühe Jesusbewegung nur aus Juden bestand, kamen allmählich auch Nichtjuden hinzu und es entwickelte sich eine Distanz und ein Konkurrenzverhältnis zum Judentum. Aus dieser Situation entstand unter den Christen eine antijüdische Tradition, die bereits in Teilen des Neuen Testaments spürbar ist. Die Christen sahen sich im "neuen Bund", als "wahres Israel" und schlossen die Juden als Volk des "alten Bundes" aus dem neuen Gottesbund aus (Galater 4,21-31; Markus 12, 9-12). Sie überbetonten den jüdischen Anteil an der Leidensgeschichte Jesu (Matthäus 27,25; Markus 15,6-15; Lukas 23,13-15). Innerjüdische Konflikte, über die das Neue Testament berichtet, wurden nachträglich als Auseinandersetzungen zwischen Judentum und Christentum interpretiert. So erscheinen die Pharisäer und Schriftgelehrten als Heuchler (Matthäus23,13-29) und Verfechter einer nur äußerlichen Frömmigkeit (Lukas 16,15). Den Kern des christlichen Judenhasses bildete der so genannte Gottesmordvorwurf ("Welche auch den Herrn Jesum getötet haben, und ihre eigenen Propheten, und haben uns verfolget", 1. Thessalonicher 2,15). Dabei wurde übersehen, dass nicht die Juden, sondern die römische Besatzungsmacht Jesus zum Tode verurteilt und - nach römischer Strafpraxis - ans Kreuz geschlagen hatte.

In polemischen Bibelauslegungen, in Predigten, in der christlichen Geschichtsschreibung sowie unter den Gläubigen entwickelte sich seit dem frühen zweiten Jahrhundert eine konsequent judenfeindliche Haltung. Die Herabsetzung von Volk und Glauben der Juden wurde zum integralen Bestandteil der christlichen Lehre - und zum religiösen Vorurteil mit folgenden Elementen: Die Juden galten als blind und verstockt, weil sie Jesus nicht als Messias anerkennen wollen; man erhob den Vorwurf des Christusmordes und der Christenfeindlichkeit und behauptete ihre Verwerfung durch Gott. Doch findet sich im Neuen Testament auch die Aussicht auf ihre endzeitliche Bekehrung und Errettung eines "Restes" (Römer 11). Damit war theologisch eine Grenze gegenüber Zwangsbekehrung und Ausrottung markiert, die ihren rechtlichen Ausdruck im Schutz der jüdischen Religion fand.

Negative Stereotype aus dem Neuen Testament reichen bis in den heutigen Sprachgebrauch hinein: Wir nennen einen Heuchler immer noch "Pharisäer". Judas ist bis heute die Symbolfigur des Verräters, und Juden wurden in der Geschichte häufig des Verrats an ihren "Gastvölkern" bezichtigt.

Die Christianisierung Europas, die innerkirchlichen Reformbewegungen, insbesondere die Missionsbestrebungen der Bettelorden und die Wendung gegen abweichende christliche "Irrlehren" (so genannte Ketzer) und Feinde des Christentums (Kreuzzüge), verbreiteten die Judenfeindschaft über den Kreis der Theologen hinaus unter den Laien, sodass Vorurteile gegen Juden zum festen Bestandteil der erstarkenden Volksfrömmigkeit wurden.

Im 13. Jahrhundert gewannen mit der Verkündigung der Transsubstantiationslehre, die annimmt, dass sich beim Abendmahl Brot und Wein "real" in den Leib und das Blut Christi verwandeln, die geweihte Hostie und das Blut zentrale religiöse Bedeutung. Christen fürchteten nun, Juden würden als "Feinde Christi" die Hostie durchbohren, um damit den Leib Jesu erneut zu verletzen. Dieser Vorwurf der Hostienschändung hat häufig zu antijüdischer Gewalt geführt. Damals kam auch die Befürchtung auf, die Juden würden Blut von Christen zu rituellen Zwecken benötigen. Deshalb würden sie Christenknaben rauben oder kaufen, um sie dann zu ermorden. Diese Vorstellung steht im Widerspruch zur ausgeprägten Abneigung gegen den Genuss von Blut im Judentum. So sieht beispielsweise das Schächtungsgebot das völlige Ausbluten des geschlachteten Tieres vor; blutig wird das Fleisch als unrein angesehen. Auch die christlichen Kirchenführer widersprachen dieser Ritualmordlegende. Trotzdem verbreitete sie sich in ganz Europa und hat bis ins frühe 20. Jahrhundert hinein immer wieder Anlass zu antijüdischen Übergriffen gegeben. Die Vorstellung, dass Andersgläubige Kinder misshandeln und zu rituellen Zwecken opfern, ist historisch und geografisch weit verbreitet. Heute lebt sie als Bestandteil der arabisch-muslimischen Judenfeindschaft wieder auf. Diese Bedrohungsängste, zu denen - etwa zur Zeit der Pest in der Mitte des 14. Jahrhunderts - auch die Angst vor Brunnenvergiftungen gehörte, machten die Juden zu einer dämonisierten Minderheit, die sich angeblich gegen die Christen verschworen hatte.

Soziale Stereotype

Die geschilderte Entwicklung seit dem 13. Jahrhundert führte zu einer deutlichen Verschlechterung der gesellschaftlichen Stellung der Juden. Kirchlicherseits wurden sie durch die Bestimmungen des IV. Laterankonzils von 1215 zu einer sozial ausgegrenzten Gruppe (Kennzeichnung der Kleidung, Ausschluss von öffentlichen Ämtern). Ihnen wurde die Zulassung zu den sich als christliche Bruderschaften verstehenden Zünften versperrt. Dies zwang die Juden zu einer ökonomischen Spezialisierung auf Handel und Geldleihe, die den Christen aus religiösen Gründen verboten war. Als Finanziers der Feudalherren und der Städte sowie als Großkaufleute galten sie als "reiche Wucherer", was sie zu einer lohnenden Beute in politischen Konflikten und zum Ziel von Übergriffen vor allem seitens ihrer Schuldner machte. Mit der Lockerung des kirchlichen Zinsverbots (das heißt, für die Bereitstellung von Kapital Zinsen zu nehmen) wurden Juden durch ihre christlichen Konkurrenten auf die Geldleihe fürdie ärmeren Schichten und die Hehlerei abgedrängt und damit zu verarmten Außenseitern. Auch wenn also keineswegs alle Juden zur reichen Schicht der Finanziers gehörten und die Juden später überwiegend eine verarmte Gruppe darstellten, blieb das Bild des "reichen Juden" als Stereotyp haften. Die berufliche Spezialisierung hielt sich teilweise bis ins 20. Jahrhundert hinein, sodass sich das Vorurteil festigte, das die Juden mit Geld(-gier), Kapitalismus und Ausbeutung verband. Man sprach Ende des 19. Jahrhunderts von der "Goldenen Internationale" und verknüpfte dabei die Vorstellung einer großen Finanzmacht der Juden mit dem altbekannten Vorwurf, sie hätten sich gegen die Christen verschworen und strebten die Weltherrschaft an.

Bis ins 19. Jahrhundert hinein bildeten die Juden eine von der Mehrheitsgesellschaft verachtete, randständige Gruppe mit einem hohen Grad an Selbstverwaltung und einer sehr kleinen reichen Oberschicht von Hofjuden, die von den Fürsten in erster Linie mit finanzpolitischen Aufgaben betraut waren (etwa als Hofbankiers).

Mit der Judenemanzipation im Zuge der Aufklärungsbewegung wurden Juden allmählich rechtlich und sozial in die christliche Gesellschaft integriert. Sie engagierten sich besonders in den politisch fortschrittlichen Bewegungen und Parteien (Liberalismus, später Sozialismus und Kommunismus), die sich für die Gleichstellung der Juden einsetzten und weniger antijüdisch waren als christlich-konservative oder völkisch-nationalistische Parteien und Organisationen. Aus diesem politischen Engagement einer intellektuellen Minderheit entwickelte sich das Stereotyp des zu Radikalismus und Umsturz neigenden Juden. Dieser Vorwurf traf die linken und liberalen Parteien der Weimarer Republik, die von ihren Gegnern als "Judenrepublik" verunglimpft wurde. Die Nationalsozialisten sprachen dann vom "jüdischen Bolschewismus", um damit nach der russischen Oktoberrevolution die in der deutschen Bevölkerung verbreitete Furcht vor einem kommunistischen Umsturz für ihren Antisemitismus zu instrumentalisieren.

Rassebegriff

Der Begriff "Rasse" wurde in der Anthropologie seit Ende des 17. Jahrhunderts beschreibend als naturgeschichtlicher Begriff verwendet, um Gruppen von Tieren und Menschen mit gemeinsamen äußeren Merkmalen zu kategorisieren. Doch stuften bereits die frühen Klassifikationsschemata Menschen in höhere und niedere Arten ein. An diese Rassentypologien knüpfte der französische Graf Joseph Arthur de Gobineau (1816-1882) in seinem geschichtsphilosophischen Essai sur l´inégalite des races humaines (1853/55) an, in dem er von der Ungleichheit der Menschenrassen ausging. Die "arische weiße Rasse" verkörperte für ihn den Gipfel kultureller und moralischer Entwicklung, doch sah er ihre Überlegenheit durch "Rassenmischung" bedroht. Mit diesem Ariermythos, der Betonung des Blutes und der Unterscheidung von niederen und edleren Rassen, hatte Gobineau ein Denkmodell für den rassistischen Antisemitismus vorgegeben.

Einen neuen Gedanken führte der Sozialdarwinismus ein - eine im Anschluss an Charles Darwin (1809-1882) entstandene sozialphilosophische Strömung. Er übertrug Darwins Entwicklungstheorie, die von einer natürlichen Auslese in der Pflanzen- und Tierwelt ausging, auf die menschliche Gesellschaft. Die Darwinsche Anpassungstheorie vom "Überleben der Tauglichsten" (survival of the fittest) wurde zum "Kampf ums Dasein" zwischen "höheren" und "niederen" Rassen umgedeutet. Houston Stewart Chamberlain (1855-1927) verband in seinem weit verbreiteten Buch "Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts" (1899) den Mythos vom reinrassigen "Arier" als Kulturträger mit dem Gedanken des Rassenkampfes. Danach stünden die "Arier" der minderwertigen "Mischlingsrasse" der Juden in einem historischen Endkampf gegenüber, in dem es nur Sieg oder Vernichtung geben könne. Seit den 1880er Jahren wurde so der vorher religiös oder ökonomisch begründete Antisemitismus nun als "Rassenfrage" formuliert.

Die nationalsozialistische Rassentheorie setzte diese Tradition fort und lehnte eine Vermischung der Rassen ab. Entsprechend wurden sexuelle Kontakte von "Ariern" und Juden ab 1935 als "Blutschande" strafrechtlich verfolgt. Das vulgär-antisemitische NS-Blatt "Der Stürmer" charakterisierte die Juden als "zersetzende Elemente" und sexuelle Bedrohung und stufte sie rassentypologisch als "niedere Rasse" ein. Andererseits galten die Juden als gefährlichster Gegner im weltgeschichtlichen Endkampf ("Gegenrasse"), wurden sie doch - unlogischerweise - als die "Drahtzieher" sowohl hinter dem amerikanischen Kapitalismus ("Wall Street") wie auch hinter dem sowjetischen Kommunismus ("jüdischer Bolschewismus") vermutet.

In der Geschichte sind also negative Einstellungen zu Juden aus ganz unterschiedlichen Gründen entstanden: Die früheste Schicht bildet die religiöse Feindschaft des Christentums gegenüber dem Judentum. Die von der christlichen Gesellschaft erzwungene besondere Berufsstruktur der Juden seit dem Mittelalter führt auf eine zweite Schicht: Die ökonomisch begründete Judenfeindschaft, in der die Juden als Wucherer, Betrüger, später als ausbeuterische Kapitalisten und Spekulanten gebrandmarkt wurden. Damit eng verbunden ist die Vorstellung von den Juden als einer mächtigen Gruppe, die mit ihrem Geld weltweit die Politik bestimmt. Hierher gehört das Stereotyp des "Drahtziehers", der Glaube an eine jüdische Weltverschwörung. Eine weitere Schicht bilden rassistische Vorstellungen über den jüdischen Körper, also die vom schwachen, unsoldatischen (Stereotyp des "Drückebergers"), hässlichen, gebückten und hakennasigen Juden (was die jüdischen Frauen angeht, so dominiert das exotische Bild der "schönen Jüdin"), zum anderen die Fantasien vom sexuell bedrohlichen Juden. Alle diese Dimensionen des antijüdischen Vorurteils sind bis in die Gegenwart mehr oder weniger wirksam geblieben und finden sich in heute aktualisierter Form wieder.

In einer repräsentativen Meinungsumfrage wurde im Jahre 1987 (wiederholt 1993) anhand einer Eigenschaftsliste (mittels des Verfahrens der Faktorenanalyse) das bis heute vorherrschende "Judenbild" ermittelt. In ihm sind sowohl Konstanz wie Veränderungen gegenüber dem historischen Bild erkennbar, die sich in sechs Dimensionen bündeln lassen:
  • In dem Vorstellungskomplex der "jüdischen Weltverschwörung" wurden die Juden als "machthungrig, verschwörerisch, unheimlich, rücksichtslos, hinterhältig und politisch radikal" betrachtet. Im Durchschnitt schrieben etwa 15 Prozent den Juden diese Eigenschaften zu. Diese Verschwörungstheorie ist bereits in den berüchtigten und wieder viel zitierten "Protokollen der Weisen von Zion" ausformuliert - einer Fälschung des zaristischen Geheimdienstes. Die erfundenen Protokolle sind angeblich Aufzeichnungen von Reden, in denen ein Mitglied der jüdischen Geheimregierung - ein "Weiser von Zion" - einen Plan zur Übernahme der Weltherrschaft darlegt, an der seit Jahrhunderten planmäßig gearbeitet werde. Der Glaube an eine "jüdische Weltverschwörung" ist heute vor allem in der arabischen Welt verbreitet. Er bildet jedoch nach wie vor auch den Kern der rechtsradikalen Ideologie - etwa in der Vorstellung vom Zionist Occupied Government (ZOG), wonach die westlichen Regierungen von einer zionistischen-jüdischen Macht gelenkt würden. Die Antisemiten in Deutschland machen "jüdischen Einfluss" dafür verantwortlich, dass es nicht gelingt, "einen Schlussstrich unter die Vergangenheit zu ziehen". Hier werden gesellschaftlich nicht zu steuernde Prozesse öffentlicher Diskussion und Erinnerung auf die vermeintliche (Presse-)Macht einer Gruppe zurückgeführt. Dies gilt auch für andere, schwer erklärbare und bedrohliche Phänomene wie Terrorismus, Kriege (wie im Irak) oder Globalisierung. Diese Personalisierung von sozialen Prozessen ist typisch für vorurteilshaftes Denken.
Vorurteile gegenüber JudenVorurteile gegenüber Juden
  • In der deutschen Bevölkerung werden die Juden am häufigsten als fest zusammenhaltende religiöse Gruppe gesehen (70 Prozent). Dieses Festhalten an Tradition und Religion wird nicht (mehr) negativ bewertet, der alte christlich-jüdische Gegensatz scheint an Bedeutung verloren zu haben. Dies liegt an dem gewissen Bedeutungsverlust von Religion (Säkularisierung), an der veränderten Haltung der Kirchen zum Judentum sowie daran, dass mit dem Islam (in seiner fundamentalistischen Variante) ein neues Feindbild entstanden ist (Islamophobie).
  • Sozialethische Verhaltensstandards wie "Ehrlichkeit, Bescheidenheit, Treue" und so genannte Sekundärtugenden wie "Ordnung, Sauberkeit, Fleiß" bewerten im Durchschnitt nur 20 Prozent der Deutschen als typische Eigenschaften von Juden. Vor allem Ehrlichkeit und Treue werden mit elf Prozent nur selten zugeschrieben. Dies reflektiert das alte ökonomische und religiöse Bild des "unehrlichen" und "treulosen" Juden. Auch das Bild vom Verräter Judas gehört hierher.
  • Das traditionelle Bild vom "hässlichen und feigen" Juden, der "schwächlich und unsoldatisch" ist, hat sich hingegen fast völlig verloren: Nur vier Prozent schreiben Juden diese Eigenschaften zu. Es gibt also durchaus Veränderungen von Vorurteilen, wenn das Urteil seine soziale Diskriminierungsfunktion nicht mehr erfüllt (die Eigenschaften "schwächlich" und "unsoldatisch" sind heute weniger negativ besetzt) oder es der Wahrnehmung zu krass widerspricht. Das Bild der israelischen Kibbuzim und der erfolgreichen israelischen Armee dürfte das alte Bild überlagert haben.
  • Das traditionell dominante ökonomische Stereotyp des geschäftstüchtigen Juden bildet bis heute den Kern des antjüdischen Vorurteils: 43 Prozent stimmen diesem negativen Bild zu. Der Grund dürfte darin liegen, dass gerade in den deutsch-jüdischen Beziehungen nach 1945 die Frage der Entschädigung für verfolgungsbedingte gesundheitliche Schäden und materielle Verluste (so genannte Wiedergutmachung) eine zentrale Rolle gespielt hat und, wie die öffentliche Auseinandersetzung 1999/2000 über die Entschädigung für NS-Zwangsarbeiter gezeigt hat, noch immer spielt. Dies hat bei nicht wenigen Deutschen das Vorurteil "bestätigt", es ginge den Juden bei der Erinnerung an den Holocaust vorrangig um ökonomische Vorteile.
  • Neu ist das Vorurteil vom nachtragenden Juden. Es spiegelt eine wichtige Facette im deutsch-jüdischen Verhältnis wider, nämlich die Tatsache, dass die Juden als Mahner an die Verbrechen der NS-Vergangenheit gesehen werden, die angeblich nicht vergessen und vergeben wollen. Fast ein Drittel der befragten Deutschen (29 Prozent) hielt die Juden für "empfindlich, nachtragend und unversöhnlich". Dieses neue Bild kann allerdings auf einem älteren und immer noch wirksamen religiösen Stereotyp aufbauen, nämlich das des "rachsüchtigen" jüdischen Gottes ( "Rache bis ins siebte Glied"), dem der christliche Gott der Liebe und Vergebung entgegengesetzt wird.

Antisemitismus heute

Vorurteile gegenüber JudenVorurteile gegenüber Juden
Wieso werden einige antijüdische Vorurteile noch von vielen Deutschen geteilt und andere nicht mehr, obwohl nichtjüdische Deutsche mit Juden im Alltagsleben kaum zusammentreffen? Gehalten haben sich vor allem die Vorurteile, die mit neuen Inhalten gefüllt werden können - die also die alten Vorurteile scheinbar bestätigen. Diese Inhalte ergeben sich aus den Problemen, die viele Deutsche mit der NS-Vergangenheit haben. Neuerdings liefern auch die mit der Globalisierung zusammenhängenden Krisen neuen Stoff, die auf der radikalen Rechten und Linken mit einem Rückgriff auf verschwörungstheoretische Vorstellungen von der Herrschaft des amerikanisch-jüdischen Finanzkapitals erklärt werden.

Anders als bei den Vorbehalten gegenüber Ausländern gibt es gegenüber den Juden in Deutschland kaum Gefühle einer ökonomischen Konkurrenz oder einer kulturellen Bedrohung. Auch Rassismus ist hier ohne Bedeutung. Umfragen zeigen, dass die soziale Distanz zu Juden heute sehr gering ist. Der religiöse Gegensatz zwischen Judentum und Christentum spielt weder in den Kirchen noch in der Bevölkerung eine wesentliche Rolle. Der Antisemitismus speist sich wesentlich aus der Abwehr von Schuldgefühlen gegenüber Juden:
  • Man schreibt den Juden eine Mitschuld an ihrer Verfolgung zu. Seit fünf Jahrzehnten glauben dies etwa 20 Prozent der deutschen Bevölkerung. Weil Juden in der europäischen Geschichte häufig verfolgt wurden, meinen sie, es müsse dafür Gründe im Verhalten der Juden gegeben haben. Es ist deshalb für die Entkräftung von Vorurteilen wichtig, sich historisch die gesamte Breite der christlich-jüdischen Beziehungen zu vergegenwärtigen und diese nicht auf eine reine Konflikt- und Verfolgungsgeschichte zu reduzieren.
  • Man unterstellt den Juden, dass sie ihre Leiden unter der NS-Verfolgung ausnutzen, um möglichst hohe Summen an "Wiedergutmachungs"-Geldern zu kassieren. Dieses Vorurteil verbindet sich mit dem traditionellen Bild des "geldgierigen, betrügerischen und ausbeuterischen Juden". Eng verbunden damit ist die Vorstellung vom großen Einfluss, den Juden ausüben, um die Deutschen zu weiteren Zahlungen zu zwingen. Auch hier kann sich das neue Motiv mit dem alten Vorurteil von der "jüdischen Weltmacht" verbinden, das heute ebenfalls noch von vielen Deutschen vertreten wird. Hier haben wir es mit einem klassischen Beispiel für die im Antisemitismus generell zu beobachtende Täter-Opfer-Umkehr zu tun: Antisemiten sehen sich als "Opfer der Juden" und stellen ihre Judenfeindschaft als eine Abwehrreaktion hin.
  • Die Juden werden als "Störenfriede" gesehen, weil sie angeblich permanent auf der Erinnerung an den Holocaust beharrten und damit an eine Periode deutscher Geschichte gemahnen, die viele gern vergessen würden: 61 Prozent der Deutschen ärgerten sich 2004 darüber, "dass den Deutschen auch heute noch die Verbrechen an den Juden vorgehalten werden". Auch hier verbindet sich ein aktuelles Unbehagen mit alten, aus dem Antijudaismus stammenden Negativurteilen über die "alttestamentarische Vergeltungssucht" der Juden.
Mit der Gründung eines jüdischen Staates ist eine neue Vorurteilsdimension hinzugekommen. Die einheimischen Juden, die deutsche Staatsbürger sind, werden für Israels Politik mitverantwortlich gemacht. 32 Prozent der Deutschen gaben 2004 an, dass ihnen "durch die israelische Politik die Juden immer unsympathischer würden". Hier treffen wir auf ein weiteres wichtiges Motiv des heutigen Antisemitismus: Die historische Schuld an der Verfolgung der Juden soll verringert werden, indem man sie gegen Menschenrechtsverletzungen der Israelis im Nahostkonflikt aufrechnet. 51 Prozent waren 2004 der Meinung: "Was der Staat Israel heute mit den Palästinensern macht, ist im Prinzip auch nichts anderes als das, was die Nazis im Dritten Reich mit den Juden gemacht haben." (27 Prozent stimmten voll, 24 eher zu; 1987 waren es nur 17 Prozent).

Seit Beginn der Eskalation der Gewalt im Nahen Osten im Jahr 2000 ist auch in Europa der Antisemitismus wieder stärker hervorgetreten. Manche Beobachter sprechen von einem "neuen Antisemitismus", der nun sein primäres Feindbild im Staat Israel und in der "jüdischen Lobby" in den USA findet. Der Nahostkonflikt bietet zusammen mit sozialen Problemen den Nährboden für antijüdische Orientierungen und Übergriffe von arabisch-muslimischen Einwanderern in Europa. Insbesondere in radikal-islamistischen Organisationen, aber auch auf der extremen antimperialistischen Linken sowie auf der Rechten, wo mit Israel zugleich die kapitalistische westliche Kultur vor allem der USA das Feindbild abgeben, nimmt der radikale Antizionismus bisweilen antisemitische Züge an.

Quellentext

"Juden-Laden"

Im Mai 2002 beschloss der Berliner Jude Dieter T., seinen gut gehenden Tante-Emma-Laden in ein koscheres Lebensmittelgeschäft mit dem Namen "Israel-Deli" umzurüsten:

[...] "Ich dachte", sagt T., "dass es eine Bereicherung wäre, ein Stück Kultur." Vor dem Laden hängt fortan die Flagge Israels, an den Wänden hängen Ausdrucke aus dem Internet, in denen die Bedeutung des Wortes "koscher" erklärt wird. Die Geschäfte laufen - normal.
Knapp vier Wochen lang. Dann tauchen eines morgens zum ersten Mal zwei Autos vor seinem Laden auf. Junge Leute, Neonazis. Sie kommen nicht regelmäßig, aber sie kommen oft. Und sie pöbeln, mal halblaut, mal laut. "Juden-Laden". "Judensau". Es sind die Anfänge - und Dieter T. kann sich nicht wehren. Nicht direkt. Er fühlt sich nicht bedroht, eher belästigt. "Sie haben diese Sprüche losgelassen, bei offenem Fenster. Als ob sie sich mit sich selbst unterhalten würden. Ich konnte nichts gegen sie tun."
Einen Monat geht das so, anderthalb. Nicht regelmäßig, aber oft. Es geht an die Nerven. Dieter T. öffnet seinen Laden für gewöhnlich um 6 Uhr, doch bereits ab 5 Uhr steht die Ladentür offen. T. ist im hinteren Teil des Geschäfts, bereitet Kaffee vor, schmiert Schrippen. Jahrelang hat er das so gemacht. Die Stammkunden wissen das. Sie stehen vor verschlossener Tür, weil T. aus Sicherheitsgründen den vorderen Teil des Ladens nicht unbeaufsichtigt lassen will. Die ersten Kunden bleiben weg, gehen eine Ecke weiter. Das Frühstücksgeschäft bricht ein. Dieter T. entschließt sich, seinen Laden erst später aufzumachen - um 9 Uhr, da ist es hell.
Doch der Niedergang des Geschäfts geht unaufhaltsam weiter. Wenn T. morgens zu seinem Laden kommt, ist die Scheibe bespuckt, besonders das Wort "kosher", das er in englischer Schreibweise angeklebt hatte - "das musste offenkundig immer doppelt bespuckt werden". Dieter T. putzt seine Scheibe, putzt auch den Urin weg, mit dem sein Laden regelmäßig besudelt wird. Der Kampf um seine Existenz hat begonnen, der eklige Kampf. T. kämpft ihn tapfer, verbissen.
Er ist plötzlich auf verlorenem Posten. T.s "Israel-Deli" wird plötzlich zum bevorzugten Ziel für Pöbeleien arabischer Jugendlicher. Sie spucken bei hellichtem Tag an die Schaufensterscheibe, schmeißen mit Sand auf die vor dem Laden aufgestellten Stehtische, reißen die Fahne herunter. Die Kunden fühlen sich belästigt, vor allem: Sie fühlen sich bedroht. In der Brunowstraße kippt die Stimmung. "Wie schnell das geht", sagt Dieter T., und: "Ich kann das ja verstehen." Im Mietshaus, in dem er sein Geschäft hat, haben sie Angst vor Anschlägen, Angst, dass mal ein Molotow-Cocktail in den Laden fliegt. Eines Tages steht ein Karton vor seiner Tür. T. öffnet ihn vorsichtig, mit einem an einem langen Stock befestigten Messer. Es ist nur Sand drin. Nur Sand.
T. macht weiter. Macht weiter, obwohl die Umsätze sinken. Macht weiter, obwohl er registriert hat, dass ein Teil seiner Stammkunden begonnen hat, die Straßenseite zu wechseln. Er macht weiter, obwohl ihm im Dezember die Scheibe eingeworfen wird. Er macht weiter, obwohl die Stimmung sich gegen ihn gewandt hat, gegen ihn, den Juden. Im Laden wird der Hitlergruß gezeigt, knallen Hacken zusammen. Die Kneipe in der Nachbarschaft, die T. gelegentlich beliefert, stört sich plötzlich am Belag der Schrippen - dabei, sagt T., "waren es immer zwei Scheiben auf jeder Hälfte". Dieter T. wird angezeigt. Mehrfach kommt die Lebensmittelaufsichtsbehörde in seinen Laden, weil seine Waren angeblich nicht ordnungsgemäß ausgezeichnet seien.
Dieter T. ist dort angelangt, wo er sich nicht hätte vorstellen können, jemals zu sein: In der Brunowstraße in Berlin-Reinickendorf ist er nun der Jude, bei dem man nicht mehr kauft. Es ist Frühsommer in Berlin, 2003. Das "Israel-Deli" wird ein Zuschussgeschäft. Es gibt Tage, an denen der Laden, der früher bis zu 400 Euro Umsatz verzeichnete, keine zehn Euro mehr abwirft. Es ist eine ökonomische Entscheidung. Dieter T. kann die Miete nicht mehr bezahlen, nicht mehr die Schulden. Er steigt aus, bevor er sich völlig ruiniert. Gerade noch rechtzeitig. Er sagt: "Ick bin kaputt jespielt worden." [...]

Axel Vornbäumen, "Kaputt gespielt", in: Frankfurter Rundschau vom 21. August 2003.

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